Nachhaltigkeit in der Berufsbildung

HiBiFo – Haushalt in Bildung & Forschung 3-2020: Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung in den Berufen des Lebensmittelhandwerks und der Lebensmittelindustrie

Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung in den Berufen des Lebensmittelhandwerks und der Lebensmittelindustrie

Verónica Fernández Caruncho, Christian Melzig

HiBiFo – Haushalt in Bildung & Forschung, Heft 3-2020, S. 3-18

 

Der Beitrag beschreibt ein Grundverständnis zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) und skizziert Ziele und Ansätze der vom Bundesinstitut für Berufsbildung aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geförderten Modellversuche zur Berufsbildung für eine nachhaltige Entwicklung. Der Fokus liegt auf den Modellversuchen zur nachhaltigen Kompetenzentwicklung in Lebensmittelhandwerk und -industrie. Hierzu werden erste Erkenntnisse sowie eine betriebliche Sicht in der Ernährungsbranche diskutiert.

Schlüsselwörter: Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung, Modellversuche, Lebensmittelberufe, Kompetenzentwicklung, Bundesinstitut für Berufsbildung

 

Vocational education and training for sustainable development in the professions of food trade and food industry

This article describes a basic understanding of vocational education and training for sustainable development and outlines the objectives and approaches of the pilot projects on vocational education and training for sustainable development which the Federal Institute for Vocational Education and Training is funding from the Federal Ministry of Education and Research. The focus is on the pilot projects for sustainable competence development in the food trade and industry. The preliminary findings and operational opinions of the food sector will be discussed.

Keywords: vocational education and training for sustainable development, pilot projects, food occupations, competence development, Federal Institute for Vocational Education and Training

 

1 Ansätze und Ziele von BBNE

Nachhaltigkeit ist längst kein Nischenthema mehr. Die „Fridays for Future“-Bewegung ist ein prominentes Beispiel, weitere wären u. a. neue Gesetze und Richtlinien zur Reduzierung von Verpackungen, der Sicherung sozialer Standards in der Lieferkette oder der Berichtspflicht zur „corporate social responsibility“ (CSR). Für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, die Nachwuchs anwerben wollen, spielt Nachhaltigkeit eine zunehmende Rolle, denn immer mehr junge Menschen erwarten von ihren Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen oder Ausbildungsbetrieb eine sinnstiftende Tätigkeit, bei der sie die Arbeitswelt im Sinne der Nachhaltigkeit mitgestalten können. Nicht zuletzt wandeln sich die Anforderungen der Kunden und Kundinnen sowie Verbraucher und Verbraucherinnen hin zu ökologischeren oder fair gehandelten Produkten, die inzwischen oft nicht viel teurer sind als konventionelle Waren. Insbesondere die Lebensmittelbranche, begonnen bei der Produktion über die handwerkliche und industrielle Verarbeitung bis hin zum Verkauf, hat Nachhaltigkeit schon lange als Notwendigkeit und gleichzeitig als Chance erkannt. Seit Jahren wird Bildung bei der Schaffung nachhaltiger Strukturen besondere Bedeutung beigemessen (Deutscher Bundestag, 2013). Insbesondere die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) spielt dafür eine wichtige Rolle, denn „die Arbeitswelt wird als kritischer Ort identifiziert, an dem sich entscheidende Innovationen eines Transformationsprozesses vollziehen“ (BIBB, 2018, S. 3). So können z. B. Handelsunternehmen oder Betriebe im Lebensmittelhandwerk Einfluss auf die Entscheidungen und Gewohnheiten der Verbraucherinnen und Verbraucher nehmen. Ziel der beruflichen Bildung sollte es daher sein, „Kompetenzen zu fördern, mit denen die Arbeits- und Lebenswelt im Sinne der Nachhaltigkeit gestaltet werden können. Dabei gilt es, das berufliche Handeln an seinen intra- und intergenerativen Wirkungen der ökologischen, sozialen und ökonomischen Folgen orientieren zu können“ (Hemkes, 2014, S. 225). Dazu zählt auch, Werte und Zielkonflikte einzubeziehen. Denn eine Berufsbildung, die auf nachhaltige Entwicklung und die Befähigung zu nachhaltigem Denken und Handeln abzielt, sollte nicht nur isoliert Fachinhalte aufgreifen, wie z. B. das Lernen von Bio- und Nachhaltigkeitssiegeln. Regionale, saisonale Bio-Zutaten könnten Auszubildende auch zu Lebensmitteln verarbeiten, ohne sich deren Bedeutung für den Klimaschutz bewusst zu sein. BBNE ist damit immer auch Bewusstseinsbildung (Kuhlmeier et al., 2017, S. 8).

Bei der BBNE, wie sie im Kontext der vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Modellversuche verstanden wird, trägt keine Branche allein die Verantwortung. Der Ansatz ist vielmehr, dass jeder Beruf und jedes Unternehmen nachhaltig(er) werden kann. Aber wie kann es gelingen, nachhaltigkeitsbezogene Handlungs- oder Gestaltungskompetenz in konkrete berufliche Handlungsfähigkeit zu „übersetzen“ und BBNE strukturell zu verankern? Eine häufige Antwort darauf wäre die Integration von Nachhaltigkeit in die Ausbildungsrahmenpläne und Prüfungen. So wurde die seit 1998 wirksame integrative Standardberufsbildposition „Umweltschutz“ zuletzt überarbeitet und wird voraussichtlich ab Sommer 2021 als neue Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ für Ausbildungsordnungen gültig. Darüber hinaus finden konkrete Kompetenzen, Fertigkeiten und Fähigkeiten zur BBNE, nicht zuletzt durch die Arbeit der Modellversuche und wissenschaftlichen Begleitungen, zunehmend Berücksichtigung innerhalb der berufsspezifischen Berufsbildpositionen bei Neuordnungsverfahren verschiedener Branchen. Ein aktuelles Beispiel stellt die Neuordnung der Ausbildung zur Hauswirtschafterin bzw. zum Hauswirtschafter dar (Bretschneider et al., 2020), bei der u. a. Ergebnisse aus dem von 2010 bis 2013 durchgeführten Modellversuch „Rahmencurriculum Ernährung und Hauswirtschaft“ aufgenommen wurden (u. a. Kettschau, 2014; Kastrup & Kuhlmeier, 2013). Die integrative Standardberufsbildposition weist Nachhaltigkeit eine hohe Bedeutung zu und macht sie prüfungsrelevant, die berufsspezifischen Berufsbildpositionen wiederum geben Ausbilderinnen und Ausbildern konkrete Ansatzpunkte und Orientierung, wie und an welcher Stelle der Ausbildung Nachhaltigkeit eingebracht werden kann (Melzig, im Druck).

Neben der Ordnungsebene kommt es jedoch in noch größerem Maße darauf an, wie nachhaltige Entwicklung in der (Ausbildungs-)Praxis tatsächlich umgesetzt wird. Es müssen konkrete Bezüge zwischen dem eher abstrakten Leitbild der BBNE (Melzig et al., 2018, S. 38) und der realen Bildungsarbeit hergestellt werden. Nachhaltigkeit muss für alle Beteiligten, vom Berufsbildungspersonal über die Auszubildenden bis hin zur Geschäftsleitung, greifbar werden. Dazu darf BBNE nicht als zusätzliche Lerneinheit „on top“ gesetzt werden. Vielmehr scheint ein induktives Vorgehen sinnvoll, bei dem bereits vorhandene Inhalte und Tätigkeiten durch die „Nachhaltigkeitsbrille“ betrachtet werden (Srbeny & Hemkes, 2017, S. 44) bzw. die Potenziale der Nachhaltigkeit in der Berufsarbeit und der Ausbildung genutzt werden. Für das Lebensmittelhandwerk und die -industrie bedeutet dies z. B., dass Fachkräfte für Lebensmitteltechnik andere Ansatzpunkte als Bäcker und Bäckerinnen sowie Hauswirtschafter und Hauswirtschafterinnen haben. Diese Potenziale gilt es berufsspezifisch zu identifizieren, als Kompetenzen zu fördern und im Unternehmen zu ermöglichen.

2 BBNE in Lebensmittelberufen

Die Weltgemeinschaft verabschiedete im September 2015 die Agenda 2030, deren Kernstück die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung sind (UN, 2015). Die Nachhaltigkeitsziele (SDGs) berücksichtigen gleichermaßen die ökonomischen, wirtschaftlichen und sozialen Dimensionen der Nachhaltigkeit. Ernährung ist ein zentrales Thema nachhaltiger Entwicklung (BIBB, 2017, S. 2). So zielt das SDG 2 auf die Beseitigung von Hunger, die Erreichung einer besseren Ernährung sowie die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft. Dennoch wird auch die Erreichung weiterer Nachhaltigkeitsziele durch das globale Ernährungssystem beeinflusst, wie z. B. „Nachhaltig produzieren und konsumieren“ (SDG 12) „Gesundheit und Wohlergehen“ (SDG 3) oder „weltweit Klimaschutz umsetzen“ (SDG 13) (Wunder et al., 2018, S. 8 f.).

Die Unternehmen der Lebensmittelindustrie und des Lebensmittelhandwerks sind Schlüsselakteure in unserem Ernährungssystem (Fernández Caruncho et al., 2020, S. 4) und können auch eine entscheidende Rolle bei der Erreichung der Nachhaltigkeitsziele spielen.

Mit Ernährung sind auch Gesundheit und Lifestyle eng verbunden (BIBB, 2017, S. 2), was sich im Konsumverhalten widerspiegelt. So ist eine verstärkte Nachfrage der Verbraucherinnen und Verbraucher nach sozial verantwortlich (fair) hergestellten Produkten (Bundeszentrum für Ernährung, 2019) und ökologisch produzierten (Bio-) Lebensmitteln (Gfk, 2020) festzustellen. Zum Beispiel hat sich die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt und im Jahr 2019 erreichte der Umsatz von Bio-Lebensmitteln eine neue Rekordsumme (GfK, 2020). Dies stellt die Produzenten vor soziale, ökologische und ökonomische Herausforderungen (BIBB, o.J.), bietet aber auch den Produzenten eine wirtschaftliche Perspektive. Um diese Herausforderungen zu meistern und diese Chance zu nutzen, sind nachhaltigkeitsorientierte berufliche Handlungskompetenzen bei Beschäftigen im Lebensmittelhandwerk und in der Lebensmittelindustrie gefragt. Diese könne über die berufliche Aus- und Weiterbildung erworben werden.

In den Berufen der Lebensmittelindustrie und des -handwerks müssen nachhaltigkeitsrelevante Aspekte über die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigt und Alternativen entwickelt werden. Dazu gehören bspw. Kenntnisse über umwelt- und ressourcenschonende Herstellungsverfahren, über die sozialen Bedingungen der Rohstoffgewinnung sowie Aspekte „der gesundheitlichen Verträglichkeit und Abfallreduzierung“ (BIBB, 2017, S. 2).

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