Zukunftshaus Deutschland. Masterplan auf dem Weg in das Leben nach der Pandemie

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Gastbeitrag von Prof. Dr. Horst Opaschowski (Opaschowski Institut für Zukunftsforschung, Hamburg), Autor von Die semiglückliche Gesellschaft und Semiglücklich in die Zukunft

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Eine geradezu bleierne Zukunftsangst liegt seit Beginn der Pandemie über Deutschland. Mit den Impfungen und Schnelltests auf breiter Ebene zeichnet sich jetzt in Ansätzen ein Ende der deutschen Düsternis ab. Die Deutschen wollen wieder mit Hoffnung in die Zukunft schauen können. Sie suchen nach verlässlichen Antworten auf die Frage, wohin es in Zukunft geht oder gehen soll. Gemeint sind Antworten auf Immanuel Kants berühmte Fragen

  • Was können wir wissen?
  • Was sollen wir tun?
  • Was dürfen wir hoffen?

Zukunft soll wieder ein anderes Wort für Hoffnung sein und Deutschland ein Land der Innovationen werden. Was aber bringt uns dahin? Kann aus der GermanAngst eine GermanStory mit Zukunft werden?

 

Gefordert: Eigenverantwortung der Bürger

Der Verlauf der Corona-Pandemie hat gezeigt: Wie lange nicht mehr ist in anhaltenden Krisenzeiten die Eigenverantwortung der Bürger gefordert. Die Menschen wünschen sich eine bessere Gesellschaft und wollen auch mithelfen, eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Gut drei Viertel der deutschen Bevölkerung (Jan. 2020: 71% – Juli 2020: 77%) sind inzwischen auch bereit, sich selbst mehr zu helfen und nicht alle Probleme einfach dem Staat zu überlassen. Konturen einer neuen Mitmachgesellschaft sind erkennbar, einer Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit. Die Zeiten der Untätigkeit im warmen Bad des Wohlstands sind vorbei.

Nach der historischen Wiederaufbauleistung der Nachkriegsgeneration beginnt auf dem Weg in die Post-Pandemie-Zeit eine zweite Wiederaufbauleistung, die nachhaltige Spuren hinterlässt. Wann, wenn nicht jetzt: Die Ärmel aufkrempeln, Visionen haben, Innovationen wagen und das „Made in Germany“ um ein „Created in Germany“ erweitern und bereichern. „So gut soll es uns morgen gehen!“ heißt der Auftrag und gilt als Leitbild für eine Gesellschaft, die nach der Krise eine andere sein wird: eine solidarischere Gesellschaft mit starken Bürgern und einem vorsorgenden Staat als Kümmerer, der soziale Wärme ausstrahlt.

 

Staat und Bürger in der Verantwortung

Für die Schaffung dieser lebenswerten Zukunftsperspektive sind beide gleichermaßen verantwortlich: Staat und Bürger. Denn beide können es allein nicht schaffen. Sie sind auf die gegenseitige Mithilfe angewiesen. Bisher drohte vor lauter hektischen Krisenbewältigungen der Staat eine seiner Hauptaufgaben aus dem Blick zu verlieren: Daseinsvorsorge. Der aktuelle Hilferuf der Bevölkerung, insbesondere der jungen Generation ist derzeit unüberhörbar: Die Politik soll „weitsichtige Lösungsansätze anbieten“ und „Mut zur Zukunft machen“ fordern 92 Prozent der 14- bis 24-Jährigen. Ohne eine solche Perspektive befürchten sie, ihre privaten Lebenskonzepte und beruflichen Karrierepläne opfern zu müssen.

 

Masterplan für das Leben nach der Pandemie: das Zukunftshaus Deutschland

Der gesamtgesellschaftliche Auftrag hat einen Namen und ein Ziel: „Zukunftshaus Deutschland. Masterplan für das Leben nach der Pandemie“. Der Weg dorthin ist gepflastert mit ökonomischen und ökologischen, psychischen und sozialen Hindernissen und Hürden. Aber es lohnt sich, diesen mühsamen Weg gemeinsam zu gehen. In einer Ära weltweiter Krisen und Verunsicherungen kann es sich die Politik nicht länger leisten, am Lebensgefühl der Bevölkerung vorbei zu regieren. Eine überwältigende Mehrheit sagt, wohin die Zukunftsreise gehen soll.

Das Zukunftshaus Deutschland steht auf einem soliden Fundament von zehn massiven Bausteinen. Es ist ein Masterplan aus der repräsentativ abgesicherten Sicht der Bevölkerung. „So wollen wir leben!“ heißt die Aufforderung an die Politik.

Das Wünschenswerte soll Wirklichkeit werden:

 

Baustein I: Gesundheit & Umwelt

  • Ohne Gesundheit ist fast alles nichts wert
  • Medizinische Versorgung und Pharmaforschung sind systemrelevant
  • Umweltbewusstes Verhalten wird Herzenssache

Baustein II: Werte & Lebensziele

  • Wachsende Sehnsucht nach Stabilität und Sicherheit
  • Ehrlichkeit wird wichtigster Lebenswert
  • Mehr Zusammenhalt und weniger Egoismus
  • Selbstständigkeit als dominantes Erziehungsziel

Baustein III: Privates & Soziales

  • Lebensinhalt Familie
  • Neue Solidarität der Generationen
  • Freunde und Nachbarn als ‚Zweite Familie‘
  • Ehe mit Trauschein und Kindern als Lebensmodell

Baustein IV: Selbsthilfe & Gesellschaft

  • Helfen, bessere Gesellschaft zu schaffen
  • Helferbörsen im Wohnquartier
  • Förderung der Freiwilligenarbeit
  • Mehr Bürgerinitiativen und Mitmachbewegungen

Baustein V: Staat & Bürger

  • Mehr Weitsicht in der Politik
  • Fürsorgender Sozialstaat
  • Mehr Selbsthilfe, weniger Staat
  • Mehr Volksabstimmungen

Baustein VI: Arbeit & Beruf

  • Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch für Männer
  • Wachsende Bedeutung von Arbeitsgruppen, Teams und Netzwerken
  • Digitalisierungsschub verändert Berufs- und Alltagsleben

Baustein VII: Wohlstand & Konsum

  • Zeit so wertvoll wie Geld
  • Mehr teilen als besitzen
  • Bescheidener leben und nichts vermissen
  • Zukunftssorge um persönliche wirtschaftliche Lage

Baustein VIII: Medien & Öffentlichkeit

  • Wunsch nach mehr Optimismus in der Gesellschaft
  • Wachsender Medieneinfluss in der Kindesentwicklung
  • Zukunftsangst durch negative Mediennachrichten

Baustein IX: Mobilität & Tourismus

  • Die Reiselust bleibt ungebrochen
  • Trotz Krise weiter fortbewegen und am Reiseverhalten nichts ändern
  • In Pandemie-Zeiten mit dem Auto in den Urlaub fahren

Baustein X: Zukunft und Lebensgefühl

  • Optimistisch in die Zukunft blicken
  • Besser leben statt mehr haben
  • Öfter über sich und das Leben nachdenken.

 

Es kann sicher nicht die Aufgabe des Staates sein, jedem Bürger ein sorgenfreies und glückliches Leben zu garantieren, was gesellschaftlich auch gar nicht wünschenswert wäre. Denn wahrgenommene Defizite stellen eine wichtige Antriebskraft für individuelle Veränderungen und sozialen Wandel dar. Aufgabe staatlicher Politik als Daseinsvorsorge ist es vielmehr, solche Lebensbedingungen zu schaffen, unter denen die Bürger über genügend Ressourcen und Kompetenzen verfügen, sich um ihr Wohlergehen selbst zu kümmern. Menschen fühlen sich immer dann am wohlsten, wenn Ansprüche, Möglichkeiten und Grenzen im Gleichgewicht sind: Das ist Semiglück.

 

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3D Cover Opaschowski HörbuchHorst Opaschowski: Semiglücklich in die Zukunft. 21 Geschichten über das Leben nach der Pandemie

 

 

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