„Globale Anfechtungen von Frauen- und Geschlechterrechten“ – 5 Fragen an Alexandra Scheele zur neuen Podcast-Serie „Whose Rights, Which Rights?“

Aus der Forschungsgruppe „Global Contestations of Women’s and Gender Rights“ am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld ist in Kooperation mit dem Campusradio Hertz 87.9 eine neue Podcast-Serie hervorgegangen: „Whose Rights, Which Rights?“ behandelt Konflikte um Geschlecht, Gleichstellung und die Formulierung und Umsetzung von Rechtsansprüchen.

Wir freuen uns, dass sich Alexandra Scheele als eine der Initiatorinnen Zeit für unsere 5 Fragen zum Podcast genommen hat.

 

Kurzvita von Alexandra Scheele in eigenen Worten

Ich forsche und lehre seit 2014 an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld. Zuvor war ich einige Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Frauenforschung/Geschlechtersoziologie der Universität Potsdam tätig sowie auf einer Post-Doc-Stelle an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg im Bereich der Wirtschafts- und Industriesoziologie. Dort habe ich mich auch 2016 habilitiert. Aktuell leite ich neben der ZiF-Forschungsgruppe noch das von der VolkswagenStiftung geförderte Projekt „Double Fragility: The Care-Crisis in the Corona Crisis“. Gemeinsam mit Kolleginnen aus Österreich untersuchen wir hier, wie Beschäftigte in den sog. systemrelevanten Berufen die Betreuung und das Homeschooling der Kinder organisieren. Darüber hinaus bin ich noch an einem explorativen Projekt zu Entgeltprüfungen und Digitalisierung beteiligt, das von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wird. Ich bin Mitherausgeberin der Zeitschrift Femina Politica, die hier im Verlag Barbara Budrich erscheint und der Buchreihe „Arbeit, Demokratie, Geschlecht“ im Verlag Westfälisches Dampfboot Münster.

 

1) Liebe Alexandra Scheele, bitte stellen Sie unseren Leser*innen Ihre neue Podcast-Serie Whose Rights, Which Rights? vor.

Der Podcast basiert auf einer Kooperation der von mir gemeinsam mit Julia Roth und Heidemarie Winkel geleiteten Forschungsgruppe „Global Contestations of Women’s and Gender Rights“ am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld mit dem Campusradios Hertz 87.9. Seit Oktober forschen am ZiF 20 Wissenschaftler*innen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen und geografischen Kontexten zu der Frage, warum „Gender“ von ganz unterschiedlichen Akteur*innen in Frage gestellt wird und wie darüber auch der bislang unterstellte normative Konsens zum Gleichheitsgrundsatz in der (politischen) Öffentlichkeit strittig geworden ist. Besonders deutlich zeigt sich dies etwa in den erneut aufflammenden Debatten um Abtreibungsrechte, um die Ehe für alle, um sexuelle Früherziehung oder in den Anfeindungen gegenüber Feministinnen und Gender Studies. Die Auseinandersetzungen darüber, ob Frauenemanzipation traditionelle Familienmodelle unterlaufe oder ob preiswerte Frauenarbeit der Ausbreitung des neoliberalen Kapitalismus diene, sind weitere Beispiele für ein Ringen um Inhalt und Umsetzung von Frauen- und Geschlechterrechten. Dies betrifft nicht nur neo-patriarchale und autoritäre Regime, Parteien und Bewegungen, die Gleichheitsstandards als integrale Bestandteile der hegemonialen globalen Ordnung infrage stellen und Religion gegen Gleichheitsrechte instrumentalisieren, sondern findet zunehmend auch in demokratischen Systemen Gehör.

In jeder Folge des Podcasts führt Katharina Ußling zu einem Thema der Forschungsgruppe ein Gespräch mit einer/einem oder mehreren Wissenschaftler*innen, die derzeit am ZiF arbeiten. Da es sich um eine international zusammengesetzte Forschungsgruppe handelt, werden alle Interviews auf Englisch geführt. Wir freuen uns, dass wir mit Katharina Ußling und Mira Riegauf vom Campusradio zwei jüngere Mitstreiterinnen gefunden haben, die uns nicht nur mit interessanten Fragen herausfordern, sondern die auch über das entsprechende technische Know-how verfügen.

 

2) Wie häufig dürfen sich Höher*innen auf eine neue Folge freuen und wie lang ist eine Folge Ihres Podcasts?

Die Podcasts erscheinen etwa alle zwei Wochen und sind zwischen 30 und 45 Minuten lang. Im Moment können die ersten Folgen angehört werden: In der ersten Folge diskutieren Katharina Ußling, Julia Roth, Heidemarie Winkel und ich über die drei Felder, an denen wir die Anfechtungen von Frauen- und Geschlechterrechten herausarbeiten: Die geschlechtliche Arbeitsteilung und Care Work, autoritäre Formen von Religion und deren Instrumentalisierung sowie die Vergeschlechtlichung von Staatsbürgerschaft und die Infragestellung von sexuellen Rechten. In der zweiten Folge spricht Katharina Ußling mit Ina Kerner über Feministische und wissenschaftliche Religionskritik. Dabei geht es auch um die Frage, wie rechte Gruppen, in Deutschland insbesondere die AfD, Religionskritik vereinnahmen und die problematische Vermischung von Feminismus mit antimuslimischem Rassismus. Soeben erschienen ist der Podcast mit Fatima Sadiqi und Shirin Zubair zum Verhältnis von religiösen und säkularen Frauenbewegungen in Pakistan und Marokko und in den nächsten Wochen folgen noch Podcasts mit Ania Plomien und Martina Sproll zur globalen Krise der sozialen Reproduktion in der COVID-19 Pandemie und mit Andrea Pető über den Einfluss von rechtskonservativen und rechtspopulistischen Regierungen auf sexuelle und reproduktive Rechte. Alle weiteren Folgen werden nach und nach auf unserer Website https://www.uni-bielefeld.de/(de)/ZiF/FG/2020Gender/Podcasts/ bekanntgegeben.

 

3) Wie kamen Sie auf die Idee, den Podcast ins Leben zu rufen? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Die Idee kam uns während der gemeinsamen Arbeit unserer international zusammengesetzten Forschungsgruppe. Die Fellows, die hier gemeinsam forschen, sind aus Kolumbien, Brasilien, Nigeria, Pakistan, Kenia, Marokko, Ungarn, Österreich, Großbritannien – und natürlich aus Deutschland. Das ist gerade in Zeiten, wo der direkte Austausch durch die Pandemie kaum möglich ist, eine Besonderheit. Wir wollten von Anfang an das so aktuelle, politisch und gesellschaftlich wichtige Thema, dass Frauen- und Geschlechterrechte weltweit in Frage gestellt und angegriffen werden, nicht nur innerhalb der wissenschaftlichen Community verhandeln, sondern auch in die breite Öffentlichkeit bringen. Da es nun durch die Corona-Beschränkungen nicht möglich war und ist, öffentliche Diskussionsveranstaltungen oder Seminare durchzuführen, kamen wir darauf, dass Podcasts ortunabhängig die Möglichkeit bieten, die Fellows und ihre Arbeiten kennenzulernen. Den konkreten Stein des Anstoßes für die Podcastreihe gab schließlich die Historikerin Andrea Pető, die ebenfalls Fellow in der Forschungsgruppe ist und bereits Erfahrungen mit diesem Medium hat.

 

4) Was waren die größten Schwierigkeiten auf Ihrem Weg zur ersten fertigen Folge?

Aufgrund der Einschränkungen im Zuge der COVID-19-Pandemie konnten wir die erste Folge, in der Julia Roth, Heidemarie Winkel und ich die Arbeit der Forschungsgruppe erläutern, leider nicht im Studio des Campusradios aufzeichnen, sondern mussten auf die Videoplattform Zoom ausweichen. Diese benutzen wir zwar täglich für die Lehre und andere Veranstaltungen und haben uns da auch an die schwankende Bild- und Tonqualität gewöhnt – bei der Podcast-Aufzeichnung fällt dies jedoch mehr ins Gewicht. Wir mussten diese Folge dann ein zweites Mal, wenn auch unter gleichen Bedingungen, aufzeichnen und sind nun – nach der technischen Bearbeitung von Mira Riegauf – mit der Tonqualität ganz zufrieden, auch wenn ein Wermutstropfen bleibt, dass wir nicht die gewohnten Standards aus dem Radio erfüllen konnten. Umso mehr freut es uns aber, dass die nachfolgenden Aufzeichnungen überwiegend im Studio gemacht werden konnten bzw. können.

 

5) Wird die Serie abgeschlossen sein, nachdem Sie alle Mitglieder der Forschungsgruppe interviewt haben, oder sind weitere Inhalte geplant?

Geplant sind im Moment 10 Folgen. Allerdings überlegen wir, ob und wie eine Fortsetzung aussehen kann. Schließlich haben Manuela Boatcă, Elisabeth Holzleithner, Emilia Roig und Susanne Baer auf unseren bisherigen zwei Konferenzen wunderbare Keynotes gehalten, die wir gerne noch der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen wollen. Zudem gibt es auch noch Themen, die wir gerne vertiefen wollen, wie z.B. das Thema Globale Solidaritäten oder die Aushöhlung von Frauen- und Geschlechterrechten im Zuge der neoliberalen Restrukturierung. Von daher kann ich an dieser Stelle noch keine abschließende Antwort geben, ob und wie die Reihe fortgesetzt wird. Es hängt ja auch etwas davon ab, wie sie aufgenommen wird. Wir hoffen natürlich auf viele Zuhörer*innen und freuen uns über Feedback.

zum Podcast

 

© Foto Alexandra Scheele: Markus Richter/Uni Bielefeld