„Die Konflikte machen vor der Hochschule nicht halt.“ – 5 Fragen an Markus Baum, Julia-Maria Breidung und Martin Spetsmann-Kunkel

3D Cover Baum Breidung Spetsmann-KunkelIm Verlag Barbara Budrich ist erschienen:

 

 

Über das Buch

Rassismus, Antisemitismus und Rechtspopulismus sind allgegenwärtig und berühren auch Hochschulen als Bildungsorte in ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. „Rechte Verhältnisse in Hochschule und Gesellschaft“ thematisiert aus unterschiedlichen Blickwinkeln aktuelle rassistische, antisemitische und faschistische Erscheinungen in Gesellschaft und Hochschule und diskutiert die hochschulpolitischen Potentiale diesen entgegenzuwirken in der Lehre und in der Transferarbeit.

 

Kurzvitae der Herausgeber*innen in eigenen Worten

Dr. phil. Markus Baum lehrt und forscht als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho) in Aachen zu Fragen der Gesellschaftswissenschaften, der Sozial- und Politischen Philosophie (des 18. bis 21. Jahrhunderts) und der Ästhetischen Theorie. Zuvor arbeitet er von 2018 bis 2021 ebenfalls in der Planungsabteilung des Fachbereichs Wohnen, Soziales und Integration der Stadt Aachen. Von 2009 bis 2018 war er an der RWTH Aachen in verschiedenen Positionen und mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen am Institut für Soziologie, am Institut für Politische Wissenschaft und am IT Center beschäftigt.

Julia Maria Breidung ist Referentin am Zentrum für Antisemitismus- und Rassismusforschung der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho) und arbeitet dabei schwerpunktmäßig zum Thema Antisemitismus. Sie studierte zuvor den Bachelor Soziale Arbeit an der katho, Abteilung Aachen, und schloss das Masterstudium, ebenfalls an der Abteilung Aachen, in Sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt Bildung und Teilhabe an.

Spetsmann-Kunkel, MartinProf. Dr. Martin Spetsmann-Kunkel studierte Soziologie, Psychologie, Politische Wissenschaft auf Magister an der RWTH Aachen, arbeitete anschließend einige Jahre in der Kinder- und Jugendarbeit und war von 2007-2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Interkulturelle Erziehungswissenschaft der FernUniversität in Hagen. Seit 2010 ist er Professor für Politikwissenschaft an der Katholischen Hochschule NRW in Aachen, seit 2019 Dekan des Fachbereichs Sozialwesen und Leiter des Zentrums für Antisemitismus- und Rassismusforschung.

 

1) Liebe Herausgeber*innen, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Rechte Verhältnisse in Hochschule und Gesellschaft für unsere Leser*innen zusammen.

Eines der zentralen Themen sozialwissenschaftlicher und außerwissenschaftlicher Debatten der Gegenwart ist das sogenannte weltweite Erstarken der Rechten, das sich in einer nach rechts rutschenden öffentlichen Debatte, in der Zunahme an Wähler*innenstimmen für (extrem) rechte Parteien und in breiten rechtspopulistischen Bündnissen zeigt. Vielfältig sind die Gründe und Ursachen, die zur Erklärung dieses vielschichtigen Phänomens bemüht werden. Sie reichen von ökonomistischen über kulturtheoretischen bis zu politikwissenschaftlichen Ansätzen, die sich in unterschiedlichen Perspektiven dem Phänomen nähern und Schauplätze verschiedener gesellschaftlicher Konflikte in den Fokus rücken. So wird die Hinwendung zu rechten Inhalten und Strategien u.a. als Reaktion auf eine ökonomische Marginalisierung und Zumutungen der Globalisierung, als Kampf um kulturelle Werte und Identitäten, der vor dem Hintergrund des Verlusts von Klassenzugehörigkeiten geführt wird, oder als Wiederkehr von vormals aus dem politischen Prozess verdrängte Gruppen, die um ihre Repräsentation im politischen System streiten, interpretiert.

Auch der vorliegende Band nimmt sich diesem Thema an. Dabei führen die einzelnen Beiträge zum einen die Debatte fort, indem spezifische Aspekte vertieft werden. Zum anderen wird durch die Beiträge des Bandes eine zweifache Fokussierung geleistet. 1) Die Räume der Populärkultur und Ästhetik, generell die symbolische Ordnung treten als Schauplätze gesellschaftlicher Konflikte hinzu. 2) Für den Hochschulkontext werden didaktische Konzepte zur Sensibilisierung im Umgang mit rechtspopulistischen bis radikal rechten Ideen, Motiven und Agitationen entwickelt. Auf diesem Wege sollen sowohl ein Beitrag zur internen Differenzierung der Debatte als auch eine umfassendere Betrachtung des Phänomens geleistet werden, die sich ebenfalls anschlussfähig an andere wissenschaftliche Disziplinen und die pädagogische Praxis erweist.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Der Band versammelt die Beiträge der Veranstaltungsreihe „Rechte Verhältnisse in Hochschule und Gesellschaft“, die im Wintersemester 2019/20 an der Katholischen Hochschule NRW in Aachen stattfand. Die Reihe sowie der Band nehmen Ihren Ausgang von der soeben formulierten Erfahrung, dass sich gesellschaftliche Polarisierungs- und Marginalisierungsprozesse in den nach rechts driftenden Koordinaten der politischen Matrix abbilden. Zugleich wollten wir nicht allein der Frage nachgehen, was der Grund für diese politische Spannung ist, sondern ebenfalls den Versuch unternehmen, diese Erfahrung in adäquaten Begriffen und Konzepten zu erfassen und eine wissenschaftliche Gegenrede in Form der Veranstaltungsreihe sowie dieser Publikation zu leisten.

Die Veranstaltungsreihe mit verschiedenen Formaten wie Workshops, Vorträgen, einer Fachtagung und Filmabenden wurde vom AStA und Studierendenparlament und einigen Studierenden des Masterstudiengangs Soziale Arbeit gemeinsam mit dem Dekanat und wissenschaftlichen Angestellten der Hochschule organisiert und durchgeführt. Entsprechend finden sich in diesem Band neben den Beiträgen eingeladener Referent*innen anderer Hochschulen auch Textbeiträge der beteiligten Studierenden.

 

3) Welchen Herausforderungen steht die Hochschule in Bezug auf Rechtsextremismus derzeit gegenüber?

Die Herausforderungen sind vielgestaltig. Neben der Erforschung und Lehre von Formen und Ursachen des Phänomens sind Forschende, Lehrende und Studierende immer wieder damit konfrontiert, selbst in den politischen Konfliktlinien interagieren zu müssen. Denn die Konflikte machen vor der Hochschule nicht halt, sondern zeigen sich in verschiedenen Veranstaltungen durch gezielt Provokationen oder sogar in Form von Angriffen auf Lehrende und Studierende durch (extrem) rechte Aktivisten*innen. Damit sieht sich die Hochschule der Herausforderung gegenüber, zum einen ihre Hochschulmitglieder sowie auch Gäste zu schützen, zum anderen Stellung gegen Angriffe aller Art zu beziehen. Auch kann sich die Hochschule als Institution im Wissenschaftsbetrieb zur Aufgabe machen, wissenschaftliche Gegenrede gegen vielerlei Form rechter und rechtspopulistischer Agitation zu leisten. Diese Form der Intervention adressiert dabei vor allem diejenigen, die (noch) keine geschlossenen Weltbilder verinnerlicht haben. Insbesondere dem manifesten Antisemitismus ist durch Argumente und Fakten – zumindest den Antisemit_innen gegenüber – nicht mehr beizukommen, da sich dieser als gewissermaßen faktenresistent zeigt und nicht auf ein Informationsdefizit oder ein Missverständnis zurückgeht. Daher sieht sich die Hochschule auch der schwierigen Aufgabe gegenüber, rechte Agitator_innen in schweren Fällen von Diskussionen auszuschließen.

 

4) Welche hochschulpolitischen Potentiale, rechten Erscheinungen in Lehre und Transferarbeit entgegenzuwirken, sehen Sie?

Gesellschaftliche und politische Konflikte stehen nicht außerhalb der Hochschule, im Gegenteil. Sie durchziehen ebenfalls Hochschulstrukturen (in teils gebrochener Form). Daher ist es für eine Hochschule, die sich demokratischen Werten verpflichtet fühlt, von herausragender Bedeutung, diese Werte in Forschung und Lehre sowie im gemeinsamen Miteinander des Hochschulalltags zum Ausdruck zu bringen. Das kann über Lehrinhalte, zeitgemäße Lehrformen ebenso geschehen wie durch wechselseitig anerkennende Bezugnahmen aufeinander. Ein wichtiger Beitrag dazu ist die Analyse dieser Phänomene, die dabei insbesondere die Ursachen in den Blick nimmt. Ebenso sind theoretische Grundlagen für eine entschlossene (wissenschaftliche) Gegenrede zu schaffen, da das Erkennen von und Entgegentreten gegenüber solchen Erscheinungen nicht voraussetzungslos sind. Dennoch muss erkannt werden, dass zum einen der Wirkungsbereich mit Blick auf gesamtgesellschaftliche Dynamiken recht beschränkt ist und zum anderen die Freiheit von Wissenschaft und Forschung sehr weitreichend ist, sodass rechten Erscheinungen innerhalb der Lehre bis zu einem gewissen Maß nur durch Gegenrede entgegnet werden kann.

 

5) Darum sind wir Autor*innen bei Budrich

Der durchweg wertschätzende Umgang und die intensive Betreuung des Publikationsvorhabens haben wir als essentiellen Bestandteil des gesamten Prozesses erfahren. Daher sind wir dem Verlag sehr für die Unterstützung dankbar. Zugleich schätzen wir, dass der Verlag in denjenigen verschiedenen Feldern (von Politikwissenschaft, Soziologie oder Soziale Arbeit) eine Expertise aufweist, innerhalb derer unsere Publikation ebenfalls verortet ist. Wir hoffen, auf diesem Wege die Adressat*innen passgenau zu erreichen.

 

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3D Cover Baum Breidung Spetsmann-KunkelMarkus Baum, Julia-Maria Breidung, Martin Spetsmann-Kunkel (Hrsg.): Rechte Verhältnisse in Hochschule und Gesellschaft. Rassismus, Rechtspopulismus und extreme Rechte zum Thema machen

 

© Autorenfotos: privat