Akzeptanz schiedsrichterlicher Entscheidungen im Fußball

FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft 2-2020: Akzeptanzbeschaffung für Schiedsrichterentscheidungen. Wie Ungerechtigkeiten auf dem Fußballplatz produziert und ausgehalten werden

Akzeptanzbeschaffung für Schiedsrichterentscheidungen. Wie Ungerechtigkeiten auf dem Fußballplatz produziert und ausgehalten werden

Justus Heck, Florian Muhle

FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft, Heft 2-2020, S. 181-200

 

Zusammenfassung
Paradoxerweise trägt gerade jene Instanz im Fußball, die für Gerechtigkeit auf dem Platz sorgen soll, in spezifischer Weise dazu bei, dass Ungerechtigkeiten auf dem Fußballplatz entstehen. Fehlurteile, umstrittene Entscheidungen, Versuche beider Spielparteien, mit unlauteren Mitteln Entscheidungen zu ihren Gunsten zu beeinflussen, und die Gewährung eines Heimvorteils sind typische und ungerechte Folgen schiedsrichterbasierten Fußballs. Dieser Umstand fordert daher die Akzeptanz schiedsrichterlicher Entscheidungen heraus, die wir mit der Legitimation durch Gerichtverfahren soziologisch vergleichen. Wir fragen, wie Ungerechtigkeiten auf dem Platz ausgehalten werden, indem wir Bedingungen und Techniken vor und während des Spiels identifizieren, die die Hinnahme von Schiedsrichterentscheidungen begünstigen.

Schlüsselwörter
Fussball, Schiedsrichter, Akzeptanz, Gerechtigkeit

 

Summary
Paradoxically, it is the institution of the referee, supposed to ensure justice, which contributes in a specific way to the production of injustices on the football pitch. Misjudgements, tough calls, attempts by both parties to influence decisions in their favour by unfair means, and the granting of a home advantage are typical and unjust consequences of referee-based football. As we will show based on a comparison with the production of acceptance in decision-making legal procedures, these expectable injustices therefore challenge the acceptance of referee decisions. Against this background, we ask how injustices are endured on the pitch by identifying conditions and techniques before and during the game that increase the probability of acceptance of referee decisions.

Keywords
football, referee, acceptance, justice

 

1. Die Folgen schiedsrichterbasierten Fußballs

Die Institution des Schiedsrichterwesens gehört so selbstverständlich zum modernen Fußball und zum gesamten Sportsystem, dass sie in ihren Effekten kaum erforscht wurde. Dabei hat zum einen bereits Simmel auf die Bedeutung hinzutretender Dritter für Zweierbeziehungen hingewiesen (Simmel 2006[1908]: 125ff.). Zum anderen erinnert die Institutionalisierung der Schiedsrichter*innen (SR) an strukturelle Transformationen, wie sie das politische System und das Recht durchlaufen haben und die sich mit dem Luhmannschen Begriff der Ausdifferenzierung bezeichnen lassen. Ohne diesen historischen Prozess adäquat wiedergeben zu können, fällt ins Auge, dass die Verfolgung von Straftaten und die Bearbeitung eines Falls nicht mehr den betroffenen Parteien selbst obliegt, sondern an staatliche Institutionen, darunter Polizei, Staatsanwaltschaft und Richter delegiert wird. Damit einher geht eine Differenzierung von Moral und Recht: Nicht alles, was unmoralisch ist, ist auch Unrecht. Genauso wenig zieht jedes Unrecht eine moralische Abwertung nach sich wie bspw. die berüchtigten Kavaliersdelikte. Wesentlich für das Recht ist die Umstellung von primär auf Ausgleich ausgerichteter konsensualer Konfliktregulierung, wie sie für segmentäre Gesellschaften typisch ist, auf die Funktion des Rechts, die jenseits von Moral- oder Machtfragen Verhaltenserwartungen kongruent stabilisiert (Luhmann 2008b [1972]).

Auch im modernen Fußball wird ab den 1890er Jahren in England eine solche Umstellung erkennbar (Werron 2010:359ff.). Statt die Regelauslegung den Mannschaften zu überlassen, wird die Kontrolle der Regeleinhaltung neutralen Dritten überantwortet, die als unparteiische SR analog zu Richter*innen im Gerichtsverfahren legales bzw. regelkonformes gegen illegales bzw. regelüberschreitendes Handeln der Beteiligten differenzieren. Aus soziologischer Sicht sehen sich SR und Richter*innen als unparteiliche Dritte dem Problem der Legitimation gegenüber, was nach Luhmann (2008a [1969]) die Hinnahme ihrer Entscheidungen meint. Anders als beim gerichtlichen Verfahren müssen SR im Sport ihre Entscheidungen ad hoc in Sekundenbruchteilen und zudem hundertfach pro Spiel treffen, ohne die Sachlage vorher mit den Beteiligten zu erörtern. Hierdurch steigt die Wahrscheinlichkeit umstrittener und falscher Entscheidungen und damit verbundener Ungerechtigkeiten gegenüber der benachteiligten Mannschaft, was weitreichende Konsequenzen für das interaktive Geschehen zwischen SR und Spielparteien hat. Denn die Möglichkeit ungerechter Urteile wird systematisch als Erwartung in die Kommunikation eingebaut, noch bevor es zu objektiven Fehlurteilen, ja sogar noch bevor es überhaupt zu einer Entscheidung gekommen ist. Infolgedessen prägt diese Möglichkeit strukturell gesehen jedes von SR geleitete Match. Die Erwartung potenziell ungerechter Urteile zeigt sich auf Seiten der Spieler*innen darin, dass diese in eine informale Konkurrenz um die Gunst der SR treten. Diese Rivalität findet ihren Ausdruck in ‚moralisch entfesselten‘ Versuchen, die SR zum eigenen Vorteil zu beeinflussen, und im Protest gegen einmal getroffene Entscheidungen, die solchermaßen als falsch oder ungerecht kommentiert werden. Auf Seiten der SR stellt sich dagegen vor dem Hintergrund permanenter Beeinflussungsversuche nicht nur die Herausforderung der Darstellung von Neutralität, sondern auch der ständigen Akzeptanzbeschaffung für die eigenen Entscheidungen.1 Diesem Aspekt wollen wir in unserem Beitrag nachgehen, da wir davon ausgehen, dass in der Akzeptanzbeschaffung der Schlüssel liegt, um zu verstehen, dass und wie Fußballspiele trotz informaler Konkurrenz und ungerechter SR-Entscheidungen normalerweise ohne besondere Vorkommnisse zu Ende gespielt werden.

Um unsere Überlegungen zu plausibilisieren, werden wir zunächst in Auseinandersetzung mit Luhmann darlegen, was das Problem der Akzeptanzbeschaffung für SR ausmacht (Abschnitt 2), um anschließend genauer die Institution des Schiedsrichterwesens zu beschreiben, die bereits vor dem Spiel eine generelle Hinnahmebereitschaft der SR-Entscheidungen sicherstellt (Abschnitt 3). Wie SR durch ihr Verhalten während des Spiels diese Akzeptanz bewusst oder unbewusst sichern, diskutieren wir auf Basis eigener empirischer Erhebungen im Bereich des Freizeitfußballs.2 Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt auf der Art und Weise, wie SR Proteste der Spieler*innen bearbeiten (Abschnitt 4).

2. Ungerechte Entscheidungen? Überlegungen zur fragilen Akzeptanz von Schiedsrichterentscheidungen

SR im Fußball sind neutrale Dritte und entscheiden ähnlich wie Richter*innen, welches Verhalten mit dem Regelwerk rsp. dem Gesetzbuch vereinbar ist und welches nicht. Als „institutionalisierter Kontrollmechanismus“ (Emrich 1992: 56) lautet die Aufgabe der SR gemäß der offiziellen Fußball-Regeln, „die Spielregeln beim Spiel durchzusetzen“ (DFB 2019a: 34), Verstöße und Vergehen zu ahnden und hierbei nötigenfalls Disziplinarmaßnahmen z.B. in Form von Verwarnungen und Feldverweisen zu ergreifen. Dabei gilt, dass sie „nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne der Spielregeln und im »Geist des Fußballs«“ (DFB 2019a: 34) entscheiden sollen, während die um den Sieg konkurrierenden Parteien die „Entscheidungen des Schiedsrichters und aller anderen Spieloffiziellen […] stets zu respektieren“ haben (DFBa 2019: 34). Gleichwohl zeigt ein Blick auf die SR-Praxis, dass der im Regelwerk eingeforderte Respekt für SR-Entscheidungen nicht selbstverständlich ist. Unsere empirische Forschung weist vielmehr darauf hin, dass SR systematisch mit Protest gegen ihre Entscheidungen zu rechnen haben, die ihnen als falsch und ungerecht ausgelegt werden. Im vereinzelten Extremfall mündet dieser Protest in Gewalt (Vester 2019), wie in jüngster Zeit vermehrt massenmedial berichtet wird. Damit stellt sich die Frage, wie Ungerechtigkeiten auf dem Platz produziert und ausgehalten werden, denn trotz der angedeuteten Probleme gehen die meisten Spiele „geregelt“ und ohne große Akzeptanzkrisen zu Ende. Anhaltspunkte dafür liefert Luhmann (2008a [1969]), der die Legitimitätsherstellung in Gerichtsverfahren, politischen Wahlen und in der Gesetzgebung analysiert.

Die Legitimation einer Entscheidung entsteht Luhmann zufolge in besagten Verfahren nicht durch die Überzeugung der Entscheidungsempfänger*innen, die Entscheidungen seien richtig und vernünftig. Vor allem für Verlierer*innen in einem Gerichtsverfahren wäre das nach Luhmann unrealistisch. Vielmehr ist seiner Theorie gemäß für die Tatsache, dass sich Unterlegene ihrem Schicksal fügen, ursächlich, dass sich auch die (später) unterlegene Seite in der vorgesehenen Verfahrensrolle (z.B. als Kläger*in oder Beschuldigte*r) auf das Verfahren eingelassen und mit Argumenten vergeblich versucht hat, den unparteiischen Dritten zu überzeugen. Teil dieses rollenförmigen Sich-Einlassens auf das Verfahren ist, sich womöglich gegen das eigene Rechtsempfinden friedlich und einsichtsbereit darzustellen, um auf diese Weise dem Prozess zum eigenen Vorteil Impulse zu verleihen und den unentschiedenen Dritten nicht von vornherein zu brüskieren. Das heißt, das Verfahren moderiert die Parteien, kanalisiert ihre Beteiligung und zwingt sie gewissermaßen dazu, sich friedlicher und einsichtsbereiter darzustellen, als sie sind.

Darin sieht Luhmann die latente Funktion des Gerichtsverfahrens: Die Partei hat die richterliche Unentschiedenheit im eigenen Verhalten gespiegelt, sie hat sich mit auf ihren spezifischen Fall abgestellten Argumenten vom potentiellen Interesse Unbeteiligter wegbewegt und kann deswegen nicht mehr auf soziale oder politische Unterstützung hoffen. Die vergleichsweise gesittete Beteiligung am Prozess veranlasst überdies die Unterlegenen, die Niederlage als Fortsetzung des durch das Verfahren moderierten Verhaltens und der damit verbundenen (Selbst-)Festlegungen zu begreifen (Kieserling 2012). Fehlende Akzeptanz der Entscheidung führt hingegen nach einem verlorenen Prozess dazu, dass die Unterlegenen in die Rolle von Querulant*innen geraten, die an der eigenen Überzeugung festhalten mit der Folge, sozial nicht mehr anschlussfähig zu sein. In beiden Fällen bedeutet Legitimation nach Luhmann die schlichte Hinnahme der Entscheidung, wobei die Hinnahme unbeteiligter Dritter maßgeblich ist, nicht in erster Linie die der isolierten Verlierer*innen.

Vergleicht man das Gerichtsverfahren mit der Spielleitung durch SR, wird deutlich, dass in beiden Fällen die Entscheidungen bis auf Weiteres gelten und nicht nur eine einzelne Person, sondern auch unbeteiligte Dritte betreffen. Fußball-SR treffen „Tatsachenentscheidungen“, die im Gegensatz zu einem erstinstanzlichen Urteilsspruch weitgehend inappellabel und irreversibel sind, zumindest wenn ohne ‚Video Assistant Referee‘ (VAR)3 gespielt wird. Aber Geltung und Akzeptanz einer Entscheidung sind nicht dasselbe. Die Entscheidungen von SR und Richter*innen können also von „Rechtswegen“ her gelten, aber stoßen zuweilen auf wenig Akzeptanz, weil die Benachteiligten nicht hinreichend isoliert und mit ihrer Empörung nicht allein sind. In manchen Spielen geschieht es daher, dass Entscheidungen zwar gelten, häufig aber nicht mehr ohne Protest akzeptiert werden und die Spielleitung daher phasenweise ins Chaos abrutscht. Das Isolierungsproblem von Enttäuschten stellt sich im Sportspiel demnach ähnlich wie im Rechtsystem. An die SR-Rolle richtet sich obendrein die Erwartung, das Spiel zu leiten und „game management“ zu betreiben (Brandt/Neß 2004). SR müssen, mit einem Wort, nicht nur die Regeln beherrschen, sondern auch die Situation im Griff haben.

Aber es ist für SR unmöglich, eine Entscheidung durch ein Verfahren zu legitimieren. Denn SR sind außerstande, mit ihren Entscheidungen zu warten, bis genügend Argumente vorliegen. Stattdessen müssen sie Entscheidungen ad hoc treffen und entscheiden bis zu 200 Mal pro Spiel (Helsen/Bultynck 2004). Neben dem knapp bemessenen Zeitfenster für jede Entscheidung erschweren eine zu große oder zu geringe Distanz zum Spielgeschehen, uneindeutige Situationen, ein temporeiches Spiel, Sichtblockaden, Zuschauer*innen und psychologische Faktoren das schnelle, sichere und vor allem korrekte Entscheiden (Plessner/Raab 1999). Es ist daher unausweichlich, dass eine solche Institution Fehlurteile produziert. Sowohl für SR-Entscheidungen als auch für Gerichtsverfahren gilt: „Ein System, das die Entscheidbarkeit aller aufgeworfenen Probleme garantieren muss, kann nicht zugleich die Richtigkeit der Entscheidung garantieren“ (Luhmann 2008a[1969]: 21). Schätzungsweise sind zehn bis 20 Prozent der Entscheidungen im Fußball inkorrekt (Oudejans et. al. 2000). Selbstredend schmälern offensichtliche Fehlurteile die Hinnahme von SR-Entscheidungen.

Neben den Fehlurteilen erschweren andere Ungerechtigkeiten die Akzeptanzbeschaffung. Entscheidungen sind ab und an weder eindeutig falsch noch für jedermann ersichtlich richtig. Solche umstrittenen Entscheidungen stiften daher bei den Benachteiligten mindestens subjektive Ungerechtigkeitsgefühle, und das umso mehr, wenn ihnen ein spielentscheidender Einfluss zugeschrieben wird. Hierzu gehören bspw. umstrittene Strafstöße und Platzverweise sowie das Ausbleiben solcher Strafen. Sie sind als charakteristische Ungerechtigkeiten dem Schiedsrichterfußball eigen und sorgen für Diskussionsstoff auf und neben dem Platz – sogar nach Spielende. SR selbst sprechen in diesem Zusammenhang von „50:50-Entscheidungen“, womit sie die Kontingenz dieser Pfiffe reflektieren. An diesen Entscheidungen wird während des Spiels auch für Beobachter*innen der Ermessensspielraum der SR augenfällig. Umstrittene Entscheidungen mögen zwar vertretbar sein und den SR einen Aufstieg in höhere Klassen nicht verbauen, aber sie ohne Protest zu erdulden, ist alles andere als selbstverständlich, denn eine gegenteilige Entscheidung wäre ja ebenfalls vertretbar gewesen. Es handelt sich um ein von den SR im Spiel zu bearbeitendes Problem. Außerdem wecken Fehlurteile und wiederholte Benachteiligungen in umstrittenen Situationen den Verdacht, der Dritte sei nicht neutral.

1 Eine Alternative zum Fußball mit SR hat sich im Alternativfußball in den sogenannten Wilden und Bunten Ligen herausgebildet, in denen meistens zwar wettbewerbsorientiert, aber ohne SR gespielt wird. Aus dieser Spielorganisation ergeben sich ebenfalls Folgeprobleme, die sich z.B. in einer moralbasierten Konkurrenzbeschränkung äußern (vgl. Heck 2019: 40ff.; Muhle 2021). Das Spiel ohne SR ist wohl nur im Freizeitsport und im Zusammenspiel mit einem ausgeprägten Fair-Play-Ethos möglich, welcher durch verschärfte Konkurrenzbedingungen im Leistungssport trotz gegenteiliger Bekenntnisse unterminiert wird.
2 Grundlage hierfür ist eine eigene Studie, in deren Rahmen einige Fußballspiele auf Kreisliga-Ebene mit Videokameras aufgenommen und dabei die SR mit Funkmikrofonen ausgestattet wurden, um deren Interaktionen aufzuzeichnen (vgl. ausführlicher hierzu Abschnitt 4). Diesen Aufnahmen voraus ging eine Pilotstudie, die auf Interviews, Spielbeobachtungen und der Auswertung von Erfahrungsberichten beruht (Heck 2019).
3 Dieser kommt in Deutschland nur in der 1. und 2. Bundesliga zum Einsatz und darf nur in bestimmten Fällen eingreifen (vgl. DFB 2019c).

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