Der Umgang mit dem Sterben – über die Corona-Krise hinaus

Helden © Pixabay 2021 / Foto: Couleur

Klaus Günther © privatKommentar von Klaus Günther

Dr. habil. Klaus Günther, Universität Bonn, Autor von Sterben neurobiologisch betrachtet. Letzte Lebensphasen unter Leistungs- und Heroismusdruck

***

Es kennzeichnet die Ausnahmelage der aktuellen Corona-Krise, dass eine ganze Gesellschaft und die Politik dieser Gesellschaft ihre Aufmerksamkeit auf diejenigen richtet, die vom Virus infiziert und vom Sterben bedroht sind. Das gilt selbst für diejenigen, die gegen die Politik der Einschränkungen protestieren. Auch wenn sie sich für „unbetroffen“ erklären, protestieren sie nicht dagegen, dass sich die Regierenden um die Behandlung der infizierten Mitbürger und insbesondere um diejenigen kümmern, die als alte und vorerkrankte Menschen in besonderer Weise vom Sterben bedroht sind.

Die herkömmliche Einschätzung der Normallage ist dadurch gekennzeichnet, dass diejenigen, die durch das Sterben der ihnen nahestehenden und erst recht der ihnen eher fernstehenden Menschen herausgefordert werden, dieses eher herunterzuspielen und „wegzustecken“ suchen. Dieser generalisierenden Verdrängungsthese setze ich einen neurobiologisch inspirierten Text zum Umgang mit dem Sterben in der Normallage entgegen, der auf das Folgende hinausläuft:

Die Nachlebenden befinden sich unter dem Druck eines leistungs­gesellschaftlich gefärbten Sterbediskurses, der sich empirisch erschließen lässt. Er wird ihnen als Lernstoff aufgedrängt. Über dafür zuständige Areale des Gehirns, ihren Lernapparat, lernen die Nachlebenden in einem (weitgehend hinter ihrem Rücken ablaufenden Lernprozess), dass im Sterben Stärke (zugespitzt: Heroismus) verlangt wird. Der lebenslang gelernte Sterbeheroismus überformt das Bedürfnis der Sterbenden nach mitleidender Zuwendung in hohem Maße. Im Falle sich länger hinziehender Sterbesituationen führt das dazu, dass mitleidendes Verstehen beeinträchtigt wird.

Über die Corona-Krise hinaus liegt es in der normativen Konsequenz dieser innovativen Anwendung neurobiologischer Erkenntnisse auf das Sterbethema, dass den Sterbenden Schwäche zugestanden werden muss. Dazu bedarf es eines Sterbediskurses, in dem die heroisierende Komponente zurückgedrängt wird, um so einen palliativen Umgang mit Sterbenden zu ermöglichen.

 

Jetzt versandkostenfrei im Budrich-Shop bestellen

3D Cover Günther

Klaus Günther: Sterben neurobiologisch betrachtet. Letzte Lebensphasen unter Leistungs- und Heroismusdruck

 

 

© Pixabay 2021 / Foto: Couleur;  Autorenfoto: privat