Interview mit Miriam Lotze und Katharina Wehking: „Es braucht eine grundsätzliche Diversitätsstrategie im Sinne der Öffnung von Hochschulen.“

Im Verlag Barbara Budrich ist erschienen:

Miriam Lotze und Katharina Wehking (Hrsg.)

 

Über das Buch

Mehr Chancengleichheit bei der Hochschulbildung im gesamten student life cycle zu erreichen, ist das Ziel bildungspolitischer Bestrebungen und Projektvorhaben. Wie wirksam und nachhaltig sind ebensolche Projekte? Welcher Innovationen bedarf es in der Hochschullandschaft, um eine Chancengleichheit für unterrepräsentierte Gruppen im Hochschulbildungssystem zu erreichen? Der Sammelband vereint sowohl theoretisch-konzeptionelle als auch empirische und praxisorientierte Beiträge, die diese Fragestellungen adressieren, unterschiedliche bildungspolitische Maßnahmen vorstellen und die Thematik einer chancengerechten Hochschulbildung kritisch reflektieren.

 

Kurzvita der Herausgeberinnen in eigenen Worten

Dr. Miriam Lotze arbeitet seit 2011 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Osnabrück. Seit 2016 bestreitet Miriam Lotze ihre Post-Doc-Phase in der Arbeitsgruppe Berufspädagogik von Prof. Dr. Thomas Bals und Dr. Janika Grunau. In dieser Zeit hat sie diverse Projekte im Bereich der Öffnung von Hochschulen koordiniert. Zuletzt hat Miriam Lotze im Jahr 2020-2021 eine Professur an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock vertreten. Seit 09/2021 koordiniert sie zudem das fachbereichübergreifende Mentoringprogramm OSKA zur Erleichterung des Studieneinstiegs von Studienanfänger*innen an der Universität Osnabrück.

© Studioline Photography

Dr. Katharina Wehking arbeitet seit 2014 an der Universität Osnabrück. Nach erfolgreicher Promotion 2019 arbeitet sie als Post-Doc in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik am Institut für Erziehungswissenschaft. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Migrations- und Fluchtforschung sowie die Ungleichheitsforschung; insbesondere mit Blick auf Fragen der Bildungsintegration, Bildungsbeteiligung und Bildungsbenachteiligung im Berufs- und Hochschulbildungssystem.

1) Liebe Miriam Lotze, liebe Katharina Wehking, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Diversität, Partizipation und Benachteiligung im Hochschulsystem für unsere Leser*innen zusammen.

Der Herausgeberband fasst aktuelle theoretische Kenntnisse und den Forschungsstand zur Thematik zusammen. Der fachwissenschaftliche Diskurs um sogenannte traditionelle und nicht-traditionelle Studierende währt im Hinblick auf die Öffnung von Hochschulen bereits seit einer Dekade – Veränderungen im Hochschulzugang von nicht-traditionellen Studierenden sind zwar vorgenommen worden (u.a. durch die Anerkennung von beruflichen Erfahrungen etc.) jedoch bleiben die Effekte bei den Studierendenzahlen weitestgehend aus. Daher fokussieren wir in dem Buch neben Erklärungsmodellen und Theorien, die sich diesem Phänomen widmen, zusätzlich einige Praxisprojekte, die in den Jahren 2018-2020 vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur in der Förderlinie „Wege ins Studium öffnen und Studierende der ersten Generation gewinnen“ gefördert worden sind und Maßnahmen zur Förderung von ebenjener Zielgruppe im student life cycle beschreiben. Der Band teilt sich demnach in einen theoretisch-konzeptionellen und einen empirischen Teil.

Die Perspektive, die alle Beiträge vereint, ist die auf die Gruppe der sogenannten nicht-traditionellen Studierenden. Dabei wurde mit dem Terminus nicht-traditionelle Studierende ein weites Verständnis des Begriffs zugrunde gelegt: In den einzelnen Beiträgen werden von Studierenden, die den Studienzugang ohne Abitur vollziehen, über Studierende mit Flucht- oder Migrationserfahrung, Studierende der ersten Generation und weibliche Studierende bis über sogenannte Care Leaver Studierende adressiert. Der vorliegende Band stellt folglich eine ganze Reihe weiterer nicht-traditioneller Studierendengruppen in den Fokus, die in Publikationen mit einem engen Begriffsverständnis häufig nicht fokussiert werden.

Der vorliegende Band stellt ebenjene spezifischen Zielgruppen der Initiative zur Öffnung von Hochschulen in den Vordergrund und erweitert darüber hinaus die Perspektive der projektspezifischen Erfahrungen explizit um weitere Beiträge theoretisch-konzeptioneller Art oder aus anderen Projektzusammenhängen, die sich mit dem Themenfeld Diversität und Bildungsbe(nach)teiligung im Hochschulsystem befassen.

Insgesamt konnten wir so zwölf aktuelle, relevante und spannende Beiträge in unserem Sammelband vereinen:

So bietet die Einleitung von uns Herausgeberinnen und die Beiträge von Andrea D. Bührmann und Lisa M. Rosen eine eher theoretisch-abstraktere Blickrichtung auf die Thematik.

Die anderen Beiträge präsentieren ganz aktuelle Ergebnisse aus Projektkontexten von zahlreichen Hochschulstandorten in Niedersachsen. Dazu gehören beispielsweise die Beiträge von Kristin Fricke et al. zum Projekt Brückenschlag+ an der Georg-August-Universität Göttingen, von Anne Rothärmel et al. zum Projekt Wege ins Studium öffnen – Talentscouting in der Region der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften oder von Britta Wittner et al. zum Projekt CHO1CE+ der TU Braunschweig, die allesamt First-Generation Studierende in ihren Beiträgen fokussieren. Aber es gibt auch Beiträge, die sich mit ganz neuen Zielgruppen der Hochschulforschung auseinandersetzen: Zum Beispiel der Beitrag von Frauke Drewes über das Projekt „HAWK open“ bei den Studierende mit Fluchthintergrund in den Fokus der Projektmaßnahmen gerückt sind oder auch der Beitrag von Dorothee Kochskämper et al., die sich mit Careleaver Studierenden beschäftigen, also jungen Menschen, die nach der Jugendhilfe ein Studium beginnen. Auch Genderfragen, also der Fokus auf weibliche Studentinnen und ihre Wege an der Hochschule, sind nach wie vor im Fokus des hochschulpolitischen Diskurses. So auch in unserem Buch in den Beiträgen von Maria Krüger-Basener et al. über erfolgversprechende Maßnahmen zur Erhöhung der Studierneigung bei Schüler*innen aus dem Projekt NEO-MINT oder im Beitrag von Marie-Kathrin Drauschke und Greta Schaffer-Weiß über Mentoringangebote an der Universität Osnabrück.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

In der Arbeitsgruppe Berufspädagogik unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Bals und Dr. Janika Grunau beschäftigen wir uns schon seit einigen Jahren mit dem Zugang zur und der Öffnung von Hochschulen. In der zuvor genannten Förderlinie wurde von uns ebenfalls ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt gefördert: „Mein Weg, mein Studium“. In dem Projekt haben wir Maßnahmen für die Studienvorphase zur Orientierung von Schüler*innen im Hinblick auf ein Studium, sowie Unterstützungsmaßnahmen von nicht-traditionellen Studierenden während des Studiums und beim Übergang in den Beruf entwickelt und wissenschaftlich evaluiert. Uns beschäftigt die Frage, wie Studierende, die auf anderen Wegen oder mit unterschiedlichsten soziokulturellen Hintergründen an die Universität kommen, unterstützt werden können, damit sie ihr Studium erfolgreich abschließen können. Zudem interessieren uns die Mechanismen, die dazu führen, dass nicht-traditionelle Studierende bei gleichen Voraussetzungen seltener den Zugang zur Hochschule finden und wir suchen nach Erklärungsmodellen. Ein weiterer wichtiger Aspekt, mit dem wir uns schwerpunktmäßig beschäftigen, ist die Frage danach, wie wir als Lehrende und als Organisation dazu beitragen können, dass nicht-traditionelle Studierende ein Zugehörigkeitsgefühl, also einen »sense of belonging« entwickeln. Dieser ist insbesondere für diese Zielgruppe von großer Relevanz, da Studien zeigen, dass ein ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl zur Hochschule Studienabbrüche vermeiden und zum Studienerfolg beitragen kann. Die im Buch vorgestellten Projekte tragen mit ihren Maßnahmen direkt und indirekt dazu bei, den »sense of belonging« zu unterstützen. Daher finden wir es nicht nur spannend, sondern auch sehr relevant, den Projekten mit dem Buch eine Plattform zu geben, damit andere Standorte eventuell von den »Lessons learnt« profitieren können und diese zum Nachahmen anregen.

 

3) Wie wirksam und auch nachhaltig sind bildungspolitische Bestrebungen bezüglich mehr Chancengleichheit in der Hochschulbildung?

Die Frage ist recht schwierig zu beantworten. Aus unserer Sicht braucht es bildungspolitische Steuerungsmechanismen, wie es beispielsweise Projektförderlinien sind. Da durch solche Förderungen die Aufmerksamkeit für ebenjene Desiderate und Themenbereiche im Hochschulsystem aufrechterhalten werden und dieser Fingerzeig auf die Entwicklungs- und Forschungsbedarfe notwendig ist, um etwaige Bestrebungen anzustoßen. Allerdings wird u.E. zu wenig der Fokus auch auf die Nachhaltigkeit der Förderungen gelegt. Denn schließlich geht es ja auch darum, die positiv evaluierten Maßnahmen in die bestehenden Strukturen zu überführen – oft fehlt dann dafür aber nach Projektende eine Weiterförderung oder die Fortführung der Maßnahmen verbleibt auf der Ebene einzelner Akteurinnen und Akteure im System Hochschule. Letztlich bedarf es nicht nur monetärer Förderungen, sondern eine grundsätzliche Diversitätsstrategie im Sinne der Öffnung von Hochschulen.

 

4) Welche Innovationen sind aus Ihrer Sicht nötig, um mehr Chancengleichheit zu erreichen?

Es bedarf zum einen einer stärkeren hochschuldidaktischen Qualifizierung und Sensibilisierung des Hochschulbildungspersonals für die verschiedenen soziokulturellen Hintergründe von Studierenden. Dahingehend ist es zentral die verschiedenen Traditionen in den Fächern und die Fachkulturen zu reflektieren. Zum anderen bedarf es einer noch stärkeren Sichtbarmachung von Unterstützungsangeboten für die angesprochene Zielgruppe, denn vielfach bieten Organisationen oder auch die Hochschulen selbst ein breites Repertoire an Unterstützungsmaßnahmen an, aber sie sind häufig in der Komplexität der Hochschullandschaft nicht für den einzelnen Studierenden ersichtlich.

 

5) Darum sind wir Autorinnen bei Budrich

Die Betreuung durch den Verlag ist an dieser Stelle besonders hervorzuheben. Durch einen regelmäßigen Austausch zwischen uns Herausgeberinnen und dem Verlag ist uns eine sehr zügige Publikation des Bandes gelungen. An jedem einzelnen Schritt – von der ersten Idee bis zur fertigen Publikation – hatten wir eine zentrale Ansprechperson, die es uns sehr vereinfacht hat, die einzelnen Schritte vorzubereiten und konzentriert an den Inhalten des Bandes zu arbeiten. Wir danken an dieser Stelle sehr herzlich für die wertvolle Unterstützung durch den Verlag.

 

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Miriam Lotze, Katharina Wehking (Hrsg.):

Diversität, Partizipation und Benachteiligung im Hochschulsystem. Chancen und Barrieren für traditionelle und nicht-traditionelle Studierende