Geblättert: Leseprobe aus „Jungen in Bildungskontexten“

Jungen in Bildungskontexten

Männlichkeit, Geschlecht und Pädagogik in Kindheit und Jugend

von Jürgen Budde und Thomas Viola Rieske (Hrsg.)

 

Über das Buch

Diskurse über Jungen und Bildung sind im akademischen Feld nach intensiven Debatten in den 2000ern und frühen 2010ern seltener geworden. Zwar gibt es ein anhaltend aktives Feld der pädagogischen Praxis, die Jungen und deren Lebenslagen geschlechterreflektiert adressiert. Doch die Anzahl an empirischen Studien zu Jungen und Bildung ist überschaubar. Dabei gibt es durchaus eine Vielzahl aktueller erziehungswissenschaftlicher Fragen im Kontext der Transformation von Geschlechterverhältnissen und ökonomischem und kulturellem Wandel. Der Band stellt empirische Studien vor, die sich diesen Fragen in Bezug auf Früh- und Schulpädagogik, berufliche Bildung, offene Jugendarbeit sowie Berufsbildungsbiographien widmen. Zudem enthält er theoretische Reflexionen zu Männlichkeitsforschung und zum Verhältnis von Jungen und Bildung.

Leseprobe aus den Seiten 35 bis 39

 

Erziehungswissenschaftliche Forschung zu Jungen – Systematisierung eines Forschungsfeldes

Jürgen Budde und Thomas Viola Rieske

 

1 Einleitung

Seit mehreren Jahrzehnten gibt es Forschungen, die sich mit dem Thema Jungen aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive beschäftigen. Allerdings ist die Theoriebildung nicht zufriedenstellend. Zentrale Fragen – etwa die nach der Relation zwischen Bildung als erziehungswissenschaftlichem, Männlichkeit als sozial- und kulturwissenschaftlichem und Jungen als praktisch-klassifikatorischem Konzept oder die nach der Relation von geschlechter- und erziehungswissenschaftlicher Theorie – sind ungeklärt (Rieske und Budde 2019; Budde und Rieske 2020; Budde und Mammes 2009). Vor diesem Hintergrund verfolgt dieser Text das Anliegen, den aktuellen Stand der Forschung zu Bildungsprozessen von und mit Jungen zu rekonstruieren und auf diese Weise eine Kartierung und Systematisierung vorzunehmen, gewissermaßen die ‚Ordnung des wissenschaftlichen Diskurses‘ zu rekonstruieren.1 Unsere grundlegende These ist, dass nicht nur zentrale theoretische Fragen in der Jungenforschung kaum geklärt sind – dies gilt für viele erziehungswissenschaftliche Felder – sondern dass relevante theoretische Fragen nicht hinreichend bearbeitet werden. Weiter gehen wir von der Annahme aus, dass erziehungswissenschaftliche Grundlegungen wenig prominent vertreten sind, sodass sich aus diesem Grund bislang keine Forschungslandschaft ausprägen konnte.

 

2 Kurze Geschichte der erziehungswissenschaftlichen Forschung zu Männlichkeit, Jungen und Bildung

Bereits seit langem werden geschlechtsbezogene Fragestellungen in Pädagogik und Erziehungswissenschaft implizit wie explizit diskutiert. Schon zu Beginn des modernen pädagogischen Diskurses bestehen Bezüge zum Thema Geschlecht. In der Regel wurden dabei dichotome und komplementäre Stereotype von Männlichkeit und Weiblichkeit vertreten, wie beispielsweise Rousseaus Schriften zur Erziehung zeigen (Rousseau 2010; vgl. Strotmann 1999). Anfang des 20. Jahrhunderts fanden sich in den Debatten zu Mono- und Koedukation im Kontext der ersten deutschen Frauenbewegung neben erneuten Bezügen zu Geschlechterstereotypen auch gerechtigkeitstheoretische Argumente, die eine gleichberechtigte(re) gesellschaftliche Stellung von Mädchen und Frauen begründen sollten (Pestalozza 1922; Budde et al. 2016). Diese gleichstellungsorientierten Argumente waren dabei oftmals mit Naturalisierungen über den ‚natürlichen Charakter‘ oder die ,natürliche Eignung‘ von Männern und Frauen verwoben. Auch bei der Herausbildung pädagogischer Professionen war eine Vermischung von Gleichstellung und Naturalisierung zu beobachten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts strebten Frauenrechtlerinnen die Ermöglichung von Berufstätigkeit von Frauen in pädagogischen Feldern, insbesondere der Sozialen Arbeit, an. Dabei wurden Frauen mit dem von Helene Lange geprägten Konzept der ‚geistigen Mütterlichkeit‘ als in besonderer Weise für pädagogische und fürsorgende Tätigkeiten qualifiziert konstruiert (Deutsch 1912; Baader 2018).

Während der Zeit des deutschen Nationalsozialismus und auch nach der Befreiung wurde an die intensiven und politisch aufgeladenen Debatten zunächst kaum angeknüpft. Bis Anfang der 1970er Jahre dominierten in Westdeutschland weitestgehend monoedukative Bildungseinrichtungen und damit die Vorstellung von Geschlechterdifferenzen als natürliche Gegebenheiten. Dies wurde insbesondere in programmatischen Texten etwa zu Sexualaufklärung, Didaktik des monoedukativen Sport- und Handarbeitsunterrichts oder mädchenspezifischer Literatur thematisiert. In Ostdeutschland galt mit der flächendeckenden Koedukation das Thema Geschlechtergerechtigkeit als hinreichend bearbeitet (Horstkemper 1995; Hempel 1995).

Erst im Zuge feministischer Proteste der zweiten Frauenbewegung wurden in der Erziehungswissenschaft Westdeutschlands ab Mitte der 1970er Jahre geschlechtsbezogene Fragestellungen wieder intensiver unter macht- und patriarchatskritischer Perspektive aufgegriffen. Neben Beiträgen zum Thema Koedukation (Faulstich-Wieland 1987; Hurrelmann et al. 1986) und weiblichen Berufsbiographien (Faulstich-Wieland 1981) wurden Studien zur Sozialisation und zu Bildungsbenachteiligungen von Mädchen (Hurrelmann et al. 1986), (Frasch und Wagner 1982) publiziert. Bildungsprozesse von und mit Jungen, die sich mit einer expliziten Fokussierung auf Männlichkeit und/oder Jungen beschäftigen, gerieten ab den 1980er Jahren erst sehr langsam in den Blick der Erziehungswissenschaft. Ein Bereich, der seit den 1980er Jahren in der erziehungswissenschaftlichen Debatte aufgegriffen wurde, war das Thema Jungenpädagogik, bzw. -arbeit (Heimvolkshochschule „Alte Molkerei Frille“ 1988; Sielert 1989; Möller 1997; zur Geschichte von Konzepten der Jungenarbeit vgl. auch Rieske 2015).

In den 1990er Jahren war dann die Auseinandersetzung mit Sozialisationstheorien besonders prägend für die Debatte, die einen Beginn der Erforschung von Jungen in Bildungskontexten von und mit Jungen darstellte. Die Studie der Arbeitsgruppe um Tillmann (1992) knüpfte an sozialwissenschaftliche Überlegungen zu geschlechtsbezogener Sozialisation feministischer Autorinnen innerhalb und außerhalb der Erziehungswissenschaft an und liefert auch wichtige Einsichten in Konstruktionsprozesse von Männlichkeit. Der Band von Böhnisch und Winter (1993) widmet sich dem Thema männliche Sozialisation unter einer stärker psychologischen Perspektive. Neben entsprechenden Studien, die Geschlechterrelationen aus einer interaktionistischen Perspektive im Laufe schulischer Sozialisationsprozesse in den Blick nehmen – etwa die ethnographischen Studien von Krappman und Oswald (1995) oder von Breidenstein und Kelle (1998) – fokussieren andere expliziter bzw. exklusiver auf Männlichkeitspraktiken beispielsweise von marginalisierten Jugendlichen (Tertilt 2001). Daneben entstanden eine Reihe von Arbeiten, die männlichkeitstheoretisch bedeutsame Teilbereiche fokussieren, wie etwa das Thema Gewalt (Lenz 1996), Sexualität (Winter und Neubauer 1998) sowie sexuelle Gewalt (van Outsem 1993). Parallel wurde das Thema auch in journalistischen und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen aufgegriffen (Schnack und Neutzling 1991).

Nach der Jahrtausendwende veränderten sich die Themenfelder. Durch international- vergleichende Kompetenzmessungen gerieten (schon längere bestehende) Geschlechterdifferenzen im Schulsystem in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Insbesondere die ab 2000 alle drei Jahre durchgeführten PISA-Studien richteten die Aufmerksamkeit auch auf Jungen (Stanat und Kunert 2004; Zimmer et al. 2006). Die geringeren Kompetenzwerte der Jungen in der Domäne Lesen im Vergleich zu denen der Mädchen wurden von manchen als Hinweis auf eine „Krise der Jungen“ interpretiert bzw. als Beleg dafür herangezogen (Fegter 2012). PISA kann als eine Art Diskursereignis verstanden werden, welches zu einer neuen wissenschaftlichen Aufmerksamkeit auf Jungen geführt hat. Im Anschluss daran wurde zum einen intensiv darüber debattiert, wie die Bildungssituation von Jungen zu beschreiben und zu erklären ist (Preuss-Lausitz 2005; Rose 2005; Tischner 2008; Rieske 2011). Zum zweiten kam es – in Verbindung mit den genannten sozialisationstheoretischen, sozialpsychologischen, machttheoretischen sowie sozialkonstruktivistischen Perspektiven – Anfang der 2000er Jahre vermehrt zu empirischer Forschung. Vor allem qualitativ orientierte Erziehungswissenschaftler*innen rekonstruieren Praktiken von und mit Jungen in Bildungskontexten. Neben der Schule (Budde 2005; Krebs 2008) bilden Freundschaften (Jösting 2005; Michalek 2006), Gewalt in informellen Zusammenhängen (Meuser 2002; Kassis 2003) sowie die Situation von sozioökonomisch marginalisierten Jungen (Phoenix 2008; Wellgraf 2012; Huxel 2014) weitere inhaltliche Schwerpunkte dieser Studien. Einen zusätzlichen – ähnlich wie die PISA-Studie nicht primär auf Jungen blickenden – Teilbereich stellen Studien dar, die auf die Schul- und Unterrichtsentwicklung blicken, oftmals aus einer zweigeschlechtlichen Perspektive (Koch-Priewe 2002; Faulstich-Wieland et al. 2004; Budde et al. 2008). (Fach-)Didaktische Beiträge sind hier allerdings die Ausnahme (Jahnke-Klein 2001). Als ein weiterer Bereich der Diskussion kann die Ausdifferenzierung der Diskussionen um Jungenarbeit identifiziert werden (Sturzenhecker und Winter 2002; Jantz und Grote 2003; Pech 2009).

Zu Beginn der Jungenforschung seit den 1980er Jahren richtete sich der inhaltliche Blick zunächst vor allem auf Macht- und Herrschaft, daneben auch auf jene Risiken, die mit männlichen Sozialisationsanforderungen verbunden sind (Raithel 2005). Später gab eine Reihe von erziehungswissenschaftlichen Studien, die expliziter Bildungsprozesse von und mit Jungen thematisieren. Das Erkenntnisinteresse hierbei speiste sich einerseits aus Beiträgen von Feministinnen zu geschlechtsbezogenen Ungleichheiten in Gesellschaft und Bildungssystem (Faulstich-Wieland 1987). Entsprechend ist das Theoriespektrum bis in die 2000er Jahre hinein geprägt von soziologisch informierten Macht- und Hegemonietheorien (Budde 2005). Andererseits gab es ein Bemühen, aus stärker sozialpädagogischer Perspektive die Lebenssituation von Jungen und deren Verhaltensweisen zu betrachten (vgl. Böhnisch und Winter 1993). Auch wurden Impulse zu einer psychologischen Männlichkeitsforschung im deutschsprachigen Raum zur Kenntnis genommen. So lieferte etwa die psychoanalytisch fundierte Auseinandersetzung mit Abwehr und Abspaltung, die beispielsweise Theweleit (1983) vorlegte, wichtige Impulse.

Bereits früh wurden jene Diskussionen geführt, die auch heute noch einen bedeutsamen Teil der Auseinandersetzungen prägen. Dies sind beispielsweise das Problem der Homogenisierung und Naturalisierung ‚der‘ Jungen, indem diese vergeschlechtlichte (und generational strukturierte) Differenzkategorie als verbindendes Element auf Jungen angewendet wurde. Weiter wird in den Forschungsarbeiten die Herausforderung thematisch, einerseits eine relative Homogenität von gesellschaftlichen Männlichkeitsanforderungen anzunehmen und andererseits der Pluralität von Jungen-Biographien Rechnung zu tragen. Dieses Spannungsfeld (welches auch als Verhältnis zwischen Struktur und Individuum reformuliert werden kann) bildet sich in den zentralen Zugängen ab.

Mittlerweile existieren zahlreiche Publikationen im Kontext erziehungswissenschaftlicher Jungen- und Männlichkeitsforschung. Allerdings gibt es keine systematische, theorie- wie empiriebasierte Darstellung des Stands der Forschung, sondern vielmehr eine beachtliche Anzahl an einzelnen Befunden mit divergierenden Zugriffen, Themen, Theorien und Aussagen. Mehrere thematisch einschlägige Sammelbände (Budde et al. 2014; Forster et al. 2011; Pech 2009; Schultheis et al. 2006) konnten bislang kaum zu einer Strukturierung des Diskurses beitragen. Deswegen widmet sich der Beitrag nicht nur den inhaltlichen Erträgen erziehungswissenschaftlicher Forschung zu Jungen, sondern auch der Gestalt des Diskurses, indem theoretische und praktische Bezüge analysiert werden.

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1 Wir danken Julia Perlinger, Oscar Yendell, Christian Möstl und Claas Hundertmark für die intensive Recherche und Auswertung.

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