Das Mikrofinanzwesen in Indien

PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur 162-163 (2-2021): Warum das Mikrofinanzwesen trotz eminenter Kritik fortbestehen kann. Eine diskursanalytische Erklärung anhand der Analyse von Subjektpositionen von Entwicklungsfinanziers in Indien

Warum das Mikrofinanzwesen trotz eminenter Kritik fortbestehen kann. Eine diskursanalytische Erklärung anhand der Analyse von Subjektpositionen von Entwicklungsfinanziers in Indien*

Paula Haufe

PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur, Heft 162+163 (2-2021), S. 227-250

 

Keywords: Indian microfinance, Andhra Pradesh microfinance crisis, financialisation, neoliberal development, discourse analysis
Schlagwörter: Mikrofinanzwesen in Indien, Andhra-Pradesh-Mikrofinanzkrise, Finanzialisierung, Neoliberale Entwicklung, Diskursanalyse

Von den einen gepriesen, von den anderen fundamental kritisiert. Das Mikrofinanzwesen bleibt ein umstrittenes Instrument nationaler und internationaler Entwicklungspolitik. Vor dem Hintergrund dieser Kontroverse untersuche ich die Subjektposition von Menschen, die in Entwicklungsbanken und -fonds in Indien arbeiten und dem Mikrofinanzwesen Geld leihen oder in dieses investieren (Entwicklungsfinanziers). Das Ziel ist, zu verstehen, was die Subjektpositionen von Bankiers und Investor*innen stabilisiert und die eigene professionelle Rolle gegen die Kritik abschirmt und die Fortführung und Vertiefung des Mikrofinanzwesens ermöglicht.

Der Artikel ist damit als Ergänzung zu Studien zu betrachten, die die andauernde Popularität des Mikrofinanzwesens mit dessen Dienlichkeit für eine neoliberale Agenda begründen (Bateman & Chang 2012: 14) oder es in vorherrschende Modi der Kapitalakkumulation einbetten (Federici 2014: 232; Mader 2013: 47ff.). Der Fokus dieses Beitrags liegt auf dem Diskurs und der Perspektive von Menschen, die Geld in das Mikrofinanzwesen steuern, dieses also essenziell unterstützen. Wie gehen die Akteur*innen mit der Kritik um? Wie kritisch sind sie selbst der eigenen Praxis gegenüber? Wie wird eine neoliberale Entwicklungsagenda im Diskurs reflektiert? Was motiviert die Entwicklungsfinanziers und wie positionieren sie sich in Bezug zu anderen Akteur*innen? Sophia Sabrow und Philip Mader (2014) zeigen in ihrer Analyse des Strategiewechsels in der Mikrofinanzbranche, wo nun weniger von Mikrokrediten und Mikrofinanzen gesprochen und stattdessen „finanzielle Inklusion“ als Ziel betont wird, dass diese Entwicklung mehr „Mythos und Zeremonie“ als tatsächliche Veränderungen widerspiegelt. Der vorliegende Beitrag ergänzt diese diskursive Strategie, die Legitimität des Mikrofinanzwesens zu erhöhen, um weitere Strategien, die auf der Ebene der Subjektposition von Entwicklungsfinanziers sichtbar werden.

Im Folgenden wird zunächst die Kritik am Mikrofinanzwesen umrissen, sowie beschrieben, wie dieses in den Kontext einer neoliberalen Entwicklungsagenda passt. Der zweite Abschnitt widmet sich der Erklärung des angewandten diskursanalytischen Theorierahmens und führt in die Konzepte der Subjektposition und des Diskurses ein. Außerdem werden die Auswahl der acht Interviewpartner*innen sowie die angewendeten Analysemethoden erklärt. Der dritte Abschnitt befasst sich mit der historischen und gegenwärtigen Ausprägung des Mikrofinanzwesens in Indien. Abschnitt vier und fünf beinhalten die Analyse der Subjektposition. Diese wird im Anschluss mit Bezug auf die Ausgangsfrage nach der Stabilisierung der Subjektposition zusammengefasst und reflektiert.

1 Das Mikrofinanzwesen zwischen Kritik und Wachstum

Genauso beständig und wachsend, wie das Mikrofinanzwesen (MIX Market 2019) ist auch die Kritik an selbigem. Während es in verschiedenen internationalen Foren gelobt und als integraler Bestandteil eines inklusiven Wachstums und ökonomischer Entwicklung verstanden wird (BMZ 2016: 8; G20 Germany 2017; Global Partnership for Financial Inclusion 2020), legen eine Vielzahl von Studien eine ganz andere Wirkung nahe: Dass sich die vergebenen Mikrokredite1 kaum positiv und oft negativ auf das Einkommen und den Lebensstandard der Kreditnehmenden auswirken.2 Die Verbesserung der Stellung von Frauen, die durch die Bevorzugung von Frauen bei der Vergabe von Krediten erreicht werden soll, wird infrage gestellt. Unter anderem wird kritisiert, dass der Druck, ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen, für eine Familie zu sorgen und den Ansprüchen der Mikrofinanzinstitutionen (MFIs) gerecht zu werden, aufgrund der Belastung ins Gegenteil umschlagen kann.

Mader (2013: 46f) und Sohini Kar (2018: 13) weisen in diesem Zusammenhang auf eine Kette der Disziplinierung hin, die dafür sorgt, dass marginalisierte Menschen Verhaltensweisen verinnerlichen, die gewinnbringend für die Kapitalgebenden sind, nicht aber zu einer Armutsreduktion beitragen und zudem mental belastend sind. In ähnlicher Weise wird kritisiert, dass das Mikrofinanzwesen Armut zu einem Geschäftsmodell macht. Dies nutzt die prekäre Lage der Zielgruppe aus, um bspw. besonders hohe Zinsraten zu verlangen (Ghosh 2011: 850; Wichterich 2015: 472; Kleinman 2014: 2). Schließlich argumentieren Kritiker*innen, dass das Mikrofinanzwesen Armut fälschlicherweise als individuelles Problem darstellt, anstatt es als systemisches und politisches Problem zu begreifen (Brigg 2006; Fernando 2006b: 226; Kleinman 2014: 1). Eine Ausnahme unter den Studien ist jene von Abhijit Banerjee u.a. (2015). Anhand von randomisierten, kontrollierten Studien in sechs Ländern und vier Kontinenten beurteilen sie die Wirkung von Mikrokrediten als Entwicklungsinstrument zurückhaltend positiv, wenngleich nicht „transformativ“ (ebd.: 1).

Angesichts der Kritik verwundert die gleichzeitige Popularität des Sektors. Um dies zu verstehen, ist es hilfreich, sie im Kontext einer neoliberalen Entwicklungsagenda zu betrachten (vgl. Bateman & Chang 2012). Diese fasste in den 1970ern Fuß und rückt anstelle von staatlichen Eingriffen eine „marktgesteuerte“ Entwicklungspolitik in den Fokus (Ghosh 2011: 850). Um Armut zu bekämpfen, wird dabei auf die Entfaltung des unternehmerischen Potenzials armer Menschen gesetzt (Fernando 2006a: 9, 17). Seit der Verabschiedung der Sustainable Development Goals (SDG) fordern die Weltbank, die multilateralen Entwicklungsbanken und der Internationale Währungsfonds darüber hinaus eine „Transformation der Entwicklungsfinanzierung“, um die Ressourcen freizusetzen, die für die Erreichung der SDG notwendig seien (African Development Bank u.a. 2015: 1f). Investitionsmöglichkeiten in „armen Ländern“ sollen darin große Summen („trillions“ = Billionen) von globalen institutionellen Investor*innen anziehen (Gabor 2019: 1). Emma Mawdsley (2018) begreift die hier entstehende Beziehung als einen „Finanzialisierungs-Entwicklungs-Nexus“, der sich beschleunigt und vertieft (ebd.: 264). Sie verweist auf Trends, die darauf abzielen, die Finanzmärkte und -logiken im Namen der Entwicklung zu vertiefen und zu erweitern (ebd.: 265).

Von Befürworter*innen der neoliberalen Entwicklungsagenda wird Mikrofinanzierung als ein vielversprechendes Instrument angesehen. Es ist im Einklang mit neoliberalen Steuerungsmodi (Brigg 2006: 67; Kar 2018: 10; Taylor 2012: 603), da es auf freie Kapitalströme, auf Marktexpansion, auf zunehmende Eigenverantwortung und auf abnehmende öffentliche Verantwortung sowie auf die Involvierung des Privatsektors anstelle des öffentlichen Sektors setzt (Kar 2018: 10). Laut Milford Bateman und Ha-Joon Chang (2012) bietet das Mikrofinanzwesen überdies die Möglichkeit, Armutsbekämpfung lediglich zu suggerieren, ohne dabei die existierenden Strukturen von Wohlstand und Macht tatsächlich herauszufordern. Jene, die es mit den bereitgestellten Mitteln nicht schaffen erfolgreich zu sein, können selbst dafür verantwortlich gemacht werden. Schließlich wirkt das Mikrofinanzwesen als „Sicherheitsventil“ im Globalisierungsprojekt, das staatliche Wohlfahrt und sichere öffentliche und formale Arbeitsplätze dezimiert. Die Hoffnung ist, dass „die redegewandtesten und lautesten der Armen“ (ebd.: 30)3, die unter anderen Umständen Widerstand organisieren würden, sich im Mikrofinanzsektor einbringen (ebd.: 28ff ).

Das Mikrofinanzwesen ist also einerseits stark umstritten und andererseits weiterhin fester Bestandteil internationaler und nationaler Entwicklungsagenden. Eine mögliche Begründung hierfür ist die gute Vereinbarkeit der Mikrofinanzprogramme mit einer neoliberalen „marktgesteuerten“ Entwicklungsagenda. Angesichts der gerade beschriebenen zunehmenden Relevanz von Finanzakteur*innen im Bereich der Entwicklungspolitik und der zunehmenden Verschränkung von privater und staatlicher Geldvergabe, fokussiert der vorliegende Beitrag auf Entwicklungsfinanziers.

* Für wertvolle Kommentare und die ausdauernde Unterstützung des Forschungsprozesses möchte ich mich insbesondere bei Franziska Müller, Aram Ziai, Madita Rabe sowie den anonymen Begutachter*innen bedanken. Für die finanzielle Unterstützung der Feldforschung bedanke ich mich beim International Center for Development and Decent Work (ICDD) der Universität Kassel.
1 Mikrokredite werden hier als ein Instrument des Mikrofinanzwesens begriffen. Letzteres wird als Subsystem des Finanzsektors gefasst und ist ein Mittel der finanziellen Inklusion (BMZ 2016: 7).
2 Taylor 2012: 604; Ghosh 2011: 850; Kar 2018: 7; Bateman 2007: 38; Kleinman 2014: 2; Duvendack u.a. 2011.

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