Epistemische Werte und Sozialforschung

ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung 2-2019: Konventionen, epistemische Werte und Kritik. Neopragmatische Perspektiven auf Sozialforschung

Konventionen, epistemische Werte und Kritik. Neopragmatische Perspektiven auf Sozialforschung

Rainer Diaz-Bone, Kenneth Horvath

ZQF – Zeitschrift für Qualitative Forschung, Heft 2-2019, S. 235-251

 

Zusammenfassung
Diskussionen um die Normativität von Sozialforschung gehen häufig von der Vorannahme aus, dass Werte und Fakten einander äußerlich sind. Auf Basis (neo-)pragmatischer Überlegungen schlägt dieser Beitrag demgegenüber die Unhintergehbarkeit von Werten in der sozialwissenschaftlichen Wissensproduktion als möglichen Ausgangspunkt einer Soziologie der Sozialforschung vor. Epistemische Werte erlauben Koordination und Bewertung im Forschungsprozess. Diese Werte sind keine Frage subjektiver Vorlieben, sondern „objektiv“. Sie müssen sich im sozialen Vollzug der Forschung zur Bewältigung ungewisser Situationen bewähren und sind als historisch geformte Handlungsressourcen intersubjektiv verfügbar und kritisierbar. Die Frage nach den Werten, die Forschungsprozessen ihre Form geben, wäre damit empirisch (nicht „normativ“) zu beantworten. Diese wissenschaftsimmanenten Werte sind nicht von umfassenderen oder tiefer liegenden normativen Ordnungen zu trennen, die im Rahmen der Soziologie der Konventionen als Konventionen bezeichnet werden. Im französischen Neopragmatismus sind die sogenannten Konventionen als alltagspraktische Ressource für die Kritik und Legitimierung untersucht worden. Die Diskussion epistemischer Werte führt daher zwangsläufig zur Frage der Kritik, die ihrerseits nicht mit Bezug auf eine transzendente Wahrheit, sondern nur konkret und „realistisch“ beantwortet werden kann.

Schlüsselwörter: Pragmatismus, Neopragmatismus, epistemische Werte, Soziologie der Konventionen, Soziologie der Sozialforschung, reflexive Sozialforschung

 

Conventions, epistemic values, and critique. Neopragmatic perspectives on social research

Abstract
Discussions about the normativity of social research often start from the assumption that values and facts are external to each other. On the basis of (neo-)pragmatic considerations, this contribution proposes the inevitability of values in the production of social science knowledge as a possible starting point for a sociology of social research. Epistemic values enable coordination and evaluation in the research process. These values are not a question of subjective preferences, but „objective“. They must prove themselves in the social execution of research to cope with uncertain situations, and are available intersubjectively as historically shaped resources for action, which can be criticized. The question of the values that shape research processes would thus have to be answered empirically (not “normatively”). These values are immanent in science and cannot be separated from broader or deeper normative orders, which are called conventions in the approach of the sociology of conventions. In French neopragmatism, these conventions have been examined as everyday resources for criticism and legitimacy. The discussion of epistemic values therefore inevitably leads to the question of critique, which in turn cannot be answered with reference to a transcendent truth, but only concretely and “realistically”.

Keywords: pragmatism, neopragmatism, epistemic values, sociology of conventions, sociology of social research, reflexive social research

 

1 Einleitung

In diesem Beitrag werden pragmatische und neopragmatische Perspektiven auf die Normativität von Sozialforschung entwickelt.1 (Neo-)Pragmatische Wissenschaftstheorien bieten für die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Normen, Werten und Wissen originelle und produktive Ansatzpunkte. Diese werden in der deutschsprachigen Pragmatismusrezeption aber bislang kaum wahrgenommen. Das ist umso erstaunlicher, als die Verwobenheit von Fakten und Werten als einer der epistemologischen Eckpfeiler des Pragmatismus gelten kann (Putnam 1994). Der analytische Mehrwert einer pragmatischen Perspektive auf das „Normativitätsproblem“ liegt in ihrem radikalen Immanenzpostulat, das eng mit den grundlegenden Positionen des (Neo-)Pragmatismus verwoben ist (Abschnitt 2). Das pragmatische Konzept von epistemischen Werten bringt die vielfache Wertgebundenheit von Forschung zum Ausdruck (Abschnitt 3). Werte sind der Sozialforschung nicht äußerlich, sie sind für die soziale Wissensproduktion unhintergehbar notwendig. Dieses Verständnis der Normativität von Forschung erlaubt, die praktischen und logischen Formen realer Wissensproduktion empirisch in den Blick zu nehmen (Abschnitt 4). Ein solches Verständnis von Normativität führt auch zur Frage nach dem Verhältnis von Forschung und Kritik (Abschnitt 5). So, wie Werte in die Wissenschaft eingeschrieben sind, ist Wissenschaft immer schon und unausweichlich Teil breiterer normativer Ordnungen. Die Frage ist also nicht, ob Sozialforschung kritisch sein soll und woher sie wissen kann, ob ihr Kritikstandpunkt Wahrheit beanspruchen kann. Vielmehr verschiebt sich die Frage dahin, wie sich Sozialforschung zu einer gesellschaftlichen Wirklichkeit stellt, aus der sie nicht heraus kann.

2 Der Pragmatismus und die praktische Normativität von Sozialforschung

Der Pragmatismus ist die erste eigenständige Wissenschaftsbewegung in den USA. Er stellt für die qualitative Sozialforschung eine klassische und eigenständige Grundlage dar und hat wesentlich zur Institutionalisierung der qualitativen Sozialforschung beigetragen.2 Die verschiedenen Strömungen und Entwicklungen des Pragmatismus mit ihren spezifischen ontologischen und methodologischen Positionen haben der qualitativen Forschung immer wieder neue Impulse verliehen. Insbesondere das typisch pragmatische Prozessdenken, die Ablehnung von ontologischen Dualismen, die Position des Fallibilismus, die pragmatische Wahrheitstheorie (Diaz-Bone/Schubert 1996) sowie der methodologische Situationalismus des Pragmatismus prägen bis heute viele methodische Ansätze der qualitativen Forschung.3 Vor allem aber bietet die pragmatische Analyse der Bedeutung von Werten vielfältige und bedeutsame, bislang aber kaum realisierte Ansatzpunkte für die Reflexion und Weiterentwicklung von Methodologie und Forschungspraxis (Dewey 2002). Denn der Pragmatismus beschränkt Werte nicht allein auf ihre Rolle für die (wertebasierte) Abgrenzung von (dann wertfreier) Wissenschaft sowie auf ihre technische Funktion als methodische Standards, sondern er anerkennt, dass Werte in vielfacher Weise prinzipielle Grundlage, praktische Ressource, evaluativer Rahmen und Maßstab für die kollektive Intentionalität (Searle 2012) in der Forschungskoordination sind.4 Der (philosophische) Neopragmatismus hat in den USA die Ablösung der Methodologie vom dominierenden logischen Positivismus ermöglicht und eine Neueröffnung der wissenschaftstheoretischen Diskussion um die Beziehung von Werten, Fakten und Theorien eröffnet. Er wurde in der deutschsprachigen Sozialforschung bislang aber nur in Ausschnitten rezipiert. Seine einflussreichen epistemologischen und wissenschaftstheoretischen Folgerungen sind im Wesentlichen nur in den fachphilosophischen Diskursen aufgegriffen worden (Raters/Willaschek 2002). In diesem Beitrag werden verschiedene neopragmatische Wissenschaftsbewegungen und Wissenschaftspositionen auf die praktische Normativität der Sozialforschung bezogen. Denn der Pragmatismus betont, dass die praktische Normativität der Sozialforschung allgegenwärtiger und untrennbarer Bestandteil der elementaren Wissenschaftspraktiken ist. Die Normativität wird damit nicht auf der Ebene ihrer gesellschaftspolitischen Ideologisierung fundiert, wie es der sogenannte Positivismusstreit in der deutschen Soziologie in den 1960er Jahren nahegelegt hatte (Dahms 1994). Auch wird sie nicht auf die Diskussion von normierenden und normativen Gütekriterien konzentriert (Strübing u.a. 2018; Eisewicht/Grenz 2018). In den praktischen Vollzügen der Forschung, in der Generierung von Daten oder in unmittelbarer Deskription sind aus pragmatischer Sicht immer auch Werte artikuliert, ist deren Interpretation auf Werte bezogen, um sinnvoll und handlungsrelevant zu werden. Die so ins Auge zu fassende pragmatische Mikrophysik der Sozialforschung kann durchaus eine hohe (zeitliche und räumliche) Reichweite erzielen und sie lässt die Pluralität der koexistierenden Normativitäten in der Sozialforschung mitsamt ihren Spannungen und Kombinationen hervortreten.

Man kann heute verschiedene neopragmatische Entwicklungen in den USA und in Frankreich ausmachen, die für die qualitative Forschung und ihre methodologischen sowie normativen Fundierungen bedeutsam sind.5 Aufbauend auf den Entwicklungen der Chicago School (Park/McKenzie/Burgess 1925) und dem Symbolischen Interaktionismus (Blumer 2013) finden sich heutzutage etablierte methodologische Forschungsprogramme wie die Grounded Theory von Anselm Strauss und Barney Glaser (1998) sowie daran anschließende Entwicklungen wie die Situationsanalyse von Adele Clarke (2012). Diese können insofern als Formen des Neopragmatismus aufgefasst werden, als dass sie Positionen des klassischen amerikanischen Pragmatismus weiterentwickelt und damit zur Renaissance des Pragmatismus in der Sozialforschung beigetragen haben. Sie haben in den Sozialwissenschaften zum praktischen Gelingen des neopragmatischen Anliegens der Überwindung der einseitigen Dominanz positivistischer Wissenschaftstheorien beigetragen. Es ist diese Entwicklung der (neo)pragmatischen Sozialforschung, die weltweit in der qualitativen Sozialforschung einflussreich geworden ist (Bryant/ Charmaz 2007; Clarke 2012). Der amerikanische Neopragmatismus stellt insgesamt einmal eine Renaissance des klassischen Pragmatismus von William James, Charles S. Peirce und John Dewey dar. Noch stärker als der klassische Pragmatismus hebt der amerikanische Neopragmatismus aber den Holismus von Theoriestrukturen hervor (Quine 1979). Zudem bezieht der amerikanische Neopragmatismus die Bedeutung von Sprache und Diskursen für das Alltagsdenken wie auch für Wissenschaftstheorie und Methodologie mit ein (Hacking 1996). Auch wenn die klassischen Pragmatisten Grundlagen für die Wissenschaftsphilosophie und für die Methodologie der empirischen Wissenschaften gelegt haben, so haben die Neopragmatisten wie Richard Rorty, Hilary Putnam und andere diese Grundlagen weiter systematisiert und entwickelt. Hierbei war die kritische Auseinandersetzung mit dem Neopositivismus von großer Bedeutung, um die pragmatischen Positionen zu reaktualisieren, zu präzisieren und zu entwickeln. Für die empirische Sozialforschung sind es insbesondere die Arbeiten von Hilary Putnam, die wegweisend sind und die für die hier entwickelte Argumentation der zentrale Bezug sind. Putnam hat insbesondere in seinen späten Arbeiten die wissenschaftstheoretischen Probleme des Positivismus herausgearbeitet, eine angemessene Theoretisierung der praktischen Rolle von Werten in der Forschung und der fundierenden Bedeutung von Werten für die Forschung zu entwickeln. Wie letztlich der britische Empirismus auch, so hat der logische Positivismus Werten eine allein subjektive Realität zuerkannt (Putnam 2002).

Man kann heutzutage von einer neuen französischen pragmatischen Soziologie oder auch von einer spezifischen Form des französischen Neopragmatismus sprechen. Letzterer hat seine Quellen zugleich in der amerikanischen pragmatischen Soziologie, im amerikanischen Pragmatismus und Neopragmatismus (Nachi 2006; Corcuff 2011; Barthe u.a. 2016; Lemieux 2018; Diaz-Bone 2018a).6 Tatsächlich lassen sich mit dem französischen Neopragmatismus mehrere miteinander verbundene Wissenschaftsbewegungen bezeichnen, von denen international die Actor-network-theory (kurz ANT) und die Economie des conventions – auch Soziologie der Konventionen genannt – (kurz EC) sowie die Arbeiten von Luc Boltanski (welche eng mit der EC zusammenhängen oder dazu zu zählen sind), die einflussreichsten geworden sind. Diese (neo)pragmatische Soziologie hat auf die Pluralität der Formen der situativen Koordination aufmerksam gemacht und dabei aufgezeigt, dass Alltagsakteur*innen kompetent ihre Handlungen koordinieren können und dabei auf unterliegende und allgemeinere normative Wertordnungen Bezug nehmen. Diese sind als „Grammatiken“ Logiken für das Interpretieren, Bewerten und die situative Koordination. Als Wertordnungen können sie auf Anerkennung in Situationen der Kritik und der Rechtfertigung zählen, da sie diskursiv begründbar machen, dass die darauf bezogene Koordination ein Gemeinwohl anstrebt. Das, was als „Qualität“ gilt, was „richtig“ und „falsch“ ist, muss auch in Alltagssituationen auf die Rechtfertigungsordnungen bezogen werden, die in der EC seitdem als Konventionen bezeichnet werden (Diaz-Bone 2018a).

Weiter wird die Einbeziehung von Objekten als untersuchungsrelevante Sachverhalte für unvermeidlich erachtet. Dies einmal, weil Objekte wirkmächtige und handlungsrelevante Bestandteile in sozialen Welten sind. Hier ist der methodologische Situationalismus die pragmatische Gegenposition zum methodologischen Individualismus und dessen subjektzentriertem Verstehenskonzept (Diaz-Bone 2018a, 2018b, 2019a). Der methodologische Situationalismus fasst stattdessen Interpretieren als einen situativen Prozess auf, der nicht auf Individuen begrenzt werden kann, sondern als symbolvermittelter Interaktionsprozess mit kollektiver Realität gedacht werden muss (Dewey 2002; Blumer 2013). Objekte gelten dann selbst für das forschende Handeln als einflussreich. Dazu zählen Instrumente und Methoden, die eine kohärente Umsetzung der pragmatischen Grundpositionen sein sollen. Adele Clarke (2012) hat daher von „Theorie-Methoden-Paketen“ gesprochen, eine epistemologische Position und normative Forderung, die man als methodischen Holismus bezeichnen kann.7

Die hier skizzierten neopragmatischen Entwicklungen haben sich in den deutschsprachigen Sozialwissenschaften anfangs nur zum Teil artikuliert, etwa in den qualitativen methodologischen Ansätzen der Grounded Theory und der Situationsanalyse. Erst mit der systematischen Rezeption der neopragmatischen französischen Soziologie kann man davon sprechen, dass sich in den deutschsprachigen Sozialwissenschaften auch in der Sozialtheorie eine neopragmatische Wende abzeichnet. Diese ist insbesondere durch eine Distanzierung gegenüber der neopragmatischen Kritik an der strukturalistischen Soziologie Pierre Bourdieus gekennzeichnet, wie sie in Frankreich erfolgt ist. Die Grenzen der neopragmatischen Soziologie und Methodologie scheinen dort erkennbar zu werden, wo die pragmatische Ablehnung von Strukturkonzepten verstellt, dass eben tiefer liegende Bewertungslogiken als evaluative und normative Ordnungen für die pragmatische Koordination eine Ressource für Akteur*innen ist. Konventionen, die in der EC als Koordinationslogiken gedacht werden, sind ein strukturales Konzept, das im Neopragmatismus beibehalten wird. In den folgenden Abschnitten soll argumentiert werden, dass die praktischen Wertevorstellungen, die sich als methodologische Normen verfestigen, auf solchen Konventionen fußen. Für Putnam haben Werte insbesondere in der praktischen Forschung eine Bedeutung als epistemische Werte, die die Qualität von Forschung in Disziplinen, Paradigmen und Situationen bewertbar und begründbar machen. Es ist dieses Konzept der epistemischen Werte, anhand dessen sich die praktische Unhintergehbarkeit von Normativitäten erweist und anhand dessen der Nexus zwischen Fakten, Theorien und Werten durch Putnam aufgezeigt worden ist (Putnam 1982, 1995, 2002).

1 In der Literatur wird teilweise die Bezeichnung „pragmatistisch“ bevorzugt, um die Abgrenzung zum Alltagsverständnis von „pragmatisch“ zu betonen. Da gerade mit der Erweiterung auf „neopragmatisches“ Denken diese Unklarheit nicht besteht, verwenden wir in diesem Artikel durchgängig die sprachlich einfachere Form.
2 Die Gründer des Pragmatismus sind James, Peirce und Dewey. Der philosophische Neopragmatismus ist wesentlich durch Rorty und Putnam geprägt worden. Siehe für den klassischen Pragmatismus und den Neopragmatismus einführend Misak (2013).
3 Bereits am Anfang der wesentlich durch den Pragmatismus beeinflussten Soziologie an der University of Chicago haben die Stadtsoziologie von Park und Burgess und die pragmatischen, sozialökologischen Ansätze einen solchen methodologischen Situationalismus praktiziert (Park/McKenzie/Burgess 1925; Lindner 2007).
4 Die Sprechakttheorie von Austin (1986) und Searle (2012) ist ebenso durch die neopragmatische Wende in der Sprachphilosophie ermöglicht worden.
5 Auch in der deutschsprachigen Sozialphilosophie und Sozialtheorie finden sich neopragmatische
Entwicklungen, wie sie mit den Arbeiten von Hans Joas (1996) vorliegen (Schubert u.a. 2010). Sie sind derzeit noch nicht weiterführend auf die methodischen und praktischen Aspekte der Sozialforschung bezogen.
6 Siehe für die französische pragmatische Soziologie auch die Jahrbuchreihe „Raisons pratiques“ (Editions de l’EHESS, Paris).
7 Der methodische Holismus ist nicht zu verwechseln mit der Erklärungslogik des methodologischen Holismus (Diaz-Bone 2015).

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