„Für uns ist Wohnen als Grund- und Menschenrecht in erster Linie eine soziale und politische Frage.“ – 5 Fragen an Monika Alisch und Michael May

Im Verlag Barbara Budrich ist erschienen:

Ein Dach über dem Kopf: Wohnen als Herausforderung von Sozialraumentwicklung

von Monika Alisch und Michael May (Hrsg.)

 

Über das Buch

Sollte die Sicherung von Wohnen für alle als Gemeinschaftsgut einer Gesellschaft gefasst werden? Wie könnte eine gute Wohnpolitik im Sinne des Menschenrechts auf Wohnen aussehen? Und wie kann Wohnen als gemeinschaftlich verstanden werden? Mit diesen und weiteren vielseitigen Fragen in Bezug auf Wohnen und Sozialraumentwicklung beschäftigen sich die Autor*innen dieses Buches.

 

Kurzvitae der Herausgeber*innen in eigenen Worten

Monika Alisch: Ich bin Professorin für Sozialplanung, Gemeinwesen- und Sozialraumarbeit an der Hochschule Fulda (seit 2004). Seit 2011 bin ich Sprecherin des wissenschaftlichen Zentrums Gesellschaft und Nachhaltigkeit (CeSSt) der Hochschule, seit 2008 gebe ich zusammen mit Michael May die Reihe „Beiträge zur Sozialraumforschung“ heraus, in der u.a. herausragenden Masterstudierende der Sozialen Arbeit im Schwerpunkt Sozialraumentwicklung und -organisation gemeinsam mit etablierten Wissenschaftler*innen praxisnahe Forschung veröffentlichen können. Seit 2017 bin ich Leitungsmitglied des Hessischen Promotionszentrums Soziale Arbeit.

Michael May: Seit 25 Jahren bin ich Professor am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule RheinMain. Mein Lehrgebiet sind Theorien und Methoden Sozialer Arbeit unter besonderer Berücksichtigung der Gemeinwesenarbeit. Mit Monika Alisch zusammen leite ich den Masterstudiengang Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Sozialraumentwicklung und -organisation und gebe die Reihe „Beiträge zur Sozialraumforschung“ heraus. Ich bin ebenfalls in der Leitung und darüber hinaus Sprecher des Hessischen Promotionszentrums Soziale Arbeit. Am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe Universität habe ich die Rechte eines außerplanmäßigen Professors und bin honorary professor of Social Exclusion and Pedagogy in the Welfare State der Danish School of Education.

 

1) Liebe Monika Alisch, lieber Michael May, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Ein Dach über dem Kopf: Wohnen als Herausforderung von Sozialraumentwicklung für unsere Leser*innen zusammen.

MA + MM: Bei Wohnen denken die Meisten zunächst an eine mehr oder weniger gut ausgestattete Wohnung. Die Beiträge unseres Bandes zeigen jedoch, dass Wohnen weit mehr ist. Sie geben zunächst einmal einen kleinen Einblick in die Philosophie des Wohnens und werfen die Frage nach einer angemessenen sozialwissenschaftlichen Analytik des Wohnens auf. Es findet eine kritische Auseinandersetzung damit statt, dass Wohnungen als Ware zumindest in den Städten zu einem knappen und teuren Gut geworden sind. Wir haben aber auch Perspektiven gemeinschaftlichen Wohnens als gelebte Sozialutopie skizziert, die Wohnraum der Kapitalzirkulation zu entziehen suchen. Aus einer Perspektive von Wohnen als Praxis geht es um Fragen, wie ein „Ein-Wohnen“ von geflüchteten Menschen gelingen kann. Andere Beiträge schauen auf das Wohnen im Alter aus der Perspektive geistig behinderter Menschen und in Regionen, in denen Altern mühsam wird. Mehrere Beiträge befassen sich mit Menschen in Wohnungsnotfallsituationen und zeigen, dass kein Mensch nicht wohnen kann. Abschließend wird die Perspektive im Hinblick auf die sich im drängender stellende Problematik eines an Nachhaltigkeit orientierten, urbanen Bewohnens der Erde geweitet.

 

2) Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

MA: Dass es in unserer Gesellschaft so viele Menschen gibt, die sich keine angemessene Wohnung leisten können, ist eigentlich Anlass genug, sich mit dem Thema Wohnen zu beschäftigen. Insofern ist für uns Wohnen als Grund- und Menschenrecht in erster Linie eine soziale und auch politische Frage. Viele der Beiträge sind aus der Perspektive Sozialer Arbeit heraus geschrieben. Darüber, dass wir unser Konzept von Sozialraumentwicklung auch auf die Praxis von Wohnen beziehen, um verschiedenen Gruppen einen Raum zu eröffnen, sich ihrer eigenen Bedürfnisse zum Wohnen zu vergewissern und diese dann auch gemeinschaftlich zu verwirklichen, wollen wir auch diejenigen für solche Fragen sensibilisieren, die Wohnen bisher nicht als ein „Kernthema“ Sozialer Arbeit gesehen haben.

 

3) Welchen Herausforderungen steht die Soziale Arbeit in Bezug auf Wohnung und Sozialraumentwicklung derzeit gegenüber?

MA + MM: Genau das ist der Punkt: Es geht eben nicht allein um die Wohnung oder das vielzitierte Dach über dem Kopf, sondern um das Wohnen als soziale Praxis und Teil gesellschaftlicher Raumproduktion. Der Menschenwissenschaftler Norbert Elias misst dem Wohnen die wichtige Aufgabe zu, Raum zu schaffen, wo Menschen tatsächlich beisammen sind oder es sein könnten. Wohnen endet also nicht an der Wohnungstür, sondern es gehört der soziale Raum dazu, in dem der Alltag verankert ist, in dem Vertrautheit entsteht und in dem daran gearbeitet wird, dieses Alltagsleben – wie Henri Lefebvre gefordert hat – zum bewussten Werk auszugestalten. Solche Prozesse, die Lefebvre mit seinem philosophisch informierten Begriff von „habiter“ im Zusammenhang mit seinem Postulat eines „Rechts auf Stadt“ zu fassen versucht hat, zu befördern, ist aus unserer Perspektive auch eine zentrale Aufgabe Sozialer Arbeit.

 

4) Welche Aspekte von Wohnen und Sozialraumentwicklung werden Ihrer Einschätzung nach in der Sozialen Arbeit künftig in den Fokus rücken?

MM: In unserem bereits angesprochenen Konzept von „Sozialraumentwicklung“ sehen wir ein wichtiges Moment, um Wohnen, im Sinne von Lefebvres Begriff von „habiter“ als aktive Teilhabe am gemeinschaftlichen Leben einer Gesellschaft und deren Raumproduktion zu befördern. Gruppen, die bisher im Rahmen Sozialer Arbeit bloß „untergebracht“ oder „in Obhut genommen“ wurden, gilt es auf diese Weise einen Raum zu eröffnen, dass sie im Rahmen einer „Politik der Bedürfnisinterpretation“ – wie Nancy Fraser dies genannt hat – sich ihrer eigenen Vorstellungen von Wohnen vergewissern, um dann auch gemeinschaftlich an deren Verwirklichung zu arbeiten. Ein zweites Moment muss aber dazu kommen, nämlich die demokratische Aushandlung der Ressourcen, die es braucht, unterschiedlicher Wohnbedürfnisse bezogen auf ihre an Nachhaltigkeit orientierten Befriedigung zu befriedigen. Auch da sehen wir Professionelle Soziale Arbeit in der Funktion einer Moderation – bzw. in Fällen von Konflikten – der Mediation, was wir im Rahmen unseres Konzeptes von Sozialraumorganisation konkretisiert haben.

 

5) Darum sind wir Autor*innen bei Budrich

MM: Mit unseren Überlegungen zu einem neuen Band in unserer Reihe „Beiträge zur Sozialraumforschung“ sind wir im Verlag stets auf Interesse und große Unterstützung gestoßen.

MA: Ich bin dem Verlag schon über Jahrzehnte treu, weil ich hier eine unkomplizierte Betreuung meiner Buchprojekte bekomme. Die Mitarbeiter*innen vermitteln immer, dass ihnen genau dieses Projekt gerade besonders wichtig ist und sind offen für neue Ideen.

 

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Monika Alisch, Michael May (Hrsg.): Ein Dach über dem Kopf: Wohnen als Herausforderung von Sozialraumentwicklung

Beiträge zur Sozialraumforschung, Band 24

 

© Autorinnenfoto: privat