„Die Perspektiven der Fachkräfte auf das Verhalten gegenüber Kindern hören“ – 5 Fragen an Astrid Boll und Regina Remsperger-Kehm

Im Verlag Barbara Budrich ist erschienen:

 

 

Über das Buch

In Kindertageseinrichtungen arbeiten viele pädagogische Fachkräfte am Rande ihrer Belastungsgrenzen, auch aufgrund des immer weiter wachsenden Personalmangels. Die hohe Belastung erschwert zunehmend einen feinfühligen Umgang mit Kindern und kann sogar zu verletzenden Verhaltensweisen führen. Die Forschungsergebnisse der Studie zeigen die komplexen Ausprägungen von verletzendem Verhalten, vor allem aber die Schwierigkeiten der Fachkräfte, einen Ausweg aus Konfliktsituationen zu finden. Zugleich ergeben sich aus den differenzierten Hinweisen der Fachkräfte zentrale bildungs- und gesellschaftspolitische Ansatzpunkte zur Prävention.

 

Kurzvitae der Herausgeber*innen in eigenen Worten

Astrid Boll hat als Erzieherin 15 Jahre in Kindertageseinrichtungen gearbeitet, bevor sie an der HS Koblenz studiert und an der TU Dresden, zum Thema „Elementardidaktik“, promoviert hat. Aktuell ist sie Professorin für „Kindheitspädagogik“ an der Europäischen Fachhochschule (EUFH). Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Elementardidaktik, Fachkraft-Kind-Interaktionen, Personalmanagement in Kindertageseinrichtungen, Kreativität sowie Praxis der pädagogischen Arbeit.

Remsperger-Kehm, Regina

Regina Remsperger-Kehm hat Sozialwesen an der Fachhochschule Wiesbaden studiert und zur „Sensitiven Responsivität in der ErzieherInnen-Kind-Interaktion“ an der Johann Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt/Main promoviert. Seit 2003 ist sie in zahlreichen Projekten im Feld der frühen Bildung tätig. Sie lehrte und forschte an den Hochschulen in Erfurt, Ludwigshafen und Koblenz und ist derzeit Professorin für „Frühkindliche Bildung“ an der Hochschule Fulda. Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten gehören Fachkraft-Kind-Interaktionen, die Begleitung der Bildungsprozesse von Kindern sowie die Qualitätsentwicklung in der Frühen Bildung. Im Bereich der Fort- und Weiterbildung setzt sie sich vor allem für ein gesundes Aufwachsen von Kindern und für die Qualifizierung des pädagogischen Personals ein.

 

1) Liebe Astrid Boll, liebe Regina Remsperger-Kehm, wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch zu verletzendem Verhalten in Kitas zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Einen Stein des Anstoßes gab es tatsächlich – und zwar von den Kita-Fachkräften selbst. Als Hochschullehrerinnen begleiten wir zahlreiche Studierende, die zugleich in der pädagogischen Praxis tätig sind. In Seminaren zum Thema Interaktions- und Beziehungsgestaltung berichteten uns Fachkräfte immer wieder, dass es oftmals nicht möglich ist, im Kita-Alltag angemessen mit Kindern umzugehen. Wir merkten, wie sehr es die Fachkräfte beschäftigt, wenn ihre Kolleg*innen oder sie selbst auf eine Weise mit Kinder interagieren, die für die Jungen und Mädchen verletzend sein kann. Erst sehr zögerlich, dann jedoch mit einer immer größer werdenden Offenheit, schilderten die Fachkräfte Verhaltensweisen, die ihnen leidtun und die sie häufig auch noch nach langer Zeit mit sich tragen.

Hinzu kam, dass wir auf Forschungsergebnisse zu Gewalt in pädagogischen Kontexten aufmerksam wurden, die deutliche Parallelen zur Dissertationsstudie über die Sensitive Responsivität pädagogischer Fachkräfte zeigen (Remsperger 2011). Schon damals zeichnete sich ab, dass Erzieher*innen Kinder auch beschämen und vorführen und die Kinder damit verletzen. Angetrieben durch die Berichte der Fachkräfte und die wenigen vorliegenden Forschungsergebnisse zu verletzendem Verhalten in Kitas gingen wir in den Austausch mit Expert*innen, die die Problematik des verletzenden Verhaltens durch Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen ebenfalls mit Sorge betrachten.

Deshalb konnten wir gar nicht anders, als zu handeln und die Studie durchzuführen. Dabei war es unser wichtigstes Anliegen, die Perspektiven der Fachkräfte auf das Verhalten gegenüber Kindern selbst zu hören.

 

2) Bitte fassen Sie den Inhalt Ihres Buches für unsere Leser*innen zusammen.

Um uns dem Forschungsgegenstand anzunähern, haben zunächst Erkenntnisse aus vier unterschiedlichen Blickrichtungen zusammengeführt. Wir betrachteten Forschungsresultate zu Stress und zu Belastungen von Kita-Fachkräften, beleuchteten Studien und Diskurslinien zur feinfühligen Beziehungs- und Interaktionsgestaltung, nahmen Studienergebnisse zum verletzenden pädagogischen Verhalten in den Blick und setzten uns mit dem Begriff des verletzenden Verhaltens in pädagogischen Beziehungen auseinander.

Daran anknüpfend konnten wir vier Forschungsfragen formulieren:

  • Welche Formen des verletzenden Verhaltens werden in Kindertageseinrichtungen von den pädagogischen Fachkräften beobachtet oder womöglich sogar selbst ausgeübt?
  • Wie gehen Fachkräfte damit um, wenn sie verletzende Verhaltensweisen befürchten, beobachten oder sogar selbst ausüben?
  • Welches sind nach Meinung der Fachkräfte mögliche Ursachen für verletzendes Verhalten?
  • Welche Formen der Unterstützung wären in den Augen der Fachkräfte hilfreich, um verletzende Verhaltensweisen verhindern zu können?

Zur Annäherung an das Phänomen des verletzenden Verhaltens in Kindertageseinrichtungen haben wir ein qualitatives methodisches Vorgehen gewählt. Offene asynchrone Expert*innen-Interviews, die wir in schriftlicher Form mit Studierenden kindheitspädagogischer Studiengänge durchgeführt haben, dienten dazu, die Sichtweisen von Fachkräften besser zu verstehen und verletzendes Verhalten aus der Perspektive der pädagogischen Fachkräfte explorativ zu ergründen. Insgesamt konnten 58 Interviews mithilfe der strukturierenden Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2016) ausgewertet werden. Wenngleich die vorliegenden Resultate zunächst lediglich Gültigkeit für die herangezogene Stichprobe haben, zeichnet sich aktuell im Rahmen einer bundesweit durchgeführten Befragung von Kita-Leitungskräften ab[1], dass die Problematik des verletzenden Verhaltens durch Fachkräfte in zahlreichen deutschen Kindertageseinrichtungen existiert.

Vor diesem Hintergrund machen die Resultate unserer qualitativen Studie wirklich erschrocken. Sehr eindrücklich und zum Teil äußerst ausführlich berichteten die befragten Fachkräfte von einer großen Bandbreite verletzender Verhaltensweisen, die oftmals sehr subtil und kaum merkbar beginnen, die sich aber so weit steigern können, dass Kindern Angst gemacht wird und ihr Wille und ihre Würde gebrochen werden. Die Perspektiven der Fachkräfte zeigen uns, dass sie starken Gefühlen ausgeliefert sind, wenn sie verletzendes Verhalten befürchten, beobachten oder ausüben: angefangen von Ohnmacht und Hilflosigkeit, bis hin zu Verzweiflung, Angst und Scham. Im Umgang mit verletzendem Verhalten stehen sich aktive Reaktionen und passives Verharren diametral gegenüber. Häufig sind die befragten Fachkräfte hin- und hergerissen, ob sie handeln oder schweigen. Die benannten Ursachen für verletzendes Verhalten sind vielfältig und reichen von persönlichen und berufsbiografischen Hintergründen bis hin zu prekären Rahmenbedingungen in den Kitas. Entlastung, Bildung, die Stärkung von Kindern und eine Kultur der gegenseitigen Rückmeldung und Unterstützung sind daher in den Augen der Fachkräfte zentrale Handlungserfordernisse. Sie müssen für die Weiterentwicklung von Praxis, aber auch in weiteren Forschungsarbeiten und im politischen Diskurs aufgegriffen werden.

 

3) Welchen Herausforderungen standen Sie bei der Durchführung der Studie gegenüber?

Die größte Herausforderung bestand zunächst darin, wie wir uns diesem so brisanten Thema, über das zumeist geschwiegen wird, annähern, ohne die befragten Fachkräfte selbst zu verletzen oder gar vorzuführen. Wir setzten uns daher lange mit Begriffen rund um Gewalt in Kitas auseinander und überlegten sehr genau, wie wir die Fachkräfte auf eine Weise befragen können, damit sie sich überhaupt öffnen können.

Aufgrund der Corona-Pandemie war es nicht möglich, die Interviews in Präsenz durchzuführen. Wir haben unsere Fragen daher in schriftlicher Form an Studierende geschickt, die sie im Verlauf mehrerer Seminare beantworten und uns zuschicken konnten. Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, losgelöst vom Seminarkontext über beobachtetes oder selbst ausgeübtes verletzendes Verhalten zu berichten. Auch nach Abschluss der Seminare gingen uns daher noch ausführliche schriftliche Berichte zu. Die Durchführung schriftlicher Interviews eröffnete somit die Chance für die Fachkräfte, sich zu öffnen und ganz individuell über Erlebtes zu erzählen. Zugleich konnten wir die entstehende Betroffenheit der Fachkräfte in den Seminaren thematisieren und auffangen.

Schließlich war es für uns selbst herausfordernd, mit den Berichten über verletzendes Verhalten umzugehen. Uns machen die Schilderungen der Befragten selbst sehr betroffen. Dabei merken wir, dass unsere qualitative Studie nur ein weiterer Stein des Anstoßes sein kann, um über verletzendes Verhalten gegenüber Kindern ins Gespräch zu kommen. Dieser Diskurs wird wehtun und nicht einfach sein. Aber es gilt ihn zu führen, um Kindern ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen.

 

4) Wie würden Sie die Ergebnisse in drei prägnanten Sätzen zusammenfassen?

Die zahlreichen und zum Teil aufrüttelnden Berichte der befragten Fachkräfte zeigen auf eindrückliche Weise, dass Kinder in Kitas auch mit einem verletzenden Verhalten der Fachkräfte konfrontiert sind. Angefangen von vermeintlichen kleinen und subtilen verletzenden Verhaltensweisen können sich diese steigern und gar zu einem Ausüben von Macht und körperlichen Übergriffen führen. Um Kinder zu schützen, können wir an den von den Fachkräften sehr konkret benannten Handlungserfordernissen ansetzen: nämlich Kinder zu stärken, Bildung für Fachkräfte zu ermöglichen, Wege der Entlastung zu schaffen und vor allem eine Kultur der gegenseitigen Rückmeldung und Unterstützung zu etablieren.

 

5) Darum sind wir Autorinnen bei Budrich

Über verletzendes Verhalten in pädagogischen Kontexten zu sprechen und zu schreiben, ist mit Vorbehalten und Hürden verbunden und leider keine Selbstverständlichkeit. Wir haben uns daher sehr über die Offenheit des Verlags gefreut, die Publikation unserer Studie zu unterstützen. Dabei durften wir eine gute und verlässliche Begleitung erfahren, die geprägt war von zeitnahen Rücksprachen und einer großen Offenheit bezüglich unserer eigenen Gestaltungsideen. Hierfür sind wir den Mitarbeiter*innen des Verlags Barbara Budrich sehr dankbar.

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[1] Quantitative Studie der Autorinnen in Kooperation mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e.V. und dem Institut für empirische Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

 

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Astrid Boll, Regina Remsperger-Kehm: Verletzendes Verhalten in Kitas. Eine Explorationsstudie zu Formen, Umgangsweisen, Ursachen und Handlungserfordernissen aus der Perspektive der Fachkräfte

 

 

© Autorinnenfoto: privat