„Nur Mut! Die Bewerbung ist nicht kompliziert.“ – 5 Fragen an promotion-Gewinnerin Laura Böckmann

promotion Dissertationswettbewerb

2020 hat Laura Böckmann unseren Dissertationswettbewerb promotion* und damit eine kostenfreie Veröffentlichung ihrer Dissertation gewonnen. Ihr Titel Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Über Loyalität als Motiv, über sexuellen (Macht-)Missbrauch zu schweigen – am Beispiel (sozial-)pädagogischer Institutionen erscheint voraussichtlich im Sommer bei Budrich.

Wir freuen uns, dass sich Laura Böckmann die Zeit genommen hat, unsere 5 Fragen zu beantworten.

 

Kurzvita in eigenen Worten

Böckmann, Laura

Meine wissenschaftliche Karriere ist sicherlich etwas „untypisch“, da ich zwei junge Kinder habe und seit ein paar Jahren eine halbe Dauerstelle bekleide. Ich habe im Magisterstudiengang mit zwei Hauptfächern – Philosophie und Erziehungswissenschaft – studiert, mit einer Magisterarbeit in der Philosophie abgeschlossen und mich dann, während meiner Promotion, von einer Hilfskraftstelle zur Mitarbeiterstelle vorgearbeitet. An dieser Stelle bedanke ich mich bei meiner Chefin Prof. Dr. Karin Amos für ihr ungebrochenes Vertrauen in mich und mein Projekt.

 

1) Liebe Frau Böckmann, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer Publikation Weil nicht sein kann, was nicht sein darf für unsere Leser*innen zusammen.

In meiner Arbeit ist das Phänomen der Loyalität der Dreh- und Angelpunkt. Sexueller (Macht)Missbrauch ist dabei ein Beispiel, an dem man wie durch eine Lupe die möglichen Zusammenhänge und Folgen betrachten kann. Das hat damit zu tun, dass Sexueller (Macht)Missbrauch zum einen von den meisten Menschen, wenn man sie danach fragt, ohne Einschränkungen abgelehnt wird – insbesondere dann, wenn Kinder oder Jugendliche die Opfer sind –, andererseits aber die hohe Dunkelziffer unter anderem darauf hindeutet, dass Menschen aus dem sozialen Umfeld von Opfer und Täter eher selten eingreifen. Das kann damit zusammenhängen, dass sie von dem übergriffigen und/oder gewaltsamen Geschehen überhaupt nichts mitbekommen. Wir müssen aber davon ausgehen (und wissen auch von prominenten Fällen, dass dies zutrifft), dass es immer auch Menschen im sozialen Umfeld von Täter und Opfer gibt, die etwas beobachten, ahnen, ja sogar erzählt oder doch zumindest angedeutet bekommen. An einem solchen Punkt, wenn noch nicht gesichert ist, was genau da geschieht, geht es für sie erst einmal darum, etwas Unangenehmes und vielleicht Erschreckendes in Betracht zu ziehen, d.h. zu entscheiden, ob sie wirklich wissen möchten, was da geschieht. Dieses Wissen wiederum ist nicht neutral: Sobald ich weiß, dass ein Kind oder Jugendliche/r missbraucht wird, entsteht ein Handlungsdruck.

Meine Überlegung setzt hier an: Da die meisten Menschen es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können, eine Missbrauchskonstellation bestehen zu lassen, und wenn wir trotzdem beobachten können, dass Missbrauchsbeziehungen eher selten von „außen“, genauer: nicht von Personen aus dem engeren sozialen Umfeld der Missbrauchsbeziehung (Familienmitgliedern oder auch Freunden/Kolleg*innen des Täters oder der Täterin usw.), gestört/beendet werden, dann gibt es vielleicht etwas, was sie davon abhält, wissen zu wollen, was geschieht. Dies wäre aber die Voraussetzung dafür, zu handeln). Sie finden vielleicht andere Erklärungen oder sie deuten um, hören nicht so genau hin. Nur: Warum tun sie das?

Meine These lautet: Je näher mir jemand in sozialer Hinsicht ist, je mehr ich also mit ihm oder ihr verbunden bin – als Freund*in, Kolleg*in, Familienmitglied o.ä. – desto weniger bin ich bereit, mir ihn oder sie als Täter*in vorzustellen. Je stärker eine solche Bindung für mich als Person, für mein Selbstverständnis ist, desto mehr steht auch auf dem Spiel, wenn etwas – wie die Beschuldigung, meine Ehefrau, meine bester Freund, mein Kollege, meine Chefin missbrauche Kinder oder Jugendliche – diese Bindung erschüttert bzw. in Frage stellt. Denn wenn ich mich mit etwas identifiziere, für das dieser Mensch für mich steht (als Teil meiner Familie, als Ausdruck von Freundschaft, als Teil meiner Arbeit u.ä.), stellt ein solcher Angriff auf diese mir nahestehende Person auch einen Angriff auf einen Teil meiner selbst dar. Solche Bindungen, ihre mögliche Bedeutung für unsere Identität und Integrität sowie die damit verbundenen Erwartungen und Ängste untersuche ich unter dem Stichwort Loyalität als „Parteilichkeitsmoral“.

Ich behaupte dabei nicht, dass persönliche Bindungen der einzige Faktor sind, die das Sprechen über und Eingreifen in Missbrauchsbeziehungen behindern können. Ich verstehe Loyalität eher als einen Faktor unter vielen, der darüber hinaus starken Schwankungen unterliegt. Jede Person hat andere Loyalitäten und gewichtet seine/ihre Loyalitäten unterschiedlich. In der Forschung wurden persönliche Bindungen bislang nur in Bezug auf Überlebende sexuellen Missbrauchs untersucht (Barbara Kavemann und Kolleg*innen haben 2015 dazu eine sehr spannende Studie veröffentlicht) und meine Arbeit ist ein erster Schritt, den Blick auf das soziale Umfeld von Missbrauchsbeziehungen zu erweitern. Denn natürlich ist es wichtig, zu wissen, wann und warum Überlebende sexuellen (Macht)Missbrauchs über das eigene Erleben schweigen oder sprechen. Aber wenn sie sprechen, muss ihnen auch jemand zuhören (wollen).

Ich habe mich in meiner Arbeit auf das soziale Umfeld potenzieller Täter*innen und hier auf (sozial)pädagogische Institutionen konzentriert. Ich diskutiere exemplarisch mögliche Loyalitäten zur Organisation, zur Profession und zu Kolleg*innen. Loyalitätskonflikte können sowohl auf als auch zwischen diesen Ebenen entstehen; nicht zuletzt dann, wenn etwas geschieht, was eine oder mehrere dieser loyalen Bindungen in Frage stellt.

Die These: Wenn sexueller (Macht)Missbrauch etwas ist, was dem Selbstverständnis sowohl der Profession als auch pädagogischer Institutionen entgegensteht und zudem den Bereich dessen überschreitet, was wir im Rahmen einer Freundschaft tolerieren, dann stellt die Erkenntnis, dass mein Kollege/meine Kollegin übergriffig oder gewaltsam handelt, nicht nur meine Loyalität zu ihm/ihr als Kolleg*in, Freund*in, Vertreter*in der Profession und einer Organisation in Frage, sondern auch meine Loyalität zu meiner Profession und meiner Organisation – warum?: weil etwas geschehen konnte, was mit meinem Verständnis meiner Profession und dem Selbstverständnis der Organisation bricht.

Die Frage, womit sich Lehrer*innen oder Sozialarbeiter*innen? identifizieren und wie stark die Bindung für die individuelle Person ist, lässt sich natürlich nicht abschließend beantworten. Annähern kann man sich aber an Varianten des Selbstverständnisses von Professionen und Organisationen, an Hierarchien, Asymmetrien, Machtverhältnisse und Ethiken. Auf diese Weise eröffnet die Frage nach Bedingungen des Sprechens oder Schweigens über Gewalt auch eine spezifische Perspektive auf den legitimatorischen Kontext (sozial)pädagogischen Handelns.

 

2)  Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Thema für ihre Dissertation zu wählen? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Ich hatte schon in meiner Jugend Kontakt mit dem Thema; ich kenne einige Menschen, die Übergriffe oder Missbrauch in sehr unterschiedlichen Formen, Settings und Konstellationen erlebt haben, Mädchen wie Jungen.

Kurz vor meinem Magisterabschluss wurden dann die vielen Fälle sexuellen Missbrauchs am Canisius Kolleg, der Odenwaldschule und anderen pädagogischen Einrichtungen publik. Insbesondere das jahrelange Schweigen derjenigen, die mittelbar involviert waren, also z.B. Kolleg*innen der übergriffigen und/oder missbrauchenden Personen, fiel mir auf und hat mich sehr beschäftigt. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass das eine Erfahrung ist, die sehr viele Überlebende sexuellen (Macht)Missbrauchs machen mussten: der Eindruck und/oder die Überzeugung, dass doch zumindest einige um sie herum wissen (oder doch wenigstens wissen könnten), was geschieht, und dass sie trotzdem nicht eingreifen. Dazu gehört auch die Erfahrung, Menschen von dem Missbrauch zu erzählen, und daraufhin mit Umdeutungen, Verharmlosungen oder gar Aggression konfrontiert zu sein. Andersherum erlebe ich in Gesprächen mit Erwachsenen häufig, dass sie mir von Verdachtsmomenten erzählen, aber gleichzeitig sehr viele Bedenken und Ängste äußern, diesem Verdacht nachzugehen. Das waren also persönliche Beobachtungen und Überlegungen, noch ganz ohne Systematik oder wissenschaftliche Recherche.

Schließlich erschienen ab 2012, also in der Zeit, in der ich mir überlegt habe, wie es mit mir weitergehen soll und ob ich vielleicht promovieren möchte, die ersten erziehungswissenschaftlichen Publikationen zum Thema sexueller Missbrauch in pädagogischen Institutionen. Hier wurde deutlich, dass es auch auf theoretischer Ebene viel aufzuholen gibt. Ich habe das gelesen und gewann den Eindruck, dass der Punkt, um den es mir geht, hier noch nicht wirklich diskutiert wird. Auf den Begriff der Loyalität kam ich aber erst später, nach vielen Gesprächen.

 

3) Welchen zentralen Herausforderungen steht die erziehungswissenschaftliche Auseinandersetzung mit sexuellem Missbrauch derzeit gegenüber?

Seit ich begonnen habe an meiner Promotion zu arbeiten, ist sehr viel passiert. Es wurde auf Bundesebene eine Kommission zur systematischen Aufarbeitung von Kindesmissbrauch eingerichtet, geleitet von der Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen. Ebenfalls auf Bundesebene leistet der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs sehr gute Aufklärungsarbeit, die wiederum zusammenhängt mit lokalen Programmen, die pädagogischen Einrichtungen helfen, ein individuelles Schutzkonzept zu entwickeln. Dieses Scharnier zwischen Theorie und Praxis ist zentral, und hier kann die Erziehungswissenschaft viel beitragen, indem sie theoretisch fundiert und differenziert diejenigen Institutionen in den Blick nimmt, die mit dem Schutz und/oder der Bildung von Kindern und Jugendlichen betraut sind. Wenn es dann darum geht, Schutzkonzepte zu entwickeln, ist die zentrale Herausforderung immer das konkrete Team, die individuellen Kolleg*innen in der betreffenden Organisation: Beim Thema sexueller Missbrauch ist der Grad zwischen Hypersensibilisierung und Ignoranz/Abwehr sehr schmal. Wie bringe ich Menschen und insbesondere Pädagog*innen dazu, sich mit Übergriffen und sexuellem (Macht)Missbrauch als etwas zu beschäftigen, was überall und somit auch in ihrem direkten Umfeld vorkommen kann, ohne sie in Panik zu versetzen? Wie bringe ich sie dazu, ihre eigenen Vorurteile und ihr alltägliches Handeln kritisch zu hinterfragen, so, dass sie Opfern Glauben schenken und dann besonnen handeln können?

In Bezug auf Vorurteile, zum Beispiel in Bezug auf Geschlechterstereotype, wissen wir schon einiges. Es gibt auch Forschung zu den Konsequenzen medieninduzierter Panik. Der Komplex „sexueller Missbrauch“ ist voll von solchen Fallstricken, und eigentlich müssten wir die Menschen, die in pädagogischen Institutionen arbeiten, dazu motivieren, sich selbst auf diese Dinge hin zu befragen. Meiner Meinung nach gehört dazu auch das Sprechen über das Phänomen der Loyalität: Dadurch rückt so etwas wie Grenzüberschreitung, Übergriffigkeit und Gewalt den Menschen sehr nahe. Wehre ich mich dagegen, mir vorzustellen, dass einer meiner liebsten Kollegen mit einer Schülerin schläft? Spreche ich meine Kollegin, mit der ich abends in die Kneipe gehe, darauf an, wenn sie Schülern anzügliche Bemerkungen hinterherruft? Sprechen wir im Team darüber, wenn eine Erzieherin Kindern Umarmungen aufzwingt?

Ich bin der Meinung, dass es nicht ausreicht, Menschen über sexuellen (Macht)Missbrauch aufzuklären. Ein Handlungsplan an der Wand ist nicht viel wert. Die Schutzkonzepte für Organisationen sind gut, aber sie sind darauf angewiesen, dass sich die Pädagog*innen und Führungskräfte darauf wirklich einlassen. Und selbst das ist noch zu wenig: Studien zeigen, dass beispielsweise Demokratisierung und eine gute Fehlerkultur in Organisationen von großer Bedeutung dafür sind, ob Verdachtsmomenten nachgegangen wird. Und vieles anderes mehr.

 

4) Bleiben Sie in Ihrer Forschung in näherer Zukunft beim Thema Ihrer Dissertation oder planen Sie, thematisch einen anderen Weg einzuschlagen?

Der rote Faden, der sich durch mein Studium und meine Promotion zieht, ist vielleicht mit dem Stichwort „Relationalität des Menschen“ am Passendsten beschrieben. Ich interessiere mich sehr für die Bindungen und Abhängigkeiten, aber auch für Entscheidungen und Eigensinn der Menschen. Ich interessiere mich für unsere Freiheit und das, was wir dafür halten. Dabei werde ich sicherlich bleiben.

In Bezug auf sexuellen (Macht-)Missbrauch interessiere ich mich für die (Weiter-)Entwicklung von Fortbildungen und/oder Schutzkonzepten für Fachkräfte, Lehrer*innen und Studierende.

 

5) Was würden Sie anderen jungen Wissenschaftler*innen, die sich ebenfalls für den promotion-Dissertationspreis bewerben möchten, empfehlen?

Nur Mut! Die Bewerbung ist nicht kompliziert und ein gutes Projekt, für das man jahrelang gearbeitet hat, hat so eine Chance auf zusätzliche Anerkennung und Reichweite.

 

* Der Einsendeschluss für promotion 2021 ist der 31. August 2021!

 

Jetzt mehr erfahren

Vorschau-Pursuit F21 Glühbirneüber den Dissertationswettbewerb promotion

 

© Autorinnenfoto: privat