„Die Nachlebenden befinden sich unter dem Druck eines leistungs­gesellschaftlich gefärbten Sterbediskurses.“ – 5 Fragen an Klaus Günther

3D Cover GüntherIm Verlag Barbara Budrich ist erschienen: Sterben neurobiologisch betrachtet. Letzte Lebensphasen unter Leistungs- und Heroismusdruck von Klaus Günther

 

 

 

Über das Buch

Das Sterbethema – Publikationen hierzu sind vornehmlich in der Philosophie, der Theologie und der Psychologie angesiedelt. Überwiegend folgen sie einer Neigung zum mitleidenden Hineinfühlen in die Lage von Sterbenden. Statt dieser wissenschaftlichen Tradition phänomenologisch-hermeneutischen Verstehens zu folgen, wählt Autor Klaus Günther in seinem neuen Buch eine neurobiologisch inspirierte empirisch-analytische Herangehensweise: Er verlagert das Interesse vom Hineinfühlen in Sterbende auf die Nachlebenden und plädiert für einen palliativen Umgang mit Sterbenden. Ein Exkurs behandelt den Umgang mit dem Sterben in der Corona-Krise.

 

Kurzvita in eigenen Worten

Klaus Günther, Dr. habil., Dipl.-Pol.

  • Klaus Günther © privatengagiert sich seit den 1970er Jahren in Projekten der Alternativökonomie und der alternativen (politischen) Bildungsarbeit.
  • konzentrierte sich – bis 2006 am Seminar f. Politikwissenschaft der Uni Bonn – auf didaktisch reflektierte Anleitung zum Lernen. (Vgl. u.a. Innenpolitik. Eine Einführung, Kohlhammer 1975)
  • bemüht sich, in den 1960er Jahren am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin ausgebildet, um innovative interdisziplinäre Analysen in einem Fach, das nach dem 2. Weltkrieg mit diesem Anspruch an dt. Universitäten eingeführt wurde. (Vgl. u.a. Sozialdemokratie und Demokratie 1946-1966 …, Verl. Neue Ges. 1979; zuletzt: Politik des Kompromisses …, VS-Verl. 2006)
  • versucht, nach der Pensionierung, neurowissenschaftliche Erkenntnisse (Ausbildung im Kontakt mit der „Life & Brain GmbH“/Bonn) auf  unterschiedliche gesellschaftliche Problembereiche anzuwenden:
      1. Das Hirn der Fußballprofis  …, Verl. Meyer & Meyer 2016 (Fußball-Analyse muss die fußballerische Expertise mit der Einsicht verbinden, dass die Bewegungen der Spielerinnen und Spieler auf dem Feld neuronal vermittelt sind.)
      2. Das Hirn der Studierenden, Verl. Barbara Budrich 2019 (Pädagogisch-didaktische Analyse und Praxis müssen die neuronale Vermittlung von Lernprozessen bedenken.)
      3. Sterben neurobiologisch betrachtet, Verl. Barbara Budrich 2021 (stellt auch Bezüge zur Corona-Krise her)

 

1) Lieber Herr Günther, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Sterben neurobiologisch betrachtet für unsere Leser*innen zusammen.

Publikationen zum Sterbethema sind vornehmlich in der Philosophie, in der Theologie und in der Psychologie angesiedelt. Oft haben sie einen therapeutischen „bias“. Überwiegend folgen sie einer Neigung zum mitleidenden Hineinfühlen in die Lage von Sterbenden. Dieser Zugriff passt – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – in eine wissenschaftliche Tradition hermeneutischen Verstehens.

Dem wird ein neurobiologisch inspirierter empirisch-analytischer Zugriff entgegengesetzt. Er verlagert das Interesse vom Hineinfühlen in Sterbende auf die Nachlebenden. Dabei wird erkennbar, was dem Verstehens-Ansatz entgeht:

Die Nachlebenden befinden sich unter dem Druck eines leistungs­gesellschaftlich gefärbten Sterbediskurses, der sich empirisch erschließen lässt. Er wird ihnen als Lernstoff aufgedrängt. Über dafür zuständige Areale des Gehirns, ihren Lernapparat, lernen die Nachlebenden in einem (weitgehend hinter ihrem Rücken ablaufenden Lernprozess), dass im Sterben Stärke (zugespitzt: Heroismus) verlangt wird. Der lebenslang gelernte Sterbeheroismus überformt das Bedürfnis der Sterbenden nach mitleidender Zuwendung in hohem Maße. Im Falle sich länger hinziehender Sterbesituationen führt das dazu, dass mitleidendes Verstehen und speziell der darauf basierende hermeneutische Zugriff ins Leere gehen.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Den unmittelbaren Anstoß gab das vielfache Erlebnis mit dem Sterben nahestehender Menschen. Es führte zur kritischen Verarbeitung der Präsenz des Sterbethemas in den Medien und zugleich zum Engagement in einem alternativen genossenschaftlich organisierten Bestattungsunternehmen (Begleitung e.G./Köln).

 

3) Welche Veränderungen im Sterbediskurs sind aus Ihrer Sicht nötig?

Wünschbar wären verstärkte Bemühungen um eine dem menschlichen Bedürfnis nach Zuwendung entgegenkommende und „medial beworbene“ Palliativmedizin.

 

4) Ein Exkurs im Buch behandelt den Umgang mit dem Sterben während der Corona-Krise. Welche Unterschiede sind hier festzustellen?

Der im Sterbediskurs von Leistungsgesellschaften liegende Imperativ heroischen Sterbens fehlt in der Corona-Krise weitgehend. Das liegt an den im aktuellen Diskurs dominierenden Bildern einer Apparate-Medizin, der niemand ausgeliefert sein möchte. Über die Krise hinaus könnten diejenigen Kräfte gestärkt aus ihr hervorgehen, die sich für einen palliativen Umgang mit Sterbenden einsetzen.

 

5) Darum bin ich Autor bei Budrich

Budrich überzeugt durch Schnelligkeit und durch ebenso freundliche wie kompetente Mitarbeiterinnen.

 

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3D Cover Günther

Klaus Günther: Sterben neurobiologisch betrachtet. Letzte Lebensphasen unter Leistungs- und Heroismusdruck

 

 

© Autorenfoto: privat