Zur geschlechtlichen Arbeitsteilung von Eltern

Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft 1-2021: Wirkung, Einfluss und Folgen im Mehrebenendesign – Steuerungsstrategien zur elterlichen Arbeitsteilung und ihre Übersetzung

Wirkung, Einfluss und Folgen im Mehrebenendesign – Steuerungsstrategien zur elterlichen Arbeitsteilung und ihre Übersetzung

Lisa Yashodhara Haller

Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, Heft 1-2021, S. 29-42

 

Zusammenfassung

Die Persistenz geschlechtlicher Arbeitsteilung im Anschluss an die Familiengründung fordert sowohl familienpolitische Steuerungsstrategien als auch deren Untersuchung heraus. Häufig wird in Wirkungsanalysen deterministisch vorausgesetzt, dass sich die staatliche Steuerungsfunktion unmittelbar auf die Handlungen von Subjekten auswirkt; das greift jedoch zu kurz. Ob ein Steuerungsziel erreicht wird, hat wesentlich mit den Interpretationen des Steuerungsinstrumentes und der entsprechenden Bedeutungszuschreibung auf unterschiedlichen Ebenen der Vermittlung und nicht zuletzt durch die adressierten Eltern zu tun. Letztere erzeugen insofern die Wirkung staatlicher Steuerung, statt sie nur zu beziehen. Der Beitrag fragt, wie Wirkung – begriffen als Übersetzung der Steuerungsabsicht durch interpersonelle Deutungen verschiedener Akteur*innen auf unterschiedlichen Ebenen der Politikvermittlung – konzeptualisiert werden kann. Dazu werden der Stand der Auseinandersetzung um die Analyse und Feststellung von Wirkung, Einfluss und Folgen staatlicher Steuerungsinstrumente dargestellt und der Nutzen der jeweiligen Ansätze anhand der Konzeptualisierung eines feministischen Mehrebenendesigns umrissen.

Schlagwörter: Familienpolitik, Multilevel Design, Familienbild

 

Impact, Influence and Consequences in a Multilevel Research Design – Policies for a Parental Division of Labour and their Translation

The persistence of a gendered division of labour after the birth of a family’s first child challenges both family policies and their investigation. Impact analyses often deterministically assume that governance directly affects the actions of subjects; however, this falls short. Whether a control goal is achieved has a lot to do with the interpretations of the control instrument and the corresponding attribution of meaning at different levels of mediation and not least by the parents addressed. In this respect, the latter create the effect of state control rather than merely obtain it. The article asks how impact can be conceptualized as the translation of steering intention through interpersonal interpretations of different actors at different levels of policy mediation. To this end, the state of the debate on the analysis and determination of the impact, influence and consequences of family policies is presented and the usefulness of the respective approaches is outlined within the conceptualization of a feminist multi-level research design.

Keywords: family policies, multi-level design, family image

 

Die Persistenz der geschlechtlichen Arbeitsteilung als methodische Herausforderung

Seit dem Erstarken der ‚neuen‘, durch die rot-grüne Koalition begründeten Familienpolitik ist geschlechtliche Arbeitsteilung ein zentrales Steuerungsziel staatlicher In­terventionen. Dabei avanciert Elternschaft zu einer umkämpften Arena gleichstel­lungspolitischer Bemühungen. Die trotz veränderter Steuerungsziele anhaltende Persistenz einer geschlechtlichen Arbeitsteilung, die sich in Paarbeziehungen ins­besondere zum Zeitpunkt der Familiengründung ausdifferenziert, wird mit einem  als ‚natürlich‘ gedeuteten Eigensinn individueller Elternpaare begründet, was die­sen eine gewisse Resistenz gegenüber den Reformen zuschreibt. Wirkungsanalysen dieses Bereichs ermitteln meist statistische Korrelationen und Nutzungsverhalten, unklar bleibt jedoch, in welcher Weise staatliche Steuerung sich auf elterliche Ar­beitsteilung als privaten Bereich des Familienlebens auswirkt. Da die Lebensphase der Familiengründung familienpolitisch stark flankiert wird, ist anzunehmen, dass die Beständigkeit einer geschlechtlichen Arbeitsteilung sich nicht ausschließlich mit den individuellen Interessen von Paaren begründen lässt.

Vielmehr sind Entscheidungen zur Arbeitsteilung ein Produkt des Verständ­nisses und der Deutung der staatlichen Steuerungsabsicht durch unterschiedliche Akteur*innen, die diese Absicht im Politikprozess immer wieder übersetzen. Dies erstreckt sich von der Makroebene der Ausgestaltung eines Steuerungsziels durch die Politik über die Mesoebene, wo die Steuerungsabsicht durch staatliche Institutionen wie Behörden und Verwaltung interpretiert wird, bis zur Mikroebene der Adressierten, wo sich Geschlechterdifferenzierung konkret in der Interaktion des Paares konstituiert. Ob und wie familienpolitische Leistungen wirken, hängt wesent­lich von interpersoneller Deutung im Zusammenhang mit Kontextbedingungen ab, die als Übersetzungsleistung zu verstehen ist. In dieser Übersetzung werden von den Beteiligten Deutungen vorgenommen, aus denen sich komplexe Zusammenhänge von Wirkung, Einfluss und Folgen der Familienpolitik ergeben (vgl. Abbildung 1). Diese wiederum sind zur forschungspraktischen Bewertung des Nutzens staatlicher Maßnahmen ausgesprochen relevant. Für die Analyse von Geschlechterdifferenzen muss diese dreigliedrige Perspektive in ihrer Komplexität noch ergänzt werden. Denn wenn Steuerungsinstrumente in gleichstellungspolitischer Absicht auf eine Arbeitsteilung zielen, die Geschlechterdifferenz erzeugt, verändert oder verfestigt, erfolgt die Adressierung nicht nur an eine, sondern mindestens an zwei Personen.1 Diese versehen die Instrumente im Rahmen ihres Paararrangements interaktiv mit Sinn, deuten sie gemeinsam und verständigen sich darauf, welche Bedeutung sie der jeweiligen Leistung zuschreiben. Daher muss auch der Verständigungsprozess innerhalb der Paarbeziehung als Untersuchungsgegenstand herangezogen werden (Haller 2018, 13). Obwohl die intersubjektive Herstellung der Geschlechterdiffe­renz in zahlreichen Aktionen zwischen Einzelpersonen erfolgt, wird durch ihre Ver­vielfältigung im Alltagshandeln ein allgemeines Wissen generiert und in das Ge­schlechterverhältnis überführt. Darin interagieren Frauen und Männer nicht mehr in einzelnen Austauschverhältnissen, sondern werden als soziale Gruppen zueinander positioniert (Becker-Schmidt / Knapp 1995, 16).

Einschlägige politikwissenschaftliche Mehrebenendesigns haben die Bedeutung steuerungspolitischer Maßnahmen bislang mehrheitlich anhand quantitativer Ein­flussfaktoren untersucht (u.a. Tausendpfund 2020; Jäckle 2015). Sie fragten z.B. nach der Häufigkeit, mit der eine Leistung eine bestimmte Personengruppe erreicht. Mehrebenenanalysen, die auf die Wirkung familienpolitischer Maßnahmen abzie­len, ermitteln meist anhand statistischer Daten Korrelationen (vgl. Kümmerling/Postels 2020; Grunow 2017; Hipp/Leuze 2015; Berninger 2009). Eine erbrachte Leistung und die damit veränderte monetäre Allokation – die Menge an Geld, die einem Haushalt zur Verfügung steht und Möglichkeiten beeinflusst, z.B. bei familialen Problemen eine Paarberatung oder zur Kindesbetreuung eine Kita in Anspruch zu nehmen – stellen aber aus der Perspektive der Adressierten noch keine Wirkung dar. Diese entsteht vielmehr aus dem, was die Adressierten aus dem Input der Steu­erungsressource machen, wie sie diese verstehen und interpretieren, mit Sinn anrei­chern und nutzen. Die mit einer Steuerungsabsicht adressierten Eltern, so lässt sich eine grundlegende Prämisse über das hier fokussierte empirische Feld zusammen­fassen, sind insofern selbst Produzierende der Steuerungswirkung, statt diese nur zu beziehen. Wirkungen bzw. Wirkungszusammenhänge sind dann als Abfolge von Deutungen und Bedeutungszuschreibungen zu verstehen. Hier setzt der vorliegende Beitrag an, indem er der Frage nachgeht, wie durch die Vermittlung mehrerer Ebe­nen eine Wirkung – begriffen als Verständnis der Steuerungsabsicht, ihrer Deutung und der Bedeutungszuschreibung aus der Perspektive der Adressierten – konzeptu­alisiert werden kann.

Um diese Vermittlungszusammenhänge auf unterschiedlichen Ebenen herzuleiten, wird im nachfolgenden zweiten Abschnitt der Stand der kontroversen Auseinander­setzung um die Analyse und Feststellung von Wirkung, Einfluss und den Folgen für die Ausrichtung staatlicher Steuerungsinstrumente skizziert. Im dritten Abschnitt er­folgt die experimentelle Kombination verschiedener Techniken der empirischen Sozialforschung, wobei Erkenntnisse aus Wirkungs-, Einfluss- und Folgenforschung für die Konzeptualisierung von Übersetzungsschritten im Rahmen eines qualitativen Mehrebenendesigns fruchtbar gemacht werden. Der vierte Abschnitt schließt die Überlegungen ab, indem der Nutzen des vorgestellten Forschungsdesigns für eine feministische Wirkungsforschung umrissen wird.

Wirkung als Verständnis der Steuerungsabsicht

Da kaum belastbare Daten dazu vorliegen, wie staatliche Steuerung das Handeln von Subjekten tatsächlich beeinflusst, gerät die diesbezügliche Ursache-Wirkungs­beziehung aktuell zu einem zentralen Kampfplatz methodischer Auseinanderset­zungen.2 In medial-öffentlichen Debatten, in Politikberatung und Geschlechterfor­schung – überall wird absichtsvoll auf den Begriff der Wirkung zurückgegriffen. Insbesondere im Kontext sozial- und familienpolitischer Leistungen, Maßnahmen und Interventionen bleibt der Fragenkomplex, was wie und aus welchen Gründen wirkt, beliebter Spekulationsgegenstand. Die Anekdote, nach der im Jahr 2007 die amtierende Familienministerin Ursula von der Leyen fest davon ausging, die Stei­gerung der Geburtenrate sei auf das von ihr im selben Jahr eingeführte Gesetz zum Elterngeld und der Elternzeit (BEEG) zurückzuführen, während Bundeskanzlerin Angela Merkel als Ursache der vermehrten Geburten die Fußball-WM des Vorjahres vermutete, illustriert dies.

Der Duden definiert eine Wirkung als „durch eine verursachende Kraft bewirkte Veränderung“ (Dudenredaktion o.J.: Wirkung). Als Instrument zur Systematisierung von Ursache Wirkungszusammenhängen, und um sich auf unterschiedliche Wir­kungsverständnisse in verschiedenen Stadien des Politikprozesses verständigen zu können, hat sich in den Praxisfeldern der Politikwissenschaft das systemtheoretische Modell der Wirkungskette etabliert, die den Prozess des Entstehens einer Wirkung in vier Wirkungsebenen differenziert. Abbildung 1 stellt diese Ebenen schematisch dar und führt auf, wie sie interpersonell jeweils als Wirkung gedeutet werden können. Unterschieden werden dabei (1) Input-Indikatoren, welche die verursachende Kraft oder Steuerungsressource ermitteln, die investiert wird, um eine Veränderung zu bewirken, und (2) Output-Indikatoren, welche jene direkte Wirkung identifizieren, die durch die Steuerungsressource erzielt werden. Eine indirekte Wirkung wird als Einfluss der Steuerungsressource durch (3) Outcome-Indikatoren erfasst, während (4) Impact-Indikatoren langfristige Wirkung und damit in gewisser Weise die blei­benden Folgen ermitteln (u.a. Wenzelburger/Zohlnhöfer 2015, 21). Indem Einfluss als Beeinflussung und damit als potenzielle Möglichkeit einer Wirkung verstanden wird (Dudenredaktion o.J.: Einfluss), kann eine indirekte Wirkung, die erst durch die Deutung der Steuerungsressource durch die Adressierten zustande kommt, beschrie­ben werden. Folgen begriffen als das Produkt einer nachhaltigen Wirkung, entfalten in der Definition der Folgenforschung ihre Wirkung erst durch eine Co-Produktion der Adressierten. Diese verhalten sich zu einer Steuerungsressource und verursachen im Rahmen von spezifischen Verhaltensweisen eine Wirkung (Pawson/Tilly 1997).

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