Politizität und Wissensproduktion in der Erwachsenenbildungswissenschaft

Debatte. Beiträge zur Erwachsenenbildung 2-2020: Engagiertes Denken. Zum gesellschaftspolitischen Engagement der Erwachsenenbildungswissenschaft

Engagiertes Denken. Zum gesellschaftspolitischen Engagement der Erwachsenenbildungswissenschaft

Nicolas Engel, Johannes Bretting

Debatte. Beiträge zur Erwachsenenbildung, Heft 2-2020, S. 87-107

 

Zusammenfassung
Der Beitrag schlägt eine Qualifizierung des Politischen erwachsenenbildungswissenschaftlicher Erkenntnisarbeit als gesellschaftspolitisches Engagement vor. Hierfür werden ausgewählte Einsätze des Politischen in der Erwachsenenbildungswissenschaft mit kulturwissenschaftlichen Überlegungen zu Erkenntnispolitik in eine Linie gebracht und mittels der Figur des engagierten Denkens die theoretische Praxis erwachsenenbildungswissenschaftlicher Wissensproduktion als ein Geltungskampf um Wissen konkretisiert. Diese Perspektive wird schließlich für eine erwachsenenbildungswissenschaftliche (Organisations-)Forschung unter Bedingungen postnazistischer Übersetzungskonflikte geltend gemacht.

Erwachsenenbildungswissenschaft · Engagement · Übersetzungskonflikte · Politizität · Erziehung nach Auschwitz

 

„Ein Darkroom, das ist ein Ort, der, nun ja, sehr dunkel ist“ (Czollek 2020, S. 73) – Der zitierte Darkroom befindet sich in der Kunstsammlung Boros in Berlin. Max Czollek verwendet diesen Ort in seinem aktuellen Buch „Gegenwartsbewältigung“ als Anlass, um über politische Lyrik nachzudenken. Das Gebäude der Sammlung wurde zuerst als Nazibunker, dann in den 1990er Jahren als Technoclub und heute als Ausstellungsort genutzt. Ein besonderer Moment der Überlappung der verschiedenen Zeitebenen kommt im einleitenden Zitat zur Sprache, in dem der Guide den – im Augenblick des Besuchs – hell erleuchteten ehemaligen Darkroom des Clubs als sehr dunkel qualifiziert. Dies wirft für Czollek Fragen nach der genaueren Bedeutung dieses Ortes – und damit des Politischen – auf. „Was genau findet dort statt, warum ist es dort dunkel, welche Absichten verfolgen die Besucher*innen?“ (Czollek 2020, S. 73). Einen Versuch der konkreteren Qualifizierung des Politischen für die Erwachsenenbildungswissenschaft unternimmt dieser Beitrag. Hierfür soll die in der Pädagogik als konstitutiv angenommene Verwobenheit von Theorie und Praxis um die Kategorie des Politischen erweitert und eine Perspektive auf ihren gesellschaftspolitischen Einsatz entwickelt werden.

Notwendig wird dies in einer Gegenwart, in der demokratiefeindliche und rechtsradikale Wissensansprüche (re-)formuliert werden und eine zunehmend offene Brutalität rassistischer und antisemitischer Gewalt, wie jüngst in Halle/Saale und Hanau, zu Tage tritt. Es handelt sich dabei nicht um neue Problemlagen, sondern vielmehr um eine Verdichtung von Ereignissen, die uns erneut vor Augen führt, dass Rassismus und Rechtsradikalismus institutionelle und sich fortsetzend institutionalisierende Problemlagen darstellen. Diese lassen sich als gesellschaftliche Übersetzungskonflikte verstehen (Engel 2019a), deren Nicht-Bearbeitung nicht zuletzt mit einem Verharren in einem „zuschauerhaften Verhältnis zur Wirklichkeit“ (Adorno 2019, S. 55) korrespondiert, wie in Anschluss an die erst unlängst publizierte Rede Theodor W. Adornos zu „Aspekten des neuen Rechtsradikalismus“ aus dem Jahr 1967 markiert werden kann. Mitnichten sind hier die Akteure und Organisationen der (pädagogischen) Praxis oder der Politik alleine zu adressieren. Vielmehr kann die (Erziehungs-)Wissenschaft mit dem Vorwurf einer politischen Enthaltsamkeit konfrontiert werden, der selbige zur unbedingten Klärung des Verhältnisses von Aufklärungsanspruch und Gesellschaftsanalyse auffordert (Andresen, Nittel & Thompson 2019). Mit anderen Worten: Es scheint nicht hinreichend, wenn institutioneller Rassismus und gesellschaftlich getragener Rechtsradikalismus wissenschaftlich analysiert werden, ohne dabei das Problem auch innerhalb der Wissenschaft, genauer in der Verstricktheit wissenschaftlichen Wissens mit gesellschaftlichen Problemlagen, zu verorten. Denn die Wissenschaft, genauer die theoretisch-empirische Erkenntnisproduktion wird zum Teil des Problems, weil sie in dieser Verwicklung den Herausforderungen einer postnazistischen und postkolonialen Gegenwart politisch orientierungslos und relativ hilflos gegenübersteht. Dies kann auch für die Erwachsenenbildungswissenschaft gelten, die sich in früher Form als eine Reflexion der Volksbildung in einer politisch-volksaufklärerischen Tradition verortet (Seitter 2007; s. a. zur kapitalismuskritischen Lesart von Erwachsenenbildung Markert 1973; Axmacher 1974), aber gegenwärtig – so eine prominente Zeitdiagnose – „zum Spielball politischer Konflikte“ (Faulstich & Zeuner 2015, S. 25) wird. In einem groben Zug lässt sich mit Peter Faulstich und Christine Zeuner eine Entwicklung der Erwachsenenbildungswissenschaft konstatieren, welche ihren Aufklärungsanspruch im Zuge einer Ökonomisierung und Verbetrieblichung von Erwachsenenbildungseinrichtungen zunehmend verliert. Entscheidend ist dabei der Hinweis, dass dies wissenschaftlich mitverschuldet ist, weil die Erwachsenenbildungswissenschaft als begriffsliefernde Legitimationsinstanz sich vor allem durch kategoriale Enthaltsamkeit auszeichnet und damit einer Entpolitisierung des Feldes zuarbeitet. Die hier angedeutete gesellschaftspolitische Verwicklung von Erwachsenenbildungswissenschaft impliziert dabei mehr als eine Verwobenheit von Theorie und Praxis (und eine Notwendigkeit ihrer Reflexion). Sie verweist auf die gesellschaftliche Dimension wissenschaftlicher Erkenntnisarbeit und konkreter auf die Frage der politischen Schuldigkeit gegenwärtiger erwachsenenbildungswissenschaftlicher Wissensproduktion. Gerade vor dem Hintergrund benannter gesellschaftlicher Verhältnisse lässt sich wohl kaum von Erwachsenenbildungswissenschaft sprechen, ohne dies mit Beunruhigung und mit Blick auf die Verwicklung von Theorie, Praxis und Politik zu tun. Wenn wir diese Verwicklung in Betracht ziehen, dann gilt es, das Lernen Erwachsener und jene Einrichtungen, in denen Erwachsene lernen und arbeiten, wissenschaftlich auf eine Art zu reflektieren und zu denken, die das Denken selbst nicht außerhalb der gesellschaftlichen Zusammenhänge platziert.

Damit ist das Programm des Beitrags umrissen. Zunächst wird entlang ausgewählter Einsätze gesichtet und diskutiert, wie das Politische der Erwachsenenbildung qualifiziert und (damit einhergehend) Erwachsenenbildungswissenschaft als kritisches und gesellschaftspolitisches Projekt konturiert wird (Abschnitt 1). Die hier auffindbaren Annahmen zur Politizität der Erwachsenenbildungswissenschaft und eine damit verbundene Thematisierung des Theorie-Praxis-Verhältnisses lassen sich mit übersetzungstheoretischen Überlegungen in eine Linie bringen. In Bezug auf die Figur des „theoretischen Engagements“ (Bhabha 2011) sowie in Bezug auf die Figur des „eingreifenden Denkens“ (Brecht 1968) kann die erkenntnispolitische Verwicklung der Erwachsenenbildungswissenschaft sodann in eine Haltung engagierten Denkens erwachsenenbildungswissenschaftlicher Wissensproduktion überführt werden (Abschnitt 2). Diese soll abschließend in programmatischer Kontur für eine erwachsenenbildungswissenschaftliche Forschung fruchtbar gemacht werden, die sich angesichts postnazistischer Übersetzungskonflikte für die organisationale und institutionelle Verfasstheit des Lernens Erwachsener interessiert und engagiert (Abschnitt 3). Dieser letzte Schritt wird exemplarisch an Forschungsperspektiven auf NS-Gedenkstätten als Einrichtungen der Erwachsenenbildung aufgezeigt und führt uns zurück zum Bild des Darkrooms und der Frage nach der Möglichkeit einer Qualifizierung des Politischen erwachsenenbildungswissenschaftlicher (Organisations-)Forschung

1. Zur Politizität der Erwachsenenbildungswissenschaft

Die allgemeinpädagogisch vielseitig diskutierten Topoi der Politizität der Bildung (Bünger 2013) und der Politizität der Erziehungswissenschaft (Reichenbach, Ricken & Koller 2011; Casale , Koller & Ricken 2016) sehen ein „ambivalente[s] Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft“ (Ricken 2011, S. 11) als konstitutiv an, demzufolge sich das Politische der Wissenschaft und ihrer Gegenstände nicht durch ein gesellschaftlich Äußeres bestimmt, sondern der wissenschaftliche Erkenntnisprozess selbst in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen seinen Ort hat. Das mittels des Begriffes der Erkenntnispolitik diskutierte „Zu-Tun-Haben mit Erkenntnissen“ (Seitter 1985, S. 262), welches den Umgang mit wissenschaftlicher Erkenntnis als Teil wissenschaftlicher Wissens- und Erkenntnisproduktion ausweist, ist auch eine in der Erwachsenenbildungswissenschaft bekannte Figur. Gegenwärtig erscheint es so, dass die Diskussion um das Politische in der erwachsenenbildungswissenschaftlichen Wissensproduktion erneut Fahrt aufnimmt (z. B. Rosenberg 2018; Klingovsky 2019; Ebner von Eschenbach 2019a), wenn entlang einer kategorialen Verhältnisklärung von Wissenschaft, Praxis und Politik eine disziplinäre Suchbewegung das Politische zur zentralen Reflexionsfigur werden lässt. Freilich erfolgt eine Thematisierung des Politischen innerhalb der Erwachsenenbildungswissenschaft nicht erst neuerdings.1 Sie spiegelt sich systematisch etwa auch in zahlreichen Kartierungsversuchen, wenn etwa die Vielzahl an möglichen wissenschaftstheoretischen Positionierungen zwischen distanzierter Beobachtung und normativen Engagement (Forneck & Wrana 2005) ausgemacht wird, Positionen zum wissenschaftlichen Selbstverständnis der Erwachsenenbildung schematisch hinsichtlich interpretativ-rekonstruktiver und normativ-interventionistischer Zugangsweisen unterschieden (Kade, Nittel & Seitter 2007) werden oder – stärker programmatisch – angesichts der Existenz unterschiedlicher wissenschaftstheoretischer Begründungen von Erwachsenenbildungsforschung für eine kritisch-pragmatistische Ausrichtung (Zeuner & Faulstich 2009) plädiert wird. Für den Fortgang unserer Überlegungen möchten wir der Thematisierung des Politischen in der Erwachsenenbildungswissenschaft mit Blick auf neuere Positionen nachspüren, die entweder das Politische der Erwachsenenbildung oder die gesellschaftspolitische Verantwortung von erwachsenenbildungswissenschaftlicher Erkenntnisarbeit akzentuieren.2

1 Der an dieser Stelle notwendig kursorische Blick richtet sich auf die aktuelle Debatte, wohlwissentlich, dass es gerade in der Erwachsenenbildung eine lange und politisch hochgradig aufgeladene Diskussionstradition gibt, die in kritisch-theoretischer (z. B. Klein & Weick 1970) und in kritisch-pragmatistischer Sicht (z. B. Strzelewicz, Raapke & Schulenberg 1966) die Frage bearbeitet hat, inwiefern erwachsenenbildungswissenschaftliches Wissen in den Dienst der Selbstaufklärung der Gesellschaft zu stellen ist (zur Übersicht: Zeuner & Faulstich 2009).
2 Die Fülle der Ansätze, die entweder gesellschaftspolitische Themen als Anlass begreifen, den Fokus auf die (politische) Praxis der (politischen) Erwachsenenbildung zu rücken (z. B. Bremer & Trumann 2019) oder das Feld politischer Erwachsenenbildung inhaltlich konturieren (Hufer & Lange 2015), können an dieser Stelle nicht gänzlich Bestandteil unserer Diskussion sein. Dennoch erscheint eine Auseinandersetzung mit der dort zum Teil explizit aufgeworfenen Frage, inwiefern die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit politisch aufgeladenen Gegenständen diese selbst zu einem erkenntnispolitischen Geschäft machen (auch Abschnitt 2) durchaus aussichtsreich.

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