„Soziale Arbeit muss länderübergreifend agieren” – Interview mit den Herausgeber*innen von „Europäische Gesellschaften zwischen Kohäsion und Spaltung“

von Florian Baier, Stefan Borrmann, Johanna M. Hefel und Barbara Thiessen (Hrsg.)

 

 

 

Über das Buch

Soziale Kohäsion zu fördern und zu bewahren ist eine zentrale Herausforderung europäischer Gesellschaften. Basierend auf Beiträgen der ersten trinationalen Tagung von DGSA, OGSA und SGSA wird in diesem Sammelband thematisiert, welche Bedeutungen soziale Kohäsion für Individuen und Gesellschaften hat und wie Soziale Arbeit dazu beitragen kann, soziale Kohäsion als Grundlage freiheitlich demokratischer Gesellschaften zu fördern und zu bewahren.

 

Liebe Herausgeber*innen, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Europäische Gesellschaften zwischen Kohäsion und Spaltung für unsere Leser*innen zusammen.

Florian Baier: Der Sammelband enthält ausgewählte Beiträge einer trinationalen Tagung, die die drei akademischen Fachgesellschaften Sozialer Arbeit aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (DGSA, OGSA und SGSA) im letzten Jahr gemeinsam durchgeführt haben.

Stefan Borrmann: Dabei werden in dem Buch zunächst eher grundlegende Herausforderungen für gesellschaftlicher Transformationsprozesse aufgegriffen. Ein großer Teil beschäftigt sich aber auch mit den Auswirkungen von gesellschaftlichen Spaltungsprozessen auf verschiedene Handlungsfelder der Sozialen Arbeit. Und schließlich wird auch die Professions- und Disziplinentwicklung vor diesem Hintergrund betrachtet.

Johanna Hefel: Zum ersten Mal haben die drei Fachgesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eine gemeinsame Tagung durchgeführt. Der Band schließt mehrere trinationale Beiträge ein, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Thematik Kohäsion und Spaltung als auch des aktuellen Standes und Herausforderungen der Profession Soziale Arbeit im Rahmen der bestehenden sozialpolitischen Verhältnisse.

Barbara Thiessen: Die Tagung war bereits für 2020 vorgesehen und musste dann pandemiebedingt nicht nur um ein Jahr verschoben werden, sondern fand dann im April 2021 online statt. Dadurch war jedoch eine überwältigende Teilnahme aus den drei Ländern mit über 1.000 Anmeldungen möglich. Ebenso haben wir – und das spiegelt sich auch im Sammelband – die Bedeutung der Pandemie für Soziale Arbeit als eine zentrale Herausforderung für gesellschaftliche Kohäsion und Gefahr von Spaltungsprozessen, die sich auch länderübergreifend abbilden, diskutieren können.

 

Welche Bedeutung(en) hat soziale Kohäsion für Individuen und Gesellschaften?

Florian Baier: Der Mensch ist als soziales Wesen darauf angewiesen, sozial eingebunden zu sein. Lebensnotwendige und gesundheitsfördernde Prozesse wie z.B. kommunikativer Austausch, Anerkennung und Identitätsentwicklung können ohne tragfähige soziale Strukturen nicht stattfinden. Auf gesellschaftlicher Ebene verdeutlicht uns gegenwärtig der russische Angriffskrieg auf die Ukraine einmal mehr, welch zentrale Kategorien gesellschaftlicher Zusammenhalt und Spaltungen sind.

Stefan Borrmann: Soziale Eingebundenheit und sich zugehörig fühlen sind für Menschen ganz wichtig. Eine Schwierigkeit besteht aber immer darin, dass Zugehörigkeiten zu einer Gruppe auch zu Ausschlüssen von anderen Personen führen können.

Johanna Hefel: Soziale Zugehörigkeit ist zunächst von vornherein gesetzt, wir werden von Anbeginn in eine bestimmte Familie, in einem spezifischen sozialen Kontext hineingeboren und damit sind gewisse Privilegien, aber auch mögliche Ausschlusskriterien und Hindernisse hinsichtlich sozialer Teilhabe und Integration gesetzt.

Barbara Thiessen: Und: sowohl Kohäsion als auch Ausschlüsse werden „getan“, wenn auch nicht immer intentional. Beobachtbar und gestaltbar sind Prozesse der Herstellung von Kohäsion und Spaltung sowohl auf Ebene von Beziehungen als auch auf Ebene von Institutionen und ihrer Regulierungen.

 

Welchen Herausforderungen steht die Soziale Arbeit derzeit in Bezug auf die aktuelle Situation Europäischer Gesellschaften gegenüber?

Florian Baier: Die Herausforderungen sind vielfältig und dynamisch. Insbesondere Ereignisse wie die Pandemie und Krieg verändern ganze Gesellschaften sowie individuelle Lebenssituationen auf unvorhergesehene Weise.

Stefan Borrmann: Soziale Arbeit ist hier an mehreren Stellen herausgefordert: Zum einen agiert sie als Profession und Disziplin in Gesellschaften, in denen ein Teil der Bevölkerung den europäischen Integrationsgedanken nicht mehr selbstverständlich teilt. Zum anderen muss sie auch als Profession selbst darauf achten, nicht zu Spaltungsprozessen beizutragen.

Johanna Hefel: Herausfordernd für Sozialarbeiter*innen in der Praxis ist insbesondere auch die zunehmende Individualisierung und tendenzielle Entsolidarisierung der Gesellschaften, die Spaltungen und Praxen der Ausschließung mit sich bringen.

Barbara Thiessen: Genau aus den genannten Gründen ist Soziale Arbeit sowohl in der Praxis als auch in Bezug auf wissenschaftliche Analyse und Konzeptentwicklung darauf angewiesen, länderübergreifend zu agieren.

 

Wie kann Soziale Arbeit dazu beitragen, soziale Kohäsion als Grundlage einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft zu fördern?

Florian Baier: Im Sammelband gibt es mehrere Beiträge, die empirisch basiert aufzeigen, wie in verschiedenen Handlungsfeldern gearbeitet werden kann, um soziale Kohäsion in der Gesellschaft zu bewahren oder zu fördern. Da geht es z.B. um Beiträge Sozialer Arbeit zur Frage, wie einheimische Dorfbewohner*innen und geflüchtete Menschen miteinander umgehen bzw. leben können oder wie in ländlichen Regionen generationenübergreifende Wohnformen geschaffen und gestaltet werden können.

Stefan Borrmann: Indem es der Sozialen Arbeit gelingt, den Blick über den Einzelnen oder die Einzelne hinaus zu richten und die Eingebundenheit von Menschen in Strukturen einbezieht. Wenn es Soziale Arbeit schafft, diesen Blick kritisch zu reflektieren und diese Perspektive in Handeln einzubeziehen, dann kann Soziale Arbeit einen Beitrag zu diesem Ziel leisten.

Johanna Hefel: Soziale Arbeit hat ein politisches Mandat, das sich an den Menschenrechten orientiert. Wenn es der Sozialen Arbeit gelingt, Projekte, wie jene im Sammelband, die soziale Kohäsion aktiv fördern, breiter gesellschaftlich zu implementieren, dann sind wesentliche Schritte hinsichtlich einer bunten demokratischen Gesellschaft gesetzt.

Barbara Thiessen: Wie Anton Pelinka in seinem einleitenden Beitrag deutlich macht, bringt die „Dialekt der Pandemie“ auf den Punkt, dass zur Gestaltung gesellschaftlicher Kohäsion das Aushalten von dynamischen Veränderungsprozessen gehört, insbesondere im Hinblick auf intensivierte Geschlechtergleichstellung und einer diversitätsorientierten Gestaltung von Postmigrationsgesellschaften. Soziale Arbeit kann dazu beitragen, die Überwindung von Spaltung und Ausgrenzung sowie die Herstellung von Ambiguitätstoleranz zu forcieren.

 

Welche Aspekte der sozialwissenschaftlichen Forschung zu Kohäsion und Spaltung werden Ihrer Einschätzung nach künftig stärker in den Fokus rücken?

Florian Baier: In einigen Beiträgen in diesem Sammelband wird deutlich, dass Soziale Arbeit eine reaktive sozialpolitische Maßnahme auf besondere Herausforderungen ist. Die gesellschaftlichen Folgen z.B. der Pandemie oder die Notsituationen geflüchteter Menschen waren zwar in diesem Umfang nicht unbedingt vorhersehbar, allerdings zeigt sich mittlerweile auch, dass damit verbundene gesellschaftliche Spaltungsprozesse auch darauf zurückgeführt werden können, dass vor diesen Krisen zu wenig für gesellschaftlichen Zusammenhalt geleistet wurde. Dies wäre zukünftig sowohl politisch als auch fachlich mehr in den Blick zu nehmen.

Auch im Bereich der Wirkungsforschung sollte der Beitrag Sozialer Arbeit zur sozialen Kohäsion verstärkt erforscht und ausgewiesen werden.

Stefan Borrmann: Ich denke, dass sich Soziale Arbeit in ihrem Selbstverständnis, für was sie sich zuständig erachtet, wandeln muss. Nicht nur bestehende Strukturen müssen weiterentwickelt werden, sondern es werden neue Aufgabenfelder hinzukommen. Denken wir nur an die sozialen Folgen des Klimawandels oder der Digitalisierung oder Automatisierung. Hier kann sozialwissenschaftliche Forschung auch zur Professionsentwicklung eine gute Grundlage für Weiterentwicklungen liefern.

Johanna Hefel: Neben strukturellen Weiterentwicklungen und neuen Aufgabenfeldern sind insbesondere auch Aspekte der Vielfalt und Diversität von Gesellschaften in der Forschung vermehrt zu berücksichtigen.

Barbara Thiessen: Dafür muss Wissenschaft Soziale Arbeit als Disziplin selbstbewusster in Erscheinung treten, auch um mit einer größeren Sichtbarkeit Forschungsmittel generieren zu können, damit die Gestaltung zentraler Fragen in Handlungsfeldern Sozialer Arbeit auch in der eigenen Disziplin bearbeitet werden können. Auch hier helfen länderübergreifende Kooperationen.

 

Kurzvitae der Herausgeber*innen

Florian Baier: Ich bin seit 2008 Professor für das Themengebiet „Jugendhilfe und Schule“ an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Promoviert habe ich zum Thema „Soziale Arbeit in Schulen“ an der Universität Lüneburg.

Stefan Borrmann: Ich bin seit 2009 Professor für internationale Sozialarbeitsforschung an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Landshut und seit 2012 Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) und deren Sprecher der Sektion Theorie- und Wissenschaftsentwicklung in der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA).

Johanna M. Hefel: Ich bin seit 2008 Professorin für Sozialarbeitsforschung an der Fachhochschule Vorarlberg in Dornbirn, Österreich. Wir haben die Österreichische Gesellschaft für Soziale Arbeit (ogsa) 2012 gegründet, seit 2019 bin ich Präsidentin der ogsa.

Barbara Thiessen: Ich bin seit 2010 Professorin für Gendersensible Soziale Arbeit an der Hochschule Landshut und ab Herbst 2022 habe ich die Professur „Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Beratung unter Berücksichtigung der Geschlechterverhältnisse“ an der Universität Bielefeld inne. Von 2004 bis 2022 war ich im Vorstand der DGSA, davon sechs Jahre als Vorsitzende.

Barbara Thiessen
Johanna Hefel
Stefan Borrmann
Florian Baier

 

 

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Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit, Band 25

 

 

© Herausgeber*innenfotos: privat