Jugendliche für nachhaltige und gesunde Ernährung begeistern

HiBiFo – Haushalt in Bildung & Forschung 1-2021: Jugendgerechte Kommunikation über Ernährung im Kontext Gesundheit und Nachhaltigkeit

Jugendgerechte Kommunikation über Ernährung im Kontext Gesundheit und Nachhaltigkeit

Maria Lerchbaumer & Martina Überall

HiBiFo – Haushalt in Bildung & Forschung, Heft 1-2021, S. 36-47

 

Der Klimawandel, an dem die jetzige Ernährungsweise einen wesentlichen Anteil hat, betrifft Jugendliche besonders stark. Sie können aber Gestalter einer veränderten Ernährungsweise sein. Kommunikation ist ein Schlüsselfaktor, weshalb die Anwendung des Schwellenmodells von Kleinhückelkotten und Neitzke (1999) erste Anknüpfungspunkte liefert, um Jugendliche für gesundheitsförderliche und nachhaltige Ernährung zu gewinnen.

Schlüsselwörter: Ernährungskommunikation, Jugendliche, nachhaltige Ernährung, gesundheitsförderliche Ernährung

 

Youth-oriented communication about nutrition in the context of health and sustainability

Our food choices are a major driver in climate change which is particularly going to affect the younger generation. However, they can be designers of a changed diet. Communication is a key factor, which is why the application of Kleinhückelkotten and Neitzke’s threshold model provides the starting points to win young people over to a healthy and sustainable nutrition.

Keywords: communication in nutrition, young people, sustainable diet, healthy diet

 

1 Ernährung aus Gesundheits- und Nachhaltigkeitssicht

Aus Sicht der gegenwärtigen Situation zeichnet sich ein alarmierendes Bild sowohl aus gesundheitlicher Perspektive als auch aus Sicht der Umwelt ab. Zwischen der empfohlenen Ernährungssituation und der momentan global vorherrschenden zeigt sich eine deutliche Diskrepanz. Für das Jahr 2017 lassen sich elf Millionen Todesfälle auf ernährungsmitbedingte Risikofaktoren zurückführen. Laut dem „Global burden of disease“ tritt jede fünfte Erkrankung im Zusammenhang mit Fehlernährung auf (Afshin et al., 2019, S. 1967). Die Ernährung ist ein Hauptrisikofaktor für die Zunahme von nichtübertragbaren Erkrankungen, welchen weltweit 41 Millionen von insgesamt 56 Millionen Todesfälle zuzuschreiben sind (WHO, 2018).

Aus Sicht der planetaren Belastungsgrenzen, welche teilweise bereits überschritten wurden (Steffen et al., 2015), spielt das Ernährungssystem eine wesentliche Rolle (IPCC, 2019). Auf unser heutiges „agro-food-system“, welches die Produktion und den Konsum von Nahrungsmitteln miteinschließt (Ermann et al., 2017), lassen sich mehr als 25 % der gesamten Treibhausgasemissionen zurückführen (Springmann et al., 2016, S. 1). Die weltweite Zunahme des Verzehrs von tierischen Lebensmitteln wirkt sich dramatisch aus. Tierische Lebensmittel entsprechen 9 % der konsumierten Nahrungsmittel und sind für 43 % der Treibhausgasemission verantwortlich (De Schutter et al., 2015, S. 8). Unsere aktuelle Ernährungsweise stellt ein Problem für die Gesundheit vieler Menschen und für die ökologische Situation der Erde dar, was sich unverkennbar in Gesundheitsdaten und Daten zum Zustand der Erde widerspiegelt (Afshin et al., 2019; Steffen et al., 2015; Willett et al., 2019).

Es existieren bereits einige Lösungsansätze zur Erreichung einer „gesünderen“ und nachhaltigeren Ernährung und somit einer signifikanten Reduktion der Todesfälle der globalen Gesellschaft wie beispielsweise die 2019 erschienene „Planetary Health Diet“ der EAT Lancet Kommission. Bei allen Ansätzen wird eine Verringerung des Fleischkonsums und eine Erhöhung des Verzehrs von Obst und Gemüse, Getreideprodukten und Nüssen gefordert (Garnett, 2014; Springmann et al., 2016; Tilman & Clark, 2014). Ernährung kann aufgrund der Niederschwelligkeit und zeitnahen Umsetzung einen ersten Schritt in eine sozialökologische Zukunft darstellen (Willett et al., 2019). Im Rahmen der Masterarbeit1 (Lerchbaumer 2020) arbeitete die Autorin die Synergie zwischen Ernährung, Gesundheit und Umwelt heraus und untersuchte die Frage, wie eine jugendgerechte Kommunikation zu diesen Themen aussehen kann. Des Weiteren wurden in der Arbeit erste Anhaltspunkte zur themenbezogenen Kommunikation für Multiplikatoren und Multiplikatorinnen erarbeitet.

2 Jugendliche als ein Schlüssel für Veränderungen

Die Jugend ist eine besondere Lebensphase, in der weitreichende physische als auch psychische Veränderungen stattfinden (Schneider & Lindenberger, 2018). Jugendliche sind in gewisser Weise „Fremde“ in ihrem Land und müssen sich erst Verhältnissen annähern und zugleich einen eigenen Weg finden, um ihr eigenes Profil zu entwickeln. Nicht zuletzt deshalb nehmen sie Facetten, Trends und Strömungen der Gesellschaft intensiver wahr (Sie Liong & Göll, 2011).

Umweltthemen kommen nach und nach in der Mitte der Gesellschaft an. Die Wichtigkeit und die Dringlichkeit bringen viele jungen Menschen mit ihren (Freitags-)Aktionen für das Klima zum Ausdruck (Europäische Kommission, 2019; Wahlström et al., 2019). Die Auswirkungen des Klimawandels werden sie besonders hart treffen, trotzdem ist eine Ratlosigkeit bei jungen Menschen zu erkennen, wenn es um konkrete Handlungen geht. Es zeigen sich Hilflosigkeit, Überforderung und eine hohe Erwartung an die Politik, statt die Handlungen des Einzelnen als Strategie zu erkennen (Sie Liong & Göll, 2011; Wahlström et al., 2019). In Bezug auf Umwelt- und Klimaschutz haben viele Jugendliche positive Vorstellungen und Ideale, die sie umsetzen wollen. Zwei Punkte sind hierbei für den Beitrag zentral: Es zeigt sich eine Kluft zwischen Klimabewusstsein und klimabewusstem Handeln und es fehlen gesellschaftliche Räumen zum Lernen und Praktizieren von solidarischem und klimabewussten Handeln für Jugendlichen (Chiari et al., 2016).

Die Jugend ist ein „window of opportunity“ für die gesundheitliche Entwicklung, ein Zeitfenster, in dem sich große Gesundheitschancen auftun, die es zu nützen gilt, um die Gesundheit ein Leben lang zu fördern und zu erhalten (Delisle & World Health Organization, 2005).2 Ernährung kann als alltagsnahes Beispiel für klimabewusstes Handeln dienen und bietet einen partizipativen Handlungsspielraum, um einen Beitrag zur Gesundheitsförderung zu leisten. Sie ist auch ein wirksamer und niederschwelliger Hebel für den Klimaschutz, als auch ein aktiver Beitrag zur Gesundheiterhaltung.

3 Jugendgerechte Kommunikation

Für das Gelingen von Kommunikation über Ernährung mit Jugendlichen, müssen zuerst die vielfältigen anderen Funktionen, die Essen erfüllt, verstanden werden (Bartsch, 2010). Essen ist mehr als Energiezufuhr, Essen ist Be- und Erziehung und soziale Verankerung. Bei Jugendlichen dient Essen nicht zuletzt der Selbstdarstellung und als Kommunikationsmittel, um sich zu etwas zu bekennen. Hauptsächlich findet dies im Raum von sozialen Plattformen statt (Hirschfelder, 2018). Heute lebende Jugendliche sind durch Bildmedien sozialisiert worden und unter anderem spielen nonverbale Lifestyle-Codes eine wichtige Rolle. Präsentative Symbolik wie Bilder sind Jugendlichen näher als die Sprache (Heinzelmaier, 2014).

Medienkanäle wie YouTube und Instagram gehören zum Alltag Jugendlicher dazu und dienen der Kontaktpflege sowie dem Erfahrungs- und Meinungsaustausch. Das Smartphone ist das am häufigsten genutzte Gerät unter Jugendlichen; 94 % aller 12-19-Jährigen besitzen es (MPFS, 2020, S. 8). An einem durchschnittlichen Wochentag schätzen Jugendliche, dass sie 258 Minuten online verbringen (ebd., S. 33).

Die Begleitung von jungen Menschen auf Augenhöhe ist essenziell. Soziale Medien können, trotz einiger Problemfelder, diese Begleitung vereinfachen, da sie Partizipation ermöglichen und für Demokratisierung des Wissens sorgen. Jugendliche Meinungsbildner und Meinungsbildnerinnen können genützt werden, um Ernährungsbildung zielgruppengerecht zu kommunizieren (Endres, 2018; Hirschfelder, 2018). Zeit und Format müssen jugendgerecht sein. Das bedeutet, dass kurzweilige Video eher von Jugendlichen wahrgenommen werden als längere Texte. „Bildlastige“ Medien wie YouTube und Instagram gehören zu den beliebtesten Internetangeboten bei Jugendlichen (ebd., S. 36).

Auch soziale Aspekte dürfen nicht vernachlässigt werden. Gilt es als „uncool“, wird der Vorschlag eher abgelehnt und manifestiert sich nicht dauerhaft. Kleinhückelkotten und Wegner (2010) betiteln es plakativ: „man darf nicht scheiße dabei aussehen“ (S. 102). Formate, die bei Jugendlichen „ankommen“ wollen, müssen sich bevorzugt an älteren Altersgruppen orientieren.

Im Jugendalter sind Bedürfnisse wie Freundschaften, Selbständigkeit, Individualismus, Anerkennung, Liebe und Partnerschaft vorrangig. Gelungene Kommunikationsformate sollen an diesen Bedürfnissen anknüpfen. Insbesondere die Identitätssuche und das damit verbundene Aneignen von Werten ist ein wichtiger Entwicklungsschritt in der Jugend (Schneider & Lindenberger, 2018). Themen wie Umwelt und Nachhaltigkeit bieten Identitäts- und Werteangebote, die jungen Menschen zusagen (Sie Liong & Göll, 2011). Auch Ernährungsstile dienen zur Identitätsstiftung und Abgrenzung voneinander (Barlösius, 1999). Besonders Werte, denen Jugendliche einen hohen Stellenwert einräumen, wie beispielsweise „soziale Gerechtigkeit“ könnten unterstützend für das Konzept der nachhaltigen und gesundheitsförderlichen Ernährung und ihrer Kommunikation sein (Bryan et al., 2016). Kommunikationsformate, welche Gefühle ansprechen, finden viel Anklang bei Jugendlichen.

Der Druck die Welt „zu retten“, hat sich enorm erhöht und belastet viele junge Menschen. Ihnen fehlt häufig das Vertrauen, ob diese Aufgabe überhaupt bewältigbar ist (Calmbach et al., 2016; Sievert et al., 2018). Deshalb nimmt katastrophenfokussierte Darstellungen vielen Jugendlichen die Motivation, sich zu engagieren (Chiari et al., 2016; Sievert et al., 2018). Moralische Appelle und Verzichtsangebote werden von Jugendlichen häufig abgelehnt, weshalb besser über klima- und gesundheitsbewusstes Handeln positiv und lösungsorientiert kommuniziert werden sollte. In Bezug auf Ernährung spricht sich Hirschfelder (2018) für „weichere Ziele“ aus, die näher am Lebensalltag sind und somit auch durch die höhere Wahrscheinlichkeit der Erreichung zu mehr Selbstwirksamkeit führen könnten (Maschkowski, 2019). Besonders unbefriedigend empfanden Jugendliche in der Erhebung von Chiari et al. (2016) Formate, die schwer erreichbare Ziele aufzeigten. Unter anderem könnte dies durch Unterstützung durch andere Menschen oder auch Schule und konkrete Umsetzungsstrategien umgesetzt werden (Mörixbauer et al., 2019).

„Eine Kommunikation für alle Jugendliche“ geht meistens am Ziel vorbei (Kleinhückelkotten & Wegner, 2010). Multiplikatoren können sich mit der Lebenswelt vertraut machen, indem sie beispielsweise sich mit bei Jugendlichen beliebten Zeitschriften oder Onlineformaten auseinandersetzen. Orientierung an der Lebenswelt setzt keine breite Medienanalyse voraus. Sich mit den Kommunikationsplattformen junger Menschen zu befassen, um ein grundsätzliches Verständnis für die Welt von Jugendlichen zu bekommen, ist bereits ein wichtiger erster Schritt (Hirschfelder, 2018). Nicht zuletzt ist es auch eine soziale Frage, gewisse Personengruppen werden trotz aller Bemühungen schwer zu erreichen bleiben

1 Ein großer Dank gilt Prof.in Dr.in Silke Bartsch für ihre wertschätzende Begleitung bei der Erstellung der Masterarbeit.
2 Angemerkt sei, dass das subjektive Gesundheitsverständnis der Jugendlichen von dem der Erwachsenen abweicht und anderen, entwicklungspsychologisch begründeten Logiken folgt (vgl. Bartsch, 2008).

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