Sexualisierte Gewalt im Aid Business

PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur 157-158 (1+2-2020): Jenseits der Kolonialität von Geschlecht

AidToo, ein Störversuch. Strategien gegen sexualisierte Gewalt im Aid Business*

Hanna Hacker

PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur, Heft 157-158 (1+2-2020), S. 11-33

 

Zusammenfassung

Der Beitrag betrachtet in queerfeministischer, postkolonialer und entwicklungskritischer Perspektive die Aufdeckungen sexualisierter Gewalt im aid business, wie sie mit der Veröffentlichung des einschlägigen „Skandals“ bei der britischen NGO Oxfam Ende 2017 begannen und 2018/19 unter dem Kürzel „AidToo“ international auf verschiedensten Ebenen verhandelt wurden. Die Analyse bezieht sich insbesondere auf drei Handlungsräume: zunächst auf feministischen Aktivismus, seine Strategie des speaking out und die Strukturen der Protestkampagne zu AidToo; weiters auf kritische und reflexive Debatten in Onlinemedien wie Twitter oder in den Blogs von „Smart Development“ und „AfricanFeminism“; und schließlich auf den Umgang betroffener Institutionen, vor allem Oxfam, mit den Aufdeckungen. Im Zentrum steht jeweils die Frage, wie die in AidToo involvierten Akteur*innen Sexualitäten, Körper, Normierungen und Normtransgressionen thematisierten oder dethematisierten. Deutlich werden dabei die Begrenztheiten und Widersprüche der untersuchten aktivistischen, medialen und institutionellen Strategien – aber auch die Wichtigkeit des Aufstörens und Aufschreckens, die politischen Kämpfe im Feld des so nachhaltig in Gewaltstrukturen eingelassenen aid business.

Schlagwörter: MeToo, AidToo, Entwicklungszusammenarbeit, Hilfsorganisationen, Feminismus, sexualisierte Gewalt, Online-Aktivismus

 

AidToo as Interference. Strategies against Sexual Violence in the Aid Business

Taking a feminist, queer, postcolonial, and postdevelopmental perspective, the paper discusses the revelations of sexual violence in the so-called aid business. Starting at the end of 2017 with the publication of the “scandal” within the British NGO Oxfam, revelations of sexual violence in the aid business were debated internationally under the title “AidToo” in 2018/19. The paper analyses the strategies and rhetoric against violence in this field in three areas of action: firstly, feminist activism, its strategy of “speaking out”, and the structures of AidToo as a protest campaign; secondly, critical and reflective debates in online media, such as Twitter or in the blogs “Smart Development” and “AfricanFeminism”; and, finally, third, how involved institutions, especially Oxfam, dealt with the revelations. In each case, focus is placed on how actors involved in AidToo thematised or de-thematised sexualities, bodies, norms, and norm transgressions. Through the analysis the limitations and contradictions of the examined activist, media, and institutional strategies becomes clear, but so too does the importance of politically struggling, disturbing, and unsettling “aidland”, which is deeply embedded in structures of violence and inequalities.

Keywords: MeToo, AidToo, development cooperation, aid industry, feminism, sexual violence, digital activism

 

Wo ist Aidland? Was ist geschehen?

Historisch nicht neu, nicht überraschend, und doch eine „Aufdeckung“, die die Maschinerie der internationalen Hilfsorganisationen zu erschüttern schien: Institutionen der humanitären Hilfe, der Entwicklungszusammenarbeit und der UN-Friedensmissionen, so wurde medial breit offenbart, bergen und verbergen Praktiken sexualisierter Gewalt. Auf die Veröffentlichung des „Oxfamskandals“1 Anfang 2018 reagierten engagierte und Boulevard-Journalist*innen, feministische Aktivist*innen und Entwicklungsmanager*innen, Expert*innen und große politische Institutionen. Ein Hashtag entstand: #AidToo.

Eine öffentliche Enthüllung erzeugt Momente des Schocks selbst bei Rezipient*innen, die keine unmittelbaren Akteur*innen des Enthüllten sind. Die Aufdeckung verstört und schreckt auf, selbst wenn eine*r längst weiß, dass das aktuell skandalisierte Feld eng in Gewaltverhältnisse eingeschrieben ist; in die Gewalt vergeschlechtlichter Ungleichheit, in die Fortschreibung kolonialer Ausbeutungsbeziehungen, in rassistische Verhältnisse, in Figurationen sexueller und sexualisierter Macht. AidToo ist, vor diesem Hintergrund, mittels feministischer, postkolonialer und queerer Theorien zu sozialen Ungleichheiten zu befragen, aber ebenso mittels einer Reflexion der Affekte, die diese Geschichte/n produzierten. Meine analytische und zugleich affektive Annäherung an das schwierige, anrührende Thema wird sich auf folgende Handlungsfelder konzentrieren: den Raum für Aktivismus und Protest, den die als Spinoff von #MeToo geprägte Kampagne #AidToo eröffnet hat; die Debatten in der Blogosphäre; und den strategischen Umgang betroffener Institutionen mit den Aufdeckungen. Dabei geht es mir in besonderer Weise um die Frage, wie in diesen Handlungsfeldern Körper und Sexualitäten normiert oder Normüberschreitungen (denk-)möglich werden. Zu allererst aber muss eine*r sich ein wenig Überblick verschaffen. Was ist überhaupt der „aid sector“, wo ist er, und was ist da geschehen?

Den Apparat internationaler Entwicklungspolitik, die Ideologie und Industrie der Entwicklungszusammenarbeit, die Gesamtheit der Akteur*innen in diesem Feld werden oft in das Kürzel „aid“, „aid sector“, „aid business“ gefasst. Kritische Theoretiker*innen und Praktiker*innen arbeiten manchmal mit dem Begriff Aidland. Er scheint mir gerade für post-/dekoloniale Analyse der internationalen Ungleichheits- und Machtbeziehungen sehr brauchbar, erschließt er doch Zugänge zu ökonomischer, sozialer und kultureller Kritik gleichermaßen. Aidland als Metapher veranschaulicht „die Welt der ‚Hilfe’ als ein komplexes, mehr oder weniger in sich geschlossenes Netz an Institutionen, Personen und Aktivitäten, mit einer Reihe ganz eigener Haltungen, Diskurse und Praktiken“ (Fechter 2011: 131; vgl. Mosse 2011).2 Diese „Welt der ‚Hilfe’“ umfasst multinationale und bilaterale Einrichtungen, Teilorganisationen der UNO, Institutionen staatlicher Außenpolitik, Nicht- Regierungs-Organisationen (NGO[s] – Non Governmental Organisation[s]), von großen Konfessionsgemeinschaften oder kleinen Privatinitiativen getragene Projekte, Programme der Entwicklungszusammenarbeit, der Katastrophenhilfe und der Hilfe in Flüchtlingslagern, die Strukturen internationaler Friedensmissionen … In Aidland gelten eigene Sprach- und Verhaltensregelungen und ein spezifisches Narrativ von Fortschritt. Akteur*innen arbeiten auf der ganzen Bandbreite von Freiwilligen bis zu hochbezahlten Expert*innen, von weißen, westlichen, geografisch mobilen „Macher*innen“ bis zu lokalen Kooperationspartner*innen. In Aidland liegt ebenso die „development-Kontaktzone“, in der die „Zielgruppen“ am Funktionieren des globalen Diskurses von Hilfe, Entwicklung und Frieden mit- und weiterbauen. Manche Autor*innen beschreiben Elemente dieses Diskurses als mimetisch, ironisch und parodistisch (Hacker 2007; Olivier de Sardan 1995). Die Welt der internationalen Hilfe hat eigene Kritiker*innen hervorgebracht. Diese arbeiten mit anti-, post- und dekolonialen Ansätzen für eine Einordnung der „Hilfe“-Politiken in globale Gewaltverhältnisse, mit Befunden des postdevelopment für die Dekonstruktion von „Entwicklung“ als (westlicher) „Meistererzählung“, mit Neoliberalismusanalyse, mit feministischen und queer-theoretischen Perspektiven auf globale vergeschlechtlichte und sexualisierte Machtverhältnisse (vgl. Hacker 2012). Aus ihren Befunden lässt sich folgern, dass das Paradigma der internationalen Entwicklung mitsamt der Fortschreibung globaler Ungleichheits- und Ausbeutungsverhältnisse spätestens seit den Anfängen des Kalten Krieges gleichsam „überall“ ist. Die Grenzen von Aidland lassen sich somit gar nicht recht festmachen.

Die unter AidToo rubrizierten Skandale nehmen ihren Beginn mit der medialen Aufdeckung sexueller Übergriffe bei Oxfam, einer 1942 gegründeten großen internationalen NGO mit langjährigem Schwerpunkt auf Armutsbekämpfung in britischen Kolonien (und jährlichen Einnahmen von zuletzt etwas mehr als 1 Mrd. €).3 Anfang 2018 schlossen sich Regierungsstellen in Haiti offiziell dem Vorwurf an, männliche Mitarbeiter der NGO hätten während ihres Einsatzes nach dem Erdbeben 2010/2011 sexuelle Dienstleistungen gekauft, „Sexpartys“ mit einheimischen Frauen gefeiert und Hilfsgüter erst im Tausch gegen Sex zur Verfügung gestellt. Der Landesdirektor war bereits im Zuge früherer interner Untersuchungen ausgeschieden, nun trat die Vizedirektorin zurück, die Organisation entschuldigte sich bei Regierung und Bevölkerung, Großbritannien strich Oxfam die staatlichen Fördergelder, und Haiti untersagte der NGO schließlich dauerhaft die Arbeit vor Ort. Auf die ersten medialen Aufdeckungen zu Oxfam in Haiti folgten rasch weitere Meldungen über sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gewalt in verschiedensten Einrichtungen der humanitären Hilfe und der Entwicklungszusammenarbeit in den letzten Jahren. Geografisch ging es sowohl um Länder des Globalen Südens als auch um Zentren im Globalen Norden. Nach den personellen Konsequenzen bei Oxfam gab es etwa bei UNICEF den Rücktritt eines stellvertretenden Direktors. Organisationen wie Plan International oder Ärzte ohne Grenzen entschieden sich für ein proaktives Veröffentlichen der Zahlen zu den Anzeigen wegen sexueller Übergriffe und sexualisierter Gewalt in ihrer Organisation. Als eine weitere namhafte NGO war Save the Children in die Skandalisierungen verstrickt.

Sexualisierte Gewalt in Aidland thematisieren: Wer oder Was?

Soziale (und) Online-Medien spielten in den Aufdeckungsprozessen eine große, wenngleich hinsichtlich Verbreitungsgrad und Dichte vor allem der Ich-Erzählungen keine mit #MeToo vergleichbare Rolle. Es war eine auf Kommunikationsstrategien in der Entwicklungsindustrie spezialisierte Plattform, die Ende November 2017 erstmals den Hashtag #AidToo twitterte.

Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen und Workshops zu diesem Themenfeld folgten im Lauf des Jahres 2018, zumeist in Ländern des Globalen Nordens, hie und da mit Sprecher*innen aus dem Globalen Süden. In New York lud das UN Feminist Network Gender at Work im März zu #AidToo. Speaking out about sexual harassment and abuse of power, das entwicklungswissenschaftliche Graduate Institute in Genf bot im Mai einen  Workshop an mit dem Titel #AidToo: Sexual Exploitation in International Cooperation, für Oktober fi ndet sich eine Abendveranstaltung an der London School of Economics, #AidToo: Where Do We Go From Here; oder ein Panel zum Thema Sexual Exploitation and Abuse of Power: Prevention and Response beim alljährlichen Humanitarian Congress in Berlin. Als repräsentativ angelegten Gipfel gestalteten britische Regierungsstellen im Oktober 2018 eine mit AidToo Summit bezeichnete Konferenz.

Auflagenstarke Printmedien berichteten zum Oxfamskandal grell stereotyp. The Times eröffnete mit „Orgie wie im alten Rom mit Prostituierten in Oxfam-T-Shirts“ (The Times, 9.2.2018). Es dominierten reißerische und voyeuristische Darstellungen von fetten weißen Männern mit dicken Autos, die verängstigte, Hunger leidende Schwarze junge Frauen knechten. Den „Qualitätsmedien“ gelang die Auseinandersetzung mit dem Thema manchmal nur wenig besser. So präsentierte etwa Carolin Emcke, preisgekrönte gesellschaftskritische Essayistin, ihre Imaginationen zum Szenario der sexuellen Ausbeutung in Krisengebieten plakativ folgendermaßen: „Wie befriedigt kann jemand sein, der um sich herum nur Trümmer, Beinamputierte und hungrig-halluzinierende Menschen sieht, und vor sich eine Frau, die ihm ihren Körper verkauft?“ (Süddeutsche Zeitung, 16.2.2018) Die Chance einer umfassenderen Reflexion zu den Möglichkeiten und Grenzen ausbeuterischen oder, andererseits, widerständigen Handelns in globalen „Hilfs“-Strukturen wurde selten ergriffen.

Dabei hat Entwicklungskritik ja lange schon detailliert beschrieben, inwiefern internationale „Hilfs“- und „Kooperations“-Beziehungen als eigene Macht-Wissens-Systeme auf dem othering nicht-weißer und nichtmännlicher Subjekte basieren (z.B. Escobar 1995) und eine lange Geschichte der Disziplinierung „fremder“, „hilfs“- oder „entwicklungsbedürftiger“ Körper fortschreiben (vgl. Hacker 2013a). (Übrigens gab es auch im akademischen Feld zumindest bis weit ins Jahr 2019 hinein international so gut wie keine Analysen zu AidToo.)

Die neueren Aufdeckungen sexualisierter Gewalt in Aidland erfassen: Ich gehe dies mit dem Instrumentarium queer-theoretischer, postkolonialer und intersektionell-feministischer Analyse an und richte Aufmerksamkeit zugleich auf verkörpertes und affektives Wahrnehmen. Mein Erkenntnisinteresse bezog und bezieht sich vor allem auf die Frage, wie sich die in AidToo involvierten Akteur*innen mit den Verflechtungen von Gewalt und Begehren, Ausbeutung und Sexualisierung im Rahmen internationaler „Hilfe“-Politiken auseinandersetzten. Mit welchem Verständnis von Körpern und Sexualitäten argumentierten sie? Inwiefern schrieben sie Normierungen fort, mit welchen Strategien brachen sie gewaltvolle – rassistische, kolonialistische, sexistische – Handlungsmuster auf? Die Analysefragen, die ich im Einzelnen noch ausführe, schienen mir vor meinem theoretischen Hintergrund durchwegs naheliegend und gar nicht außerordentlich ausgeklügelt, und doch sollte ich mit ihnen an den Befestigungen von Aidland immer wieder unvermutet abprallen. Die Logik des institutionellen Diskurses erwies und erweist sich zumeist als stärker denn die „Störversuche“ in Gestalt politischer Analysen. Unter dieser Maßgabe also betrachte ich nun folgende Fragmente des AidToo-Diskurses und seines Potenzials, zu verstören und aufzustören, näher: das speaking out zum Erleben von Gewalt, die Grenzen des Potenzials von transformativ konzipiertem Aktivismus, die Geschichte des Hashtags #AidToo und weitere mediale Strategien zur Diskursivierung dieser Verstrickungen von „Hilfe“, Begehren und Gewalt sowie einige konkrete Mechanismen der von James Ferguson prominent analysierten bürokratischen „anti-politics machine“ (Ferguson 1994). Die (sprichwörtlichen) Elefanten im Raum4 heißen, dies sei vorweggenommen, Begehren, Sexarbeit, pornografische Aneignungen.

* Der Beitrag wurde peer-reviewed, Anm. d. Red.
1 Die Begriffe „Skandal“ und „Affäre“ sind problematisch, weil sie ignorieren lassen, dass es um strukturelle Gewalt geht. Wenn ich sie verwende, sind sie immer als kritisches Zitat zu verstehen, das ich allerdings aus Gründen der besseren Lesbarkeit meines Textes nicht durchgängig unter Anführungszeichen setze.
2 Alle Übersetzungen durch die Autorin dieses Beitrags.
3 S. https://de.wikipedia.org/wiki/Oxfam, letzter Aufruf 10.1.2020.
4 Die Redewendung von den „Elefanten im Raum“ hat eine orientalisierende und exotisierende Konnotation, die grundsätzlich zu kritisieren ist. Da es aber im von mir untersuchten Diskurs eben um Orientalisierungen und Exotisierungen geht, scheint sie mir wiederum durchaus passend.

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