„Wir sahen eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit, ein Forum zu schaffen.“ – 5 Fragen an Matthias Quent und Ursula Birsl aus der Herausgeberschaft der ZRex – Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung

ZRex – Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung 3 (1-2022)

Im Verlag Barbara Budrich ist erschienen:

ZRex – Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung

 

 

 

Über die Zeitschrift

Ziel der neuen ZRex – Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung ist es, der wissenschaftlichen Forschung zur illiberalen, populistischen bzw. extremen Rechten ein Forum zu geben und damit das strukturelle Defizit einer fehlenden wissenschaftlichen Plattform für kritische Rechtsextremismusforschung zu beheben.

Die Zeitschrift soll Entwicklungen der illiberalen, populistischen bzw. extremen Rechten analysieren, gesellschaftstheoretisch erklären sowie Forschungsmethoden und -ethik sowie Handlungsfelder (Prävention, Intervention, Repression) in diesem Forschungsfeld einer Reflexion zugänglich machen. Die Zeitschrift steht interdisziplinären Zugängen sowie dem Austausch mit überschneidenden Forschungsfeldern offen – wie der Antisemitismus- und Rassismusforschung. Außerdem soll sie den Anschluss an internationale Forschungsdebatten und gesellschaftliche Diskurse ermöglichen.

 

Kurzvitae der Herausgeber*innen in eigenen Worten

Quent, Matthias © Sio MotionProf. Dr. Matthias Quent ist Soziologe und Gründungsdirektor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Rechtsradikalismus, Radikalisierung und Hasskriminalität. Er studierte Soziologie, Politikwissenschaft und Neuere Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und University of Leicester (England). Er promovierte über die Zusammenhänge und Dynamiken der individuellen, gruppalen und gesellschaftlichen Einflüsse auf die Radikalisierung des rechtsterroristischen „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Sein Sachbuch „Deutschland rechts außen“ (Piper, 2019) stand auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurde mit dem Preis „Das politische Buch 2020“ Der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet. Die ZEIT wählte Quent 2019 zu einem der 100 wichtigsten jungen Ostdeutschen.

Portrait Ursula Birsl, Fotograf: Wolfgang KochProf. Dr. Ursula Birsl ist Diplom-Sozialwirtin und Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt (international vergleichende) Demokratieforschung und Demokratietheorie am Institut für Politikwissenschaft der Philipps-Universität Marburg und hier Mitglied des Zentrums für Gender Studies, des Zentrums für Konfliktforschung sowie des Marburg Center for Digital Culture & Infrastructure (MCDCI). Seit 30 Jahren beschäftigt sie sich in verschiedenen, auch Drittmittel-geförderten Projekten mit „Rechtsextremismus und Gender“. Zu den Forschungsschwerpunkten zählen zudem die Entwicklung von Demokratien insbesondere in Europa und die Demokratie in der Migrationsgesellschaft.

 

1) Liebe Herausgeber*innen, bitte fassen Sie das Konzept der ZRex – Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung für unsere Leser*innen zusammen.

Obwohl der zeitgenössische Rechtsextremismus nicht erst seit gestern die größte politische Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Demokratie und auch eine Bedrohung von viele Menschen ist, wurde die Forschung lange vernachlässigt, und es existieren für diese kaum institutionalisierte wissenschaftliche Strukturen. Auch eine spezialisierte und hochwertige Fachzeitschrift fehlt bisher, die Befunde und Debatten bündelt. Dieses Defizit beheben wir mit der neuen Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung. Es handelt sich um ein Journal mit wissenschaftlicher Qualitätssicherung, in dem begutachtete deutsch- und englischsprachige Beiträge aus allen Disziplinen zu verschiedenen Aspekten des Rechtsextremismus, seinen Ursachen und zu damit verbundenen Erscheinungen wie Antifeminismus oder Antisemitismus sowie zu deren Bekämpfung, etwa Praxisreflektionen, veröffentlicht werden. Die Zeitschrift richtet sich in erster Linie an Forschende und Studierende, aber auch an Praktiker*innen und Interessierte in Behörden, NGO’s, Medien und so weiter. Alle Beiträge erscheinen vollständig Open Access.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, die Zeitschrift ins Leben zu rufen? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Weder der Bedarf noch die Idee für eine solche Zeitschrift sind neu. Es gab im Kreis der Herausgebenden seit vielen Jahren immer wieder Pläne für ein solches Periodika, allerdings erschwert der Mangel an Professuren mit einschlägiger Denomination sowie an dauerhafter Forschungsförderung die Umsetzung langfristiger Vorhaben wie das eines Fachjournals. Dies ändert sich langsam durch die Entstehung von Forschungseinrichtungen, die sich explizit mit Rechtextremismus beschäftigen, wie zum Beispiel durch die Emil Julius Gumbel Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus in Potsdam oder das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena. Das IDZ in Jena wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) als ein Standort des „Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ gefördert, welches im Juni 2020 die Arbeit aufnahm. Damit ist auch eine finanzielle Förderung für die Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung verbunden. Es gab nicht nur „einen Stein des Anstoßes“, um die Fachzeitschrift auf den Weg zu bringen. Wir müssen von einer ganzen „Lawine von Anstößen“ sprechen: Der NSU-Komplex, der noch nicht vollständig aufgeklärt ist, das Erstarken und die Radikalisierung der AfD, der Anschlag auf Walter Lübcke, die tödlichen antisemitischen, rassistischen und antifeministischen Attentate in München, Halle und Hanau, Rechtsextreme in den Behörden – um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen. Von der bedeutsamen internationalen Dimension haben wir dabei noch gar nicht gesprochen – denken Sie nur an die USA, Brasilien oder an Ungarn. Demokratien und der gesellschaftliche Zusammenhalt sind vielerorts bedroht und die weitere Entwicklung noch nicht einschätzbar. Wir sahen eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit, mit der Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung ein Forum zu schaffen, in dem ein aktiver Austausch über die Entwicklungen stattfinden kann sowie aktuelle Forschungsbeiträge gebündelt öffentlich zur Verfügung gestellt werden.

 

3) In vielen Gesellschaften lassen sich in den letzten Jahren politische Geländegewinne der illiberalen Rechten verzeichnen. Welche Gründe sieht die Rechtsextremismusforschung hierfür?

Die Rechtsextremismusforschung ist pluralistisch, insofern gibt es viele verschiedene Erklärungsansätze und auch verschiedene Verständnisse davon, was überhaupt im engeren Sinne als Rechtsextremismus verstanden wird. Diese Vielfalt wollen wir auch in der Zeitschrift abbilden: Gerade zur Debatte über die Ursachen von Rechtsextremismus soll die Zeitschrift auch empirische und theoretische Beiträge leisten.

Für uns beide ist klar: Die extreme Rechte ist kein neues Phänomen, sondern kann auf eine über hundertjährige Geschichte zurückblicken – nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern und Nordamerika. Sie wendet sich gegen alle Prozesse der Demokratisierung, Liberalisierung und der Emanzipation in den Gesellschaften. Zu jeweils historischen Zeitpunkten erstarkt sie, wie gegenwärtig. Entscheidend für ihr Reüssieren auf der politischen Bühne sind, wie schon Adorno einst feststellte, begünstigende gesellschaftliche Bedingungen. Verfestigte Ungleichheitsstrukturen und Ungleichwertigkeitsvorstellungen in der Realität stehen den normativen Ansprüchen von Aufklärung und Demokratie entgegen und treffen auf Globalisierung, sozialen Wandel und Veränderungsprozesse, die bei einem Teil der Bevölkerung zu einer politischen Aktivierung kultureller und sozialer Vorherrschaftsansprüche und zur Radikalisierung führen. Der „neoliberale turn“ seit den späten 1970er Jahren sowie die Krisen seit 2007 verstärkten materielle und ideologische Unsicherheiten und Widersprüche und spitzen die Polarisierung westlicher Gesellschaften zu. Die extreme Rechte verspricht ihren jeweiligen nationalistisch und rassistisch definierten Gemeinschaften Vorrechte, Privilegien, vermeintliche Eindeutigkeiten in der Weltdeutung und steigert die Nützlichkeitslogik des Marktes zu generalisierten Ungleichheitsvorstellungen. Man kann die Entwicklungen im Rechtsextremismus nicht losgelöst von komplexen gesellschaftlichen Prozessen verstehen – gerade darum ist die gesellschaftswissenschaftliche Auseinandersetzung damit so wichtig.

 

4) Welchen Herausforderungen wird die Rechtsextremismusforschung Ihrer Einschätzung nach künftig gegenüberstehen?

Die wissenschaftlichen Fragestellungen ergeben sich aus der Forschung selbst und aus der Dynamik des Feldes. Dazu nur einige Beispiele: Es ist wahrscheinlich, dass der Rechtsterrorismus weiter zunimmt. Neu ist, dass Rechtsterrorist*innen auf globale Netzwerke zurückgreifen können, und dies nicht nur in sozialen Netzwerken, sondern gleichfalls in der realen Welt. Des Weiteren ist davon auszugehen – und auch schon sichtbar -, dass die ökologische Transformation und die Menschheitsaufgabe, den Klimawandel einzudämmen, extreme Rechte auf mehreren Ebenen mobilisiert: einerseits zum ökologischen Wandel, wie wir es bereits auf politischer Ebene in Brasilien, in der Lausitz oder auch in antifeministischen Hasstiraden im Internet gegen Greta Thunberg oder Luisa Neubauer sehen können. Andererseits aber auch auf der Ebene der Weltanschauungen. Gemeint ist etwa eine „braune“ Ökologie, in der der Klimawandel unter Gesichtspunkten einer Blut- und Bodenideologie verhandelt wird. Antifeminismus ist auch für sich ein eigenes Forschungsfeld mit wachsender Bedeutung. Wir sehen, dass Verschwörungsideologien stark mit extrem rechten Denken korrelieren und in der Corona-Pandemie Zuspruch erfahren. Vor allem Antisemitismus zeigt sich darin in verschiedenen, auch gewaltbereiten Formen. Die extreme Rechte versucht, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu instrumentalisieren und Verteilungskonflikte egoistisch, nationalistisch und rassistisch zu beantworten. Von weiter zunehmender Bedeutung werden Fragen der geeigneten Gegenmaßnahmen sowie die Bildung und Professionalisierung von Praktiker*innen in diesem Feld bleiben.

Für die Forschung in diesem multidisziplinären Feld bleibt die starke Projektförmigkeit der Förderung eine strukturelle Herausforderung.

 

5) Wir sind Autor*innen bei Budrich, weil …

… der Verlag immer offen für neue Projekte und Ideen ist – vor allem auch aus den kritischen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Das Verlagsprogramm bietet hier ein breites Angebot an (angewandter) Wissenschaft und eröffnet uns mit dem Zeitschriftprojekt die Möglichkeit, unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen.

 

Erscheint bei Budrich

ZRex – Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung 3 (1-2022)

ZRex – Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung

 

 

 

© Foto Matthias Quent: Sio Motion; Foto Ursula Birsl: privat