Open Access, Wissenschaftsverlage und das DEAL-Abkommen

Schach Bauer © Pixabay 2021 / Foto: jplenio

In seinem Beitrag „Raus aus den DEAL-Verträgen! Sieben Gründe für den Ausstieg“ zeigt Michael Knoche, wie er zu DEAL steht. Bis 2016 war Knoche Direktor der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar: Er weiß, wovon er da schreibt.

DEAL bedeutet für Wissenschaftler*innen aus den beteiligten Institutionen eine gesicherte Open-Access-Publikationsmöglichkeit in den Zeitschriften von Springer und Wiley. Mit den Kosten, den sogenannten Article Processing Charges, kommen die Autor*innen dabei nicht in Berührung. Die Zeitschriften laufen übrigens weit überwiegend im Subskriptions-Modell. Nur zur Erinnerung: Open-Access-Gebühren für das Veröffentlichen von Aufsätzen in Subskriptions-Zeitschriften anderer Verlage werden auf den üblichen Wegen nicht mehr gefördert.

DEAL bedeutet für Springer und Wiley ein stabiles großes Geschäft mit einem einzigen Verhandlungspartner mit gesicherten Einnahmen über einen Zeitraum von fünf Jahren. Das ist die Art von „Deals“, die sich auch Verleger*innen kleinerer Verlage wünschen!

 

Was bisher (in der Chemie) geschah

Seit 2019 die DEAL-Abkommen mit Wiley und Springer geschlossen wurden, sahen die Journals der beiden internationalen Großkonzerne einen Zustrom an deutschen Autor*innen aus den beteiligten Institutionen. Dieses Verhalten so die Forschungsgruppe um Justus Haucap, habe einen direkten Einfluss auf den Markt: Autor*innen sehen Vorteile darin, in DEAL-geförderten Zeitschriften zu publizieren. Bibliotheken haben ein schwindendes Interesse daran, nicht-DEAL-geförderte Zeitschriften zu erwerben. Dies führen die Forscher*innen in ihrem Beitrag „The impact of the German „DEAL“ on competition in the academic publishing market“ deutlich aus. Hier wird also ein direkter Eingriff in den Markt, eine Förderung der weiteren Konzentration im Bereich der Wissenschaftsverlage überdeutlich.

Dies sind Erkenntnisse aus einem der Kernbereiche von Springer und Wiley, der Chemie. Möglicherweise lassen sich die Erkenntnisse auf die Sozialwissenschaften übertragen? Mir liegen dazu bislang keine Forschungsergebnisse vor.

Doch führt Michael Knoche in seinem oben zitierten Blog-Post aus: „Kleine und mittlere Verlage, die sich nicht am Projekt DEAL beteiligen können, werden zurückgesetzt. Ihre Open-Access-Zeitschriften sind in Gefahr, nicht mehr wettbewerbsfähig zu bleiben.“ Schon im September 2019 wird im Interview mit Prof. Klaus G. Saur, einem erfahrenen Verleger-Kollegen, klar, wie sehr die Nicht-DEAL-Verlage und deren Zeitschriften unter DEAL leiden. (Übrigens: Die im Blog-Post erwähnte Kartellklage des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gegen die Benachteiligung der Nicht-DEAL-Verlage wurde abgewiesen. Man sehe keinen Handlungsbedarf.)

 

Open-Access-Transformation von Zeitschriften?

Wie nun könnte unter diesen ungleichen Wettbewerbsbedingungen die von der Wissenschaftspolitik geforderte Überführung von Zeitschriften in den Open Access aussehen?

Im Rahmen von DEAL werden von den beteiligten Institutionen 2.750 Euro je veröffentlichtem Zeitschriftenaufsatz an den jeweiligen Verlag – also Wiley oder Springer – gezahlt. Für diesen Betrag wird jeweils genau ein Aufsatz veröffentlicht und der größte Teil des Zeitschriftenportfolios für die beteiligten Institutionen frei zugänglich geschaltet. Damit sind nicht etwa diese Zeitschriften vollständig in den Open Access überführt!  Diese Zeitschriften bleiben das, was gemeinhin „hybrid“ genannt wird: Es fließen weiterhin hohe Abo-Gebühren von jenen Institutionen an Wiley und Springer, die nicht an DEAL beteiligt sind. Und es werden zusätzlich die genannten Gebühren im Rahmen der Publish-and-Read-Vereinbarung gezahlt.

Übrigens, kleine Anekdote: Bei Verhandlungen, die ich mit einem der Fachinformationsdienste der Wissenschaft geführt hatte, wurde mir „Gier“ unterstellt: Ich hatte als Open-Access-Gebühr je Zeitschriftenheft (mit i.d.R. sechs bis acht Aufsätzen) keine 7.000 Euro veranschlagt. Das ganze Heft der Zeitschrift wäre damit vollständig in den Open Access gestellt worden – nicht mit vereinzelten Leserechten und zusätzlichen Abo-Einnahmen! Verlagskolleg*innen äußerten sich besorgt über mein zu niedriges Angebot: Das Überführen von Zeitschriften aus einem Abo- in ein Open-Access-Modell lässt sich schwerlich umkehren. Das bedeutet: Entfällt die (staatliche) Subventionierung, hat die Zeitschrift keine wirtschaftliche Basis mehr. Dieses Risiko müsse unbedingt mit eingepreist werden, um den Bestand einer Zeitschrift über einen garantierten Förderzeitraum hinaus nicht zu gefährden. Recht haben sie, meine Kolleg*innen. Da aber mein Angebot bereits als überzogen empfunden wurde, gab es keinen weiteren Anlass über eine etwaige Risiko-Absicherung zu verhandeln.

Zum Vergleich: Bei einem DEAL-Szenario hätten wir theoretisch die Möglichkeit gehabt, sagen wir mal 3 von 6 Beiträgen mit 2.750 Euro bezahlen zu lassen – das wären bereits 8.250 Euro geworden. Zusätzlich hätte wir uns über die Abo-Einnahmen der nicht an DEAL beteiligten Institutionen gefreut. Schade eigentlich, dass einem Verlag mit nur 30 Fachzeitschriften mit moderaten Abonnementspreisen kein DEAL angetragen wird.

 

Gold, grün und hybrid

Der größte Teil unserer Zeitschriften arbeitet mit einer sogenannten Moving Wall: Mit einer Verzögerung von zwei bis drei Jahren nach Erscheinen werden die Hefte Open Access gestellt. Ohne dass wir dafür eine Gebühr erheben. Die digitalen Ausgaben sind dann also kostenfrei und ohne jede Registrierungsnotwendigkeit zugänglich. Die Print-Ausgaben sind – zumeist – weiterhin gegen ein Entgelt lieferbar. Viele unserer Zeitschriftenabonnent*innen lesen auch heute noch gern in einem gedruckten Heft und nicht ausschließlich digital.

Einige unserer Zeitschriften erscheinen sofort Open Access. Dies geschieht entweder auf Wunsch und Rechnung einer Organisation oder – wie bei der Zeitschrift Exposé und dem Soziologiemagazin – auf unsere Kosten, vor allem mit Blick auf Nachwuchsförderung. Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Die beiden letztgenannten Zeitschriften kosten uns, den Verlag, echtes Geld! Da die Autor*innen und deren Institutionen in diesen Fällen keine Article Processing Charge leisten, bleibt der Verlag auf allen Kosten sitzen. Im Falle der Exposé trägt der Verlag sogar die Redaktionskosten.

Ein „Geschäftsmodell“, bei dem der Verlag nur Geld ausgibt, aber kaum etwas einnimmt – über die sehr niedrigen Abo- und Einzelheftpreise bei diesen Zeitschriften -, ist keines. Und ein Wirtschaftsunternehmen hat per definitionem nur sehr begrenzte Möglichkeiten so zu agieren.

Wenn es der Wissenschaftspolitik Ernst ist mit der Idee, möglichst viele Wissenschaftszeitschriften in eine echte Open-Access-Transformation einzubeziehen, dann ist DEAL das falsche Mittel. Denn weder werden die Budgets der öffentlichen Hand dadurch geschont, wie dies ursprünglich geplant war. Noch erfüllt diese Art der Publish-and-Read-Vereinbarung den Anteil ans Open-Access-Zeitschriften. Partnerschaften mit nur zwei von über 300 Wissenschaftsverlagen, noch dazu mit zwei der drei größten führen zudem nur zu einer weiteren Konzentration im Markt – wie dies Michael Knoche mit deutlichen Worten skizziert und Justus Haucap mit seinen Kolleg*innen bereits nachweisen konnte.

Als ehemaliger Bibliothekar kommt Knoche wenig überraschend zum Schluss, dass nur Bibliotheken hier Abhilfe schaffen können. Als Verlegerin komme ich zu einem anderen Schluss. Denn ich frage mich: Ist es wirklich eine bessere Idee, dass staatliche Einrichtungen wie Bibliotheken die Rolle von Verlagen übernehmen?

 

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