„Zuhören soll das neue Lesen werden.“ – 5 Fragen an Horst Opaschowski

3D Cover Opaschowski HörbuchIm Verlag Barbara Budrich ist erschienen: Semiglücklich in die Zukunft. 21 Geschichten über das Leben nach der Pandemie von Autor und Sprecher Horst Opaschowski

 

 

Über das Hörbuch

Wie sehen die Deutschen angesichts der Corona-Pandemie in die Zukunft? Basierend auf seiner repräsentativen Studie erzählt Zukunftsforscher Horst Opaschowki in 21 Kapiteln von dem neuen Leben der Deutschen in der Post-Corona-Zeit. Viele Menschen wurden ärmer, aber nicht unglücklicher. Ihr Wohlstandsdenken veränderte sich, und Gesundheit wurde so wertvoll wie Geld. Zeitwohlstand und Beziehungsreichtum kamen als neue Lebensqualitäten hinzu, und auch der Staat strahlte soziale Wärme aus. Die Zuversicht wächst also wieder – auch in unsicheren Zeiten. Die repräsentative Deutschlandstudie umfasst den Zeitraum von der Prä-Corona-Zeit im Januar 2020 über die Corona-Krise im März bis zu den Corona-Lockerungen ab Juli 2020.

 

Kurzvita des Autors in eigenen Worten

Während meines Studiums habe ich in den Semesterferien als Reiseleiter in Italien ‚gejobbt‘. Jetzt bin ich hauptberuflich als Reiseführer in Deutschland für das kommende Jahrzehnt tätig. Der grundlegende „Navi“ dafür ist die 2013 veröffentlichte Zukunftsstudie „Deutschland 2030. Wie wir in Zukunft leben.“

Als Wissenschaftlicher Leiter des von der Bildungsforscherin Irina Pilawa, meiner Tochter, und mir 2014 gegründeten Opaschowski Instituts für Zukunftsforschung (O.I.Z) arbeite ich eng mit dem Ipsos Institut zusammen, das weltweit in der Marktforschung die Nummer 3 mit starker Präsenz in 90 Ländern darstellt. Gemeinsam mit Ipsos erhebe ich seit 2012 vierteljährlich den Nationalen WohlstandsIndex für Deutschland (NAWI-D). 2.000 Personen ab 14 Jahren werden pro Quartal in Deutschland befragt. Nach der Befragung von inzwischen 65.000 Personen lautet ein aktuelles NAWI-D-Ergebnis: „Corona beeinträchtigt das Wohlstandsgefühl der Deutschen nur geringfügig. Die Bevölkerung stuft Wohlstand als hoch ein: Der Mehrheit geht es immer noch sehr gut.“ Das Semi-Glück der Deutschen hält an, meine Schaffensfreude in Forschung, Vorträgen und Publikationen auch.

 

1) Ist nicht im Medienzeitalter fast alles schon geschrieben, gelesen und gesehen worden? Warum brauchen wir zum Lese-Buch noch ein eigenes Hör-Buch?

Vor zwanzig Jahren wagte ich eine Prognose: In Zukunft würden immer mehr Bücher gekauft, aber immer weniger gelesen. Gleichzeitig ginge die Zahl der Vielleser zurück und die Qualität des Lesens veränderte sich grundlegend. Fast-Food-Lesen, Parallel-Lesen und Häppchen-Lesen fänden immer mehr Anhänger. In einer sich ausbreitenden Zapping-Kultur ginge die Geduld für langatmiges Lesen langsam verloren.

Da stehen wir heute. Die Kulturtechnik Lesen ist nicht tot, aber Anlesen und Diagonallesen ersetzen immer öfter das Durchlesen.

 

2) Ist das nicht der zwangsläufige Tribut, den wir an die Medien­konsum-Explosion zahlen müssen?

Natürlich. Die neue Generation @ will alles erleben und im Leben nichts verpassen. Das Zeitalter der totalen Vernetzung beschert den Nutzern zugleich eine neue Einfachheit: klick„news“ – klick„games“ – klick­„crime“ … Die Gefahr besteht, dass sich wie bei Werbespots ein Highlight an das nächste reiht und Kinder und Jugendliche das Inter­esse verlieren, längere Texte zu Ende zu lesen.

 

3) Tauschen Sie mit Ihrem Hörbuch nicht einfach nur das Medium aus, ohne die Angebotsinflation und den Stress zu stoppen?

Dies trifft lediglich auf den ersten Blick zu. In Wirklichkeit verändere ich die Sinneswahrnehmung grundlegend. Zuhören soll das neue Lesen werden – mit neuen Möglichkeiten: Ob beim Joggen oder Autofahren, im Garten oder im Wohnzimmer. Sie können heute selbst ‚mit halbem Ohr‘ noch zuhören. So ist auch der Boom der Podcasts erklärbar. Dauer und Intensität des Zuhörens können wir selbst bestimmen. Der Stress hält sich dabei in Grenzen. Wir müssen nicht mehr auf jedes „Stichwort“ sofort antworten und reagieren, wie das in der alltäglichen Small-Talk-Gesellschaft die Regel ist.

 

4) Warum haben Sie im Hörbuch die Form des „Storytellings“ gewählt, indem Sie 21 Geschichten über das Leben nach der Pandemie erzählen?

Geschichten und Erzählungen haben die Wirkung innerer Bilder. Sie sind anschaulich und regen die Phantasie an. Zuhörer können entspannt und gespannt zuhören und müssen sich nicht langweilen. Je nach Interesse, Zeit und Laune können sie jederzeit in ihrer Rolle als Zuhörer ein- oder aussteigen, verweilen oder wiederholen. Dazu gehört auch meine hördidaktische Überlegung, sich auf kurze Geschichten, ja Kurzgeschichten zu konzentrieren, um die Hörbereitschaft und Hörfähigkeit nicht zu überfordern. Eine solche Vorgehensweise entspricht meiner Profession als Zukunftsforscher: Ich favorisiere den Mix aus nüchterner Empirie und sozialer Phantasie. Zur Zukunftsforschung gehört für mich auch das forschende Entdecken, sich die Welt und die Gesellschaft anders vorstellen zu können, als sie wirklich ist. Datenfriedhöfe langweilen mich – übrigens auch ein Grund dafür, warum in meinem Buch Die semiglückliche Gesellschaft Bewertungen und Interpretationen Vorrang vor bloßen Datenanalysen haben. Als Zukunftsforscher will ich auch ein Sinnsucher und nicht nur ein Zahlenmensch sein.

 

5) Können Hörbücher ein Gegentrend zur multimedialen Sinnesüberreizung im Internetzeitalter sein?

Das sind sie doch schon. Die Gegenbewegung hat längst begonnen. Die Internet-User und Digital-Natives fühlen sich allerdings vielfach „overnewst, but underinformed“. Sie agieren wie eine neue „Viewser Generation“, sind Viewer und User zugleich. Die Folgen: Sie leiden auf Dauer unter der Lawinenhaftigkeit des Medienangebots, fühlen sich förmlich überrollt und reagieren gestresst, nervös und aggressiv. Sie wünschen sich Entschleunigung, wissen aber nicht wie. Podcasts und Hörbücher sorgen wieder für Zeitinseln im Meer der Nonstop-Gesellschaft. Sie zwingen die Nutzer zu einer neuen und gleichzeitig alten Lebenshaltung: „Eine Sache zu einer Zeit“ – und nicht „mehr tun in gleicher Zeit“. Wer zum Hörbuch greift, wird wieder zum Souverän seiner Zeit und seines Lebens. Wer Mut zum geduldigen Zuhören hat, kann sich eine Mañana-Mentalität leisten. Morgen ist auch noch ein Tag!

 

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