Stilfragen: Die Sache mit den Adjektiven

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Misstrauen gegen nur schmückende Beiwörter und Argwohn gegen das Adjektiv überhaupt: den Text auf entbehrliche Adjektive durchsehen, jedes gestrichene als einen Gewinn betrachten und ein schlechtes Gewissen gegenüber jedem Satz haben, der mehr als ein Adjektiv behält.

Mit ähnlichen Worten warnt Wolf Schneider in seinem Buch „Deutsch für Profis. Wege zu gutem Stil“ vor der „redundanten Gefahr“, vor Adjektiven.

 

Mehr mit weniger

Schon St.-Exupéry definierte Schönheit durch die Unmöglichkeit, noch etwas zu entfernen. Und dieser Art von Schönheit können wir uns auch beim Schreiben wissenschaftlicher annähern. Anstatt in die Kiste der Pleonasmen zu greifen, konzentrieren wir uns beim Schreiben auf das Wesentliche. Das bedeutet nicht, dass wir nicht erläutern dürfen. Es bedeutet aber, dass wir uns mit Blick auf Redundanzen bewusst zurückhalten; jedenfalls im angemessenen Rahmen.

Nicht selten wirkt der Einsatz von Adjektiven und anderen Attributen achtlos:

In einem Text fand ich die Formulierung „… wird nicht detailliert konkretisiert…“ Das klingt gewichtig. Allerdings wäre in diesem Text eine „Konkretisierung“ der Angelegenheit zwangsläufig mit „Details“ einhergegangen. Mein Vorschlag wäre an dieser Stelle, das „detailliert“ zu streichen.

Ein anderer Text lieferte das schöne Beispiel: „Demnach bietet dieser Ansatz auch neues Potenzial für zukünftige Aktivitäten.“ Ob es notwendig ist, das „Potenzial“ als „neu“ einzustufen? Und ein Potenzial für „vergangene Aktivitäten“ erscheint zumindest merkwürdig. Den Beispielsatz würde ich umformulieren in: „Demnach bietet dieser Ansatz Potenzial für die Zukunft“. (Tatsächlich würde ich sogar noch den Schritt weitergehen und aus „bietet“ ein „birgt“ machen: Denn Verben füllen einen Text mit Leben.)

Eine letzte Illustration: „Die freiwillige Teilnahme der Parteien an der Mediation ist keine unumstößliche Notwendigkeit…“ In diesem Falle wollte der oder die Autor*in auf Nummer sicher gehen, damit sich niemand verpflichtet fühlt. Die Auflösung des Satzes überlasse ich Ihnen.

 

Wirklich alle Adjektive streichen?

Manchmal fällt einem Adjektiv eine wichtige Rolle zu (wie im vorhergehenden Satz „wichtig“…): nämlich die Rolle, Dinge voneinander zu unterscheiden. Wenn Sie Ihre Wandergruppe auf ein Pferd aufmerksam machen wollen, an dessen Herde sie vorüberschreiten, sagen Sie das „weiße“ Pferd, um es von seinen schwarzen Nachbarn zu unterscheiden. Derartige Unterscheidungen nehmen Sie vor, wenn Sie zwischen qualitativer und quantitativer Forschung unterscheiden oder zwischen pädagogischen und sozialen Institutionen.

Ein Adjektiv kann zudem die Rolle der Betonung übernehmen. Es kann Situationen verstärken und das betonen, was Ihnen besonders wichtig erscheint. Diese Adjektive können Sie mit einem Gewürz vergleichen: Das behutsame Verwendung unterstreicht eine Geschmacksnote; das unkontrollierte Ausschütten überdeckt jedwede Nuance.

Wenn Sie zwischen „streichen“ und „bleiben“ entscheiden wollen, können Sie mit „alle streichen“ beginnen. Sie werden beim nochmaligen Lesen sofort sehen, welche Adjektive notwendig sind, welche Ihre Aussagen verstärken und welche wahrlich redundant sind. Dann können Sie guten Gewissens mit den Adjektiven in Ihrem Text leben!

 

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