Publikationsstrategien für Promovierende

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Erst kürzlich fragte ich eine begabte junge Promovierende: „Wie sieht denn deine Publikationsstrategie aus?“ Sie verstand die Frage nicht. „Was möchtest du publizieren?“, stellte ich meine Frage also anders. „Meine Diss…“, kam ihre leicht irritierte Antwort. Ja, und vielleicht einen Beitrag in einem Konferenzband.

Eine andere, soeben Promovierte, klagte mir ihr Leid: Sie habe ihre Dissertation fertig geschrieben, ohne links und rechts zu schauen und ohne irgendetwas anderes zu publizieren. Ihre Betreuer*innen hatten sie davor gewarnt, anderweitig zu publizieren, bevor die Promotion fertig sei. Jetzt bewirbt sie sich und bekommt erstaunte Rückmeldungen zu ihrer extrem kurzen Publikationsliste. Natürlich ärgert sie sich jetzt. Doch ob sie ihre Promotion in der gleichen Zeit geschafft hätte, wenn sie nebenher noch weitere Texte publiziert hätte? Wer vermag das zu sagen.

 

Zwischen Positionierung, Vielschreiberei und Selbstplagiat

Positionierung

Wie viele Veröffentlichungen bekommt man aus einem monografischen Promotionsvorhaben? Das ist pauschal nicht zu entscheiden. Es hängt von vielerlei unterschiedlichen Einflüssen ab – aber nicht unwichtig ist die Frage, wo man sich positionieren möchte.

Ist das Dissertationsthema der Bereich, in dem Sie wissenschaftlich (zunächst) weiter arbeiten möchten? Dann wäre es sicherlich von Vorteil, weitere Publikationen daraus zu generieren. Dazu haben Sie unterschiedliche Möglichkeiten.

Sie können die Erkenntnisse aus Ihrem Promotionsprojekt aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Sie können die Forschungsfrage möglicherweise (leicht) variieren, stärker fokussieren oder durch eine neue Kontextualisierung oder Kontrastierung verändern. Sie können auf den Gegenstand abheben oder auf die Methode. Und allein dadurch, dass Sie einen kürzeren Text verfassen, entsteht etwas Neues und Anderes als Ihre Dissertation.

Dadurch, dass Sie das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten und sich mit Ihrer spezifischen Materie intensiv und wiederholt mit Vorträgen und in Publikationen auseinandersetzen, positionieren Sie sich.

 

Vielschreiberei und Selbstplagiat

Wenn Sie aber immer wieder genau dasselbe schreiben, wiederholen Sie sich nur. Sie kennen das möglicherweise von Autor*innen, die für Sie spannende Bereiche bearbeitet haben. Dann freuen Sie sich, dass diese*r Autor*in einen weiteren Text mit einem vielversprechenden Titel veröffentlicht hat. Doch wenn Sie diesen Text lesen, sehen Sie: Es ist haargenau der gleiche Inhalt wie schon in den beiden vorhergehenden Publikationen. Diese Art der Ernüchterung möchten Sie nicht mit Ihrem eigenen Namen verknüpft wissen.

Wenn Sie noch dazu wortwörtlich dasselbe schreiben, dann produzieren Sie ein Selbstplagiat. Jedenfalls dann, wenn Sie die Wiederholung nicht als (Selbst-)Zitat kennzeichnen. Natürlich passiert es uns allen, dass wir bestimmte Formulierungen lieben. Eine bestimmte Wörterkombination prägt sich uns so ein, dass wir sie mit großer Begeisterung erneut verwenden. Eine derartige Kombination allein gilt noch nicht als  Selbstplagiat! Dennoch schadet es nicht, gerade beim wiederholten Bearbeiten gleichartiger Themen darauf zu achten, dass Ihre Formulierungen „frisch“ bleiben. Machen Sie sich die Mühe, die Dinge neu zu denken und neu in Worte zu fassen – Ihre Leser*innen werden es Ihnen danken!

In meinen Workshops haben mir Teilnehmer*innen von „Praxistipps“ ihrer Kolleg*innen berichtet: Ein Aufsatz werde erst bei der Veröffentlichung in einer zweiten Zeitschrift richtig zur Kenntnis genommen! Das ist Selbstplagiat aller erster Güte – sofern die zweite Veröffentlichung nicht als solche gekennzeichnet ist. (Die Kennzeichnung als nicht-originärer Beitrag dürfte bei den meisten wissenschaftlichen Zeitschriften allerdings zur Ablehnung führen. Denn der größte Teil der Fachzeitschriften möchte ausschließlich originäre Beiträge veröffentlichen.)

 

Der Sinn der Publikationsstrategie

„Ich halte nichts von einer Publikationsstrategie!“, habe ich auch schon als Rückmeldung bekommen. Aus Sicht eines jungen Wissenschaftlers sind Publikationen nicht planbar. Sie entstehen aus spezifischen Kontexten, beruhen auf Einladungen zur Mitarbeit an Zeitschriftenaufsätzen oder Buchbeiträgen.

Doch sind Publikationen weit weniger zufällig, als dieser junge Mann vermutet. Nicht alles lässt sich bestimmen: Manche Zeitspannen vom Einreichen eines ersten Abstracts oder Proposals bis zur eigentlichen Veröffentlichung sind weiter länger, als ursprünglich angeommen. Manch eine Einreichung wird nicht direkt akzeptiert und benötigt zahlreiche Überarbeitungsschleifen – oder einen anderen Publikationspartner. Ganz grundsätzlich aber lässt sich für Wissenschaftler*innen, die publikationswürdige Inhalte vorzuweisen haben, eine Publikationsstrategie entwerfen.

Die Positionierung in der Wissenschaft ist das Ziel. Und deshalb kann es sehr sinnvoll sein, sich für unterschiedliche Publikationsarten – Aufsätze, Review-Artikel, Bücher -, Herangehensweisen, ja, sogar für unterschiedliche Sprachen verschiedene Wunschpartner zu notieren. Und sich zu überlegen, welche Inhalte in welcher Reihenfolge an welche Zeitschrift, an welchen Verlag herangetragen werden können. Und dies dann nach und nach umzusetzen. Wir sprechen hier nicht von einer Publikationsstrategie für einen Drei-Wochen-Zeitraum. Besser ist es, ein, zwei Jahre oder mehr in den Blick zu nehmen und so längerfristig zu planen. Der Zufall wird schon auch helfen – in Form von Einladungen zu Vorträgen oder zur Mitarbeit an Publikationen anderer. Diese Art des „glücklichen Zufalls“ ist in der Regel hart erarbeitet; nämlich durch gezielte Positionierung.

Strategisch und vorausschauend zu planen, ist keine Garantie dafür, dass es auch genau wie geplant gelingen wird. Doch es ist eine gute Vorbereitung und Wegbereitung für den eigenen Erfolg im anvisierten Bereich, auch und gerade über die eigene Dissertation hinaus.

 

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