Herausforderungen und Hürden bei der Vermittlung der Oral History

BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 1-2018: Erinnern, erzählen, deuten. Oral History in der universitären Lehre

Erinnern, erzählen, deuten. Oral History in der universitären Lehre

Linde Apel

BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen, Heft 1-2018, S. 23-34

 

Einführung

„Wie kann man sicher gehen, dass das, was erzählt wird, nicht verschwommene oder verfälschte Erinnerungen sind?“1 Dieser Einwand einer Studentin und das darin ausgedrückte Misstrauen gegenüber Interviews als Quellen bilden einen guten Ausgangspunkt, um sich darüber Gedanken zu machen, wie sich Oral History im Geschichtsstudium unterrichten lässt. Dies ist deshalb nötig, weil es dafür bisher keine didaktischen Handreichungen gibt. Immerhin wird die Oral History in Zusammenhang mit der Alltagsgeschichte in den für Studierende geschriebenen Einführungen in die Geschichtswissenschaft mittlerweile meist erwähnt (Opgenoorth/Schulz 2010: 219-223; Jordan 2016: 162-165). Am Historischen Seminar der Universität Hamburg gehört Oral History jedoch bisher nicht zu den regelmäßig unterrichteten methodischen Ansätzen. Ein Blick in die Vorlesungsverzeichnisse der vergangenen 20 Semester ergab, dass zwischen 2008 und 2018 nur fünf Veranstaltungen stattfanden, die sich mit Oral History befassten oder auf Interviews Bezug nahmen.2 Hin und wieder integrierten Lehrende einen Besuch in der Werkstatt der Erinnerung, dem von mir geleiteten Oral History-Archiv der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, in ihr Seminarprogramm, um Studierenden einen Einblick in die Oral History zu ermöglichen. Doch insgesamt machen Angebote zur Oral History derzeit einen geringen Anteil des Lehrprogramms aus. Dies gilt vermutlich nicht nur für die Universität Hamburg. Von Angeboten, wie sie die Universitäten in Prag und New York bereitstellen, an denen Studierende einen Masterstudiengang in Oral History und Zeitgeschichte bzw. in Oral History wählen können, ist die deutsche Universitätslandschaft offenkundig weit entfernt.3

Als Lehrbeauftragte an der Hamburger Universität habe ich in den vergangenen Jahren Lehrveranstaltungen angeboten, die mit wechselnden inhaltlichen Schwerpunkten als Einführung in die Oral History konzipiert waren. Meist waren dies Übungen am Arbeitsbereich Deutsche Geschichte des Fachbereichs Geschichte, die ich im Co-Teaching-Verfahren gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen durchgeführt habe.4 Sie standen Studierenden im B.A.-Haupt- und -Nebenfach sowie im B.A.-Lehramt offen, darüber hinaus M.ED. (Lehramt an Gymnasien) und M.A.-Studierenden. Diese etwas kompliziert wirkende Aufzählung ist insofern relevant, weil dadurch Studierende mit unterschiedlicher Studienerfahrung und unterschiedlichen Studienzielen zusammenkommen, die unterschiedliche Prüfungsleistungen erfüllen müssen. Die Übungen sind am Fachbereich relativ beliebt, weil sie meist zum Modul Methoden und Theorien gehören, in dem es in der Regel nur eine geringe Anzahl von Angeboten gibt.5 Auch bei Studierenden stießen sie auf erfreulich großes Interesse. Die Veranstaltungen wurden von 24 bis 32 Teilnehmenden besucht. Das Geschlechterverhältnis änderte sich dahingehend, dass die Zahl der Studentinnen, die beim ersten Angebot bei über 66 Prozent lag, stetig abnahm und bei der letzten Lehrveranstaltung etwa 28 Prozent umfasste. Im Folgenden werde ich keine Handreichung zur Vermittlung von Oral History in der Lehre präsentieren, sondern anhand von einigen Beispielen aus meinen Lehrveranstaltungen und den Reaktionen, Fragen und Diskussionen der Studierenden auf Herausforderungen und Hürden bei der Vermittlung der Oral History eingehen. Es geht also um Einblicke in Lehr- und Lernprozesse aus meiner nicht eigens didaktisch geschulten Perspektive, zu denen mich die Studierenden angeregt haben. Dabei werde ich mich in erster Linie mit der Bedeutung und Bewertung von mündlichen Quellen beschäftigen, da ich den Eindruck habe, dass das Interesse der Studierenden dafür und ihre Schwierigkeiten damit umzugehen gleichermaßen groß sind.

Lernziele – Lernprozesse

Ziel der Lehrveranstaltungen war es, Studierende zu einem reflektierten Umgang mit mündlichen Quellen zu befähigen. Dazu gehören nach meiner Ansicht mehrere Aspekte: zum einen sie über die Geschichte der Oral History und ihren Weg in die Geschichtswissenschaft zu informieren und in diesem Zusammenhang auf Einwände einzugehen, die der Methode in der ersten Hälfte der 1980er Jahre insbesondere im deutschsprachigen akademischen Kontext entgegengebracht wurden. Die Kritik an der Oral History ist von der Kritik der Alltagsgeschichte nicht zu trennen (Wehler 1985). Generationelle Konflikte zwischen etablierten und weniger etablierten Historikern spielten dabei ebenso eine Rolle, wie unterschiedliche Herangehensweisen an Geschichte, wurde den Oral Historians neben der mangelnden Objektivität doch vorgeworfen, sie wollten (identifikatorisch und distanzlos) erzählen und weniger erklären (Kocka 1984). Um deutlich zu machen, dass Oral History selbst bereits eine Geschichte hat, sollen die Studierenden Interviewprojekte mit ihren spezifischen Entstehungskontexten und thematischen Konjunkturen kennenlernen. Hier bietet sich neben einem Einblick in das zum „Klassiker der Zeitgeschichte“ avancierte LUSIR-Projekt6 vor allem die von Julia Obertreis herausgegebene Zusammenstellung zentraler Aufsätze von Oral Historians an (Obertreis 2012). Es liegt überdies nahe, Studierende in diesem Zusammenhang auf teils langjährig bestehende Interview-Archive und die Möglichkeit der Sekundäranalyse hinzuweisen. Die Beschäftigung mit der Geschichte der Oral History wiederum führt zur notwendigen Debatte über zentrale Begriffe wie Zeitzeuge, Gedächtnis und Erinnerung. Um Veröffentlichungen auf der Basis von Oral History aus anderen wissenschaftlichen oder nationalen Kontexten einordnen zu können, halte ich es außerdem für sinnvoll, Studierenden nahezubringen, dass historische Forschungen nicht nur auf einer Quellengattung basieren sollten.7 Und schließlich sollte deutlich werden, dass die Oral History ein aufwändiges Verfahren mit Anleihen bei anderen Disziplinen ist, weswegen es besonders wichtig ist, sich im Vorfeld genaue Gedanken darüber zu machen, welche Fragen man mit welchen Quellen beantworten möchte und kann.8 Das, was die Studierenden lernen sollten, ist also komplex: Vor allen Dingen sollen sie verstehen, um was für eine Art von Quelle es sich handelt und welche Fragen auf der Basis dieser Quelle zu beantworten sind. Sie sollen sich mit der besonderen Qualität von Oral History, der dialogischen Eigenschaft der Kommunikationssituation Interview auseinanderzusetzen und dies möglichst konkret erproben, indem sie bestenfalls selbst ein Interview führen. Um die Oral History in die Historiographiegeschichte einordnen zu können, müssen sie sich zudem mit der Geschichte der Oral History vertraut machen. Das sind viele Ansprüche. Wie verhält sich die Realität?

Zum Einstieg ins Thema halte ich es für unerlässlich, Studierende darauf aufmerksam zu machen, dass der Begriff Oral History auf einen Quellentypus, eine Forschungsmethode und ein interdisziplinäres Forschungsfeld verweist. Die Grundlage dafür bilden mündliche, zunehmend audiovisuelle, häufig verschriftlicht vorliegende Äußerungen, in denen Aussagen zur Gegenwart ebenso wie zur Vergangenheit enthalten sind. Diese Quellen geben nicht in erster Linie Aufschluss über Ereignisse, sondern vor allem darüber, wie diese Ereignisse an einem bestimmten Moment im Leben gedeutet werden. Die Deutung des Erlebten in der Gegenwart steht ebenso stark, wenn nicht stärker im Vordergrund, wie die Ereignisse selbst. Wichtig für das Verständnis eines Interviews ist überdies die Art, wie über Erlebtes, Erinnertes und Gedeutetes gesprochen wird, welche Bedeutung also das Narrativ in der spezifischen, vielfach dynamischen Kommunikationssituation hat. Und die Erzählung sollte nicht mit der Erfahrung, dem Ereignis oder der Erinnerung gleichgesetzt werden.9 Studierende sollen also lernen, dass die Oral History ein interaktives Verfahren ist, in dem verschiedene Aspekte von Zeit eine Rolle spielen. Sie sollen verstehen, dass die Stärke der Oral History dann zum Tragen kommt, wenn man sich für Wahrnehmungen, Erfahrungen, Deutungen und Erzählungen historischer Akteure interessiert und für Dynamiken dialogischer Kommunikation aufgeschlossen ist.

In diesem Zusammenhang ist eine kritische Reflexion des Begriffs des Zeitzeugen kaum zu vermeiden. Diese in der Regel positiv verwendete Bezeichnung hängt eng mit der Entwicklung der bundesdeutschen Erinnerungskultur zusammen und zugleich mit der Zunahme und Aufwertung von talking heads in den Medien. Der Sammelband von Martin Sabrow und Norbert Frei über die „Entstehung des Zeitzeugen seit 1945“ bietet dazu gute Lektüreangebote (Sabrow/Frei 2012). Insbesondere eine von mir mehrmals angebotene Verknüpfung des theoretischen Zugangs mit dem Internetangebot „Gedächtnis der Nation“, unterdessen umbenannt in „Zeitzeugenportal“, vermittelt Studierenden eindrucksvoll die verschiedenen „Gebrauchsweisen“ von mündlichen, genauer: audiovisuellen Quellen in medialen Kontexten.10 Wenn Studierende die dort als Videoclips angebotenen kurzen, häufig geschnittenen Auszüge mit einem längeren Interview vergleichen, stellen sie fest, dass sie in erster Linie zur Illustration und emotionalen Vereindeutigung von historischen Ereignissen dienen und für einen medialen Konsum gemacht sind (Keilbach 2015). Als Quellen für eine biographisch orientierte Erfahrungsgeschichte können sie dagegen weniger gut genutzt werden. Zum einen, weil in der Regel der Kontexte des Interviews unklar bleibt; zum anderen, weil sich die Gesamtgestalt und damit die Erzählmotivation der Befragten nicht erschließt.

Die den Studierenden zum Vergleich angebotenen Interviews stammen aus der Werkstatt der Erinnerung, dem Oral History-Archiv in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte. Diese Einrichtung wurde in Hamburg ins Leben gerufen, um Interviews mit Überlebenden der NS-Verfolgung in Hamburg zu führen und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen (Apel 2011: 201-218). Sie hat sich in den vergangenen annähernd drei Jahrzehnten ihres Bestehens in ein Interview-Archiv mit regionalem Fokus entwickelt, das ein breites Spektrum an Interviewsammlungen bereithält, die sich an den Forschungsschwerpunkten der Forschungsstelle für Zeitgeschichte orientieren. Für Studierende ist dieses Angebot attraktiv, weil sie die dort vorgehaltenen mündlichen Quellen für ihre studentischen Haus- oder Abschlussarbeiten nutzen können. Der spezifische stadtpolitische und erinnerungskulturelle Entstehungskontext der Werkstatt der Erinnerung informiert zudem über die Nähe zur Alltagsgeschichte und über die Bedeutung der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte der Stadt. Dies sind zwei Aspekte, die für die Entwicklung der deutschsprachigen Oral History von großer Bedeutung sind und am lokalen Beispiel gut veranschaulicht werden können. Schließlich lassen sich an der Form der Durchführung der Interviews in der Werkstatt der Erinnerung und an den Interessen der Nutzer unterschiedliche Herangehensweisen an Oral History von positivistischen Interessen bis zu erfahrungsgeschichtlichen Fragestellungen und narrativen Strategien erläutern.

1 E-Mail von J.S. vom 6.4.2017 an Linde Apel.
2 Die Auswertung der Vorlesungsverzeichnisse verdanke ich Marlen Sundermann, der studentischen Mitarbeiterin der Werkstatt der Erinnerung. Neben den von mir mit Kolleginnen und Kollegen angebotenen Lehrveranstaltungen gab es in diesem Zeitraum zwei weitere Angebote mit Bezug zur Oral History.
3 Siehe https://oralhistory.fhs.cuni.cz/; http://oralhistory.columbia.edu/ (28.6.2018).
4 Theorie und Praxis der Oral History (2003); Übung mit Knud Andresen: Oral History und Jugendbewegungen (2009); Hauptseminar mit Dorothee Wierling: Oral History und Zeitgeschichte (2014/15); Übung mit Yvonne Robel: Oral History und Alltagsgeschichte (2017). Für kritische Kommentare über eine frühere Version dieses Beitrags danke ich Yvonne Robel.
5 Nicht alle Lehrveranstaltungen zur Oral History wurden dem Modul Theorie und Methoden zugeordnet. Für die Zuordnung ist der Fachbereich zuständig.
6 Das Projekt „Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930-1960“ wurde von der Stiftung Volkswagenwerk und dem Land NRW finanziert und unter der Leitung von Lutz Niethammer von 1980 bis 1982 an der Universität/Gesamthochschule Essen, anschließend an der Fernuniversität Hagen durchgeführt. Siehe: Niethammer 1983a; 1983b; Niethammer/Plato 1985.
7 Hier sind vor allem jene US-amerikanische Oral History-Veröffentlichungen gemeint, die ausschließlich auf mündlichen Quellen basieren und an Titeln erkennbar sind, die mit „An Oral History of“ beginnen.
8 Der Behauptung, die Oral History würde sich deshalb besonders gut für die Zeitgeschichte eignen, weil der Zugang zu „Zeitzeugen“ so leicht sei (Jordan 2016: 163), möchte ich explizit widersprechen.
9 Zum Einfluss der Debatten um Gedächtnistheorien auf die Oral History vgl. den Beitrag von Karin Orth in diesem Heft.
10 Siehe https://www.zeitzeugen-portal.de/ (28.6.2018).

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