Geblättert: Leseprobe aus „Europäische Gesellschaften zwischen Kohäsion und Spaltung“

Europäische Gesellschaften zwischen Kohäsion und Spaltung

Rolle, Herausforderungen und Perspektiven Sozialer Arbeit

herausgegeben von Florian Baier, Stefan Borrmann, Johanna M. Hefel und Barbara Thiessen

 

Über das Buch

Soziale Kohäsion zu fördern und zu bewahren ist eine zentrale Herausforderung europäischer Gesellschaften. Basierend auf Beiträgen der ersten trinationalen Tagung von DGSA, OGSA und SGSA wird in diesem Sammelband thematisiert, welche Bedeutungen soziale Kohäsion für Individuen und Gesellschaften hat und wie Soziale Arbeit dazu beitragen kann, soziale Kohäsion als Grundlage freiheitlich demokratischer Gesellschaften zu fördern und zu bewahren.

Leseprobe aus den Seiten 161 bis 164

 

 

Zwischen Kohäsion und Spaltung – Transnationale Perspektiven auf die Überwindung von Kinderarmut

Erich Fenninger, Alexander Nöhring, Valentin Persau & Judith Ranftler

 

1 Soziale Arbeit und unser politischer Auftrag: Der Kampf gegen Kinderarmut

Auch in unseren reichen Gesellschaften gehört Armut zum Leben vieler Kinder und Jugendlicher. Etwa jede*r Fünfte wächst mit Einschränkungen im materiellen, so­zialen, gesundheitlichen und/oder kulturellen Wohlergehen auf. Gesellschaftliche Diskurse zur Kinderarmut beziehen sich oftmals auf das Elternhaus bzw. vermeint­lich verminderte Erwerbs- oder Bildungsmotivationen und tragen damit zur Indi­vidualisierung von Armut bei (Hübenthal 2018: 88). Demgegenüber weisen vor allem Akteur*innen des Wohlfahrtsstaates stets darauf hin, dass Armut strukturel­le Ursachen hat und Kinder dieser passiv ausgesetzt sind (AWO 2017). Aber selbst wenn Eltern erwerbstätig sind, reicht dies in Zeiten eines ausufernden Niedrig­lohnsektors oft nicht aus, um der Armut zu entfliehen. Mittlerweile erleben allein in Deutschland etwa die Hälfte aller Kinder, die in Bedarfsgemeinschaften nach dem SGB II leben, dass mindestens eines ihrer Elternteile einer Erwerbstätigkeit nachgeht (DGB 2020).

Als AWO Bundesverband, Volkshilfe Österreich und Zukunftsforum Familie schlagen wir seit vielen Jahren vor, eine Kindergrundsicherung einzuführen. An­gemessen an die jeweiligen nationalen Traditionen des Sozialstaates ist die Kin­dergrundsicherung für uns der Ausgangspunkt eines Perspektivwechsels, der den Sozialstaat vom Kind aus denkt und allen Kindern und Jugendlichen das Recht auf ein Aufwachsen in Wohlergehen garantiert.

Ausgehend von unserem Auftrag als Gestalter*innen des Sozialstaates begrei­fen wir unseren Kampf gegen Kinderarmut als politischen Auftrag Sozialer Arbeit. Dieses Bewusstsein schließt an die Ziele des Internationalen Verbandes der Sozial­arbeiter*innen (International Federation of Social Workers – IFSW) an:

„The Mission of IFSW is to advocate for social justice, human rights and soci­al development through plans, actions, programs and the promotion of best practice models in social work within a framework of international coopera­tion“ (IFSW 2016: 1).

Im Folgenden zeigen wir auf, was uns beim Kampf gegen Kinderarmut antreibt, worauf wir unsere Ideen gründen und wie wir in den beiden nationalen Kontex­ten Österreich und Deutschland für eine Kindergrundsicherung einstehen. Nur gemeinsam und im engen Austausch miteinander, das ist unsere Überzeugung, können wir den Kampf gegen die Kinderarmut gewinnen.

 

2 Kinder und Jugendliche als Akteur*innen ihrer Lebenswelten

Während am Beginn der Kinderarmutsforschung der 1980er-Jahre der Fokus da­rauf lag, das Kind als eigenständiges Subjekt anzuerkennen, besteht aktuell der wesentliche Erkenntnisschritt darin, das Subjekt im Zusammenwirken seiner spe­zifischen, unmittelbaren Lebensbedingungen und im „Ensemble der gesellschaft­lichen Verhältnisse“ (Gramsci 2004: 95) zu verstehen. Armutsbetroffene Kinder und Jugendliche sind demnach Akteur*innen, die innerhalb des Bedingungsgefü­ges von existenziellem Mangel ihre eigene soziale Praxis entwickeln. Diese wird von der subjektiv erfahrenen, fehlenden Verfügung über die gesellschaftlichen Le­bensbedingungen determiniert, von denen ihre individuellen Befriedigungs- und Entfaltungsmöglichkeiten abhängen (Holzkamp 1997: 30). Der im Zuge der kindli­chen Alltagspraxis stattfindende Prozess der Vergesellschaftung kommt zum einen durch eine existenziell nicht ausreichend gesicherte Lebenslage und zum anderen durch die gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen zustande (Holzkamp 2000: 196). Diese fehlenden Verfügungsmöglichkeiten äußern sich auch im Verhalten von Kindern und Jugendlichen, indem sie frei bleiben von gegenstandsbezogenem Erlernen einer auf Selbstbestimmung und Verwirklichung ausgerichteten Lebens­führung. Ihr Lernprozess orientiert sich am Gegebenen und nicht am Möglichen, d.h., sie lernen in und mit der Armut zu leben, nicht sie zu überwinden. Ihre Wün­sche enden dort, wo die von nicht armutsbetroffenen Kinder sich auf dem Funda­ment einer nachhaltig gesicherten Existenz erst entfalten.1

Kinder sind als soziale Akteur*innen für die Entwicklung von Autonomie und einer selbstbestimmten Persönlichkeit auf den Zugang zu existenzsichernden, sozialen und kulturellen Ressourcen angewiesen und gelten in dieser negativen Abhängigkeit als besonders vulnerabel (Chassé et al. 2010: 51). Trotz des Zusam­menhangs mit der elterlichen Einkommensarmut ist es also notwendig, Kinder- und Jugendarmut nicht darauf zu reduzieren und sie als eigenständige und relevante Problemlage im Hier und Jetzt anzuerkennen. Die Entwicklung des Selbstwert­gefühls wird massiv behindert, wenn Kinder und Jugendliche sich aufgrund von Abwertung und Ausgrenzung weniger wert als Andere fühlen müssen (Honneth 2015: 87). Materiell benachteiligte Kinder erleben fortgesetzt, dass ihre individu­ellen Entwicklungsmöglichkeiten im Kontext von sozialer und kultureller Teilhabe auf ihre soziale Position festgeschrieben werden (Hüther 2015: o. S.).

 

3 Kinderarmut in Deutschland und Österreich: Eine Bestandsaufnahme

In wohlhabenden Gesellschaften kennzeichnet sich Armut weniger durch einen Mangel an existenziellen Gütern (absolute Armut), sondern durch Ausschluss von gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten (relative Armut). Entsprechend ist arm, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hat (Armutsrisi­ko- bzw. Armutsgefährdungsquote). In der deutschen Gesamtbevölkerung liegt die Armutsrisikoquote derzeit bei 15,9 Prozent (Mikrozensus 2019). Differenziert nach Altersgruppen ergibt sich bei den unter 18-Jährigen ein Anteil von 20,5 Prozent, das sind etwa 2,8 Mio. Kinder und Jugendliche. Bei den 18- bis 25-Jährigen ist der Anteil mit 25,8 Prozent der höchste altersbezogene Wert (BMAS 2021: 478). Gemessen am Bezug von Leistungen der Grundsicherung nach SGB II (Hartz IV) sind 12,9 Prozent bzw. 1,849 Mio. der unter 18-Jährigen arm (Aust 2021: 9). In Österreich liegt die Armutsgefährdungsquote mit etwa 14 Prozent auf ähnlichem Niveau und bei 0- bis 17-Jährigen bei etwa 18 Prozent (EU-SILC 2020). Ein junger Mensch zu sein, ist damit sowohl in Deutschland als auch in Österreich mit einem überdurchschnittlichen Armutsrisiko verbunden.

Dabei unterliegen bestimmte Familienformen bzw. -konstellationen einem besonders hohen Armutsrisiko: Alleinerziehenden-Haushalte (42,7 Prozent in Deutschland) und Haushalte mit drei und mehr Kindern (30,9 Prozent in Deutsch­land) sind besonders betroffen. Längsschnittdaten zeigen zudem, dass sich für etwa zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen Armut im Zeitverlauf verfestigt hat und für mindestens 5 Jahre durchgängig oder mit Unterbrechungen besteht (Ber­telsmann Stiftung 2020: 2).

Als Träger von etwa 2500 Kindertagesstätten wurde auch innerhalb der AWO diese „Infantilisierung“ der Armut (Hauser 1997) erkannt. Mit der AWO-ISS-Kin­derarmutsstudie sollte ab 1997 eine empirische Grundlage für das eigene Engage­ment, insbesondere bei der fachlichen Weiterentwicklung der Praxis der Sozialen Arbeit mit armen Kindern und Jugendlichen sowie für die sozialpolitische Arbeit geschaffen werden. Aus einer Erhebung bundesweiter Daten von ca. 1000 Kin­dern in 60 Kindertagesstätten der AWO im Jahr 1999, an der die Fachkräfte in den Einrichtungen maßgeblich beteiligt waren, wurde eine Langzeitstudie, in der die 1993 geborenen Kinder wiederholt an kritischen Übergängen – am Übergang von Kita in die Grundschule, von der Grundschule in die Sekundarstufe I, von der Sekundarstufe I in die Sekundarstufe II und beim Übergang ins junge Erwachse­nenalter – quantitativ und qualitativ befragt wurden (Holz et al. 2012). Die AWO-ISS-Kinderarmutsstudie ist damit eine der umfassendsten Längsschnittstudien zum Thema Kinderarmut in Europa.

Anhand der Biografien der Befragten kann nachvollzogen werden, wie sich ein Aufwachsen im Wohlergehen im Vergleich mit einem Aufwachsen in materieller Deprivation langfristig auf das Leben der heute jungen Erwachsenen ausgewirkt hat. Für die Analyse ist dabei die multidimensionale Analyse von Armut anhand der Erhebung von materiellen, kulturellen, sozialen und gesundheitlichen Lebens­lagendimensionen zentral. Damit wird der Versuch unternommen, das komplexe Wirken von Armut auf verschiedene Lebensbereiche der Kinder besser zu erfassen (Volf et al. 2019).

Die Befunde der aktuellen Welle (vorgestellt 2019), in der die Befragten inzwi­schen 25 und 26 Jahre alt sind, zeigen, dass Kinderarmut ein zentrales, langfris­tiges Entwicklungsrisiko ist und sich Armutserfahrungen in Kindheit und Jugend mit dem Übergang ins Erwachsenenalter vielfach fortsetzen. Ein Drittel der Be­fragten bleibt von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter arm. Umgekehrt ist die Mehrheit der jungen Erwachsenen, deren Kindheit von finanzieller Sicher­heit geprägt war, auch im weiteren Lebensverlauf nicht mit Armut in Berührung gekommen. Ob sich Einkommensarmut negativ in andere Lebenslagen überträgt, wird auch von inner- und außerfamiliären Unterstützungsstrukturen beeinflusst. Der Übergang ins junge Erwachsenenalter ist eine Phase der ökonomischen Ver­selbstständigung und damit eine Chance, die familiäre Armut zu verlassen. Damit ein solcher Schritt allen gelingt, sind etwa eine wirksame Unterstützung bei der Integration in Ausbildung und Arbeit entscheidend (Volf et al. 2019; AWO Bundes­verband 2019).

Die AWO hat aus der Studie politische Forderungen abgeleitet. Die Eckpunkte dieser Forderungen betreffen die Bekämpfung von Familienarmut durch armuts­feste Arbeit, die Einführung einer Kindergrundsicherung, die Stärkung der armuts­präventiven Ausrichtung der sozialen Infrastruktur, Investitionen in Bildung und die aktive Gestaltung von Übergängen ins junge Erwachsenenalter.

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1 Vergleiche dazu beispielsweise: IV 24, Z. 34 und IV 13, Z.9.

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Florian Baier, Stefan Borrmann, Johanna M. Hefel, Barbara Thiessen (Hrsg.):