Sexualität als Forschungsthema

Von der Einsamkeit, über Sexualität zu forschen
Ein anderer Forschungsbericht

Markus Hoffmann

Über Sexualität und Schule zu forschen ist in zweierlei Hinsicht schwierig: Einerseits gibt es auffallend wenig Theorie und Empirie zu diesem Gegenstand; Sexualität wird nicht nur im Kontext Schule, sondern auch in der Schulforschung ignoriert. Andererseits stellt sich das Forschen zu diesem Thema an sich merkwürdig dar. Auf den ersten Blick und bei Schilderungen, man forsche über Sexualität, stößt das Thema zwar immer auf großes Interesse – dies ist nicht sonderlich merkwürdig; informierte Leser_innen wissen, dass ein smalltalktaugliches Sprechen über Sexualität derzeit très chic ist. Sonderlich wird es aber, wenn Wissenschaftler_innen in ihrer Rolle als Forschende mit Sexualität als Forschungsgegenstand konfrontiert werden. So finden sich neben spannenden Erkenntnissen im Gegenstand selbst auch Erkenntnisse, wie bizarr der Forschungsgegenstand in der erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Forschungslandschaft wahrgenommen wird. Hier ein kleiner Erfahrungsbericht aus der Erziehungswissenschaft.

Zunächst muss der Forscher bzw. die Forscherin allen anderen Kollegen plausibel erläutern, warum das Thema Sexualität überhaupt ein Forschungsthema sein sollte. Unbefriedigt zeigt sich das Gegenüber mit Antworten wie „nun ja, auch über Geschlecht, Kultur oder Alter wird geforscht, und Sexualität hat doch ganz vielfältige und spannende erziehungswissenschaftliche Implikationen!“. Bereits zu Beginn des Forschungsprozesses erlebt der/die Forscher_in, dass Sexualität als wissenschaftlicher Gegenstand wahrlich kein common sense ist und immer wieder nach einer greifbaren, geradezu praxistauglichen Aussage verlangt wird. Dies, so lässt sich leicht beobachten, wird selten bei anderen Themen derart intensiv und im Stil einer Rechtfertigung eingefordert. Tipp: Es ist immens hilfreich, wenn ein allgemein nachvollziehbares Ereignis als darstellende Erklärung genommen wird, wie etwa die Unterrichtsreihe Sexualerziehung, bei der Lehrer_innen ganz explizit über das Thema sprechen sollen. Damit können die meisten Personen befriedigt werden, die zuvorderst dem Gegenstand eine Wissenschaftlichkeit absprechen.

Die Kolleg_innen hat man irgendwann überzeugt, begeistert – oder sie lassen einfach gewähren und sind gespannt – und es kommen die ersten kleineren Workshops und Summer/Autumn/Winter/Spring-Schools, die mit dem Forschungsprojekt in Verbindung stehen könnten. Besonders Veranstaltungen mit dem Titel „Diversity“ erscheinen sofort sehr passend für fachlichen Austausch und spannende Diskussionen zum Forschungsthema Sexualität. Im Diversity-Ansatz kommt neben Kultur, Alter, Geschlecht, Behinderung und Religion schließlich auch der Sexualität eine zentrale Bedeutung zu. Doch erstaunt stellt der/die Forscher_in fest, dass der gegenstandsbezogenen Gewinn dieser Veranstaltungen fraglich zu sein scheint. Warum, klärt der Blick in ein Tagungsprogramm: Derzeit entwickelt sich eine merkwürdige Engführung des Diversity-Ansatzes, in dem immer ausschließlicher auf Behinderung als Ungleichheitskategorie abgezielt wird. Nicht nur fällt Religion oder Alter kaum in entsprechenden Veranstaltungen auf – Sexualität bleibt völlig außen vor. Dies ist sehr bedauerlich, da der Diversity-Ansatz so vielversprechende Ebenen anbietet, die einer Erforschung würdig sind. Tipp: Vor dem Beantworten eines Calls einfach bei den Organisator_innen nachhaken und fragen, ob sie mit Diversity auch Diversity meinen, oder es sich um eine Tagung zu Inklusion handelt.

Guten Mutes werden also weitere Tagungen ins Visier genommen, die vor allem auf gender rekurrieren und das soziale Geschlecht aus den unterschiedlichsten Perspektiven in den Blick nehmen möchten. Schließlich, so hat der/die Forscherin mittlerweile im Forschungsprozess gelernt, kann Butlers „desire“, also Begehren (so wird der/die Forscher_in Sexualität mittlerweile verstehen) als Fundament gelten, auf dem gender überhaupt erst aufbauen kann – die Genese des sozialen Geschlechts behalf sich schließlich der Opposition zweier als unterschiedlich verstandener Geschlechter. Aber der/die erstaunte Forscher_in stellt fest: Sexualität spielt auch in der gender-Forschung eine vernachlässigte Größe. Einzig in der Queer-Diskussion kommt Sexualität systematisch in den Blick – und ist damit der Orchidee im ohnehin immer wieder angegriffen gender-Diskurs zugeordnet. Tipp: Verwechseln Sie nicht: Über Sexualität zu forschen heißt zwar auch unmittelbar über Geschlecht zu forschen. Über Geschlecht zu forschen gelingt scheinbar auch flächendeckend, ohne dabei über Sexualität zu forschen.

Da der/die Forscher_in an der eigenen Universität kaum inhaltlichen Austausch finden wird und die naheliegenden Theorietraditionen sich dem Thema Sexualität verschließen, legt der/die Forscherin also zuletzt alle Hoffnungen auf die großen Kongresse wie den DGfE-Kongress, bei dem alle noch so unterschiedlichen Subdisziplinen in einen sehr produktiven Austausch kommen. Hier geht es sehr fachdisziplinär, aber auch sehr intersektionell zu – und stets ist der Kongress auch eine Darstellung des erziehungswissenschaftlichen Status Quo.

Obwohl, so weiß der/die Forscher_in sicher mittlerweile auch aus eigenen empirischen Daten, Schule eine so bedeutende sexuelle Sozialisationsinstanz ist, Lehrer_innen mit dem Thema fächerübergreifend im Unterricht, aber auch abseits in Pausenzeiten auf Fluren und Schulhöfen regelmäßig konfrontiert werden, Sexualität für Jugendliche die wichtigste Entwicklungsphase in der Zeit der Sekundarstufe I ist – das Thema taucht einfach nicht auf. Moment! Der DGfE-Kongress 2014 widmete sich in einem(!) Panel doch dem Thema. Und hier rollt der/die mittlerweile wissende Forscher_in die Augen: Sexualität wird ausschließlich problematisierend in den Blick genommen. So kam es auf dem jüngsten Kongress zu einem sehr intensiven öffentlichen Disput zwischen dem Promovenden im Publikum, der zum Thema Sexualität im Kontext von Schule und Unterricht forscht, und dem vortragenden Professoren, der zwar laut Ankündigung über Sexualität im Kontext von Schule berichtete, inhaltlich jedoch ausschließlich sexuelle Gewalt fokussierte. Auf hartnäckiges Nachfragen zum allgemeinen Zusammenhang von Sexualität und Schule kam immer wieder ausschließlich der Topos der Gewalt. Schließlich fragte der Promovend: „Und was ist mit dem Normalfall von Sexualität in der Schule?“ Der vortragende Professor, mittlerweile für alle offensichtlich vom Promovenden genervt, antwortete scharf: „Im Normalfall taucht Sexualität in der Schule nicht auf!“. Der Promovend wollte zwar aufgrund seines mittlerweile erarbeiteten Wissens dagegen argumentieren, wurde aber durch die strafenden Blicke aus dem Publikum sowie dem professoralem „Nein!“ auf das zögerliche Aufzeigen vollkommen ausgebremst. Und so ging auch der wichtigste fachliche Austausch vorbei, bei dem der Forscher sich entweder für sein Thema rechtfertigen musste, oder völlig aussichtslos für das wissenschaftliche Erschließen des Gegenstandes Sexualität warb.

Forscher_innen werden dies auch zukünftig feststellen. Sexualität, sollte sie überhaupt in den erziehungswissenschaftlichen Blick kommen, wird nur qua eindeutiger Problemereignisse wie Übergriffigkeit fokussiert. Warum Lehrer_innen nicht über moralische Aspekte von Sexualität im regulären Unterricht sprechen obwohl sie es sollen; warum Lehrer_innen Küssen auf dem Pausenhof sanktionieren; warum Lehrer_innen Intimität besonders für Hauptschüler_innen als große Gefahr einordnen – dies kann wohl auch zukünftig nur von einzelnen Forscher_innen in den Blick genommen werden, die sich auf dieses wissenschaftlich aktiv ausgelassene Thema einlassen.

Ein abschließender Tipp: Bleiben Sie dabei, erforschen Sie Sexualität! Ein einsameres Forschungsthema werden Sie nicht finden – ein spannenderes jedoch auch nicht.

* * *

Markus Hoffmann ist Preisträger des Dissertationspreises „promotion“ des Verlags Barbara Budrich mit seinem Buch Schulische Sexualerziehung.
Deutungsmuster von Lehrenden (2016).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.