Jugendliche – Digitalisierung – Konsum

Konsum in der digitalen Welt

Silke Bartsch, Angela Häußler, Petra Lührmann

HiBiFo – Haushalt in Bildung & Forschung, Heft 2/2017, S. 52-65

Jugendliche haben digitale Medien in ihren Alltag integriert und können sich ein Leben „ohne“ schwer vorstellen. Die Digitalisierung verändert alle Lebensbereiche und bringt Chancen und Risiken für den Konsum mit sich. Auch aufgrund des KMK-Beschlusses „Bildung in der digitalen Welt“ ist Konsum in der digitalen Welt ein zunehmend wichtiger Inhalt der Ernährungs- und Verbraucherbildung, um gesellschaftliche Teilhabe für alle zu ermöglichen.

Schlüsselwörter: Jugendliche Lebenswelten, Schule, Digitalisierung, Ernährungs- und Verbraucherbildung, Konsumkompetenzen

1 Jugendliche in der digitalen Welt

1.1 Digitale Ausstattung

Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer in einer mediatisierten, zunehmend digitalisierten Gesellschaft auf. In fast allen Familien mit Heranwachsenden sind Mobiltelefone (fast immer Smartphones), Computer bzw. Laptops, Fernsehgeräte und ein Internetzugang vorhanden (mpfs, 2016a; mpfs, 2016b). Im Schnitt verfügen Jugendliche über zwei bis drei Zugangskanäle ins Internet, wobei Jugendliche aus der „oberen Schicht“ hier etwas besser ausgestattet sind als solche aus „niedrigeren Schichten“ (Albert et al., 2015). Bei den internetfähigen Geräten, die Kinder und Jugendliche selber besitzen, erfahren Mobiltelefone die weiteste Verbreitung. Mit 95 Prozent besitzt heute fast jeder Jugendliche ein eigenes Smartphone (mpfs, 2016a). Während der Gerätebesitz bei Kindern in der Grundschulzeit noch deutlich zunimmt (mpfs, 2016b), gibt es in der Altersgruppe der Zwölf- bis 19-Jährigen keine merklichen Unterschiede mehr zwischen den jüngsten und ältesten Befragten (mpfs, 2016a). Das Smartphone hat sich unabhängig vom Geschlecht und sozialem Status zum bedeutendsten technischen Gerät für Jugendliche entwickelt und steht an der Spitze der wichtigsten Dinge in ihrem Leben. So bekunden 14-17-jährige Teilnehmerinnen und Teilnehmer der SINUS-Jugendstudie (Calmbach et al., 2016, S. 176) nicht einmal zehn Jahre nach dem Einzug der Smartphones auf dem deutschen Markt halb verständnislos, halb bewundernd, wie schwierig es doch „damals“ sein musste, die Tätigkeiten des Alltags ohne mobile, internetfähige Geräte zu bewältigen. Interessant ist, dass Jugendliche heute mit ihrer digitalen Ausstattung insgesamt sehr zufrieden sind und das Smartphone seine Bedeutung als Statussymbol eingebüßt hat (Bohmann und Schupp, 2016; Calmbach et al., 2016, S. 173).

1.2 Freizeitgestaltung

Aktuelle Jugendstudien (z.B. 17. Shell Jugendstudie, 13. JIM-Studie, DIVSI U25-Studie etc.) zeigen zudem übereinstimmend, dass sich die Internetnutzung zur wichtigsten Freizeitbeschäftigung der Jugendlichen entwickelt hat, wobei das Smartphone mit 76 Prozent am häufigsten hierfür eingesetzt wird (Albert et al., 2015; Calmbach et al., 2016; mpfs, 2016a). Zwölf- bis 19-Jährige schätzen ihre zeitliche Zuwendung hinsichtlich der Nutzung des Internets im Mittel auf etwa 24 Stunden in der Woche ein. Damit hat sich die durchschnittliche Nutzungsdauer in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Die wöchentlichen Onlinenutzungszeiten steigen dabei mit zunehmendem Alter an (12-13-Jährige: 16 Stunden, 14-15-Jährige: 22 Stunden, 16-19-Jährige: 27 Stunden), unterscheiden sich jedoch kaum zwischen den Geschlechtern bzw. Jugendlichen unterschiedlicher Schulformen. Aufgrund der starken Nutzung des Internets besitzen inzwischen vier Fünftel der Jugendlichen eine Internet Flatrate (mpfs, 2016a).

Die Aktivitäten, für die Jugendliche das Internet nutzen, sind sehr vielfältig. Sie agieren in sozialen Netzwerken, suchen nach Informationen, nehmen an Chats teil, „surfen einfach drauflos“, spielen, hören Musik, schauen Filme, Videos und Fotos oder besuchen Blogs und Foren. Drei Viertel der Jugendlichen haben bereits online Produkte gekauft und ein Drittel beteiligt sich aktiv an Bewertungen von Konsumgütern und Dienstleistungen (Albert et al., 2015). Es werden dabei vor allem Bekleidung, Schuhe und elektronische Geräte wie Computer, Tablets und Zubehör im Internet gekauft (Mangold et al., 2017). Daneben werden Jugendliche aber auch selber als Anbieter auf entsprechenden Internetplattformen wie z.B. Ebay tätig. In der JIM-Studie (mpfs, 2016a) wurden Jugendliche aufgefordert ihre Internetnutzungszeiten den Bereichen Kommunikation, Spiele, Unterhaltung und Informationssuche zuzuordnen, wohlwissend, dass es bei der Abgrenzung Überschneidungen gibt. Es zeigte sich, dass kommunikative Aspekte im Zentrum der Internetaktivität der Jugendlichen stehen, wobei diese bei den Mädchen mit 49 Prozent eine wesentlich größere Rolle spielen als bei den Jungen (34 Prozent). Jungen (28 Prozent) widmen dagegen dem Spielen deutlich mehr Internetzeit als Mädchen (10 Prozent). Bezüglich Unterhaltung (20 Prozent) und Informationssuche (10 Prozent) waren keine nennenswerten Geschlechtsunterschiede erkennbar. Im Altersverlauf verliert das Spielen dann insgesamt an Bedeutung, wohingegen die Informationssuche wichtiger wird. Das beliebteste Internetangebot bei den Jugendlichen ist die Videoplattform YouTube. Hier werden neben klassischen Medieninhalten auch nutzergenerierter Inhalte veröffentlicht (selbstgedrehte Sketche, Anleitungen zum Schminken, Musik- und Tanzeinlagen, Tipps für Kleidung und Konsumgüter etc.) Die bekanntesten YouTuberinnen und YouTuber haben inzwischen den Status neuer Medienstars erlangt (Döring, 2014). Im Bereich der Kommunikation nutzen 95 Prozent der Jugendlichen regelmäßig den Instant Messaging-Dienst WhatsApp. 51 Prozent zählen zu den regelmäßigen Nutzern der Fotoplattform Instagram. 45 Prozent der Jugendlichen nutzen den Instant Messaging-Dienst Snapchat und 43 Prozent Facebook regelmäßig.

Am Beispiel von WhatsApp zeigt sich dabei sehr eindrucksvoll, mit welcher Geschwindigkeit sich die Aktivitäten der Jugendlichen in der digitalen Welt verändern und wie wenig vorhersehbar die Entwicklungen sind. Der Kommunikationsdienstleister wurde 2009 gegründet, 2012 spielte er noch keine Rolle in der Lebenswelt der Jugendlichen, 2013 hatten ihn 70 Prozent der Jugendlichen auf ihrem Smartphone (70 Prozent der Jugendlichen besaßen zu diesem Zeitpunkt ein Smartphone) installiert (mpfs, 2013), 2014 wurde er Teil der Facebook Inc. und heute (2016) nutzen ihn fast alle Jugendlichen regelmäßig (mpfs, 2016a).

1.3 Internet als neuer Sozialraum

Im Laufe der letzten Jahre hat sich somit die neu ausgebildete Social-Media-Struktur mit ihren umfassenden innovativen, digitalen Vernetzungsoptionen und dem ausgeprägten Community-Charakter zum neuen Sozialraum für Jugendliche entwickelt. Jugendliche bringen sich in das Internet ein (chatten, bloggen, posten, liken, teilen etc.) und nutzen die Strukturen für die Pflege von sozialen Kontakten. Zudem bietet ihnen die digitale Welt einen Raum sich weitgehend befreit vom Eingriff der Erwachsenen auszuprobieren. Sie haben die digitalen Medien mit einer Selbstverständlichkeit in ihren Alltag integriert und können sich ein Leben „ohne“ nicht mehr vorstellen. „Always on“ ist heute normal für Jugendliche und wird auch von ihren Eltern weitgehend akzeptiert. Der Zugang zur digitalen Welt mit ihrer Social-Media-Struktur ist somit für Heranwachsende weitgehend unverzichtbarer Bestandteil für die soziale Teilhabe geworden. Auch wenn Heranwachsende in Abhängigkeit von der Internettypologie oder der demografischen Gruppe bzw. dem Milieu unterschiedlich mit den aktuellen Möglichkeiten des Internets umgehen, ist ihnen doch gemein, im Sozialraum Internet mit dabei sein zu wollen (Albert et al., 2015, Bohmann & Schupp, 2016). Da Jugendliche davon ausgehen, dass die Digitalisierung weiter voranschreitet, ist es für sie unstrittig, dass man zumindest über ein Basiswissen im Umgang mit digitalen Medien verfügen muss, um – auch mit Blick auf den Beruf – zukünftig Teilhabe sicherstellen zu können (Calmbach et al., 2016).

Dass digitale Technologien gesellschaftlich als zentrale Infrastruktur immer wichtiger werden, sehen Jugendliche bei weitem nicht nur positiv. Insbesondere die Aspekte Verlust von Unabhängigkeit, wachsende Kontrolle, Schutz der eigenen Daten und Privatsphäre bereiten den Jugendlichen durchaus Sorgen. Sich im Internet sicher bewegen und selbst schützen zu können ist für Jugendliche von hoher Relevanz, wie an folgendem Zitat deutlich wird:

Ich hoffe mal, dass es mehr Gesetze geben wird, die gerade Google oder so einschränken ein bisschen. Das sie halt nicht alles überwachen können. Oder auch das mit der Werbung, dass man so angepasste Werbung bekommt. Wenn man das so sieht, ich habe zum Beispiel für meinen Abiball nach Kleidern gesucht im Internet und es kommen jetzt immer noch irgendwelche Vorschläge für Abschlussballkleider. Da fühlt man sich schon ein bisschen beobachtet. (weiblich, 17 Jahre, Expeditive). (Calmbach et al., 2016, S. 217)

Von den Jugendlichen, die gegenüber den Strukturen und Geschäftsgrundlagen des Internets kritisch eingestellt sind, gelingt es jedoch nur etwa der Hälfte tatsächlich eine gewisse Distanz gegenüber dem „Social Web“ aufzuweisen und sich nicht auf alles einzulassen. Dabei ist in dieser Gruppe der Anteil Jugendlicher aus „höheren Schichten“ überrepräsentiert (Albert et al., 2015). Letztendlich befinden sich die Jugendlichen in einem Dilemma. Auf der einen Seite ist es für sie schlichte Notwendigkeit, Online-Dienste zu nutzen und damit im Netz Daten zu hinterlassen, um sozial nicht abgehängt zu sein, zum anderen fürchten sie die wachsende Kontrolle, aufgrund der Spuren, die sie hinterlassen. Die eigene Selbstregulationskompetenz entwickelt sich dabei zunehmend zum Distinktionsmerkmal und löst die digitalen Medien als Statussymbol ab. Die angestrebte soziale Positionierung, insbesondere in den postmodernen Lebenswelten, ist es, an allem Relevanten teilzuhaben, ohne als „internetsüchtig“ zu gelten (Calmbach et al., 2016).

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© pixabay 2017, Foto: geralt

 

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