„Unterricht sollte den Lernenden Mitbestimmungsmöglichkeiten bieten.“ – 5 Fragen an Charlott Rubach und Rebecca Lazarides

3D Cover Rubach LazaridesIm Verlag Barbara Budrich ist erschienen: Emotionen in Schule und Unterricht. Bedingungen und Auswirkungen von Emotionen bei Lehrkräften und Lernenden von Charlott Rubach und Rebecca Lazarides (Hrsg.)

 

 

 

Über das Buch

Welche Bedeutung haben Emotionen für Lehr- und Lernprozesse im Unterricht? Empirische Befunde zeigen, dass sowohl die Emotionen der Lernenden, als auch die der Lehrenden im Zusammenhang mit einem gelungenen Unterricht stehen. Der Sammelband thematisiert daher Emotionen von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern und befasst sich mit möglichen Bedingungsfaktoren sowie Konsequenzen affektiver Merkmale in Schule und Unterricht. Dabei werden theoretische, empirische und handlungspraktisch relevante Beiträge zu Emotionen von Lernenden und Lehrkräften zusammengeführt.

 

Kurzvitae der Herausgeberinnen in eigenen Worten

Rebecca Lazarides hat die Professur „Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Schul- und Unterrichtsentwicklung“ an der Universität Potsdam inne. Sie befasst sich in ihren Forschungsarbeiten mit Themen wie der Motivationsentwicklung im Unterricht, Heterogenitätsaspekten in Lehr-Lernprozessen, Schulnetzwerken, individueller Förderung im Unterricht sowie mit der Bedeutung der Motivation und Emotion von Lehrkräften für die Unterrichtsqualität.

Charlott Rubach ist nach ihrer Promotion zum Thema „Bedingungen und Auswirkungen kooperativer Beziehungen zwischen Schule und Elternhaus in der Sekundarstufe I“ an der Universität Potsdam seit August 2019 an der University of California in Irvine als Postdoktorandin bei Professorin Jacquelynne Eccles tätig und untersucht die Relevanz verschiedener Sozialisationsinstanzen wie Familie und Schule für eine gesunde Entwicklung von Jugendlichen. Weiterhin beschäftigt Frau Rubach sich mit der Frage, welche Unterrichtsgestaltungsmerkmale motivationsförderlich sind und zu einer positiven emotionalen Entwicklung bei Lernenden beitragen.

 

1) Liebe Frau Rubach, liebe Frau Lazarides, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Emotionen in Schule und Unterricht für unsere Leser*innen zusammen.

Unser Sammelband befasst sich mit dem emotionalen Erleben von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften in der Schule. Das Ziel ist es, einen systematischen Überblick über existierende Theorien und Modelle und darauf aufbauende empirische Befunde zum Thema „Emotionen in Schule und Unterricht“ zu ermöglichen und dabei insbesondere schulpraktische Implikationen aufzuzeigen. Wir wollen mit dem Band Lehrkräfte, Lehramtsstudierende aber auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ansprechen.

Die Beiträge im Sammelband befassen sich daher mit der Bedeutung der Unterrichtsgestaltung für das emotionale Erleben Lernender und gehen der Frage nach, ob und wie sich das emotionale Erleben der Lehrkräfte auf Schülerinnen und Schüler überträgt. Auch Themen wie Traumata, Schulentfremdung, Langeweile und Kreativität sowie emotionale Kompetenzen von Lehrkräften sind Gegenstand der Beiträge. Das Besondere an unserem Sammelband ist, dass theoretische Modelle, empirische Befunde und schulpraktische Implikationen im Vordergrund stehen – uns liegt viel an diesem Theorie-Praxis-Transfer.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Das war eher ein längerer Prozess des Nachdenkens als ein spezifischer Moment. Uns ist aufgefallen, dass in der aktuellen Bildungsforschung viele empirische Arbeiten zeigen, dass Lernende im Verlauf ihrer Schulzeit tendenziell immer weniger Lernfreude empfinden, dass sich aber auch eine stärkere Ängstlichkeit entwickelt, beispielsweise haben viele Lernende soziale Ängste oder Prüfungsangst. Ein wichtiges Ziel von Schule ist es, neben dem Kompetenzgewinn auch sogenannte nicht-kognitive Merkmale wie Lernmotivation oder Lernfreude zu begünstigen – also dafür Sorge zu tragen, dass Schülerinnen und Schüler das Lernen als etwas Positives und als Etwas für sich persönlich Wichtiges wahrnehmen, sich in der Schule wohlfühlen, neugierig sind und Spaß daran haben, Neues zu lernen.

Da wir beide uns als Bildungsforscherinnen immer auch für die Frage der schulpraktischen Bedeutsamkeit von empirischen Befunden interessieren, bietet der Sammelband eine schöne Möglichkeit, theoretische Modelle, empirische Befunde und konkrete praktische Implikationen zusammenzuführen und Antworten darauf zu finden, wie Schulen Schülerinnen und Schülern ein positives Lernumfeld bieten kann, in dem sie Freude am Lernen haben.

 

3) Welche Faktoren hemmen die positive emotionale Entwicklung von Lehrkräften und Lernenden in Schule und Unterricht?

Das ist eine spannende Frage. Um sie zu beantworten, ist es wichtig zu fragen, welche Faktoren eigentlich zu positivem emotionalen Erleben von Lernenden beitragen und damit einem negativen emotionalen Erleben entgegenwirken.

Die Beiträge im Sammelband verdeutlichen beispielsweise sehr gut, dass es sinnvoll ist, individuelle Lernvoraussetzungen und Bedürfnisse der Lernenden im Unterricht zu berücksichtigen. Die Schule steht damit vor der Aufgabe, eine bestmögliche Passung zwischen den Anforderungen der Schule und den Bedürfnissen der Lernenden herzustellen.

Die Beiträge von Hoferichter, Kulakow und Raufelder sowie Rubach und Lazarides verweisen dabei darauf, dass Unterrichten individualisiert, autonomiefördernd und unterstützend stattfinden sollte. Unterricht sollte den Lernenden Mitbestimmungsmöglichkeiten bieten. Das bedeutet nicht, dass Lernende alles selbst entscheiden müssen – das kann sich auch negativ auf bestimmte Schülergruppen auswirken, die sich dann überfordert fühlen – aber Unterricht sollte an den Fähigkeiten der Lernenden orientiert Entscheidungsfreiheiten in Bezug auf Aufgaben, Inhalte, Methoden oder Sozialformen ermöglichen, um Freude zu fördern und Angst zu mindern. Der Beitrag von Loderer, Pekrun, Vogl und Schubert erklärt beispielsweise, dass solche autonomieförderlichen Maßnahmen mit dem individuellen Kontroll- und Wert-Erleben Lernender in Zusammenhang stehen. Empfinden Lernende, dass sie eigene Lernprozesse kontrollieren können, also beispielsweise mitentscheiden dürfen, begünstigt dies ein positives emotionales Erleben im Unterricht.

Aufgezeigt wird auch, dass Lehrkräfte, die von mehr Freude am Unterrichten berichten, ihren Unterricht aus Sicht der Schülerinnen und Schüler kognitiv aktivierend (Beitrag von Keller und Lazarides) sowie schülerzentrierter gestalten (Beitrag von Kalchgruber, Hofer, Hagenauer und Hascher). Im Beitrag von Bieg und Dresel wird zudem verdeutlicht, dass der Humor von Lehrkräften das emotionale Erleben Lernender bedingt. Einmal mehr wird hier klar, dass Lehrkräfte wichtige Bezugspersonen für Lernende sind, die durch die Gestaltung des Unterrichts und darüber hinaus durch persönliche Unterstützung und eigene Einstellungen, Emotion und Motivation dazu beitragen, dass Lernende sich wohlfühlen, neugierig sind und mehr Freude empfinden.

Ein anderer Aspekt der in mehreren Beiträgen ersichtlich wird, ist, dass Schule sich aktiv mit dem Thema Emotionen auseinandersetzen sollte. Dabei ist es wichtig, dass Pädagoginnen und Pädagogen sich mit der Frage befassen, welche Funktionen Emotionen haben und verstehen, wie sie mit emotional herausfordernden Situationen – beispielsweise mit ängstlichen oder verärgerten Lernenden – konstruktiv umgehen können. Dabei wird im Beitrag von Krannich und Götz theoretisch beschrieben, wie Langeweile, Unter- und Überforderung und Kreativität der Lernenden in Zusammenhang stehen und im Unterricht auf die Langeweile der Lernenden reagiert werden könnte.

 

4) Sehen Sie sinnvolle Fördermöglichkeiten für eine positive emotionale Entwicklung, die jedoch (noch) nicht verbreitet angeboten werden?

Schulen setzen schon viele sinnvolle Strategien um, welche eine positive emotionale Entwicklung von Lernenden ermöglichen. Unser Sammelband fasst hierbei konkrete Fördermöglichkeiten für eine positive emotionale Entwicklung von Lernenden zusammen.

Insbesondere in dem Kapitel von Petermann, Petermann und Lammers wird ein wirksames Interventionsprogramm vorgestellt, indem Lernende sich mit ihren Emotionen auseinandersetzen können und Strategien zur Regulierung besprochen und eingeübt werden, um emotionalen Kompetenzen und Emotionsregulationsstrategien von Lernenden zu fördern. Ein ähnliches Programm für Lehrkräfte und die Förderung ihrer emotionalen Kompetenzen und Emotionsregulationsstrategien zeigt sich im Beitrag von Schelhorn und Kuhbander.

Zwei weitere Aspekte möchten wir gerne herausstellen. Was im Sammelband deutlich wird, ist, wie wichtig ein systematischer Umgang mit Heterogenität durch Schülerzentrierung und Autonomiegewährung ist. Der Beitrag von Markus und Gläser-Zikuda formuliert Ideen, wie Lehrkräfte ihren Unterricht gestalten könnten, um individuelle Bedürfnisse der Lernenden in der Unterrichtsgestaltung zu berücksichtigen und ihre Autonomie zu fördern.

Individuelle Bedürfnisse von Lernenden sind sehr heterogen. Dieser Heterogenität gerecht zu werden, ist eine Herausforderung. In den Beiträgen von Hascher und Hadjar und im Beitrag von Kreische wird dementsprechend auf die notwendige Sensibilität für die Bedürfnisse der Lernenden aufmerksam gemacht. Themen wie Schulentfremdung und Traumatisierung bedürfen einer präventiven Aufmerksamkeit sowie professioneller Kompetenzen von Lehrkräften und eine effektive Zusammenarbeit mit weiteren pädagogischen Fachkräften oder außerschulischen Institutionen.

 

5) Warum sind Sie Autorinnen bei Budrich?

Das ist einfach zu beantworten. Der Budrich-Verlag ist ein sehr guter Kooperationspartner. Die Verlagsverantwortlichen waren immer offen für unsere Ideen, wir konnten uns sehr gut über Erwartungen und Ziele austauschen und wir denken, dass durch diese gute Zusammenarbeit ein sehr schönes Ergebnis entstanden ist.

 

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3D Cover Rubach LazaridesCharlott Rubach, Rebecca Lazarides (Hrsg.): Emotionen in Schule und Unterricht. Bedingungen und Auswirkungen von Emotionen bei Lehrkräften und Lernenden

 

 

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