„In der Diskussion um Bildungsungleichheit wird oft aneinander vorbeigeredet.“ – 5 Fragen an Ingrid Miethe, Dominik Wagner-Diehl und Birthe Kleber

3D Cover BildungsungleichheitIm Verlag Barbara Budrich ist erschienen: Bildungsungleichheit. Von historischen Ursprüngen zu aktuellen Debatten. Ein Lehrbuch von Ingrid Miethe, Dominik Wagner-Diehl und Birthe Kleber

 

 

 

Über das Buch

Welche Grundannahmen liegen der Forderung nach einem Abbau sozialer Ungleichheit zugrunde? Warum ist Ungleichheit im Bildungswesen ein Problem? Ist sie überhaupt ein Problem? Solche und ähnliche Fragen werden eher selten gestellt und oft nur implizit beantwortet. Im Buch werden die Welt- und Menschenbilder von „Klassikern“ der Bildungsphilosophie wie Platon, Rousseau und Pestalozzi dargestellt und mögliche pädagogische Konsequenzen gezeigt. So wird eine neue Perspektive auf aktuelle Debatten über Bildung und Ungleichheit gewonnen.

 

Vitae der Autor*innen in eigenen Worten

Ingrid Miethe: Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen, zahlreiche Forschungsprojekte zu sozialer Ungleichheit aus bildungssoziologischer und historischer Perspektive.

Wagner-Diehl, DominikDominik Wagner-Diehl: Seit 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Publikations- und Forschungsschwerpunkte in den Bereichen Armut, Bildungsungleichheit und Biografie

Birthe Kleber: Pädagogische Mitarbeiterin im Bildungszentrum Heimvolkshochschule Hustedt, Doktorandin an der Justus-Liebig-Universität Gießen, von 2015 bis 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

 

  1. Liebe Frau Miethe, Herr Wagner-Diehl und Frau Kleber, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Bildungsungleichheit für unsere Leser*innen zusammen.

Soziale Ungleichheit ist seit Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie in aller Munde sowohl in der Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit und Politik. Dabei fällt auf, dass in dieser Diskussion oft „aneinander vorbei“ geredet wird. In unserem Buch zeigen wir die Ursachen dafür auf. Wir zeigen auf, dass Diskurse über Bildung und soziale Ungleichheit immer auch von impliziten Normalannahmen, darüber was der Mensch ist und welche Freiheit er in der Welt hat, mitgeprägt wird. Mit dem Rückgriff auf historische Diskurse wird so deutlich, dass aktuelle Debatten (oft ohne es selbst zu wissen) an historisch vorgeprägte Gedankengänge anschließen.

 

  1. Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Ja. Mir ist beim Lesen von Dewey „Erziehung und Demokratie“ aufgefallen, dass er eine ganz andere Vorstellung davon hat, warum soziale Ungleichheit in der Gesellschaft ein Problem ist als wir dies in Deutschland diskutieren. Hierzulande diskutieren wir diese Frage im Zusammenhang mit sozialer Gerechtigkeit: Es ist sozusagen ungerecht, wenn untere Sozialschichten keinen gleichberechtigten Zugang zu Bildung bekommen und deshalb sollte gegengesteuert werden. Förderung von Kindern aus benachteiligten Elternhäusern bekommt damit etwas Caritatives und ist nicht frei von Paternalismus. Bei Dewey drehte sich diese Perspektive um: Im Sinne von Dewey ist die Verschiedenheit der Menschen ein Potenzial, das die Gesellschaft nutzen muss. Jede Gesellschaft, die es nicht vermag die in ihr liegende Verschiedenheit zu nutzen verschenkt damit etwas. Während im ersten Diskurs die Menschen das Problem sind und die Gesellschaft sozusagen diesen Menschen „helfen“ muss, ist in der Perspektive Deweys die Gesellschaft das Problem, die nicht in der Lage ist das in ihr liegende Potenzial zu nutzen. Diese Perspektive hat mich damals verblüfft, weil sie so selten im deutschen Diskurs zu hören ist. Das war der Anlass genauer hinzusehen mit welchen Begründungen eigentlich die Reduzierung sozialer Ungleichheit gefordert wird.

 

  1. Sie fragen im Buch „Ist Ungleichheit im Bildungswesen überhaupt ein Problem?“. Die Antwort scheint vielen klar zu sein – gibt es Aspekte, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen?

Die Antwort ist gar nicht klar! Das haben wir schnell gemerkt bei unserem „Streifzug durch das pädagogische Denken“. Wir finden im pädagogischen Denken nämlich sehr wohl auch Diskurse, die davon ausgehen, dass Ungleichheit kein Problem ist, sondern Ausdruck unterschiedlicher Begabungen oder unterschiedlicher Leistungsbereitschaft. Nicht auf den ersten Blick erschließt sich im aktuellen öffentlichen Diskurs, dass manche Argumentationen genau auf solche eher biologistischen Argumente zurückgehen. Ungleichheit scheint ja in der aktuellen Debatte oft nur problematisch zu sein, wenn sie als ungerecht empfunden wird. Wenn gesellschaftliche Ungleichheit auf scheinbar gerechten und objektiven Kriterien beruht, wird sie viel weniger als problematisch empfunden. Genau diese Unterschiede haben wir in unserem Buch unter die Lupe genommen.

 

  1. Welche Aspekte der sozialwissenschaftlichen Bildungsforschung in Bezug auf Bildungsungleichheit werden Ihrer Einschätzung nach künftig stärker in den Fokus rücken?

Na, wir hoffen, dass unser Buch dazu beiträgt, dass genauer hingeschaut wird welche impliziten Normalannahmen in Bezug auf das Wesen des Menschen, auf die Rolle der Gesellschaft und die Funktion von Bildung aktuellen Diskursen und Forschungen zugrunde liegen.

 

  1. Darum sind wir Autor*innen bei Budrich

Budrich ist schon seit Jahren mein Hausverlag: Unkompliziert, kollegial und im erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Bereich sehr gut ausgewiesen. Auch politisch unterstütze ich lieber einen „kleineren“ Verlag als einen riesigen Konzern. Das ist Teil von Vielfalt im Verlagswesen – und genau das ist auch zentrales Thema unserer Forschung.

 

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3D Cover BildungsungleichheitIngrid Miethe, Dominik Wagner-Diehl, Birthe Kleber: Bildungsungleichheit. Von historischen Ursprüngen zu aktuellen Debatten. Ein Lehrbuch

 

 

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