„Die Lücke in den deutschsprachigen Debatten schließen“ – 5 Fragen an Ingo Stamm

Im Verlag Barbara Budrich ist erschienen: Ökologisch-kritische Soziale Arbeit. Geschichte, aktuelle Positionen und Handlungsfelder von Ingo Stamm

 

 

 

Über das Buch

Sozial und ökologisch – ein Diktum, das für eine nachhaltige Soziale Arbeit zentral ist. Es bedeutet, soziale und ökologische Probleme zusammenzudenken und die Wechselwirkungen zwischen sozialarbeiterischem Handeln und der natürlichen Umwelt kritisch zu beleuchten. Der Autor skizziert nicht nur historische Bezüge zur Ökologie in der Sozialen Arbeit, sondern macht den Leser*innen auch die internationale Debatte über eine ökologisch-kritische Soziale Arbeit zugänglich.

 

Kurzvita des Autors in eigenen Worten

Stamm, IngoIch bin ausgebildeter Sozialarbeiter und kenne die Praxis der Sozialen Arbeit aus meiner langjährigen Tätigkeit in der Kinder- und Jugendhilfe. Nach einem Masterabschluss zu Sozialer Arbeit und Menschenrechte und der Promotion im Fachbereich Soziologie an der Universität Siegen, wollte ich mich jedoch verstärkt den Bereichen Forschung und Lehre in der Sozialen Arbeit zuwenden. Zudem war ich schon immer an der internationalen Dimension sozialer Probleme und sozialer Rechte interessiert. So habe ich 2015 ohne großes Zögern die Chance ergriffen, an der finnischen Universität in Jyväskylä eine Stelle als Postdoktorand anzutreten. Dort bin ich immer noch als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig und forsche und lehre schwerpunktmäßig zu den Thema Nachhaltigkeit und ökosoziale Transformation im Zusammenhang mit Sozialer Arbeit.

 

1) Lieber Ingo Stamm, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Ökologisch-kritische Soziale Arbeit für unsere Leser*innen zusammen.

Die Publikation befasst sich allgemein gesagt mit Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit und der natürlichen Umwelt. Dahinter steht die These, dass die Umwelt in Zeiten offenkundiger ökologischer Krisen eine wichtige Rolle auch für die auf menschliche Probleme und Bedürfnisse gerichtete Profession der Sozialen Arbeit spielt. Das bezieht sich nicht nur auf die vergangenen Jahre, in denen die Klimakrise zum dominierenden Thema geworden ist, sondern bereits auf die Entstehungsphase der Profession vor mehr als 100 Jahren. Das erste Kapitel befasst sich demnach mit einigen historischen Verbindungslinien. Darauf aufbauend schildere ich weiter, wie international seit ca. 20 Jahren eine lebhafte Debatte zum Nexus von Sozialer Arbeit und natürlicher Umwelt entstanden ist. Der zentrale Teil befasst sich mit der Ethik der Sozialen Arbeit. Hier stelle die Bereiche Menschenrechte/Umwelt, Umweltgerechtigkeit und Nachhaltigkeit in ihrer Bedeutung für die Ethik der Sozialen Arbeit in den Mittelpunkt und untersuche internationale wie auch nationale Dokumente und Kodizes. Das Buch schließt mit einem kursorischen Blick auf die Praxis und die Lehre der Sozialen Arbeit.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Ich befasse mich seit einigen Jahren mit der zentralen Frage des Buches. Da ich in Finnland tätig bin und in meiner Arbeit auch viel mit der internationalen Diskussion in Berührung kam, hatte ich einen Blick von außen auf die Diskussionen innerhalb der Sozialen Arbeit in Deutschland. Dabei fand ich verblüffend, dass das Thema im deutschsprachigen Raum kaum eine Rolle spielte. Es gab nur sehr wenige Publikationen und Beiträge an der internationalen Diskussion waren ebenfalls höchst selten. Daher war der „Stein des Anstoßes“ einerseits die Überzeugung, dass das Thema schlicht gesagt wichtig ist, und andererseits die Lücke, die ich in den deutschsprachigen Debatten ausgemacht hatte.

 

3) Sozial und ökologisch: Welchen Herausforderungen steht die Soziale Arbeit in Bezug auf Nachhaltigkeit derzeit gegenüber?

Die Herausforderungen sind vielfältig. Aber da steht die Profession, da stehen Sozialarbeiter*innen nicht besser oder schlechter da als die gesamte Gesellschaft oder andere Professionen. Die Soziale Arbeit muss sich aus meiner Sicht zunächst auf theoretischer und konzeptioneller Ebene den Themen Ökologie und Nachhaltigkeit zuwenden. Das heißt also, sich „einen Begriff machen“ und ein Bewusstsein bilden, dass ökologische Themen von sozialen Themen nicht zu trennen sind. Darauf aufbauend, oder auch parallel, müssen diese Erkenntnisse in die Praxis und die Lehre der Sozialen Arbeit einfließen. Schließlich müsste sich die Profession auch auf struktureller Ebene positionieren und aktiv werden. Nachhaltigkeit kann sich also zunächst um den Ressourcenverbrauch von Sozialarbeitsorganisationen beziehen oder um die Frage, wie eine Benachteiligung bereits marginalisierter Gruppen durch Klimaschutzmaßnahmen verhindert werden kann. Es kann aber auch, ökologisch-kritisch gewendet, um die Unterstützung sozialer Bewegungen wie der Klimabewegung gehen. Glücklicherweise scheint die Debatte seit kurzer Zeit in Deutschland angekommen zu sein und es bewegt sich etwas auf verschiedenen Ebenen der Profession. Besonders zeigt sich dies in der Gründung einer eigenen Fachgruppe innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit zur sozial-ökologischen Transformation und Klimagerechtigkeit.

 

4) Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Argumente für eine Neuausrichtung der Sozialarbeitsethik entlang des Nachhaltigkeitsprinzips?

Beim Nachhaltigkeitsprinzip geht es ja wesentlich um einen sinnvollen Ressourcenverbrauch und um Generationengerechtigkeit. Indirekt hat sich die Soziale Arbeit schon immer um soziale Nachhaltigkeit gekümmert, wenn sie sich allgemein für soziale Gerechtigkeit eingesetzt und zusammen mit den Adressat*innen an einer „besseren“ Zukunft gearbeitet hat. Der Nachhaltigkeitsbegriff wurde dabei aber meist nicht verwendet. Mein Plädoyer für eine Neuausrichtung der Ethik der Sozialen Arbeit basiert wesentlich auf dem Verständnis, dass die Menschenrechte ohne eine intakte Umwelt nicht realisiert werden können, dass zur sozialen Gerechtigkeit auch das Prinzip der Umweltgerechtigkeit gehört und dass Nachhaltigkeit auch für die Soziale Arbeit in der ökologischen Dimension, mit und für die Adressat*innen, wichtig ist. Es bedeutet also, den Blick zu erweitern, zentrale Verbindungslinien mit in die Ethik einzubeziehen und dementsprechend zu handeln.

 

5) Darum bin ich Autor bei Budrich

Bei der Zusammenarbeit mit beim Budrich Verlag schätze ich besonders die gute und unkomplizierte Kommunikation. Der Umgang ist stets freundlich und kollegial, gleichzeitig klar und zielführend. Außerdem freut es mich, dass der Verlag für spezielle Themen offen ist. Dies war nicht zuletzt auch für meine aktuelle Publikation ein wichtiger Aspekt.

 

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Ingo Stamm: Ökologisch-kritische Soziale Arbeit. Geschichte, aktuelle Positionen und Handlungsfelder

 

 

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