Umfrage zum Begriff „Nachwuchswissenschaftler*in“: Bewertung

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Kürzlich haben wir unter unseren Autor*innen eine Umfrage zum Begriff „Nachwuchswissenschaftler*in“ durchgeführt. Einer der Aspekte: die Bewertung dieses Begriffs.

Wir haben gefragt:

 

Der Begriff „Nachwuchswissenschaftler*in“ ist fest etabliert. Wie stehen Sie zu diesem Begriff?

Von unseren Autor*innen, die an der Umfrage teilgenommen haben, empfinden 59% (58 Personen) diesen Begriff als negativ. Die folgenden drei Antworten geben einen Überblick über die häufigsten Aussagen:

Der Wortteil „Nachwuchs-“ suggeriert eine Reifungs- bzw. Fertigstellungsprozess hin zum Ausgewachsen- bzw. Nachgewachsen sein. Das wiederum impliziert, dass Wissenschaftler:innen vor der Etablierung defizitär (unfertig, unreif o.ä.) sind. Zudem wird damit unterstellt, dass eine Etablierung allein dadurch möglich sei, dass man wachse (i.S. wiss. Leistungen). Etablierung wird allerdings häufig mit einer Professur gleichgesetzt, und die Möglichkeit einer Professur hängt von mehr als nur der wiss. Leistung ab.

Ich sehe den Begriff kritisch, weil er einerseits das biographische und akademische Alter irgnoriert, andererseits missachtet, dass ein Großteil der Forschungstätigkeit von eben diesem angeblichen „Nachwuchs“ gestemmt und geleistet wird. Der Begriff steht für ein Herabsehen auf eine zentrale Gruppe des Wissenschaftsbetriebs und nicht für ein kollegiales Miteinander.

Mit über 30 noch als „Nachwuchs“ bezeichnet zu werden, während man das Kerngeschäft der Wissenschaft, die Forschung und Lehre, auf den Schultern trägt, empfinde ich als zynisch. Das Wort drückt gut aus, wie man als (Post-)Doktorand*in in der Schwebe gehalten wird und es einfach akzeptieren soll, dass die beruflichen Zukunftsaussichten und auch die alltägliche Gegenwart höchst prekär sind.

 

Von unseren Autor*innen, die an der Umfrage teilgenommen haben, empfinden 12% (12 Personen) diesen Begriff als positiv. Unter den Antworten waren:

Ich halte diesen Begriff für recht positiv, weil er nicht, wie viele anderen Begriffe tausendfach interpretiert, manipuliert, verharmlost, verdrängt werden kann, ohne sich selbst als „Interpretierer“ etc. zu outen, besser: zu offenbaren! Der Begriff „Nachwuchswissenschaftler“ macht zumindest mich neugierig. Da bewegt sich etwas!

Für mich ist es ein weit verbreiteter und selbstverständlich genutzer Begriff und deshalb ist es für mich in Ordnung.

Nachwuchssportler/innen bleiben oft gute Sportler/innen. Da ich ein guter Wissenschaftler bleiben möchte, finde ich den Begriff gut.

 

Und 29% (28 Personen) der Autor*innen empfinden diesen Begriff als ambivalent. Im Folgenden drei Beispiele aus den Antworten:

Bezieht man den Begriff auf den Status, mag er passend sein, bezieht man ihn auf berufliche Tätigkeiten, passt er nicht.

Ich verstehe, warum er kritisch diskutiert wird. Der Abschluss eines Hochschulstudium sollte ausreichen, um als Fachperson anerkannt zu werden. Aber es ist auch nur eine Bezeichnung, deren Änderung oder Beibehalten weder etwas über die vorhandene Wertschätzung in Community oder Kollegium aussagt, noch etwas an den zumeist prekären Beschäftigungsmöglichkeiten und für nur wenige gute Berufsperspektiven ändert.

Ich empfinde ihn als sehr hierarchisch, was sich mit meinem Eindruck der Arbeit in der Wissenschaft deckt: Rang, Ansehen und das Maß an Aufmerksamkeit hängen von Titeln ab. Andererseits hat der Begriff durch diese Unterordnung m.E. auch einen gewissen „Welpenschutzeffekt“ (der manchmal willkommen, manchmal abwertend ist). Mein Eindruck ist, dass die Forschung von Nachwuchswissenschaftler*innen eigentlich in erster Linie ein Eignungstest ist, inhaltlich – ohne Doktortitel – jedoch unter etablierten Wissenschaftler*innen niemanden wirklich interessiert.

 

Welche Alternativen gibt es?

Wir haben ebenso gefragt, welchen Begriff unsere Autor*innen als Alternative vorschlagen würden.

 

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