Zum Konzept und Potenzial des auditiven Lesens

ZDfm – Zeitschrift für Diversitätsforschung und -management 1-2020: Sinnlichkeit und Ableismus im Kontext von Schriftsprache: Das disruptive Potenzial des auditiven Lesens

Sinnlichkeit und Ableismus im Kontext von Schriftsprache: Das disruptive Potenzial des auditiven Lesens

Miklas Schulz

ZDfm – Zeitschrift für Diversitätsforschung und -management, Heft 1-2020, S. 8-20

 

Zusammenfassung

Gegenstand des Artikels ist das vergesellschaftete Leseverständnis. Es existiert eine unausgesprochene Einigkeit darüber, dass Lesen ein rein visuell leistbarer Vorgang ist. Ziel der Argumentation ist es, diese Selbstverständlichkeit zu dekonstruieren. Bezug genommen wird dafür auf das in den Disability Studies zunehmend Verbreitung findende Konzept des Ableismus. Anhand eigener Forschungsergebnisse zeigt der Autor, inwieweit die soziokulturelle Konstruktion unserer Sinnestätigkeit einen zentralen Beitrag zur Stabilisierung eines sinnlichen Differenzverhältnisses leistet. Irritiert wird diese Idee mit der Einführung des Konzepts des auditiven Lesens.

Schlagwörter: Ableismus, Soziologie der Sinne, Praxistheorie, Disability Studies, Medienaneignung

 

Sensory Capability, Ableism and the Written Word: The Disruptive Potential of Auditory Reading

Abstract

The topic of this article is the notion of socialized reading comprehension. There is a tacit consensus that reading is an exclusively visual practice. The goal of the argument is to deconstruct this consensus view. The article makes reference to the notion of ableism, which has recently gained wide  acceptance in the field of disability studies. By means of his own research results, the author shows the extent to which the socio-cultural construction of our sensory capabilities makes a central contribution to our sensory differences. This idea is challenged and extended via the introduction of the concept of auditory reading.

Keywords: ableism, sociology of the senses, practice theory, disability studies, media appropriation

 

1 Einleitung

Die Disability Studies sind ein emanzipatorisch orientiertes Forschungsunterfangen. Seit mehreren Jahrzehnten wird ausgehend von dieser politisierten Perspektive nach einem alternativen Behinderungsverständnis gefragt (Waldschmidt/Schneider 2007). Dieses Verständnis soll der Komplexität des Gegenstands Behinderung Rechnung tragen können. Eine Möglichkeit ist es, die Relativität des Verhältnisses zwischen Behinderung und Nichtbehinderung zu betonen, sodass Behinderung als heuristisches Moment für die Analyse von Praktiken und Normalitätsannahmen Verwendung finden kann. Umstellen lässt sich damit der Fokus von pathologisierten Defiziten auf (Erkenntnis-)Ressourcen. So ausgerichtet wird im vorliegenden Beitrag die Blindheitserfahrung zu einem produktiven Analyseinstrument. Hinterfragt wird, wie ein machtvolles Wissen über den die Schrift sinnlich wahrnehmenden Körper (re-)produziert wird. Neben einer Orientierung am kulturellen Modell von Behinderung schließt dieses Vorhaben an die Frage nach allgemeinen Kompetenzzuschreibungen (abilities) an, wie sie in den vergangenen Jahren in der Diskussion um das Phänomen Behinderung relevant wurden. Anknüpfend an ein relationales Verständnis von dis-/ability zielt die Kritik am Ableismus auf die für ‚normal‘ und erwartbar gehaltenen (körperlichen) Fähigkeiten von Menschen, die kategoriale Unterscheidungen in behindert/nichtbehindert erst erlauben. Ähnlich anderen Ismen, die Ungleichheiten und Abwertungen strukturieren, wie Rassismus oder Sexismus (Maskos 2015), geht es dabei um für selbstverständlich gehaltene Fähigkeitszuschreibungen, wie sehen oder gehen können. In ableismuskritischen Forschungsansätzen wird also die Basisannahme der Fähigkeitsunterstellung problematisiert, von der aus sich Behinderung erst als Abweichung konstituiert (Buchner et al. 2015). Die Ableismusforschung fragt nach all jenen (institutionellen) Prozessen, die Fähigkeiten herstellen, zuschreiben oder auch aberkennen (Köbsell 2016). In der Erwartung bestimmter Fähigkeiten treffen sich gesellschaftliche Normalitätskonstruktionen mit der körperlichen Verfasstheit einzelner Individuen und generieren den „able/not-able divide“ (Campbell 2009).

Das Lesen von Schriftzeichen wird, insbesondere in westlichen Gesellschaften, als eine zentrale Kulturtechnik verstanden, an die Teilhabemöglichkeiten gebunden sind. Dabei gilt Lesen traditionellerweise als ein ausschließlich visuell zu leistender Vorgang, bei dem das Auge Papier abtastet, um darauf stehende Buchstaben zu entziffern (Assmann 1993). Lesen ist mithin eine Sinnespraxis, die an spezifische Leistungsvorstellungen einzelner Sinneskanäle geknüpft scheint. Vor diesem Hintergrund muss die Möglichkeit eines Lesens mit dem Ohr als unüblich, wenn nicht gar widersinnig disqualifiziert werden. Ziel des Beitrags ist es daher, die ableistische Vorstellung in der für normal gehaltenen (sinnlichen) Lesepraxis zu illustrieren. Anders formuliert soll der Hörsinn als adäquate Wahrnehmungsweise zur Wissenserlangung dem kulturell überhöhten Sehsinn an die Seite gestellt werden. Ein auditives Lesen ist nämlich mithilfe einer computergestützten Sprachausgabe als assistive Technologie für Blinde durchaus verbreitet und praktikabel. Die vorzunehmende Erweiterung des Leseverständnisses führt zu einer Disruption, also zu einer produktiven Irritation gängiger Normalitätskonstruktionen im Kontext der Sinnesleistungen. Im Folgenden wird dafür zuerst an einem Beispiel aus der Blindenpädagogik die für selbstverständlich gehaltene Bedeutung des Sehsinns für Lernprozesse illustriert und knapp in lesetheoretische Überlegungen eingeführt (2). Dann wird skizziert, wie in methodischer Hinsicht auf die Herausforderung der Beforschung menschlicher Wahrnehmung reagiert wurde (3). Ausgehend davon wird die postulierte Bedeutung des Auges für die Lesepraxis zunächst anhand von Interviewauszügen dargelegt und im Anschluss über die Methode der autoethnografischen Reflexion dekonstruiert (4). Im Fazit wird schließlich das disruptive Potenzial des Konzepts des auditiven Lesens mit einem progressiven Behinderungsverständnis zusammengeführt (5).

2 Ableismus im Kontext des Lesens

In bildungsbezogenen Wissenskulturen existiert ein zentraler Referenzpunkt, der im Sinne eines Zirkelschlusses operiert: Dass man des Sehens fähig ist, gilt als selbstverständlich.1 Unsere Umwelt ist für diese Wahrnehmungsweise wesentlich ausgelegt. Dies fängt bei der räumlichen Orientierung an und zieht sich bis in die Bildung hinein. Denn nur wer sehen kann, kann Schrift entziffern, und nur wer Schrift optisch entziffern kann, kann in dem engen und vorgegebenen, das Auge absolut setzenden Sinne lesen. Zur Illustration dieses sinnlichen Differenzverhältnisses im Kontext von Schriftsprache sei auf ein Zitat verwiesen, das aus einer Einführung in die Didaktik mit Blinden und hochgradig sehbehinderten Schüler_innen stammt. Einführungen besitzen, ähnlich wie Lehrbücher, einen standardisierenden und kanonischen Charakter, insbesondere, weil sie zukünftige Generationen an vermeintlich gesicherte Wissensbestände heranführen wollen. Als solch ein Wissen wird das folgende vorgeführt: „Menschen sind Augenwesen. Dem Sehen wird für Lernen, für Aktivität und Teilhabe in praktisch allen Lebensbereichen unserer Gesellschaft besonderes Gewicht beigemessen“ (Hofer 2017: 17).

Zentral für das Lernen sei also das Sehen. Erst mit ihm kann dann die Lesekompetenz verbunden werden. Weiter wird in dem Zitat von einer Wesenhaftigkeit gesprochen, wodurch eine erhebliche Normalitätserwartung aufgerufen ist. Es fehlt eine hinterfragende Problematisierung, die das sich an den Sinnen offenbarende Verhältnis von Kultur und Natur als ein kontingentes und damit als ein immer schon analysebedürftiges setzt.2 Das heißt, es erschiene eigentlich für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung als wünschenswert, die für selbstverständlich gehaltenen Ausgangsbedingungen zu ergründen und alltagstheoretische, essentialistische Setzungen nicht unreflektiert zu übernehmen. Anschluss gesucht wird allerdings an die Selbstverständlichkeiten in einer Kultur, deren „Okulartyrannis“ – um diesen schönen Begriff von Ulrich Sonnemann (1987: 249) zu bemühen – schon lange nachgewiesen ist.

Ein weiteres Argument für die Vormachtstellung des Sehsinns findet sich in den Differenzsetzungen der Lesetheorie. Zu konstatieren sind weit verbreitete Überzeugungen, dass es sich beim Hören und Lesen von Texten um zwei grundlegend verschiedene Operationen handelt (Weimar 1999; Lehmann 2012; Jäger 2014). Herausgearbeitet werden in diesen lesetheoretischen Positionen unterschiedliche Aspekte, die konstitutiv für das Lesen sind. An erster Stelle zu nennen ist eine innere Stimme, die den Fluss der Textaneignung steuert und zeitlich gliedert. Nur über die Existenz einer inneren Stimme – so die Überzeugung in diesen theoretischen Referenzen – sei ein potenziell reflexives Textverständnis zu gewährleisten. Das Problem liege darin, dass man beim Hören eines Textes aufgrund der Sequenzialität des Hörmodus entweder nur auf die Stimme im Hörbuch oder auf die eigene innere Stimme hören könne. Deutlich wird hier, dass das Texthören sequenziell gedacht wird, das Lesen jedoch nicht. Denn der Hörende eines Hörbuchtextes sei, so Ludwig Jäger (2014: 238), „in keiner denkbaren Form ein Leser des Textes, den er hört, denn was er hört, ist nicht der Text, den der Sprecher dann in eine auditive Form umsetzt, sondern die verlautbarte Version des Textes“.

Offenkundig wird ein gewichtiger Unterschied gemacht zwischen einer den Text lesenden und einer ihn bloß hörenden Person, die ihn also nicht eigenständig optisch entziffert. In die auditive Textaneignung drängt sich eine menschliche Stimme, die den Vorgang scheinbar disqualifiziert. Das Argument dafür liegt auf zwei Ebenen zugleich: In der Sequenzialität des Hörmodus, aber auch in der angenommenen Gefahr durch eine als (vor-)interpretierend und affizierend bewertete stimmliche Textinszenierung. Zieht man für eine weitere Klärung Definitionsversuche für das Lesen heran, so erhärtet sich dieser Eindruck: Lesen heißt, vermittels der eigenen inneren Stimme in fremdem Namen zu sich selbst zu sprechen, wie es der Literaturwissenschaftler Claus Weimar ausdrückt (Weimar 1999). Dieser Beobachtung zufolge sagt man sich das Entzifferte selbst innerlich auf. Zustande komme so eine Dialektik des In-der-Schwebe-Haltens von Sinn und Bedeutung, die neben der Existenz der inneren Stimme das Kernmerkmal des optischen Lesevorgangs sei. Zu verstehen ist unter dieser Dialektik, dass sich der Sinn und die Bedeutung eines Satzes erst vom Ende her denken lasse und dass hierfür die innere Stimme konstitutiv sei. So verstanden wird während der gesamten Dauer der dialektischen Entzifferung nach dieser subjektiv-inhaltlichen Deutungsweise gesucht, und zwar im Sinne einer immer wieder neu ansetzenden Verständigung mit der fremden Stimme im Text.

Die Pointe dieser durchaus schlüssigen Argumentation liegt darin, dass die lesende Person mit ihrer inneren Stimme stets semantisierend vorgeht, mit einer Stimme, die zugleich immer die eigene wie auch die fremde ist. Für die lesende Person existiert somit in ihrem Lesevollzug eine konstitutive „innere Zweistimmigkeit“ (Jäger 2014: 239). Unterstellt wird nun auf Basis dieser Beobachtungen „eine kognitiv grundsätzlich andere Operation“ (ebd.), die die hörende im Kontrast zur lesenden Person vollführt und die somit logischerweise auch eine jeweils gänzlich verschieden geartete Textbindung zur Folge haben muss (ebd.). Die zuhörende Person vernimmt – wie es exemplarisch bei Jäger (ebd.: 242) heißt – „den verlautbarten Text immer schon als eine fremde Stimme, durch die die eigene innere Stimme überschrieben und gelöscht wird“. Diese Feststellung erinnert doch sehr an kritisch zu hinterfragende (Un-)Fähigkeitszuschreibungen.

Um diesen ableistischen Zirkelschlüssen nicht aufsitzen zu müssen, wurde im vorliegenden Fall vom Standpunkt der Blindheitserfahrung aus das Hören und Lesen Sehender erforscht. Grundlage für diese Denkbewegung ist das kulturelle Modell von Behinderung (Waldschmidt 2005), denn untersucht werden auf diese Weise die sinnlichen Normalitätskonstruktionen der Mehrheitsgesellschaft. Hinterfragbar werden kulturelle Selbstverständlichkeiten, die die Sinnestätigkeit betreffen. Vor diesem Hintergrund und gemäß dem kulturellen Modell wird die Behinderungserfahrung nicht länger als Defizit gedacht. Vielmehr gilt die blindenspezifische Arbeitsweise als eine Ressource für wissenschaftliche Erkenntnisse, von der ausgehend neue Überlegungen im Kontext sprachbezogener Aneignungsweisen angestellt werden können.

1 Diesen allgemeinen Befund nehmen die sich jüngst konstituierenden Critical Blindness Studies als Ausgangspunkt für ein umfassendes Forschungsprogramm (Schulz/Geese 2019).
2 Um keinen einseitigen und damit falschen Eindruck zu erwecken: Es finden sich in der Blindenpädagogik durchaus konstruktivistisch orientierte Forschungsperspektiven, die von der Relevanz subjektiver Wahrnehmungsweisen ausgehen (Walthes 2014).

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