„Inklusive Bildung ist in Deutschland derzeit ein Buzzword.“ – 5 Fragen an Andreas Köpfer, Justin J. W. Powell und Raphael Zahnd

3D Cover Handbuch Inklusion internationalIm Verlag Barbara Budrich ist erschienen: Handbuch Inklusion international. Globale, nationale und lokale Perspektiven auf Inklusive Bildung von Andreas Köpfer, Justin J. W. Powell und Raphael Zahnd (Hrsg.)

 

 

Über das Buch

Internationales Leitthema, globale Norm, Paradigma. Das „Handbuch Inklusion international“ versammelt komparative Perspektiven auf Inklusive Bildung. Neben theoretischen Entwicklungslinien stellt es vergleichende Forschungsergebnisse aus exemplarischen Länderkontexten sowie inspiring practices aus dem internationalen Kontext vor, um sie für den deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen.

 

Kurzvitae der Herausgeber in eigenen Worten

Andreas Köpfer ist Juniorprofessor für Inklusive Bildung und Lernen an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Er beschäftigt sich insbesondere mit Inklusiver Bildung im internationalen Vergleich, mit Fragen von Raumaneignung und Raumproduktion im Kontext inklusiver Schulentwicklung sowie mit qualitativ-rekonstruktiver Inklusionsforschung.

 

Justin Powell ist Professor für Bildungssoziologie im Institute of Education and Society der Universität Luxemburg. Er beschäftigt sich insbesondere mit komparativen Analysen der Institutionalisierung sonderpädagogischer Fördersysteme und Inklusiver Bildung.

Raphael Zahnd ist Leiter der Professur für Inklusive Didaktik und Heterogenität der Pädagogischen Hochschule FHNW. Er beschäftigt sich insbesondere mit inklusiver Didaktik, der Analyse des Diskurses zum Thema Behinderung, gesellschaftlichen und schulischen Ein- und Ausschlussprozessen und internationalen Perspektiven auf das Thema Inklusion.

 

1) Liebe Herausgeber, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Handbuch Inklusion international für unsere Leser*innen zusammen.

In unserem Handbuch Inklusion international wollen wir Interessierten einen Ein- und Überblick über den internationalen Diskurs um Inklusive Bildung geben. Partizipation, Teilhabe, Ein- und Ausschluss im Bildungssystem sind nicht nur in Deutschland, sondern auch international höchst aktuelle Themen.

Es geht also um die Frage, wie Bildungssysteme mit Unterschiedlichkeit gerecht umgehen können. Der Blick in den internationalen Kontext zeigt hier eine vielschichtige Ausgangslage: Einerseits gibt es zum Beispiel mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen internationale Rechtsgrundlagen, die Inklusive Bildung als universales Recht für ratifizierende Länder setzt. Andererseits zeigt sich, dass aufgrund der jeweiligen kulturellen Rahmenbedingungen der Bildungs- und Schulsysteme die Länder höchst unterschiedlich mit Vielfalt umgehen. Im Handbuch „Inklusion international“ nehmen wir gerade diese Unterschiedlichkeit zum Anlass und versammeln aktuelle Forschungen, die sich mit internationalen und interkulturellen Vergleichen zu Inklusiver Bildung beschäftigen. So wird den Lesenden zum einen ein theoretisch und empirisch fundierter Einblick in die Bildungspraxis exemplarischer Länder und Regionen ermöglicht – gleichzeitig können durch Vergleiche eben genau die Spezifika der Umsetzung Inklusiver Bildung in unterschiedlichen Ländern aufgezeigt und es können Beispiele für so genannte inspiring practices gegeben werden.

Gerahmt werden diese Beiträge durch einleitende Artikel zu Kernthemen und Diskursen internationaler Inklusionsforschung, z.B. zu sozialer Ungleichheit, den so genannten Disability Studies und dem globalen Süden. Darüber hinaus werden im Band auch methodische Fragen angesprochen, also wie international und interkulturell vergleichende Forschung zu Inklusiver Bildung durchgeführt werden kann.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch herauszugeben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Inklusive Bildung ist in Deutschland derzeit ein Buzzword, also ein Thema, über das sehr häufig debattiert wird und das insbesondere im schulischen Kontext im Zentrum des Interesses steht. Häufig wird es jedoch recht isoliert als nationales oder lokales Thema behandelt, ohne dass über die Ländergrenzen hinausgeschaut wird. Genau diese Notwendigkeit haben wir als Anlass gesehen, Inklusive Bildung umfassend in einem Handbuch – gerade zum Beispiel für Studierende, die sich in diese Thematik einarbeiten wollen sowie Forscher/-innen, die ihr Wissen erweitern wollen – abzubilden. Daher haben wir auch einen Aufbau des Handbuchs gewählt, um zunächst einige grundlegende, einführende Begriffe und Themen vorzustellen, bevor dann Autor/-innen zu Wort kommen lassen, die sich, u.a. in Promotionsarbeiten, ausführlich mit einzelnen (Länder-)Vergleichen beschäftigt haben.

Stein des Anstoßes war neben der fachlichen Notwendigkeit aber auch ein kooperativer. Seit 2014 beschäftigen wir uns in einem Nachwuchsnetzwerk mit Fragen internationaler Inklusionsforschung und haben immer wieder zahlreiche Expert/-innen einladen können. Diesen Netzwerkkreis und die Kontakte konnten wir für das Handbuch fruchtbar machen und namhafter Autor/-innen gewinnen. Zudem freuen wir uns sehr, dass diese Netzwerkarbeit nun von der DFG in einem wissenschaftlichen Netzwerk „Inklusive Bildung im internationalen Kontext“ gefördert wird, in dem wir in den kommenden drei Jahren. Das entstehende Handbuch kann dann auch uns als Grundlage für die weitere Arbeit dienen.

 

3) Welche ist aus Ihrer Sicht aktuell die größte Herausforderung für Inklusive Bildung im internationalen Kontext?

Egal ob man die wegweisenden internationalen Dokumente zur Hand nimmt oder sich mit den sozialen Reformbewegungen auseinandersetzt, die sich für ein Bildungssystem für alle einsetzten, die grundlegende Herausforderung stellt sich überall. Inklusion ernst zu nehmen bedeutet, das Bildungssystem grundlegend zu verändern, auf aussondernde Strukturen zu verzichten und ein gemeinsames Lernen aller Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen. Auch wenn die einzelnen Länder inklusive Strukturen, Kulturen und Praktiken unterschiedlich entwickelt, hat eine solche, grundlegende Reform weltweit kaum stattgefunden. Damit einher geht auch, dass der Inklusionsbegriff seinen transformatorischen Charakter zu verlieren droht, weil er mitunter auch für Schulreformen verwendet wird, die klar aussondernde Strukturen aufweisen.

Herausfordernd ist aber sicherlich auch, dass Inklusion eine Zielrichtung für die Schulen vorgibt, die im Widerspruch zu anderen Anforderungen stehen. Diesbezüglich ist bspw. auf die in den Schulen dominierende Leistungsorientierung zu verweisen, die auch über standardisierte Kompetenzüberprüfungen und internationale Leistungsvergleiche im Querschnitt betont wird. Zu dieser Leistungslogik, die mitunter Schülerinnen und Schüler auch zueinander in Konkurrenz bringt, mag Inklusion nicht wirklich gut passen. Dies ist insofern problematisch, weil inklusive Schulen wiederum (sehr) gute Ergebnisse aufweisen, wenn es um Lernzuwachs aller Schülerinnen und Schüler geht.

 

4) Wie wird sich die Inklusive Bildung Ihrer Einschätzung nach in den nächsten Jahren weiterentwickeln? Welche Hürden werden erfolgreich genommen, welche Schwierigkeiten bleiben?

Diese Frage ist äußerst schwierig zu beantworten. Wichtig scheint uns, dass Inklusion weiterhin als gesamtgesellschaftliches Thema debattiert werden muss. Es geht um eine gesellschaftliche Transformation, nicht nur um eine schulische, denn ohne die inklusive Schule kann es keine inklusive Gesellschaft geben. Dementsprechend hängt die weitere Entwicklung auch davon ab, in welche Richtung sich die Kräfteverhältnisse gesamtgesellschaftlich verschieben werden. In Zeiten von Brexit, Trump und AfD ist eine euphorische Perspektive sicherlich nicht angebracht. Auf der anderen Seite gibt es aber unzählige Beispiele, auf diversen Ebenen und in kontrastierende Kontexte wie Inklusion im Alltag (nicht nur im schulischen) gelebt werden kann und Erkenntnisse dazu, was wichtig wäre, damit sie funktioniert; diese werden in Buch präsentiert.

Die Frage ist letztendlich, ob es gelingt, die Fakten so einzubringen, dass der Veränderungsprozess von einer Mehrheit mitgetragen wird. Das Handbuch setzt ja auch hier an und möchte einen Beitrag dazu leisten, eine sachliche, Empirie-basierte Debatte zu führen, die aufzeigt, weshalb eine inklusive Perspektive für das Bildungssystem und auch darüber hinaus sinnvoll und notwendig ist. Obwohl auch aus Perspektive der Forschung noch einiges zu leisten bleibt, wird die größte Herausforderung wohl diejenige bleiben, den transformativen Charakter von Inklusion und ihre menschenrechtbasierte Grundintention beizubehalten.

 

5) Wir sind Autoren bei Budrich, weil …

… wir den Verlag Barbara Budrich als wichtigen Verlag wahrnehmen, wenn es um Themen wie Bildung und Inklusion geht. Wir sehen unser Handbuch zudem als Fortschreibung zu bereits bestehenden Handbücher (z.B. Handbuch Schulische Inklusion), die unseres Erachtens wichtige Bezugspunkte für den Fachdiskurs darstellen, und wir wollen daher mit unserem Handbuch „Inklusion international“ einen Beitrag zur Vertiefung des bereits bestehenden leisten.

 

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