Männer und feministische Wissensproduktion

Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft 1-2021: Können Männer feministisches Wissen produzieren? Von Hegemonieselbstkritik hin zur pro*feministischen Politisierung der Universität

Können Männer feministisches Wissen produzieren? Von Hegemonieselbstkritik hin zur pro*feministischen Politisierung der Universität

Simon Fetz, Johannes Korak

Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, Heft 1-2021, S. 56-69

 

Zusammenfassung
Feministische Standpunktepistemologien sind aus der feministischen Wissenschaftskritik am Androzentrismus in der Wissenschaft heraus entstanden. Vertreterinnen der feministischen Standpunktepistemologie diskutieren dabei Fragen nach dem wissenschaftsproduzierenden Subjekt und den Bedingungen der Wissenschaftsproduktion. Insbesondere das Verhältnis zwischen sozialer Positioniertheit – qua Geburt und Sozialisation – und der Einnahme einer epistemisch-politischen Positionierung auf Seiten der Marginalisierten steht im Mittelpunkt dieser Debatten. Wenn neues und differenziertes Wissen auch von privilegierten Positionen aus produziert werden kann, können dann Männer feministisches Wissen produzieren? Unter welchen Bedingungen ist dies möglich und welche Rolle spielt dabei die Institution Universität? Diese Fragen bearbeiten wir mit Blick auf die Figur des feministischen Wissenschaftlers, der zwar feministische Theorie rezipiert, jedoch neben seinem 15-stündigen Arbeitstag keine Zeit mehr für Reproduktionsarbeit hat. Wir schlagen daher eine profeministische Perspektive vor, die über das Individuum hinausgeht und letztlich auf eine profeministische Politisierung der Universität abzielt. Dabei greifen wir auf das Konzept der Hegemonieselbstkritik zurück und schlagen in Anknüpfung daran profeministische Praxen auf vier unterschiedlichen Ebenen vor, die in der Universität erprobt und theoretisch vertieft werden können.

Schlagworte: Männerbild, Wissenschaft, Feministische Kritik

 

Can Men produce Feminist Knowledge? From Self-Reflection towards a profeminist Politicization of the University

Abstract
Feminist standpoint epistemologies have emerged from the feminist critique of androcentrism in science. Discussions within standpoint epistemology i.a. revolve around the question about the knowledge-producing subject and the conditions of scientific knowledge production. In particular, the relationship between social positioning – qua birth and socialization – and the adoption of an epistemic-political positioning on the part of the marginalized. If new and differentiated knowledge can also be produced from privileged positions, can men produce feminist knowledge? Under what conditions is this possible and what role does the institution of the university play in this? We address these questions with a view to the figure of the feminist scholar, who is well-versed in feminist theory but has no time left for reproductive work in addition to his 15-hour workday. Therefore, we propose a profeminist perspective that exceeds beyond the individual scientist and ultimately aims at a profeminist politicization of the university. In doing so, we draw on the concept of hegemony self-critique and, following on from this, propose profeminist practices at four different levels which can be tested and theoretically deepened within the university.

Keywords: male image; science; feminist critique

 

Einleitung: Können Männer feministisches Wissen produzieren?1  

Karin Hausen und Helga Nowotny fragten in den 1980er-Jahren: „Wie männlich ist die Wissenschaft?“ (Hausen/Nowotny 1986). 30 Jahre später antworten Sandra Beaufaÿs, Anita Engels und Heike Kahlert (2012, 9, 18) so: Weiterhin sehr. Welche Konsequenzen hat also der Androzentrismus für die Möglichkeiten emanzipatori­scher oder feministischer Wissensproduktion? Vertreter*innen feministischer Stand­punktepistemologien widmen sich dieser Frage. Dabei fokussieren sie darauf, wel­che Subjekte unter welchen Bedingungen emanzipatorisches Wissen produzieren können. Ein grundlegender Gedanke ist, Herrschaftskritik und Wissenschaft vom Standpunkt der Beherrschten oder Unterdrückten aus zu konzipieren. Für frühe fe­ministische Standpunktepistemologien fungierte das Subjekt (weiße) Frauen* als Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Doch Schwarze Feministinnen stellten vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen klar, dass Machtverhältnisse in ihrer Komplexität und Gleichzeitigkeit theoretisiert werden müssen. Einen einheitlichen Standpunkt von Frauen* gibt es nicht, denn Rassismus, Klassenverhältnisse und an­dere Spaltungslinien durchzögen die Lebensrealitäten von Frauen*. Daher biete sich der Standpunkt der Marginalisierten als adäquatere politische und epistemische Po­sitionierung für eine feministische Wissenschaftspraxis an (vgl. Harding 2015, 30ff.; Collins 2000, 279; Singer 2008, 290).

Die Frage nach dem Subjekt feministischer Wissensproduktion wurde weiter disku­tiert. Welche Rolle spielt dabei die qua Geburt und Sozialisation gegebene soziale Positioniertheit der*des Wissensproduzent*in? Kann von dieser auf die Befähigung zu kritischer Wissensproduktion geschlossen werden? Oder geht es vielmehr um die Einnahme eines epistemisch-politischen Standpunktes auf Seiten der Marginalisier­ten, beispielsweise durch Bezugnahme auf feministische Theorien? Joey Sprague (2018, 52) schreibt dazu, dass gerade neues und differenziertes Wissen über Themen wie Familie, Gewalt oder Gesundheit von Personen unterschiedlicher sozialer Po­sitioniertheiten produziert wurde – „some have been privilged white men (H.i.O.)“ (ebd., 50).

Können also Männer, die in Geschlechterverhältnissen und im androzentrischen Wissenschaftsbetrieb privilegiert positioniert sind, feministisches Wissen produzie­ren? Unter welchen Bedingungen? Welche Rolle spielt dabei die Institution Univer­sität?

Im folgenden Text gehen wir diesen Fragen nach. Wir argumentieren, dass die Be­fähigung zu einer pro*feministischen2 Wissensproduktion in einem Spannungsfeld entsteht: Die soziale Positioniertheit einer*s Forscher*in (z.B. als weißer Mann*) bedingt zu einem gewissen Maß, auf welche Erfahrungen diese*r (nicht) zurückgrei­fen kann, um Wissen zu produzieren. Männer erfahren etwa nicht den alltäglichen Sexismus, dem Frauen* ausgesetzt sind und sind somit epistemisch benachteiligt, um Wissen über patriarchale Verhältnisse zu produzieren. Neben der sozialen Posi­tioniertheit betonen wir den Aspekt der epistemisch-politischen Positionierung: die Einnahme eines Standpunktes mittels politischer Solidarisierung und Bezugnahme auf etwa feministische Diskurse und Erfahrungen Marginalisierter. Diese betont also einen Praxisaspekt, der über die soziale Positioniertheit hinausweist. Zudem betonen Ansätze der feministischen Standpunktepistemologien auch kollektive und institutionelle Aspekte feministischer Wissenschaftspraxis, die jedoch in ihrer Re­zeption nur am Rande aufgegriffen werden. Daran anschließend argumentieren wir, dass die Frage wer feministisches Wissen produzieren kann – neben individueller Positioniertheit und Positionierung – den institutionellen Kontext (universitärer) Wissensproduktion betrifft. Das akademische Feld verlangt von Forscher*innen Verhaltensweisen ab, die unseres Erachtens dem Projekt pro*feministischer Wis­sensproduktion entgegenlaufen. Sie werden im akademischen Feld auf eine Weise angerufen, die einem maskulinen Ideal autonomer, kompetitiver Subjektivität folgt. Wir argumentieren daher, dass diese vergeschlechtlichenden Subjektivierungswei­sen auf- und angegriffen werden müssen.

Wir schlagen in diesem Artikel eine transformatorische Perspektive vor, die ver­sucht, über die androzentrische Logik universitärer Wissensproduktion hinauszu­weisen. Dazu halten wir das Konzept der Hegemonieselbstkritik für einen geeig­neten Ausgangspunkt, um aus der Reflexion über vergeschlechtlichte Privilegien heraus eine emanzipatorische Selbsttransformation anzustreben. Jedoch wollen wir die Hegemonieselbstkritik in Richtung einer kollektiven politischen Praxis weiter­denken. Hier stellen wir vier mögliche Ebenen einer pro*feministischen Politisie­rung der universitären Wissensproduktion und der Institution Universität selbst vor. Dabei fungieren für uns – im Anschluss an feministische Standpunktepistemologien – Dialog und Dialogfähigkeit als erste Orientierungspunkte einer pro*feministischen Wissenschaftspraxis. Auf der epistemischen Ebene heißt dies für uns, Wissenschaft als unstete und ungewisse Praxis zu begreifen, die immer wieder kritisch befragt werden muss. Auf der habituellen Ebene rücken verkörperte Geschlechterpraxen, wie Konkurrenzverhalten, in den Blick. Eine pro*feministische Wissenschaftspraxis verfolgt eine solidarische Haltung, die bei der Transformation männlicher (Körper-) Praktiken ansetzt und sich bis auf die Beziehungsebene erstreckt. Damit ist für uns der Grundstein gelegt, um abschließend nicht nur die vermännlichende Logik inner­halb der Universität in Frage zu stellen, sondern um jene Bedingungen zu politisie­ren, die diese Institution erst ermöglichen.

Feministische Standpunktepistemologien: zwischen Positioniertheit, Positionierung und Standpunkt

Ein zentrales Anliegen feministischer Standpunktepistemologien ist es, in der For­schung vom Standpunkt der Marginalisierten auszugehen. Dabei rückt das Span­nungsverhältnis zwischen sozialer Positioniertheit und der epistemisch-politischen Positionierung von Subjekten in Bezug auf zwei Fragen in den Vordergrund: Wie entsteht aus den unterschiedlich positionierten Subjekten ein Standpunkt der Marginalisierten? Wer tritt als Forscher*in, also als forschendes Subjekt, im Sinne der feministischen Standpunktepistemologie auf? Damit setzen wir an Debatten darü­ber, wie eine soziale Positioniertheit zu einer epistemisch-politischen Positionierung transformiert wird (vgl. Stoetzler/Yuval-Davis 2002, 320) oder wie die These der Situiertheit jedes Wissens ausgelegt wird (vgl. Singer 2005, 142), an. Wir argumentieren folglich weder, dass die soziale Positioniertheit Subjekte monokausal in der Erarbeitung eines Standpunktes determiniert, noch wollen wir einer Loslösung der epistemisch-politischen Positionierung von der sozialen Positioniertheit das Wort re­den. Aus pro*feministischer Perspektive ist für uns die Anerkennung der Wirkmäch­tigkeit einer vergeschlechtlichten Subjektivierungsweise zentral, die sich durch den Wissenschaftsbetrieb zieht. Denn feministische Standpunktepistemologien setzen die Situiertheit jedes Wissens und jeder Wissensproduktion als (wissenschafts-)politische Einsatzpunkte dem androzentrischen „god trick“ (Haraway 1991, 189) entgegen.3

Wenn der Einsatz feministischer Standpunktepistemologien eingelöst und Mr. Nowhere – also das hegemonial-männliche (weiß privilegierte, heterosexuelle, hochschulgebildete und able-bodied) Wissenssubjekt – als Garant legitimen Wissens abgeschafft wird, welche Rolle können dann Männer bei der Produktion kritischen Wissens spielen? Welche Fragen müssen vor diesem Hintergrund berücksichtigt werden, wenn ihre Wissenschaft vom Standpunkt der Marginalisierten ausgehen will?

Sandra Harding (1992, 442f.) betont, dass herrschaftskritische Wissenschaft sich intensiv mit den gelebten Erfahrungen und Lebenswelten Marginalisierter auseinandersetzen muss. Die daran anschließenden Debatten um den Status des Sub­jektes haben gezeigt: Eine einfache Gleichsetzung zwischen sozialer Positioniert­heit und Subjekt reduziert Komplexität und kann tendenziell depolitisierend wirken. Nira Yuval-Davis und Marcel Stoetzler (2002, 325f.) verweisen dabei auf die emo­tionalen Dispositionen im und widersprüchlichen ideologischen Anrufungen an das Subjekt. Subjekte sind „much more problematic and contingent“ (Haraway 1991, 192), als dass sie als Standpunkte im Sinne der feministischen Standpunktepistemologien dienen könnten.

Hingegen entstehen für Standpunktepistemolog*innen Subjekte aus kollektiven und politischen Prozessen heraus. Ausgehend von der individuellen sozialen Posi­tioniertheit (vgl. Collins 2004, 248) und geteilten emanzipatorischen Werten (vgl. Harding 2015, 42) bilden sich erst durch den Dialog (vgl. Yuval-Davis 2012, 51) politisch-epistemische und kollektive Subjekte. Ebendiese sind schließlich die Aus­gangspunkte „for everyone’s (H.i.O.) research and scholarship“ (Harding 1992, 442- 43). Doch inwieweit kann diese Konzeption von Subjekten auf das forschende Sub­jekt übertragen werden? Denn, wie Mendel hervorhebt (2015, 86), können sich auch Männer auf feministische Standpunktepistemologien beziehen und die These der sozialen Situiertheit jedes Wissens wird abgeschwächt. Insofern könnte der Blick auf das Spannungsverhältnis zwischen sozialer Positioniertheit, und epistemisch-politischer Positionierung von Männern* im Wissenschaftsbetrieb verstellt werden. Steht also „Mr. Nowhere“ (Harding 2015, 150), der sich nun aber auf feministische Theorien und Standpunktepistemologien beruft, wieder im Raum?

Dieses Spannungsfeld gilt es zu reflektieren. Wir sehen dabei im Konzept der Hege­monieselbstkritik einen produktiven Weg, um die soziale Positioniertheit als Mann* infrage zu stellen und eine epistemisch politische pro*feministische Positionierung zu ermöglichen. Denn wie Harding schreibt: „(m)en, too, must learn to take historic responsibility for the social position from which they speak“ (Harding 1992, 457). Wie eine solche Verantwortungsübernahme gedacht werden kann, wollen wir im Folgenden erkunden.

1 Wir wollen Patricia Graf, Gesine Fuchs und zwei anonymen Reviewer*innen für die Betreuung sowie die wertvollen Kommentare und Anregungen zu diesem Text danken.
2 Wir verwenden die Schreibweise pro*feministisch aus zwei Gründen. Das Sternchen sym­bolisiert zum einen einen affirmativen Bezug auf queere Kritiken der heteronormativen Geschlechterordnung, welche ein binäres, naturalisiertes Verständnis von Geschlecht und Sexualität in Frage stellt. Zum anderen weist das Sternchen auf eine tastende Haltung bezüg­lich der Frage hin, ob von profeministischer oder pro feministischer Politik zu sprechen ist. Die eine steht für einen feministisch informierten männerpolitischen Standpunkt, die andere sieht Männer eher als Verbündete und Unterstützer feministischer Kämpfe, deren Subjekte sie selbst nicht sind (vgl. Brod 1998).
3 Donna Haraway (1991, 188ff.) kritisiert mit dem „god-trick“ die Umsetzung eines neutralen Objektivitätsverständnis, das in der androzentrischen Wissenschaft und in Wissenschaftspraxen eingeschlossen ist. Durch den „god-trick“ löst sich der weiße und männliche Wissenschaftler von jenen Machtverhältnissen, die ihm seine Privilegien zusichern und setzt sich zugleich als nicht markierte Norm. Dabei handelt er laut Haraway (ebd., 188) im Interesse jener Macht­verhältnisse, urteilt über sexistisch sowie rassistisch Diskriminierte und produziert Wissen, das den Anspruch auf universelle Gültigkeit erhebt. Zwar sitzt der tatsächliche Wissenschaftler an seinem Schreibtisch, doch durch den „god-trick“ blickt er – wie ein Gott – von oben auf die Gesellschaft und spricht dabei von einem angeblichen neutralen Punkt aus. Seine Stimme ist somit überall präsent, aber nirgendwo verortet (vgl. ebd., 191).

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