Industrielle Beziehungen und soziales Upgrading

Industrielle Beziehungen. Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management 2-2021: Die Rolle industrieller Beziehungen im Globalen Süden für soziales Upgrading in Wertschöpfungsketten

Die Rolle industrieller Beziehungen im Globalen Süden für soziales Upgrading in Wertschöpfungsketten*

Christina Teipen, Fabian Mehl**

Industrielle Beziehungen. Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management, Heft 2-2021, S. 120-147

 

Zusammenfassung: Anhand vergleichender Fallstudien in vier Branchen (Automobil, Bekleidung, Elektronikgüter, IT-Dienstleistungen) und sechs Schwellen- und Entwicklungsländern (Indien, Bangladesch, China, Vietnam, Brasilien, Südafrika) zeigen wir den Einfluss industriespezifischer Governance-Formen sowie nationaler Systeme industrieller Beziehungen auf soziales Upgrading auf. Erfolgreiches soziales Upgrading hängt demzufolge entscheidend davon ab, ob nationale Gewerkschaften über ausreichende assoziative und institutionelle Macht verfügen, um sich in Transformationsauseinandersetzungen gegenüber dominanten nationalen Koalitionen behaupten zu können.

Schlagwörter: Arbeitsbedingungen, Schwellenländer, wirtschaftliches Upgrading, internationaler Vergleich, Gewerkschaften

 

The role of industrial relations in the global South for social upgrading in global value chains

Abstract: Using comparative case studies of four industries (automotive, apparel, electronics, and IT services) in six emerging and developing countries (India, Bangladesh, China, Vietnam, Brazil, and South Africa), we illustrate the influence of industry-specific governance forms and national systems of industrial relations on social upgrading. This leads to the conclusion that successful social upgrading depends decidedly on whether national unions have a sufficient degree of associational and institutional power to effectively confront dominant national coalitions in transformation disputes.

Keywords: Labour, emerging economies, working conditions, economic upgrading, cross-country comparison. JEL: J21, J30, J46, J51, J83

 

1 Einleitung

Der seit mehreren Jahrzehnten anhaltende Trend zu Outsourcing und Offshoring hat zu stark fragmentierten Wertschöpfungsketten und einer entsprechenden internationalen Arbeitsteilung geführt. Unter dem Stichwort „Labor Arbitrage“ wird argumentiert, dass Kosteneinsparungen durch niedrigere Löhne und eine oftmals schwächere Arbeitsregulierung in Ländern des Globalen Südens die Hauptmotivation hierfür darstellen. Ob, wie und in welchen Konstellationen soziales Upgrading, d. h. Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in den Zielländern der Verlagerung erzielt werden kann, ist je nach theoretischer Provenienz höchst umstritten. In vielen vorherrschenden entwicklungsökonomischen wie auch politökonomischen Theorien wird noch davon ausgegangen, dass die Integration in globale Wertschöpfungsketten (GWK) die Voraussetzungen für wirtschaftliche Aufholprozesse und gesellschaftliche Wohlfahrtsgewinne in Entwicklungsländern ermöglicht. Oft werden hierbei jedoch branchenspezifische Machtasymmetrien außer Acht gelassen, die in unterschiedlichem Ausmaß die Interessen der Leitunternehmen (Gereffi, Humphrey, & Sturgeon, 2005) widerspiegeln und ihnen einen Einfluss auf Zulieferer erlauben. Den Protagonisten der Wirkmacht globaler Wertschöpfungsnetzwerke (Henderson, Dicken, Hess, Coe, & Yeung, 2002) wird dagegen wiederkehrend vorgeworfen, jenseits des Beitrags von Leitunternehmen Machtressourcen von Arbeitnehmer*innen und nationalen Institutionen theoretisch nicht in ausreichendem Maße zu berücksichtigen. Diesen „blinden Fleck“ werden wir im Folgenden sowohl theoretisch als auch mithilfe eines empirischen Vergleichs sozialen Upgradings in unterschiedlichen Branchen und Ländern adressieren.

Nach einer Positionierung in der theoretischen Debatte entwickeln wir in Abschnitt 2 einen Analyserahmen, der Machtressourcen aus verschiedenen Perspektiven berücksichtigt und hierdurch differenzierte Erkenntnisse zu sozialem Upgrading erlaubt. Dieses würde dann zum einen von der vertikalen Governance von globalen Wertschöpfungsketten oder ‐netzwerken abhängen, in denen Beschäftigten strukturelle und assoziative Machtressourcen in verschiedenen Branchensegmenten zur Verfügung stehen. Andererseits würde soziales Upgrading auch durch institutionelle Machtressourcen mitbestimmt, wie sie sich in nationalen Systemen industrieller Beziehungen niedergeschlagen haben. In Abschnitt 3 wenden wir diesen Analyserahmen an, indem wir den Einfluss dieser Governance auf die Machtressourcen von Beschäftigten in unterschiedlichen Branchensegmenten und nationalen Systemen industrieller Beziehungen empirisch in nationalen Sektoren des Globalen Südens vergleichen. Es folgt in Abschnitt 5 eine Zusammenfassung des theoretischen und empirischen Ertrags dieser Vorgehensweise.

2 Arbeit und industrielle Beziehungen in globalen Wertschöpfungsketten

Unternehmen aus dem Globalen Norden lagern nicht nur dann Zulieferaktivitäten in Länder des Globalen Südens aus, wenn sie dort zusätzliche Kompetenzen nutzen und neue Märkte bedienen möchten. Vorherrschend ist das Kalkül, Kosten und Risiken zu minimieren. Dies geht einher mit der Strategie, an Aktivitäten mit höherer Wertschöpfung festzuhalten und nur diejenigen mit geringeren Erwartungen im Hinblick auf die Wertschöpfung auszulagern. Basierend auf dieser Interessenlage konnten sich die Länder des Globalen Südens in den letzten Jahrzehnten verstärkt in GWKs integrieren. Es dürfte angesichts unterschiedlicher Ausgangssituationen hingegen nicht überraschend sein, dass diese Integration bisher extrem ungleich im Hinblick auf Renditemöglichkeiten verlaufen ist – ein Argument, welches die Weltsystemtheorie frühzeitig formuliert hat (Arrighi & Drangel, 1986, S. 16). Bis heute versprechen sich dennoch die meisten Entwicklungs- und Schwellenländer ein ökonomisches und auch soziales Upgrading, indem sie ihre wirtschaftlichen Aktivitäten auf GWKs hin orientieren.

Eine nützliche Differenzierung zwischen Strategien des zunächst ökonomischen Upgradings1 in GWKs bieten die Ausführungen von Humphrey und Schmitz (2002). Die Autoren unterscheiden zwischen Produkt-Upgrading, bei dem Unternehmen ihr Produkt oder ihre Dienstleistung qualitativ verbessern, Prozess-Upgrading über z. B. eine effizientere Technologie, funktionalem Upgrading, bei dem Unternehmen höherwertige Funktionen in der GWK übernähmen, und intersektoralem Upgrading, bei dem sie in einen neuen Sektor expandierten. In der Literatur zu GWKs wurde der Fokus dabei lange einseitig auf ökonomisches Upgrading und weniger auf Downgrading gelegt. GWKs wurden vornehmlich als Gelegenheitsstrukturen betrachtet (Werner & Bair, 2019, S. 187). Dennoch teilte die GWK-Forschung mit der Weltsystemtheorie die theoretische Annahme, dass immerhin einzelne Länder sich innerhalb der verschiedenen Stufen der globalen Ökonomie aufwärts oder abwärts bewegen können (Gereffi, 2018, S. 15).

In der Tat wurde meist, zumindest implizit davon ausgegangen, dass ökonomisches Upgrading automatisch die Lebensbedingungen der Arbeitnehmer*innen verbessert und so auch ein soziales Upgrading in Gang gebracht werden kann. In einer optimistischen Argumentation würde ein höherwertiges Produkt auch höher qualifizierte Beschäftigte mit höheren Entgelten und motivierenderen Arbeitsbedingungen nach sich ziehen. Dies ist jedoch zunehmend umstritten (vgl. Bair & Werner, 2015, S. 129). Einige wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass ökonomisches nicht immer zu sozialem Upgrading führt, und in manchen Fällen, insbesondere dort, wo auf eine „Low Road“-Strategie des Niedriglohnwettbewerbs gesetzt wird, in schlechteren Arbeitsbedingungen resultiert (Knorringa&Pegler, 2006). Barrientos (2019) und Rossi (2019) schlagen deshalb vor, soziale „Up-“ oder „Downgrading“-Trajektorien im Zeitverlauf vergleichend ergebnisoffen zu analysieren. Wir werden im Folgenden diese relationale und dynamische Betrachtungsweise aufgreifen.

Wir können an dieser Stelle die vielfältige theoretische Debatte über Arbeit in GWKs oder globalen Produktionsnetzwerken nicht in Gänze adressieren (vgl. dazu aber Ponte, Gereffi, & Raj-Reichert, 2019), werden jedoch im Folgenden diejenigen Theoriestränge skizzieren, die für unsere weitere Argumentation von besonderer Relevanz sind, da sie Anhaltspunkte dazu liefern, in welchen Konstellationen eher soziale Upgrading- oder Downgrading-Trajektorien zu erwarten sind. Hier bietet sich ein Rückgriff auf den Ansatz der GWK-Governance (Gereffi et al., 2005) an, der unseres Erachtens mit Perspektiven der Labor-Process-Theorie (Newsome, Taylor, Bair, & Rainnie, 2015), der Machtressourcen von Beschäftigten (Schmalz & Dörre, 2014) und industrieller Beziehungen im Globalen Süden (Hayter, 2018) verknüpft werden sollte.

Mit dem Ziel, die Arbeitsteilung und Koordination von Akteuren im Hinblick auf eine Globalisierung der Wertschöpfung zu konzeptionalisieren, haben sich u. a. zwei einflussreiche sozialwissenschaftliche Schulen herausgebildet: diejenige von Gereffi et al. (2005), die im Wesentlichen das Verhältnis von Zulieferern und Leitunternehmen in globalen Wertschöpfungsketten (GWK) betrachtet, und der komplexere Ansatz der globalen Produktionsnetzwerke (GPN) (Henderson et al., 2002), der a priori weitere ökonomische und nicht-ökonomische Akteure berücksichtigt. Die aus dem engeren Ansatz hervorgegangene Klassifikation von Gereffi et al. (2005) betont Machtungleichgewichte zwischen Leitunternehmen und Zulieferern, die je nach Art der Governance variieren, wobei diese im Wesentlichen durch die Produktkomplexität in einer Branche und die Kompetenz der Zulieferer bestimmt ist. Es werden fünf Governance-Typen von GWKs unterschieden: a) marktförmig, b) modular, c) relational, d) kaptiv und e) hierarchisch (vertikale Integration innerhalb eines Unternehmens).2

Im Fall der modularen Governance lagern die Leitunternehmen die gesamte Produktion an Kontraktfertiger aus, während sie sich auf die Funktionen mit höherer Wertschöpfung wie Forschung, Marketing oder Vertrieb konzentrieren. Elektronik-Marken wie etwa Apple können daher typische Produktionsrisiken und Arbeitskonflikte, die durch eine hohe Arbeitsintensivität in prekären Arbeitsverhältnissen entstehen, an Massenfertigungsunternehmen an Niedrigkosten-Standorten auslagern. Während es bei modularer Governance einer relativ hohen technologischen und organisatorischen Kompetenz der Zulieferer bedarf, so ist im Fall der kaptiven Governance, etwa in der Bekleidungsbranche, der Zugang zur Auftragsfertigung leichter. Gleichzeitig herrscht aufgrund des leichteren Marktzugangs ein hoher Wettbewerbsdruck, der in einer starken Machtasymmetrie zwischen Produzenten und auftraggebenden Einkaufsfirmen resultiert. Bei relationaler Governance sind die Transaktionen mit Zulieferern hingegen weitaus komplexer und daher langfristiger Natur wie in Teilen der Automobilbranche. Die Machtasymmetrie ist geringer als im kaptiven Fall, jedoch höher als bei modularer Governance. Dieser Ansatz bietet folglich eine trennscharfe Typologie von Handlungsspielräumen je nach vorherrschender Governance der GWK in einer Branche.

Im Unterschied zu solch einer Fokussierung auf das dyadische Verhältnis zwischen Leitunternehmen und Zulieferern, die in einer lebendigen und an Bedeutung gewinnenden „epistemic community“ durch weitere Aspekte angereichert wird, ist der Ausgangspunkt des alternativen Ansatzes globaler Produktionsnetzwerke (GPN) von vornherein ein Netzwerk aus Unternehmen und mannigfachen weiteren Akteuren (Henderson et al., 2002). Diese holistische Herangehensweise vermeidet einerseits a priori die Kritik einer Übersimplifizierung, die gegenüber dem GWK-Ansatz vielfach geäußert worden ist. Andererseits ist die Rekonstruktion, die zu einem Verständnis der evolutionären Dynamik von industriellen Produktionsnetzwerken führt, immer auf den Einzelfall eines spezifischen Netzwerks bezogen und forschungspraktisch sehr voraussetzungsreich.

Demgegenüber schärft die Typologie von Governance-Konstellationen nach Gereffi et al. (2005) den Blick auf verallgemeinerbare Muster zwischenbetrieblicher Asymmetrien, die dann vergleichend empirisch überprüft, falsifiziert oder weiterentwickelt werden können. Unser Erkenntnisinteresse des Zusammenhangs von GWK-Governance und Upgrading wird somit in zugespitzter Weise von diesem Ansatz bedient (siehe auch Yeung, 2020, S. 5). Trotz des höheren Grads an Komplexität auf Seiten des GPN-Ansatzes sind beide konkurrierenden Paradigmen jedoch der Kritik ausgesetzt, den Zusammenhang zu arbeitspolitischen Aspekten theoretisch nicht zufriedenstellend konzeptionalisiert zu haben – ungeachtet jeweils bedeutender empirischer Forschungstraditionen im Bereich von Arbeitsbeziehungen.

Lakhani, Kuruvilla und Avgar (2013) haben in Reaktion auf diese Kritik einen theoretischen Vorschlag entwickelt, in welchem sie, den GPN-Ansatz kritisierend und an die Typologie von Gereffi et al. (2005) anknüpfend, die Stabilität von Arbeitsverhältnissen bei Zulieferern in ein zweiseitiges Einflussgefüge bringen: einerseits derjenigen der von den Leitunternehmen ausgeübten Governance der GWK und andererseits den nationalen Institutionen der Zulieferer. Diesen Grundgedanken halten wir für weiterführend.

Wenn wir den Einfluss vertikaler Governanceformen zwischen Leitunternehmen und Zulieferern auf Arbeitsbedingungen anwenden, der sich typischerweise zwischen Branchen unterscheidet, kommen wir mit Lakhani et al. (2013) zu folgenden Schlussfolgerungen. Sowohl kaptive als auch modulare Governance impliziert für die Beschäftigten der Zulieferunternehmen prekäre Arbeitsbedingungen im Bereich gering qualifizierter Niedriglohnarbeit. Bessere Arbeitsbedingungen könnten im Fall relationaler Governance bei Zulieferern erwartet werden, wie sie etwa für die Automobilbranche charakteristisch ist. Denn hier gehen wir davon aus, dass die langfristigen und intensiveren Interaktionserfordernisse sowie das geringe Machtungleichgewicht zwischen Zulieferern und Markenfirmen stabilere Arbeitsbeziehungen und Beschäftigungsverhältnisse bedingen.

* Artikel eingegangen: 31. 08. 2020. Revidierte Fassung akzeptiert nach doppelt-blindem Begutachtungsverfahren: 31. 03.2021
** Prof. Dr. Christina Teipen, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, Badensche Straße 52, D-10825 Berlin. E-Mail: christina.teipen@hwr-berlin.de
Fabian Mehl, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, Badensche Straße 52, D-10825 Berlin. E-Mail: fabian.mehl@hwr-berlin.de
Wir danken der Hans-Böckler-Stiftung für die Finanzierung des Forschungsprojektes (Projektnr. 2017–233–1). Des Weiteren zollen wir unseren KollegInnen Hansjörg Herr und Petra Dünhaupt sowie unseren internationalen ForschungspartnerInnen, insbesondere Do Quynh Chi, Ernesto Noronha, Premilla D’Cruz, Praveen Jha, Anselmo dos Santos, Xiaoyan Liu, Yan Dong und Alex Mohubetswane Mashilo, Dank für die produktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Wir sind weiterhin den HerausgeberInnen dieses Schwerpunktheftes, Nora Lohmeyer und Jörg Sydow, für die Möglichkeit zur Veröffentlichung und ihr hilfreiches Feedback dankbar, für das wir ebenfalls den zwei anonymen GutachterInnen unseren Dank aussprechen.
1 Ökonomisches Upgrading kann in allgemeinster Form als steigende (reale) Netto-Wertschöpfung pro Vollzeit beschäftigter Person in einem Land oder einem Sektor definiert werden.
2 Marktbasierte Governance, die fast ohne explizite Koordination zwischen den Unternehmen auskommt, und hierarchische Governance, in der die Koordination über die vertikale Integration innerhalb eines Unternehmens organisiert ist, werden hier im Folgenden als äußerste Pole des Spektrums nicht behandelt.

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