Publizieren – Arbeitsteilung im Sinne der Wissenschaft

Buch © Pixabay 2020 / Foto: mohamed_hassan

In die Diskussionen um Open Access hat sich eine Komponente eingeschmuggelt, die mich als Verlegerin irritiert:

Das wissenschaftliche Publizieren gehört in die Hände der Wissenschaft!

Zum einen hat dies natürlich nichts mit der Frage zu tun, ob eine Publikation Open Access erscheint oder nicht. Diese Ansicht fließt in die Diskussion um Open Access ein, weil sie nicht selten von Bibliothekar*innen vertreten wird und von Vertreter*innen von Hochschulverlagen, mit denen ich häufig diskutiere, wenn es um das Thema Open Access geht.

„Kommerzielle Verlage“ werden Unternehmen wie meines genannt, um die Abgrenzung von den hauptsächlich staatlichen „Not-for-Profit“-Einrichtungen vorzunehmen. Allein in dieser Unterscheidung schwingt eine Unterstellung mit: Die Interessen der Bibliotheken und Hochschulverlage sind nicht-kommerziell, also – und hier hinkt m.E. die assoziative Kette – gut für die Wissenschaft. Anders sehen die Interessen der „kommerziellen Verlage“ aus: Die haben nämlich ein wirtschaftliches Eigeninteresse. Und das sei per definitionem ein anderes Interesse als das der Wissenschaft. Ist dem so?

 

Verlagsaufgaben

Wenn wir uns anschauen, was Verlage für die Wissenschaft leisten, dann stoßen wir im Publikationsprozess auf unterschiedliche Dinge, die ich ohne Anspruch auf Vollständigkeit aufzähle:

  • konzeptionelle Arbeit
  • Programmarbeit
  • inhaltliche Qualitätsprüfung
  • technische Prüfung
  • gestalterische Aspekte
  • Beratung mit Blick auf Urheberrechte
  • Herstellung i.e.S.
  • Publikation i.e.S. inkl. aller Metadaten für Auffindbarkeit
  • Vertrieb über Bibliotheken und Datenbanken
  • Vertrieb über den Handel
  • internationaler Vertrieb
  • Buchmarketing
  • Autor*innenmarketing
  • Contentmarketing
  • Medienarbeit
  • nachhaltiges Archivieren
  • Reporting und Honorarabrechnung
  • Vermarkten der Nebenrechte (Übersetzung, auszugsweise Nutzung, weitere Nachnutzung)

Dies sind wie gesagt Auszüge aus der Verlagsarbeit; die Arbeit ist damit nicht umfassend und vollständig im Detail abgebildet. Ich möchte einige wichtige Punkte herausgreifen, um sie hier zu diskutieren.

Konzeptionelle und Programmarbeit

Für einen Wissenschaftsverlag ist es von zentraler Bedeutung, einen guten Überblick über die betreuten Fachbereiche zu haben. Dabei müssen wir als Verlage nicht in den „Kapillaren“ der Wissenschaft zu Hause sein, sondern vor allem einen guten Überblick haben. Wir müssen wissen, wer an welcher Hochschule oder Institut an welchen Themen arbeitet. Wir müssen also die Menschen kennen, die in der Wissenschaft einschlägig aktiv sind – unabhängig von Standorten. Und wir müssen mit den zugehörigen Themen vertraut sein. Wir müssen die Widersprüche aushalten und um die Diskussionen wissen. Die beständigen Entwicklungen müssen wir genauso im Blick behalten, wie das Hervorkommen neuer Strömungen, bei gleichzeitigem Abschätzen, ab wann „neue Strömungen“ sich etabliert haben, um entsprechende weitere Publikationen zu rechtfertigen.

All das ist vollkommen ortsunabhängig. Die Wissenschaft heute ist hochgradig vernetzt. Wissenschaflter*innen sind „frei flottierende Signifikante“, was bedeutet, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Hochschule wenig mit der Weiterentwicklung des Einzelnen oder des Faches zu tun hat. Und wenn doch, dann an Projekten orientiert mit ihren zeitlichen Begrenzungen.

Für den Verlag ist es wichtig, sein Programm zu pflegen. Dazu gehört, aus dem bestehenden Überblick heraus kluge Entscheidungen zu treffen. Klug sind die Entscheidungen dann, wenn die Publikationen, die der Verlag in sein Programm nimmt oder gar von sich aus anstößt, passen. Und zwar zur Zielgruppe des Verlages, also zur forschenden, lehrenden, lesenden, publizierenden Wissenschaft und deren Weiterentwicklung.

Wir als Verlag Barbara Budrich haben bei unseren Überlegungen zur Programmentwicklung die Forschung, die Lehre und zum Teil die zugehörige Praxis (z.B. bei der Sozialen Arbeit) unserer Fächer im Blick. Deshalb bemühen wir uns beispielsweise auch darum, Lehr- und Handbücher auf den Weg zu bringen. Eine Aufgabe, die für die Fortentwicklung der Hochschullehre von unbedingter Wichtigkeit ist.

Nationaler und internationaler Vertrieb über den Handel

Meinen Verlag Barbara Budrich habe ich im Jahr 2004 gegründet. Seither war ein zentrales Anliegen meines Hauses, die branchenüblichen Vertriebswege national wie international zu stabilisieren und immer weiter auszubauen.

Dazu gehörte in den frühen Tagen, dass wir selbst an das Netz der Bücherwagen angeschlossen waren: Wir bekamen Bestellungen, schrieben Rechnungen und packten die entsprechenden Pakete, die wir in unseren Hausflur stellten. Früh morgens zwischen 4.00 und 5.00 Uhr kam wochentäglich der Bücherwagen, dessen Fahrer*in sich mit einem eigenen Haustürschlüssel Zutritt zum Büro verschaffte und die Pakete einsammelte. Über ein ausgeklügeltes Logistiknetzwerk wurden die Bücher vom Großhandel, zu dem der Bücherwagen gehörte, ans Lager bzw. in die einzelnen Buchhandlungen ausgeliefert, einen über den anderen Tag. Das läuft im Übrigen bis heute so – nur dass wir seit vielen Jahren mit Brockhaus/Commission einen professionellen Partner gefunden haben, der diesen Teil der Verlagsarbeit für uns übernommen hat. Damit lässt sich dieser ganze Bereich der Lagerhaltung, des Konfektionierens, Versendens und des Rechnungswesens weit effektiver ausführen, als würden wir dies bei unseren über 1.000 lieferbaren Titeln selbst machen.

Selbstverständlich werden viele Publikationen elektronisch rezipiert. Doch ein nach wie vor großer Teil wird in physischer Form durch die Republik und in die Welt geschickt.

A propos Welt: Über die Jahre haben wir ein immer dichter werdendes Netz an internationalen Vertriebspartnern aufgebaut. Mithilfe dieser Partner sind unsere Bücher – print und digital –  in aller Welt leicht zu beziehen. Wir sind in der Lage, den nicht-standardisierten Vorgaben in Buchhandel und Bibliotheken, Hochschulen und Unternehmen in der ganzen Welt gerecht zu werden und unsere Publikationen überall zu vertreiben. Und zwar ohne, dass wir die publizistische Infrastruktur in aller Welt zerstören.

 

Das kann doch jede*r

Verlegerei ist keine Hexerei: Sie ist solides Handwerk, ehrliches Netzwerken, viel Verwaltung und etwas Kreativität. Es gibt Geschäftsordnungen – wie zum Beispiel die in Deutschland (noch) gesetzlich geregelte Ladenpreisbindung –, die unser Handeln leiten, und es gibt eine lange Tradition der Arbeitsteilung zwischen der forschenden, schreibenden, lesenden Wissenschaft auf der einen Seite und den publizierenden wie auch archivierenden Einrichtungen auf der anderen Seite. Nur weil Verlage seit langer Zeit die Aufgabe des Publizierens übernommen haben, heißt das nicht, dass sie diese Aufgabe als Einzige gut ausführen können.

Jede*r kann das (lernen). Und natürlich können Hochschulen und Bibliotheken mit Mitteln, die sie nicht selbst erwirtschaften müssen, die Wissenschaft mit der Dienstleistung des Publizierens versorgen, wie sie sie auch mit Literatur versorgen. Und sie können dabei misstrauisch die Wissenschaftsverlage betrachten, die ihre Mittel selbst erwirtschaften müssen – zum Beispiel auch, indem sie für Publikationen Zuschüsse nehmen, die sich über ihre Umsatzgrößen nicht wirtschaftlich tragen.

Die Interessen der „kommerziellen Verlage“ sind leicht zu beschreiben: wirtschaftliches Überleben bei bestmöglichem Dienst an den Kund*innen. Die nur dann wiederkommen als Leser*innen und Autor*innen, wenn sie sich vom Verlag gut behandelt fühlen. Widerspricht dies wirklich den Interessen „der Wissenschaft“?

 

© Pixabay 2020 / Foto: mohamed_hassan