Das Warum: Ziel Ihrer Publikation

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von Barbara Budrich

„Soll ich nach einem „international ranked peer-review journal“ schauen?“, werde ich häufig gefragt. Oder: „Wie finde ich den richtigen Verlag?“ Oder: „Soll ich auf Deutsch oder auf Englisch veröffentlichen?“ Alles gute Fragen. Doch auf diese Fragen kann ich nur mit einer Gegenfrage antworten: „Warum möchten Sie denn publizieren?“ Die Antworten sind zumeist ausweichend und umfassen in erster Linie „Publikationspflicht“ bei Promovierenden oder „Publikationsdruck“ bei jenen, deren Promotion bereits veröffentlicht ist. Ist das schon alles: Wissenschaftler* innen publizieren, weil sie müssen? Ist „publish or perish“ das Grundmotiv jeder wissenschaftlichen Publikation?

Bevor Sie weiterlesen, möchte ich Sie einladen, eine kleine Übung zu machen. „Die sieben Warum“ können Ihnen dabei helfen, Ihre eigene Motivation besser zu verstehen. Warum das von Bedeutung ist? Fast jede*r stößt an Grenzen – sei es, dass die Zeit fehlt; sei es, dass eine Schreibblockade auftaucht; sei es, dass die Motivation nachlässt –, vor allem bei größeren Schreibprojekten. Ist das Projekt dann nichts anderes als eine leidige Pflichterfüllung, hilft nur das Aufziehen der drohenden Deadline, um das Ganze „irgendwie“ noch abzuschließen. Zu wissen, welche Motive auf tieferliegenden Ebenen existieren, kann helfen, auch in Zeiten der motivationalen Dürre produktive Oasen fruchtbar zu machen. Dies ist natürlich kein übernatürlicher Zaubertrank. Und doch: Jeder Tropfen Verständnis für die eigene Situation kann weiterhelfen, so jedenfalls meine Erfahrung.

 

Tiefe Motivation

Die Übung „Die sieben Warum“ ist denkbar einfach: Ich habe sie zum ersten Mal durchgeführt, als ich mich fragte, warum ich mein Buch Erfolgreich publizieren schreiben wollte. Dabei habe ich sieben Mal hintereinander die Frage „Warum?“ beantwortet, immer mit Bezug auf die vorherige Antwort. Das sah dann in etwa so aus:

  1. Warum möchte ich ein Buch zum wissenschaftlichen Publizieren schreiben? Antwort: Weil ich es kann und gern ein Buch schreiben möchte.
  2. Ich beherrsche das Thema, möchte gern ein Buch schreiben – aber warum? Antwort: Weil wir im Verlag häufig Anfragen bekommen, die deutlich machen, dass unsere angehenden Autor*innen nicht wissen, wie sie publizieren sollen.
  3. Ich kann es und wir bekommen also immer wieder Anfragen, aus denen hervorgeht, dass die Autor*innen nicht wissen, wie sie vorgehen sollen. Warum ist das für mich die Motivation, mein Buch zum wissenschaftlichen Publizieren zu schreiben? Antwort: Weil ich viel Erfahrung in diesem Bereich habe und den Autor*innen gern helfen möchte.
  4. Ich kann es und wir bekommen viele Anfragen von unerfahrenen Autor*innen, denen ich mit meiner Erfahrung gern helfen möchte. Warum ist das für mich die Motivation, mein Buch zum wissenschaftlichen Publizieren zu schreiben? Antwort: Weil ich denke, dass die eigene Karriere zu verfolgen, anstrengend genug ist; da möchte ich das Publizieren selbst für die jungen Wissenschaftler*innen leichter machen.
  5. Ich kann es, wir bekommen viele Anfragen von unerfahrenen Autor*innen, denen ich mit meiner Erfahrung gern helfen und das Publizieren leichter machen möchte. Warum ist das für mich die Motivation, mein Buch zum wissenschaftlichen Publizieren zu schreiben? Antwort: Weil ich andere grundsätzlich gern mit meiner Expertise unterstützen möchte.
  6. Ich kann es, wir bekommen viele Anfragen von unerfahrenen Autor*innen, denen ich mit meiner Erfahrung gern helfen und das Publizieren leichter machen möchte, auch weil ich grundsätzlich gern unterstütze. Warum ist das für mich die Motivation, mein Buch zum wissenschaftlichen Publizieren zu schreiben? Antwort: Weil ich in meinem Leben immer wieder an unterschiedlichen Punkten auf Unterstützung gestoßen bin – und das möchte ich gern weitergeben.
  7. Ich kann es, wir bekommen viele Anfragen von unerfahrenen Autor*innen, denen ich mit meiner Erfahrung gern helfen und das Publizieren leichter machen möchte, auch weil ich grundsätzlich gern unterstütze. Dadurch kann ich die Tradition des Unterstützens weitergeben. Warum ist das für mich die Motivation, mein Buch zum wissenschaftlichen Publizieren zu schreiben? Antwort: Weil diese Art des Unterstützens in meinem Verständnis zu den Grundlagen eines menschenwürdigen Lebens gehört.

Vielleicht klingt es ein wenig hochgestochen, das Schreiben eines Buches mit den grundlegenden Annahmen über ein menschenwürdiges Leben in Verbindung zu bringen – aber genau da liegt die Stärke dieser Herangehensweise. Indem ich mir eine Motivation erarbeite, die weit über das hinausgeht, was auf der Alltagsebene liegt, wachst diese Motivation über das eine – kleine – Projekt hinaus. Sitze ich jetzt an einer für mich schwierigen Stelle, kann ich mich daran erinnern, was das Buch wirklich für mich bedeutet.

Doch nicht allein eine tiefe Motivation kann für uns der Grund sein, warum wir als Wissenschaftler*innen veröffentlichen wollen. Es gibt in der Tat eine Vielzahl an Gründen, die je nach Publikationsprojekt anders gelagert sein können.

 

Viele Gründe

In meinen Schreib- und Publikationsworkshops erarbeiten die Teilnehmenden zahlreiche Antreiber: Das reicht vom Geld – was in der Wissenschaft nicht der Hauptantrieb sein kann – über Reputation bis hin zur Leidenschaft für ein Thema und den Wunsch, am wissenschaftlichen Diskurs teilzuhaben. Doch es gibt noch weitere Gründe, wie die Wissensweitergabe, den Wissenstransfer oder auch Motive, wie, es anderen „zu zeigen“ oder die Bedeutung des eigenen Forschungsbereichs zu unterstreichen.

Der eigene Antrieb vermischt sich häufig mit der Überlegung, wie das Publizieren sinnvoll gelingen kann: Wenn ich mir wünsche, am wissenschaftlichen Diskurs teilzuhaben, ist die Publikation in einer deutschsprachigen Tageszeitung nicht der richtige Ort. Geht es mir hingegen um den Wissenstransfer, könnte genau das angebracht sein. Will ich am internationalen Diskurs teilhaben, ist es wichtig auf Englisch oder in einer anderen Fremdsprache zu publizieren. Brauche ich vor allem die Anerkennung, muss ich mich auf einen Publikationspartner fokussieren, dessen Reputation auch auf meine Publikation ausstrahlt. Das dürfte in vielen Fällen vor allem dann der Fall sein, wenn ich in einem „international ranked peer-reviewed journal“ veröffentlichen kann. Bin ich hingegen in der deutschsprachigen historischen Namensforschung angesiedelt, habe ich weder einen Grund, nach einer solchen Zeitschrift zu suchen, noch werde ich fündig: Noch vor wenigen Jahren gab es in diesem Bereich eine einzige deutschsprachige Zeitschrift, die nur in gedruckter Form erschien.

 

„Form follows function“

Der amerikanische Architekt Louis H. Sullivan hat es gesagt und das passt auch auf die Frage nach dem geeigneten Publikationspartner und zu den Überlegungen zur Publikationsform. Die Frage, die Sie sich stellen dürften, wenn Sie nicht wissen, in welchem Verlag oder bei welcher Zeitschrift Sie veröffentlichen wollen, ist: Was will ich erreichen? Dies impliziert auch die Frage: Wen will ich erreichen?

Mit diesen beiden Ausgangsfragen im Kopf können Sie Verlag oder Zeitschrift suchen, die nach Ihrer Einschätzung passend sind.

Ein Verlag wird immer Publikationen bevorzugen, die zum bestehenden Programm passen. Und Zeitschriften werden in der Regel solche Aufsätze annehmen wollen, die zur eigenen Programmatik passen; wissenschaftliche Qualität in beiden Fällen vorausgesetzt.

Die Anknüpfung an Programm und Programmatik funktioniert auf zwei Ebenen: auf der thematischen Ebene und auf der Ebene der Zielgruppe. Ein Verlag, der in der Hauptsache Lehrbücher im Programm hat, wird nicht plötzlich eine Dissertation veröffentlichen. Ein Verlag, der die ganze Breite eines Faches abbildet, kann auch eine fokussierte Forschungsarbeit ins Programm nehmen: Das Publikum des Verlages weiß, dass auch dies ein erwartbarer Bestandteil des Verlagsprogramms ist.

Für einen Verlag ist das eigene Publikationsprogramm ein Versprechen an die Zielgruppe und zwar ein thematisches wie auch ein Qualitätsversprechen. Ein guter Wissenschaftsverlag wird immer bemüht sein, seinem Publikum eine passende Auswahl wertvoller Literatur zur Verfügung zu stellen. Für Zeitschriften gilt dies analog.

Wenn Sie wissen, was Sie mit Ihrer geplanten Publikation zu bieten haben, können Sie einschätzen, ob sich dies in die Vorstellungen des Verlagslektorats bzw. der Zeitschriftenredaktion einfügen kann. Und wenn Sie zu einer positiven Einschätzung kommen, sollten Sie nicht etwa aus (falscher) Bescheidenheit auf eine Einreichung verzichten. Denn: „Ich habe noch keinen Namen …“, ist keine angemessene Ausrede. Wir schauen als Verlag auch auf Manuskripte von Wissenschaftler*innen, die wir noch nicht kennen, und überlegen mit der gleichen Sorgfalt, ob wir das Projekt übernehmen möchten oder nicht. Natürlich gibt es die Strahlkraft großer Namen auch für uns als Verlag. Das heißt aber weder, dass wir alles veröffentlichen, was bekannte Wissenschaftler*innen uns antragen, noch heißt es, dass wir Dinge nicht veröffentlichen, weil die Autor*innen noch keinen Namen haben.

Wir können abschließend festhalten: Wenn Sie mit Ihren eigenen Zielen vertraut sind, ergeben sich daraus Kriterien, nach denen Sie den jeweils geeigneten Publikationspartner auswählen können. Klarheit in der eigenen Motivation, über das eigene Manuskript und die eigene Zielgruppe, hilft somit auch auf dem Weg zum Erfolg!

 

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Dieser Beitrag ist erstmals in Heft 1-2020 der Exposé – Zeitschrift für wissenschaftliches Schreiben und Publizieren erschienen.

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