„Die Autor*innen arbeiten heraus, inwiefern öffentliche Diskurse wie die zu Flucht und Asyl nach 2015 manipuliert wurden.“ – Interview mit den Herausgeber*innen von „Inszenieren und Mobilisieren: Rechte und islamistische Akteure digital und analog“

Im Verlag Barbara Budrich ist erschienen:

von Ursula Birsl, Julian Junk, Martin Kahl und Robert Pelzer (Hrsg.)

 

Über das Buch

Soziale Medien bilden im zunehmenden Maß einen Ort der Austragung und diskursiven Verarbeitung gesellschaftlicher und politischer Konflikte. Extrem rechte und salafistisch-dschihadistische Akteur*innen nehmen an diesen Auseinandersetzungen teil und nutzen sie als Plattform zur Propaganda. Der Band widmet sich der Frage, wie sich Mobilisierungs- und Radikalisierungsprozesse in sozialen Medien entfalten und unter welchen Bedingungen sie zu Gewalthandlungen in der realen Welt führen können.

 

Kurzvitae der Herausgeber*innen in eigenen Worten

Dr. Ursula Birsl ist Professorin für Demokratieforschung am Institut für Politikwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Sie beschäftigt sich mit Demokratietheorie und vergleichender Demokratieforschung sowie seit mehr als dreißig Jahren u.a. mit geschlechtersensibler Rechtsextremismusforschung. Sie ist Mitherausgeberin der neuen Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung (ZRex) im Verlag Barbara Budrich.

 

 

 

Dr. Julian Junk ist Leiter der Forschungsgruppe Radikalisierung am Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) und Leiter des Berliner Büros der HSFK. Die Forschungsgruppe Radikalisierung forscht in zahlreichen Projekten zu Radikalisierungsprozessen, dem gesellschaftlichen Umgang mit Radikalisierung und sowie zur Evaluation und Qualitätssicherung in der Extremismusprävention.

 

 

 

PD Dr. Martin Kahl ist stellvertretender Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH), wo er den Forschungsbereich „Gesellschaftlicher Frieden und innere Sicherheit“ leitet. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Fragen der Inneren Sicherheit, gesellschaftliche Polarisierung, Radikalisierung und Terrorismus.

 

 

 

Dr. Robert Pelzer ist Leiter des Forschungsbereiches Sicherheit – Risiko – Kriminologie am Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) der Technischen Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die Themen Radikalisierung, Terrorismus, Distanzierungsprozesse, polizeilicher Staatsschutz sowie die partizipative Gestaltung und gesellschaftliche Bewertung von Sicherheitslösungen.

 

Liebe Herausgeber*innen, bitte fassen Sie den Inhalt Ihrer aktuellen Publikation Inszenieren und Mobilisieren: Rechte und islamistische Akteure digital und analog für unsere Leser*innen zusammen.

Der Sammelband zeigt, welche Botschaften aus dem extrem rechten und salafistisch-dschihadistischen Spektrum in den sozialen Medien verbreitet werden und welche Mobilisierungs- und Radikalisierungseffekte sie im Zusammenspiel mit Diskursen und Gelegenheitsstrukturen in der realen Welt hervorbringen. Die Autor*innen fragen nach Ähnlichkeiten und Unterschieden und arbeiten heraus, inwiefern öffentliche Diskurse wie die zu Flucht und Asyl nach 2015 in den beiden Spektren wahrgenommen, manipuliert und zu Mobilisierungen genutzt wurden. Der Band gibt darüber hinaus forschungsethische und datenschutzrechtliche Anleitungen, die Forschung in sozialen Medien begrenzen, aber vor allem ermöglichen. Diskutiert werden darüber hinaus Möglichkeiten und Grenzen der automatisierten Auswertung von Kommunikation in sozialen Netzwerken.

 

Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch herauszugeben? Gab es einen „Stein des Anstoßes“?

Die Überlegungen dazu begannen recht früh: Nach dem Einwanderungssommer des Jahres 2015 kippte die Debatte um Flucht und Asyl; wir beobachteten eine Welle rechter Gewalt bei einer gleichzeitigen öffentlichen Fokussierung auf salafistischen Dschihadismus. Zudem war es offensichtlich, dass die Mobilisierungsdynamiken in extremistischen Milieus immer deutlicher durch die Möglichkeiten sozialer Medien beeinflusst wurden. Zu beidem, dem Vergleich von (wechselseitigen) Mobilisierungsdynamiken extrem rechter und salafistisch-dschihadistischer Akteure sowie dem Zusammenspiel von online- und offline-Entwicklungen, gab es zu diesem Zeitpunkt keine empirische Forschung. Wir riefen den Forschungsverbund „PANDORA – Propaganda, Mobilisierung und Radikalisierung zur Gewalt in der virtuellen und realen Welt. Ursachen, Verläufe und Gegenstrategien im Kontext der Debatte um Flucht und Asyl“ ins Leben. Die Verbundforschung wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert (2017-2020). Dieser Band fasst die wesentlichen Ergebnisse unserer Forschungen zusammen.

 

Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit Mobilisierungsversuche rechter und islamistischer Akteur*innen in Sozialen Medien erfolgreich sind?

In den Fallstudien des PANDORA-Verbunds haben wir beobachten können, wie sich Diskurse der extremen Rechten sowie des salafistischen Dschihadismus im Zeitverlauf entwickelt haben, wie sie gesteuert werden, wie sie gemeinschaftsbildende Dynamiken entfalten und Feindbilder stärken. Vor allem die Online-Kommunikationen lassen Gewaltfantasien sichtbar werden, die in öffentlichen Diskursen so nicht erkennbar sind, obwohl sich auch diese immer gewaltförmiger entwickeln. Diese Diskurse bieten den User*innen in der virtuellen Welt einen politischen und/oder religiösen Referenzrahmen sowie Echoraum für ihre Weltanschauungen und für eine vermeintliche Gemeinschaft Gleichgesinnter. Sie können enthemmen oder den Blick auf die eigene Lebenssituation und Deutung der Welt verengen.

Unsere Befunde zeigen, dass Akteur* innen aus dem salafistisch-dschihadistischen und dem rechten Spektrum den Charakter und die Funktionsweisen sozialer Medien erkannt haben und versuchen, diese für sich strategisch zu nutzen. Sie setzen auf die Manipulation von Meinungen über digitale Plattformen, um ihre eigenen Ideen präsenter und attraktiver zu machen und ihnen Legitimation zu verschaffen. Diese Versuche führen aber nicht zwingend zu Radikalisierung und Mobilisierung zur Gewalt, sind aber dennoch nicht wirkungslos. Unsere Untersuchungen in der realen Welt zeigen auch, wie diese Versuche von den sozialen und politisch-kulturellen Kontextbedingungen abhängen, ob Mobilisierungsversuche auf Resonanz bei einzelnen oder politischen und religiösen Gruppen oder Netzwerken stoßen und ideologische Deutungen der Welt Handlungen, auch Gewalthandlungen Legitimation verschaffen. Sie zeigen aber auch gleichzeitig, dass Mobilisierungsversuche an Kontextbedingungen scheitern können.

 

In welche Richtung müssen wirksame Präventionsstrategien gegen rechte und islamistische Mobilisierungsversuche in Sozialen Medien aus Ihrer Sicht gehen?

Die Einhegung der Verbreitung menschenverachtender, antidemokratischer Inhalte in Sozialen Medien, gerade auch auf alternativen Plattformen, ist sicherlich ein wichtiges Element umfassender Präventionsstrategien gegen Online-Radikalisierung. Die politische Bildungsarbeit vor allem an den Schulen sollte gestärkt und insbesondere Maßnahmen ergriffen werden, die die Medienkompetenz der User*innen sozialer Medien erhöhen. Es gibt erhebliche Wissens- und Bildungsdefizite bei Jugendlichen und Erwachsenen und mangelndes Einordungswissen. Da sich diese Probleme nicht nur bei jüngeren Menschen gezeigt hat, sind Strukturen und Einrichtungen notwendig, die lebenslanges Lernen auch in diesem Bereich ermöglichen: so sind außerhalb der schulischen Bildung Anreize notwendig (auch in Unternehmen), die zur Teilnahme an Maßnahmen im Bereich der politischen Bildung ermuntern. Ebenso wichtig ist eine aktive Zivilgesellschaft, die rechten und islamistischen Narrativen alternative politische und religiöse Deutungsmuster entgegenstellt – und zwar in der realen Welt. Denn hier sind die Ursachen für Abwehrhaltungen gegenüber anderen und/oder der entwickelten Moderne, Gewaltfantasien sowie die Politisierung von Religionen zu finden, und hier bewegen sich die zentralen extrem rechten und islamistischen Akteur*innen. Diese aktive Zivilgesellschaft existiert bereits in vielfältigen Initiativen, Projekten oder mobilen Beratungsteams. Sie nachhaltig öffentlich zu fördern muss das Fundament einer jeden Präventions- und Interventionsstrategie sein.

Mit Blick auf beide untersuchten Spektren sind jedoch unterschiedliche Herausforderungen zu berücksichtigen: Mobilisierungsversuche aus dem extrem rechten Spektrum greifen eher lokal. Zivilgesellschaftliche Aktivitäten sind hier darauf angewiesen, ob sie von anderen lokalen Akteuren wie Kommunalparlamente und -verwaltungen gestützt werden. Gleichzeitig haben sich die extrem rechten Szenen seit den späten 1990er Jahren zunehmend national und auch international vernetzt. Hier stößt zivilgesellschaftliches Engagement an seine Grenzen. Im salafistischen Spektrum gibt es zwar gleichfalls lokale „Hotspots“, also einzelne, auch bekannte Moscheegemeinden oder Städte, aus denen besonders viele Menschen nach Syrien und in den Irak, in den sog. Islamischen Staat ausgewandert sind. Jedoch sind religiös-fundamentalistische Gemeinschaften nicht in gleicher Weise lokal verankert wie extrem rechte Gruppen. Das gilt auch für salafistische Gemeinschaften, die nicht automatisch auch dschihadistisch orientiert sind. Hier ist unser Plädoyer, überhaupt erst einmal ein besseres Verständnis darüber zu finden, wieso Menschen sich muslimisch-fundamentalistisch orientieren und wie auch ein Austausch mit salafistischen Gemeinschaften gestaltet werden kann, bevor es in dschihadistische Deutungen und Haltungen kippt.

Darum sind wir Autor*innen bei Budrich:

Wir haben uns dazu entschieden, unsere Ergebnisse des PANDORA-Verbunds im Verlag Barbara Budrich zu veröffentlichen, weil uns die Verlagspolitik überzeugt hat. Der Verlag ist immer offen für neue Projekte und Ideen – vor allem auch aus den kritischen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften.

 

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von Ursula Birsl, Julian Junk, Martin Kahl und Robert Pelzer (Hrsg.)