Sprache als Differenzlinie in Unternehmen

„Die Sprache ist ‚broken English‘“: Wie sich Beschäftigte trotz limitierter Sprachkenntnisse Handlungsspielräume schaffen

„The language is ‚broken English‘“: How employees create spaces for agency in spite of limited language skills

Claudine Gaibrois

ZDfm – Zeitschrift für Diversitätsforschung und -management, Heft 1/2017, S. 7-21

Kurzfassung
Trotz zunehmender sprachlicher Durchmischung der heutigen Firmenbelegschaften hat Sprache als Differenzlinie in der Diversitätsforschung bislang relativ wenig Beachtung erhalten. Anhand einer diskursanalytischen Fallstudie aus der Schweiz zeigt dieser Beitrag auf, wie Mitarbeiter_innen von Unternehmen mit sprachlich durchmischter Belegschaft die Konsequenzen von Sprachenvielfalt beschreiben, und wie sie mit diesen Konsequenzen umgehen. Dabei zeigt sich, dass Sprachkenntnisse als sehr relevant für die zur Verfügung stehenden Handlungsspielräume interpretiert werden. Gleichzeitig schildern Beschäftigte eine Vielzahl von Arten, sich trotz limitierter Sprachkenntnisse Handlungsspielräume zu verschaffen.
Schlüsselwörter: Sprachenvielfalt, Sprachkenntnisse, Ungleichheiten, Handlungsspielräume, Schweiz

Abstract
In spite of the increasing mix of native languages in today’s companies’ workforce, language as a diversity dimension has received relatively little attention in diversity research to date. Based on a case study conducted in Switzerland, this article shows how employees of linguistically diverse companies describe the consequences of language diversity, and how they handle these consequences. The findings show that language skills are interpreted as very relevant for an employee’s scope of action. At the same time, employees describe a number of forms to create spaces for agency in spite of their limited language skills.
Key words: Language diversity, language skills, inequalities, scopes of action, Switzerland

1. Einleitung

Die Überwindung von „Sprachbarrieren“ (Harzing et al. 2011) stellt in der heutigen Arbeitswelt eine zunehmend wichtige Herausforderung für Angestellte und Management dar. Im Zeitalter der Globalisierung ist es mehr die Regel denn die Ausnahme, dass am Arbeitsplatz Menschen unterschiedlicher Muttersprachen aufeinander treffen. Mit Arbeitskolleg_innen zu kommunizieren bedeutet daher häufig, sich in Fremdsprachen zu verständigen. Trotz der allgegenwärtigen sprachlichen Durchmischung der Bevölkerung hat die Differenzlinie Sprache in der Diversitätsforschung jedoch bislang relativ wenig Beachtung gefunden. Allerdings betonen einzelne Stimmen (u.a. Tatli/Özbilgin 2012; Boogaard/Roggeband 2010; Choules 2006; Ogbonna/Harris 2006), dass Sprachkenntnisse eine ungleichheitsrelevante Kategorie darstellen. Gemäss Lutz et al. (2011) führen die Sprachenvielfalt und die Sprachentrennungen in Europa gegenwärtig gar zu einer Reihe von marginalisierenden Effekten, was eine gründliche Untersuchung der Diversitätsdimension Sprache erforderlich mache.

Im Unterschied zur Diversitätsforschung hat die Managementforschung der Untersuchung von Sprachenvielfalt, insbesondere im Arbeitskontext, mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Dort hat sich sprachliche Diversität als ein von interkulturellem Management zu unterscheidendes Forschungsfeld etabliert (Brannen et al. 2014). Aufgrund der gemischtsprachigen Zusammensetzung der Belegschaft heutiger Firmen sind Sprachkenntnisse zu einem der Kernthemen dieser Forschungsrichtung geworden. Ein bedeutender Anteil der Literatur konzentriert sich auf Fremdsprachenkompetenz (Mughan 2015) und befasst sich mit den Konsequenzen, die der Besitz von beziehungsweise der Mangel an Sprachkenntnissen für Individuen mit sich bringen (Tietze et al. 2016).

2. Bedeutung von Sprachkenntnissen

Fremdsprachenkenntnisse werden in der Managementforschung als karriererelevante Kernkompetenz (Itani et al. 2015) in den heutigen globalisierten Unternehmen und als wichtiger Teil des Karrierekapitals von Arbeitnehmenden (Peltokorpi 2015) interpretiert. Dank für das Unternehmen nützlicher Sprachkenntnisse können Mitarbeitende unter Umständen in der Hierarchie aufsteigen (Logemann/Piekkari 2015) oder sich sogar in machtvolleren Positionen wiederfinden, als dies normalerweise der Fall wäre (Marschan-Piekkari et al. 1999). Sprachkenntnisse spielen auch eine wichtige Rolle in der Fähigkeit der sogenannten Expats, sich an ihre neue Umgebung anzupassen (Zhang/Peltokorpi 2015). Sprachkompetenzen können somit als ermächtigende beziehungsweise entmächtigende Ressource (Vaara et al. 2005) sowie als Quelle von individueller Macht und Einfluss (u.a. Barner-Rasmussen et al. 2014; Peltokorpi/Vaara 2014; Tietze et al. 2003) betrachtet werden.

Umgekehrt sehen sich Beschäftigte mit wenig oder keinen unternehmensrelevanten Sprachkenntnissen mit Stolpersteinen konfrontiert. Diese reichen vom Schweigen in bestimmten Interaktionen aufgrund mangelnder Sprachkompetenzen (Vaara et al. 2005) zur Begegnung mit ernstzunehmenden Hürden im Karrierefortschritt (Steyaert et al. 2011) und „gläsernen Decken“ (Itani et al. 2015). Barner-Rasmussen/Aarnio (2011) präzisieren in diesem Zusammenhang, dass Sprachkenntnisse je nach Funktion und Hierarchielevel der Mitarbeiter_innen stark variieren. Sie identifizieren daher einen sprachbedingten Graben zwischen „white collars“ und „blue collars“, der ganz besonders in bezug auf das zunehmend als lingua franca verwendete Englisch existiert. Generell kommen viele Forschende (u.a. Neeley/Dumas 2016; Neeley 2013; Harzing/Pudelko 2013; Feely/Harzing 2003; Tietze et al. 2003; Marschan-Piekkari et al. 1999) zum Schluss, dass Beschäftigte mit besseren Englischkenntnissen sich in einer vorteilhafteren Position befinden.

Wenig Beachtung hat die Managementforschung, ebenso wie die Diversitätsforschung, jedoch der Frage geschenkt, wie Mitarbeiter_innen mit mangelnden oder begrenzten Sprachkenntnissen umgehen. Dieses Thema wird daher im Zentrum dieses Beitrags stehen. Dieser nimmt die wenig erforschte Differenzlinie Sprache in den Fokus, indem er am Beispiel einer in der Schweiz durchgeführten Fallstudie untersucht, wie sich Beschäftigte angesichts ihrer sprachlich bedingten Einschränkungen Handlungsspielräume schaffen.

3. Diskursive Konstruktion von Sprachkenntnis-Relevanz und
Handlungsspielräumen

Zur Untersuchung der Folgen von limitierten Sprachkenntnissen für Beschäftigte und der von diesen initiierten Vergrösserung ihrer Handlungsspielräume nimmt der Beitrag eine diskursanalytische Perspektive ein. Diese geht davon aus, dass Sprache (im Singular) nicht die soziale „Realität“ reflektiert. Vielmehr basiert die diskursanalytische Sichtweise auf dem sozialkonstruktionistischen Grundsatz, wonach Sprache die Welt ebenso sehr erschafft wie repräsentiert (Gergen/Thatchenkery 2004; Gergen 1985; Berger/Luckmann 1967). Aus diskursanalytischer Sicht wird soziale Praxis durch Diskurs – der als Sprachgebrauch oder menschliches Schaffen von Bedeutungen definiert werden kann (Wetherell 2001a) – organisiert. Menschen beziehen sich kollektiv auf diskursive Praktiken, also Formen des sprachlichen Handelns, um ihr Verhalten zu organisieren (Wetherell 2001b). Die Untersuchung von Diskursen gibt somit Aufschluss darüber, welche Bedeutungen Menschen Ereignissen und Erfahrungen verleihen (Wetherell 2001a). Diskursive Praktiken stellen jedoch keine harten Regeln dar, die Menschen wie Marionetten befolgen. Vielmehr handelt es sich um flexible und kreative Ressourcen. Ein diskursiver Raum besteht somit aus vielen verschiedenen Elementen, die unterschiedlich kombiniert werden können. Gleichzeitig haben Schilderungen, sobald sie verfügbar und verbreitet sind, Konsequenzen für zukünftige Ereignisse (Wetherell 2001b). Aus einer diskursanalytischen Perspektive werden Konsequenzen von Sprachkenntnissen und Vergrösserungen von Handlungsspielräumen durch eine Reihe von Schilderungen geschaffen. Diese stellen Ressourcen dar, mit deren Hilfe Beschäftigte von mehrsprachigen Unternehmen ihr Verhalten organisieren. Über die Konsequenzen von mangelnden Sprachkenntnissen zu sprechen, beispielsweise in einer Interviewsituation, hat somit Auswirkungen auf soziale Beziehungen in mehrsprachigen Firmen. Die Schilderung trägt fundamental zur Schaffung der „Realität“ der Konsequenzen von Sprachkenntnissen und der Vergrösserung von Handlungsspielräumen bei.

* * *

Sie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist in dem Heft 1/2017 der ZDfm – Zeitschrift für Diversitätsforschung und -management erschienen.

© pixabay 2017, Foto: Free-Photos

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.