Sexualisierte Gewalt: Ist das neu oder kann das weg?

Die Berichte über die Silvesternacht in Köln sind nach wie vor verwirrend. Tausende, Hunderte oder doch nur eine Handvoll Männer, Übergriffe auf Frauen und eine Polizei, deren Kommunikation mindestens so desaströs gelaufen ist, wie die Verbrechensbekämpfung jener Nacht. Ein bisschen was ist klar. Und empörend! Männer, die die Anonymität einer Menschenmenge nutzen, um sexuell übergriffig zu werden! Das IST empörend, das finde ich auch. Nur, ist es nicht neu, es ist kein Problem, das mit Flüchtlingen ins Land gekommen wäre. Keine Frau, mit der ich je über derartige Vorfälle gesprochen habe, ist überrascht. Und nur die Frauen, die ihre Bewegungsfreiheit so weit eingeschränkt haben, dass „Freiheit“ ein Hohn ist, kennen sie nicht: die Dreistigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der manch ein Mann übergriffig wird – vollkommen unabhängig von Herkunft, Status und Religionszugehörigkeit.

Es ist noch nicht lang her, da kursierte auf Facebook eine Kampagne „Yes, every woman!“, die transparent machen wollte, dass nahezu jede Frau sexuelle Belästigung bzw. sexuelle Gewalt erlebt hat. Das abwehrende Erstaunen vieler Männer sprach Bände: Sie konnten es nicht glauben! Was ich gut verstehen kann: Ich würde es vermutlich auch nicht glauben, wenn ich es nicht schon ach so oft erlebt hätte.

Eine Kampagne, aufgegriffen auch vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – bff – Frauen gegen Gewalt, thematisierte mal wieder die juristisch eher mittelalterlich anmutende Lage in Deutschland: „Nein heißt nein!“. Denn tatsächlich heißt „Nein“ zu sexuellen Handlungen in Deutschland vor Gericht nur unter ganz bestimmten Umständen „Nein“. Umstände, die bei den Vorkommnissen in der Silvesternacht zumeist genau so wenig vorgelegen haben dürften wie bei der teils oberdreisten Anmache, die während der fünften Jahreszeit im Rheinland so oft Normalität ist – Stichwort: „Püppsche, stell disch nidde so aan! Biss dochn lecker Mädsche!“ (Infos zur Rechtslage in Deutschland zum Beispiel in Die Zeit vom 16.10.2014.)

Der bff hat in seiner Stellungnahme zu den Übergriffen an Silvester in Köln und anderswo eine klare Linie. Nein heißt nein – und zwar unabhängig von der Herkunft von Tätern und Opfern.

Im ÜSexualisierte Gewalt - zahlreiche Publikation im Verlag Barbara Budrichbrigen: Es ist kein Zufall, dass wir so viele Titel zum Thema sexualisierte Gewalt, in unserem Verlagsprogramm haben. Es liegt auch nicht daran, dass ich als Verlegerin die Wissenschaft laufend ermutigen würde, darüber zu forschen und zu schreiben. Sondern es liegt daran, dass wir einfach nach wie vor ein gesellschaftliches Problem nicht gelöst haben. Nicht einmal ansatzweise!

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