Extremismus in bürgerlichen Milieus

Soziologiemagazin 2-2020: Paradigmenwechsel im Extremismus

Paradigmenwechsel im Extremismus

Leonard Mach

Soziologiemagazin, Heft 1-2020, S. 41-63

 

Abstract
Extremistische Einstellungen sind kein gesellschaftliches Randphänomen, sondern können in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen auftreten. Die klassische Links-/Rechtszuordnung erweist sich nicht nur für eine moderne Extremismusforschung als ungeeignet. Dennoch scheinen einige politische, gesellschaftliche Akteur*innen an diesem alten Konzept, dem Hufeisenmodell, festzuhängen. Moderne, sozialwissenschaftliche Extremismusforschung beruht auf dem Konzept gesellschaftlicher Desintegration. In diesem Artikel wird das Konzept der Desintegration sowie die damit verknüpfte gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) diskutiert. Es wird auf das Phänomen des marktförmigen Extremismus der GMF eingegangen, welches Abwertungskonstruktionen auf ökonomischer Basis beschreibt. Diese Form des Extremismus, kann als Erklärungsansatz für die politische Entwicklung der letzten Jahre sowie für die Regierungskrise in Thüringen 2020 angewendet werden. In diesem Artikel wird argumentiert, dass mit einem Erstarken postdemokratischer Dynamiken die gesellschaftlichen Desintegrationsprozesse eines marktförmigen Extremismus steigen.

Schlagwörter
Extremismus; Marktförmiger Extremismus; Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

 

Die Landtagswahlen 2019 in Thüringen führten zum Resultat, dass Koalitionen ohne die Parteien Die Linke und AfD keine parlamentarischen Mehrheiten bilden konnten. Das Problem einer nicht-mehrheitsfähigen Koalition entwickelte sich zu einer Krise, da die CDU auf ihrem Bundesparteitag ein Kooperationsverbot mit den nach dem so genannten Hufeisenmodell extremistischen Parteien links und rechts ausgesprochen hatte. Somit wurde auch eine Zusammenarbeit mit der Partei Die Linke ausgeschlossen, die bis zu diesem Zeitpunkt den Ministerpräsidenten stellte. Daraufhin wurde ein Kandidat (Thomas Kemmerich, FDP) aus der bürgerlichen Alternative mit Hilfe einer rechtspopulistischen bis rechtextremen Partei (AfD) zum Ministerpräsidenten gewählt. Dieser Kandidat verkündete aufgrund des starken Protests in der Gesellschaft wegen dieses ‚demokratischen Dammbruchs‘ drei Tage nach seiner Wahl seinen sofortigen Rücktritt (vgl. Baum 2020).

Die ‚bürgerliche Koalition‘ gegen vermeintlich linksextreme Parteien versuchte sich als Steigbügelhalter einer rechtspopulistischen bis rechtsextremen Partei (Baum 2020). Es wurde deutlich, dass die unzureichend hinterfragte Pauschalisierung von Links- und Rechts-Extremismus nach dem Hufeisenmodell, ohne weitergehende Betrachtung politischer Inhalte, zu einer die Demokratie in den Grundsteinen erschütternden Krise geführt hat.

Im folgenden Artikel wird gezeigt, dass ein Paradigmenwechsel im Bereich des politischen Extremismus überfällig ist und dass die Zuordnung zum Extremismus nicht auf einer binären links-rechts oder oben-unten Skala basieren kann. Es wird ein Konzept vorgestellt (Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und darin der Marktförmiger Extremismus), wie sich Extremismus in bürgerlichen Milieus entwickeln kann. Diese helfen, Erklärungsmodelle zu den Geschehnissen der siebten Landtagswahl in Thüringen und dem so genannten ‚Dammbruch‘ der Demokratie zu entwickeln (vgl. Baum 2020). Die Empirie und die Theorie lassen den Rückschluss zu, dass eine sich selbstverortete Mittelschicht in einer gefühlten Krise nicht demokratiestabilisierend, sondern extremistisch wird.

Was ist Extremismus?

Die klassische deutsche Extremismusforschung definiert Extremismus mit der Ablehnung des 1952 etablierten Begriffs der freiheitlich demokratischen Grundordnung (FDGO). Hauptbestandteile der freiheitlichen demokratischen Grundordnung sind politische Souveränität, politische Selbsterfüllung, Unabhängigkeit der Gerichte, Gewaltenteilung und insbesondere Menschenrechte. Verstöße gegen die FDGO werden allgemein als verfassungsfeindlich bezeichnet. Es zeigen sich Definitionsprobleme insbesondere beim Überbegriff der Menschenrechte. Ein besonderes Menschenrecht ist das Diskriminierungsverbot. Sinngemäß besagt das Gesetz, dass alle Menschen gleich sind (Art. 3 Abs. 1 und Abs. 2 GG). Eine Diskriminierung auf Basis des Geschlechts, der Abstammung, der Hautfarbe oder Ethnie, der Herkunft, des Glaubens, der Religiösen oder politischen Anschauungen ist illegal (Art. 3 Abs. 3 GG). Eine Erweiterung des Diskriminierungsverbots wurde im Rahmen der UNESCO entwickelt, wobei Diskriminierung unter anderem auf Basis der sozialen Herkunft, der wirtschaftlichen Verhältnisse, der Sprache, des Alters sowie der sexuellen Orientierung verboten ist (vgl. Deutscher Bundestag 1967). Verschiedene akademische Ansätze einer Diskriminierungsforschung basieren auf diesen Kategorien. Ein prominenter Ansatz geht davon aus, dass Diskriminierung und damit auch Extremismus in der Mitte der Gesellschaft auffindbar seien (vgl. Lipset 1960; Heitmeyer 2002).

Extremismus der Mitte nach Lipset

Eine der akademischen Diskriminierungsforschung zugrundeliegenden Theorien ist die Theorie des Soziologen Seymour Lipsets, der zufolge Extremismus in der Gesellschaft keinesfalls ein Randphänomen ist (vgl. Lipset 1960; Jesse 2018; von Beyme 2013; Kraushaar 1994). Lipset weicht in seiner theoretischen Bearbeitung des Phänomenbereichs von der herkömmlichen Interpretation der politischen Links-Rechts-Sphären ab. Der Fokus wird wesentlich stärker auf ein Schichten- beziehungsweise ein Klassenkonzept gelegt. Dieses Schichtenkonzept wird auf der einen Seite durch eine Selbstverortung der Befragten in Ober-, Mittel- und Unterschicht etabliert (vgl. Lipset 1960: 104f.). Auf der anderen Seite bedient sich Lipset einer Schichtendefinition mit Hilfe einer Kombination individueller und gesellschaftlicher Kapitalindizes (vgl. Lipset 1960: 45ff.). Nach Lipset weisen alle gesellschaftlichen Schichten extremistische Tendenzen auf, die aber im Wechselspiel miteinander aufgehoben werden (vgl. ebd.: 120ff.). Diese Tendenzen müssen genauer erläutert werden. Lipset verbindet mit einer Unterschicht niedrigen Status und eine mögliche Veranlagung zum Extremismus (vgl. ebd.: 122). Mit dieser Annahme verknüpft Lipset insbesondere eine Kapitalthese, in der unter anderem die Notwendigkeit zu früher Arbeitstätigkeit und der erschwerte Zugang zu verschiedenen Aufstiegsmöglichkeiten angeführt wird. Dennoch führe diese Verbindung nicht unbedingt zu einem Autoritarismus, sondern bedinge vielmehr einen Hang zur Komplexitätsreduktion (vgl. ebd.: 122f.; ebd.: 130; Feuer 1989). Dem stellt Lipset eine von ihm so bezeichnete Oberschicht entgegen. Ein Extremismus der Oberschicht ist durch Verteidigung und Erweiterung der eigenen politischen, sozialen und ökonomischen Privilegien gekennzeichnet (vgl. Lipset 1960: 127). Nach Lipsets Theorie können die extremistischen Ausprägungen der Unterschicht als extremistischer Sozialismus und die extremistischen Ausprägungen der Oberschicht als extremistischer Kapitalismus gekennzeichnet werden (vgl. ebd.: 134f.). Die Lücke, die innerhalb der Extremismusdefinition zwischen Unterund Oberschicht bleibt, wird durch eine Weiterführung des Erklärungsansatzes ausgefüllt. Das Hauptverständnis des Extremismusbegriffs direkt nach dem zweiten Weltkrieg fußt auf dem politischen Links-Rechts-Schema. Lipset stellt hingegen fest, dass eine extremistische Mittelschicht zum Populismus tendiert, wobei sich der Populismus zu Faschismus weiterentwickeln kann (vgl. Saposs 1935; Lipset 1960: 134f.). Unabhängig von der Ausprägung, welche ein Populismus annimmt, sei es im Extremen, also Faschismus, oder eine einfache Abwendung von einer liberalen Gesellschaft, grundsätzlich ist eher die Mitte der Gesellschaft betroffen (vgl. Lipset 1960).

Um falsche Pauschalisierungen auszuschließen, versucht Lipset stets, das Grundkonzept eines Links-Rechts-Schemas zu vermeiden. Gerade beim Extremismus der Unterschicht würden sowohl extremistische Linke als auch extremistische Rechte zum Vorschein kommen. Als Beispiel für den Extremismus der Mittelschicht im staatlichen Kontext gibt Lipset als Länder Nazideutschland als rechten Faschismus und Argentinien unter Perón als zu Beginn linken Extremismus an. Er vergleicht hierbei die politische Entwicklung der Staaten und nicht deren Wirken und Verbrechen. In beiden Staaten fand die Wähler*innenabwanderung von etablierten Parteien zu extremistischen Parteien nicht vom Rand der Gesellschaft statt, sondern aus der Mitte der Gesellschaft. Es ist demnach also die Mitte der Gesellschaft, die Faschist*innen an die Macht gebracht hat (vgl. Lipset 1960: 173ff.) und nicht der Rand.

Gegenwärtige Interpretation

Auf Basis der Erkenntnis, dass die Mitte der Gesellschaft sich ähnlich wie die Ränder in extreme Richtungen entwickeln kann, wurde eine neue Extremismusdefinition ausgearbeitet. Lipsets These kann auf einer Makroebene verortet werden. Die Zusammenfassung, dass Extremismus an drei gesellschaftlichen Schichten, Unter-, Mittel- und Oberschicht, definiert wird und dass dieser drei verschiedene extreme Herrschaftsformen, Sozialismus, Faschismus, Kapitalismus (vgl. Lipset 1960: 134ff.), annehmen kann, ist nach dem Stand der heutigen Forschung nicht mehr wissenschaftlich haltbar. Eine Weiterentwicklung bietet der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer mit seinen Thesen zu gesellschaftlicher Desintegration (vgl. Heitmeyer 1997; Anhut/Heitmeyer 2000; Anhut/Heitmeyer 2005). Heitmeyer argumentiert, dass Gesellschaften durch eine innere Ordnung und die Integration ihrer Mitglieder definiert werden (vgl. Imbusch/Heitmeyer 2012: 9f.). Durch eine Desintegration der Mitglieder der Gesellschaft kommt es zu einer Radikalisierung und zu einer der Theorie Lipsets entsprechenden Extremisierung. Diese radikalisierende Desintegration, so Heitmeyer, ist operationalisierbar und messbar (vgl. Heitmeyer 1997). Desintegration lässt sich auf drei Ebenen ansiedeln und mit jeweils einer objektiven (Teilhabe) und einer subjektiven (Anerkennung) Dimension vertiefen (vgl. Tabelle 1). Heitmeyer orientiert seine Thesen zur Desintegration auf Basis der Beobachtungen, wie eine Integration stattfindet. Zum einen existiert ein Reproduktionsaspekt auf der sozialstrukturellen Ebene. Dieser besteht aus der materiellen und kulturellen Teilhabe an der Gesellschaft (objektiv) sowie einer positionalen Anerkennung der sozialen und beruflichen Stellung (subjektiv). Zum anderen wirken auf einer institutionellen Ebene Vergesellschaftungsaspekte anhand von kommunikativ-interaktiven Integrationen auf der objektiven Seite und einer moralischen Anerkennung auf der subjektiven Seite. Neben diesen beiden Ebenen wird ein Vergemeinschaftungsaspekt auf der personalen Ebene etabliert. Dabei geht es um die Herstellung von emotionalen beziehungsweise expressiven Beziehungen zwischen Menschen. Über emotionale Anerkennung erfolgen Integrationserfolge (vgl. Imbusch/Heitmeyer 2012: 15f.).

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Soziologiemagazin 1-2020: Paradigmenwechsel. Nach dem Ende der Geschichte ist vor dem Anfang der GeschichteSie möchten gerne weiterlesen? Dieser Beitrag ist in dem Heft 1-2020 der Zeitschrift Soziologiemagazin erschienen.

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