Lust und Leid des Frauenfußballs. Überlegungen zur Verwobenheit von Emotionen und Geschlecht

Frauenfußball © Pixabay 2020 / Foto: Ben_Kerckx

Faust, Friederike © Valerie Assmann1970 – vor 50 Jahren – hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) das Frauenfußballverbot aufgehoben. Zu diesem Anlass freuen wir uns sehr, dass sich unsere Autorin Friederike Faust Zeit für einen Gastbeitrag zum Thema genommen hat.

Dr. Friederike Faust ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Dissertation Fußball und Feminismus. Eine Ethnografie geschlechterpolitischer Interventionen erschien 2019 im Verlag Budrich UniPress. Neben der ethnologischen Sport- und Geschlechterforschung arbeitet sie zu Sozialen Bewegungen, NGOs und Formen des politischen Handelns.

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„Ich musste mich erst mal beweisen, um als Mitspielerin anerkannt zu werden.“ Diesen Satz hörte ich in meiner ethnografischen Forschung mit Fußballerinnen unzählige Male. Die Sport- und Geschlechterforschung hat eindrücklich gezeigt, wie Fußball historisch zu einem sogenannten Männersport wurde, also zu einer Bewegungspraxis, die mit männlichen Attributen verknüpft ist und über die sich Männlichkeit vermittelt. Frauen gelten, zum Teil bis heute noch, als charakterlich unpassend und körperlich ungeeignet (Pfister 1991; Marschik 2003; Meier 2004; Müller 2009; Hoffmann und Nendza 2011). Wenn in diesem Jahr das 50-jährige Jubiläum des Frauenfußballs gefeiert wird, blicken wir auch auf ein halbes Jahrhundert zurück, in dem Mädchen und Frauen innerhalb der Vereine und Verbände um Anerkennung rangen.

Seitdem der Deutsche Fußball-Bund (DFB) 1970 das in Westdeutschland geltende Frauenfußballverbot aufhob, drängen Mädchen und Frauen in die Vereine. Neben Spaß und Freude am Spiel erfahren sie dort jedoch auch die Wirkmächtigkeit von Geschlechterkonstruktionen: Sie müssen sich ihr Mitspielrecht mit herausragender Leistung erkämpfen und ihre Fußballkompetenz unter Beweis stellen (Pfister und Fasting 2004; Sobiech 2011; Faust und Kösters 2016). Doch anerkennungsrelevante sportliche Leistung und Kompetenz umfassen nicht nur technisch-taktisches Können, sondern auch das Wissen um und das Beherrschen von fußballspezifischen Emotionen; Emotionen, die in jener Sportart, die auch gegenwärtig noch mancherorts als ‚zu hart’ für Frauen gilt, eng mit dem Erleben und Darstellen von Geschlechtlichkeit verquickt sind. In diesem Beitrag geht es um die ungeschriebenen Emotionsregeln des Fußballs, denn die vergeschlechtlichten Machtverhältnisse des Fußballs, so meine ich, können nur dann vollends erfasst werden, wenn auch die affektiven Dimensionen sowie die produktiven Effekte von Emotionen berücksichtigt werden (Faust und Heissenberger 2016).

Als Ethnologin begleitete ich drei Jahre lang teilnehmend beobachtend eine Frauenfußball- und Frauenrechtsorganisation und nahm an den regelmäßigen Trainings und Ligaspielen des dazugehörigen Amateurvereins teil. Mich interessierte, wie sich die Spielerinnen und Fußballaktivistinnen zu den Geschlechterverhältnissen des Fußballs in Beziehung setzten, wie sie diese kritisierten und zugleich um Anerkennung kämpften. Sowohl meine eigenen, aus der intensiven Teilnahme am Geschehen resultierenden Emotionen als auch die Gefühlsausdrücke meiner Forschungspartnerinnen machten mir schnell klar: Eine Fußballforschung kommt um die analytische Betrachtung der emotionalen Dimensionen nicht herum. Mit der Fokussierung von Emotionen schließe ich mich der Kulturanthropologin Monique Scheer (2012) an, die Emotionen als Praktiken versteht: Sie sind nicht nur inneres Erleben, sondern finden auch einen äußeren Ausdruck, sie sind historisch und sozial geformt und haben gesellschaftliche Wirkung. Sie lassen sich also ethnografisch hervorragend beobachten und beschreiben.

 

Freude und Jubel

Freude und Fußball sind bereits so eng miteinander verschmolzen, dass das Adjektiv „fußballbegeistert“ einen eigenen Eintrag im Duden genießt. Dabei ist der Jubel die wohl geläufigste Form, um im Spiel und auf den Rängen Freude zum Ausdruck zu bringen. Auch meine Teamkolleginnen fielen sich nach Toren in die Arme, feierten Aufstiege euphorisch und wussten sich vor dem Spiel mit Musik und Witzen in gute Stimmung zu versetzen. Bei Ligaspielen feuerten sich die Vereinsmitglieder untereinander an, und bei einem Vereinstreffen wurden Fangesänge komponiert.

Die Gesten der Freude, des Lobs, des Stolzes und Jubels sind weitgehend deckungsgleich mit jenen des Männerfußballs. Sie kommunizieren die Spannung, Relevanz und den Ernst des Spiels (Faust 2019:141). Sie bilden darüber hinaus den emotionalen Gegenpol zu Schmerzen, Frust und Enttäuschung. Der Bewegungsforscher James M. Jasper (2011) hat gezeigt, wie gegensätzlich erscheinende Emotionen in ständiger gegenseitiger Bezugnahme, Kontrastierung und Interaktion dynamisierende Wirkung entfalten. Auch für den Fußball gilt: Es sind gerade das Wechsel- und das Zusammenspiel zwischen Lust und Leid, Glück und Elend, Euphorie und Schmerz, die den Reiz und die Intensität des Fußballspielens ausmachen (Faust 2017).

 

Schmerzen und Verletzungen

Während der Trainings und der Spiele beobachtete ich, wie Spielerinnen im Zweikampf zu Boden gingen oder den Ball in die Magengrube bekamen. Sie verzogen für einen kurzen Augenblick das Gesicht und spielten schnell weiter. Kam es zu Stürzen, rappelten sie sich auf und liefen mit konzentrierter Miene ins Spielgeschehen zurück. In weniger ernsten Situationen machten sie sich mit clowneskem Verhalten über sich selbst und ihr Ungeschick lustig. Auf diese Weise werden körperliche Härte und Verletzungsbereitschaft dargestellt. Kleinere Verletzungen, aber auch Bänderrisse, Zerrungen und Brüche kamen häufig vor. Sie wurden von den Mitspielerinnen mit Mitgefühl und Genesungswünschen begleitet, doch gleichzeitig als selbstverständlich hingenommen. Schmerzen und Verletzungen werden auf diese Weise als gewöhnliche Begleiterscheinungen artikuliert, die es zugunsten des Sports in Kauf zu nehmen und sogar aktiv zu riskieren gilt (Faust 2019:139).

Für den Männeramateurfußball hat Stefan Heissenberger (2010) gezeigt, dass der individuelle Spielerkörper in den Dienst des Teamkörpers gestellt und diesem untergeordnet wird. So auch im Frauenfußball, doch mit einem kleinen Unterschied: Während im Männerfußball übertrieben wirkende Schmerzdarstellungen taktisch eingesetzt werden (und dafür auch immer wieder Kritik ernten), tut sich für Spielerinnen an dieser Stelle eine Stereotypenfalle auf. Historisch diente das Bild des schwachen Geschlechts immer wieder dazu, Frauen aus dem Fußball auszugrenzen. Sie galten als körperlich und charakterlich zu zart; Härte, sportliches Wettkämpfen und Risikobereitschaft, so hieß es, würden ihre Anmut und Unversehrtheit gefährden (Pfister 2006, Hoffmann und Nendza 2011). Diese Vorstellung vom zu ,schwachen Geschlecht’ wirkt heute noch nach. Auf dem Spielfeld müssen Fußballerinnen jene Emotionspraktiken des Schmerzes daher genau dosieren: Zeigen sie zu wenig, kann ihnen schnell unterstellt werden, nicht genügend Kampfeswillen und Risikobereitschaft für den Fußball zu besitzen; demonstrieren sie Schmerzen durch zu viel Schreien, Tränen oder Sich-auf-dem-Boden-Krümmen, drohen sie das Stereotyp zu bestätigen – in beiden Fällen steht die schwer erkämpfte Anerkennung auf dem Spiel.

 

Der spielerische Ernst

Eng mit Schmerzdemonstrationen und Kampfeswillen verknüpft ist der spielerische Ernst. Oft ist es weniger das tatsächliche spielerische Können als vielmehr der Einsatz, der gefordert und mit Anerkennung belohnt wird. Auch im Freizeit- und Amateurfußball gilt es, dem Wettkampf mit Ernsthaftigkeit zu begegnen. Versuchte eine Spielerin nicht entschlossen genug, einen verlorenen Ball zurückzuerobern, zog im Zweikampf zurück oder ging im Sprint nicht an ihre Grenzen, werteten ihre Mitspielerinnen dies schon mal als Respektlosigkeit – gegenüber den Teamkolleginnen, aber auch gegenüber den Gegnerinnen und dem Fußball selbst. Nach Gegentoren oder gar Niederlagen demonstrierten Spielerinnen mit wütenden Minen, Flüchen oder hängenden Köpfen, dass Fußball weiter mehr ist als ‚nur ein Spiel’ und Dabei-Sein doch nicht alles ist. Seine Bedeutung reicht weit über das Spiel hinaus in den Alltag der Spielerinnen. Training und Ligaspiele waren feste Termine im Kalender, die sie nur in äußersten Notfällen versäumen wollten. Und mit unzähligen Gesprächen abseits des Platzes über Spielsituationen, den Tabellenplatz, Trainingsmethoden oder bevorstehende Partien zeigten die Spielerinnen die außerordentliche Relevanz, die sie ihrem Hobby beimaßen.

Nicht selten gaben diese Momente aber auch Anlass für Spannungen. Manche Spielerinnen waren nicht bereit, für ein Hobby in großem Maße ihre körperliche Unversehrtheit zu riskieren oder ihre Freizeit gänzlich nach dem Spielplan auszurichten. Für sie standen Erholung, Regeneration und Stressabbau statt Leistungsmessen und -steigerung im Vordergrund – was nicht selten zu Diskussionen und Missmut in den Teams führte. In diesen Konflikten spiegelt sich die allgegenwärtige Spannung im Amateurfußball, in dem Freizeit und Wettkampf unmittelbar miteinander verknüpft sind. Intensiviert wird sie in jenem Frauenfußball, der neben Sportlichkeit und Freizeitvergnügen auf Empowerment und Emanzipation zielt und versucht, den unterschiedlichen Erfahrungen und Bedürfnissen der Frauen gerecht zu werden (Faust 2019:140).

 

Fußball, Emotionen und Geschlecht

Ich habe ausschnitthaft gezeigt, wie Fußballerinnen über bestimmte Emotionspraktiken ihre Zugehörigkeit zur Männerdomäne Fußball demonstrieren und dabei mit Ambivalenzen und Dilemmata umgehen müssen. Dieses Schlaglicht auf das emotionale Geschehen auf und neben dem Rasen wies bereits auf zentrale Spannungsfelder, die tief in den fußballerischen Geschlechterverhältnissen wurzeln, hin. Dass Fußball eine hochgradig vergeschlechtlichte und emotionale Praxis ist, ist in der Sport- und Geschlechterforschung unumstritten. Eindrücklich wurde bereits gezeigt, wie ein Sportraum wie das Stadion mittels Emotionen als heteronormativer Ort hergestellt wird (z.B. Sülzle 2011) und welche emotionalen Ambivalenzen Sportlerinnen in männlich konnotierten Sportarten erfahren (z.B. Palzkill 1995; Caudwell 2004). Diese Studien zeigen auch, dass Sportlerinnen und weibliche Fans eigene, gar eigensinnige Selbstentwürfe entwickeln. Für die Sport- und Geschlechterforschung entsteht an dieser Schnittstelle von eigensinniger Weiblichkeit, Sport und Emotionen ein Forschungsfeld. Dieses weiter zu erkunden, kann einerseits Aufschluss darüber geben, wie Emotionen an der Umarbeitung der fußballerischen Geschlechterverhältnisse beteiligt sind; andererseits kann herausgearbeitet werden, wie ein feministischer und/oder queerer Fußball andere, gar emanzipative Emotionen erfahrbar machen kann.

 

Quellen

  • Caudwell, Jayne (2004) Out on the field of play: women’s experiences of gender and sexuality in football contexts. In: Stephen Wagg (Hrsg.), British football and social exclusion. S. 127–146. London: Taylor and Francis Group.
  • Faust, Friederike (2019) Fußball und Feminismus. Eine Ethnografie geschlechterpolitischer Interventionen. Opladen, Toronto: Budrich UniPress.
  • Faust, Friederike (2017) „Nichts macht mich so glücklich wie Fußball, obwohl ich da ständig unglücklich bin“. In: Jochen Bonz u. a. (Hrsg.), Ethnografie und Deutung: Gruppensupervision als Methode reflexiven Forschens. S. 259–271. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Faust, Friederike und Stefan Heissenberger (Hrsg.) (2016) Emotionen im Spiel. Beiträge zu einer Ethnologie des Sports. Berlin: Panama.
  • Faust, Friederike und Johanna Kösters (2016) The joy of the killjoys. Pain and pleasure among women’s football activists. In: Friederike Faust und Stefan Heissenberger (Hrsg.), Emotionen im Spiel. Beiträge zu einer Ethnologie des Sports. S. 72–83. Berlin: Panama.
  • Heissenberger, Stefan (2010) Der entgrenzte Körper: Über Gewaltaspekte und dominante Männlichkeit in Fußballmannschaften. In: Ilse Hartmann-Tews u.a.   (Hrsg.), Gesundheit in Bewegung: Impulse aus Geschlechterperspektive. S. 107–102. Sankt Augustin: Academia.
  • Hoffmann, Eduard und Jürgen Nendza (2011) Verlacht, verboten und gefeiert: zur Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland. Weilerswist: Liebe.
  • Jasper, James M. (2011) Emotions and social movements: twenty years of theory and research. Annual Review of Sociology 37(1):285–303.
  • Marschik, Matthias (2003) Frauenfußball und Maskulinität: Geschichte – Gegenwart – Perspektiven. Münster: Lit.
  • Meier, Marianne (2004) „Zarte Füsschen am harten Leder …“: Frauenfussball in der Schweiz 1970 – 1999. Frauenfeld: Huber.
  • Müller, Marion (2009) Fußball als Paradoxon der Moderne: zur Bedeutung ethnischer, nationaler und geschlechtlicher Differenzen im Profifußball. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Palzkill, Birgit (1995) Zwischen Turnschuh und Stöckelschuh: die Entwicklung lesbischer Identität im Sport. München: Verlag Frauenoffensive.
  • Pfister, Gertrud (1991) Zur Geschichte des Diskurses über den „weiblichen“ Körper (1880-1933). In: Birgit Palzkill u. a. (Hrsg.), Bewegungs(t)räume. Frauen Körper Sport. S. 7–14. München: Frauenoffensive.
  • Pfister, Gertrud (2006) „Auf den Leib geschrieben“ – Körper, Sport und Geschlecht aus historischer Perspektive. In: Ilse Hartmann-Tews u.a. (Hrsg.), Handbuch Sport und Geschlecht. S. 26–39. Schorndorf: Hofmann.
  • Pfister, Gertrud und Kari Fasting (2004) Geschlechterkonstruktion auf dem Fußballplatz. Aussagen von Fußballspielerinnen zu Männlichkeits- und Weiblichkeitskonzepten. In: Dieter H. Jütting (Hrsg.), Die lokal-globale Fußballkultur – wissenschaftlich beobachtet. S. 137–152. Münster: Waxmann.
  • Scheer, Monique (2012) Are emotions a kind of practice (and is that what makes them have a history)? A Bourdieuian approach to understanding emotion. History and theory 51(2):193–220.
  • Sobiech, Gabriele (2011) Die „Logik der Praxis“. Zur Herstellung einer kompetenten Mitgliedschaft im Frauenfußball. Spectrum 23(2):41–69.
  • Sülzle, Almut (2011) Fussball, Frauen, Männlichkeiten: eine ethnographische Studie im Fanblock. Frankfurt am Main: Campus.

 

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© Pixabay 2020 / Foto: Ben_Kerckx; Autorinnenfoto: Valerie Assmann