Geblättert: „Traumaberatung in psychosozialen Arbeitsfeldern“ von Jürgen Beushausen und Andreas Schäfer

Trauma © Pixabay 2021 / Foto: Wokandapix

Traumaberatung in psychosozialen Arbeitsfeldern. Eine Einführung für Studium und Praxis

von Jürgen Beushausen und Andreas Schäfer

 

Über das Buch

In allen Bereichen der (psycho‐)sozialen Arbeit sind Fachkräfte häufig mit traumatisierten Menschen konfrontiert, was gerade für Berufsanfänger*innen und Studierende in der Praxisphase oft eine große Herausforderung darstellt. Sie benötigen daher besondere Kompetenzen und ein fundiertes Wissen über Traumatisierungen. In diesem grundlegenden Buch erhalten (angehende) psychosoziale Fachkräfte methodische Hilfen und Informationen zu Traumata sowie sozialwissenschaftlichen und gesundheitsbezogenen Konzepten.

Leseprobe: S. 56-61

 

4 Vom Trauma zur Traumaberatung

Mit Gahleitner und Rothdeutsch-Granzer (2016: 1) lässt sich zusammenfassen: „Traumatische Belastungen stellen psychosoziale Fachkräfte vor große Herausforderungen. Werden Traumabetroffene vom Hilfesystem jedoch interdisziplinär und adäquat unterstützt, kann ihre Überlebenskraft und -kreativität konstruktive Kräfte entfalten.“

Damit traumatisierte Menschen mit dem traumatischen Ereignis und dessen Folgeerscheinungen angemessen umgehen können, benötigen Sie ein funktionierendes Hilfesystem. Die Traumaberatung stellt ebenso wie die Traumapädagogik und die Traumatherapie Unterstützungsmöglichkeiten dar. Im Folgenden stellen wir auf Grundlage eines integrativen personzentrierten psychosozialen Ansatzes grundlegende Unterstützungsmöglichkeiten für traumatisierte Menschen vor. Zunächst geben wir einen Überblick auf die Traumaberatung (4.1) und die Beratungsplanung (4.2). Ausführlich beschäftigen wir uns dann mit der Diagnostik (4.3). Anschließend werden die Traumatherapie und die Traumapädagogik vorgestellt und Gemeinsamkeiten und Unterschiede erörtert (4.4).

 

4.1 Überblick Traumaberatung

Es gibt viele verschiedene Situationen, die für Menschen traumatisierend sein können. Anhand der Definition von Riedesser und Fischer (2016) wurde einleitend aufgezeigt, wie groß die Differenz zwischen der erlebten Situation und dem persönlichen Empfinden sein kann. Welche Auswirkungen schlussendlich ein Trauma auf den Menschen hat, ist „abhängig von der Art, den Umständen und der Dauer des traumatischen Ereignisses sowie vom Entwicklungsstand, in dem sich Betroffene zu diesem Zeitpunkt gerade befinden“ (Gahleitner, Rothdeutsch- Granzer 2016: 143). Entscheidend für den Entwicklungsstand sind schützende Faktoren wie beispielsweise die Beziehungsverhältnisse der betroffenen Person.

Traumaberatung ist eine Form von Unterstützung im psychosozialen Hilfesystem. In Verbindung mit dem personzentrierten Ansatz ist die „Beratung darauf gerichtet, behutsam beziehungs- und ressourcenorientiert stabilisierende, selbstexplorative Selbstheilungsprozesse anzuregen, um auch nach schweren Verletzungen ein Leben mit Lebensqualität zu ermöglichen“ (Gahleitner 2013: 176). Somit sind die Kernaspekte der Traumaberatung der Aufbau einer professionellen Beziehung sowie die Schaffung ressourcenorientierter Selbstheilungsprozesse. Daneben benötigen die psychosozialen Helfer klinische Kenntnisse, da die psychosoziale Beratung eine Doppelverortung besitzt und sowohl feld- als auch methodenorientiert arbeitet (vgl. ebd.: 176f.). Die psychosoziale Traumaberatung beinhaltet somit eine humanistische, personzentrierte Grundhaltung und Vorgehensweise vor dem Hintergrund eines klinisch-sozialarbeiterischen professionellen Verständnisses von Trauma, seiner Interaktion mit Bindung und seinen komplexen Folgeerscheinungen (ebd.: 177).

Im Gegensatz zur Traumatherapie findet die Traumaberatung nicht in einem abgeschlossenen Arbeitssetting statt. Stattdessen bezieht sie möglichst ein stabiles Beziehungsnetzwerk ein, welches sowohl aus Bindungsverhältnissen als auch aus Vernetzungen zwischen Institutionen bestehen kann.

Die Aufarbeitung der traumatischen Erlebnisse erfolgt erst nach Absprache mit dem Klienten und der Abwägung von möglichen Vor- und Nachteilen, da für viele Betroffene die Bearbeitung ihrer Traumata innerhalb einer Traumatherapie ein (zu) großes Hindernis darstellen kann. Somit steht nicht das Ziel einer Traumakonfrontation, sondern die Bewältigung von Traumafolgeproblemen im Vordergrund. Es gilt jedoch, die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Traumabewältigung zu schaffen und insbesondere einen Zugang und die Kontrolle über die eigenen Gefühle und Erfahrungen wiederzuerlangen. Dieser Stabilisierungsprozess ist wichtig, um sich schrittweise der Umwelt wieder anzunähern (vgl. Gahleitner, Weiß 2016: 407f.). Gahleitner und Weiß fügen zudem an, dass sich die Beratungskonzepte aus klinisch sozialarbeiterischer und personzentrierter Sicht auch auf die Psyche des Menschen beziehen. Dabei werden die individuellen Entwicklungspotenziale ebenso betrachtet wie die Störfaktoren.

Die Berater handeln stets im Sinne der konkret gemeinsam vereinbarten Ziele und Aufgaben. Vor allem die individuelle Betrachtung der Lebenswelt wird im Beratungssetting berücksichtigt. Unter Hinzunahme methodischer Vorgehensweisen versucht die Beratung, lebens- und alltagsorientiert zu arbeiten und dabei die Person in ihrem Umfeld zu betrachten. Gerade eine stabile und sichere Umgebung ist für Betroffene oftmals Voraussetzung, um traumatische Erlebnisse besser zu verarbeiten. Die Traumaberatung muss hierfür einen sicheren Raum schaffen. Im Kontext integrativer Konzepte der Traumaberatung bedeutet das, dass die Traumaberatung auch als Vermittlungsarbeit angesehen werden kann. Im Gegensatz zur Psychotherapie ist die Traumaberatung somit breiter gefasst „und kann subjekt-, aufgaben- und kontextbezogen sowie präventiv, kurativ und rehabilitativ einwirken“ (Gahleitner 2013: 180f.). Zudem bearbeitet die Traumaberatung auch Problemlagen, die über das eigentliche Trauma hinausgehen. Grundlegend bedeutsam ist die Ressourcenorientierung, um eine Stabilisierung sowohl auf physiologischer als auch auf emotionaler Ebene zu ermöglichen. Außerdem ist hier besonders die Psychoedukation hilfreich, um ein Verständnis der neurophysiologischen, psychischen und sozialen Prozesse bei einem traumatischen Ereignis in der Traumaberatung zu vermitteln. Den betroffenen Personen ist es somit eher möglich, ihr Trauma zu verstehen, wodurch die Traumabewältigung beschleunigt werden kann. Mit Gahleitner lässt sich zusammenfassen:

„Das Kompetenzspektrum klinisch sozialarbeiterisch ausgerichteter sozialtherapeutischer Beratung erstreckt sich dabei ‚von der Psychosozialen Diagnostik, der professionellen Bindungs- und Beziehungsgestaltung über Gesprächsführungskompetenzen und Wissensbestände individueller klinischer und lebensweltbezogener Veränderungsmodelle bis in System-. Vernetzungs- und Fallmanagementkompetenzen.‘“ (Gahleitner 2011: 682 zit. nach Gahleitner 2013: 181)

 

4.2 Beratungsplanung

Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind häufig mit Menschen konfrontiert, die aufgrund schwerwiegender Ereignisse eine Unterstützung in ihrem Leben benötigen. Dabei können die Anliegen sehr individuell sein, wodurch die Auftragslage oftmals nicht direkt erschlossen werden kann. Auch die Aufträge werden gemeinsam mit der ratsuchenden Person in der Beratungsplanung erarbeitet.

Im Fokus der Traumaberatung stehen zunächst die Beziehungsgestaltung, die psychosoziale Diagnostik, die Kriseneinschätzung sowie die Erschließung vorhandener Ressourcen. Dabei ist es wichtig, dass realistisch vereinbarte Ziele formuliert werden, die für die ratsuchende Person umsetzbar sind. Durch das Einbeziehen in die Beratungsplanung wird die Eigenverantwortung gefördert, wodurch Betroffene schrittweise eine Stabilität (wieder-)erlangen (vgl. Beckrath-Wilking, Biberacher 2013: 122f.). Selbstverständlich beinhaltet die Beratungsplanung immer eine diagnostische Phase, auf die wir ausführlich im nächsten Kapitel eingehen.

Für die Beratungsplanung lässt sich ein Konzept nutzen, das Petzold (1999b) unter dem umfassenden Begriff der Traumatherapie vorstellt. Er beschreibt mit seinem Konzept zehn Wege der Traumatherapie, die nacheinander oder parallel gewählt werden können. Von diesen zehn Wegen ist jedoch nur einer ein exklusiver Bereich der Traumatherapie, nämlich die Traumabearbeitung. Diese zehn Wege sollen benannt werden:

  1. grundsätzlich ressourcenorientiertes und lösungszentriertes Arbeiten
  2. Interventionen, die das „soziale Netzwerk“ reorganisieren und stärken
  3. die Copingfähigkeiten aufbauen und stärken, die
  4. Entspannungsfähigkeit fördern und psycho-physiologische Selbstregulation aufbauen (durch Entspannungs-, Atem- und Sport-/Lauftherapie)
  5. die symptomvermindernd arbeiten
  6. „Durcharbeiten“ der Traumaereignisse und ihrer Kontexte auf einer generellen Ebene, falls gewünscht und indiziert, auch auf einer spezifischen. (Es besteht immer die Gefahr einer Retraumatisierung.)
  7. Arbeit an der Konsolidierung des Wertesystems, Förderung von Überwindungsprozessen und engagierter Haltung
  8. Selbstbehauptungstraining und Förderung „persönlicher Souveränität“
  9. wo nötig unterstützende Medikation
  10. sozialtherapeutische und sozialintegrative Maßnahmen.

Deutlich wird, wie umfassend sich Traumaberatung verstehen lässt. In Verbindung mit diesen Wegen stehen im Integrativen Konzept von Petzold 14 Heil- und Wirkfaktoren, die ebenfalls genutzt werden können, um eine Beratung gemeinsam mit dem Klienten zu planen und Ziele zu erarbeiten. Auch diese Heil- und Wirkfaktoren (Petzold 2012b) sollen kurz genannt werden:

  1. Einfühlendes Verstehen, Empathie
  2. Emotionale Annahme und Stütze
  3. Hilfen bei der realitätsgerechten praktischen Lebensbewältigung
  4. Förderung emotionalen Ausdrucks und volitiver (willentlicher) Entscheidungskraft
  5. Förderung von Einsicht, Sinnerleben, Evidenzerfahrung
  6. Förderung kommunikativer Kompetenz und Beziehungsfähigkeit
  7. Förderung leiblicher Bewusstheit, Selbstregulation und psychophysischer Entspannung
  8. Förderung von Lernmöglichkeiten, Lernprozessen und Interessen
  9. Förderung kreativer Erlebnismöglichkeiten und Gestaltungskräfte
  10. Erarbeitung positiver Zukunftsaussichten und Erwartungshorizonte
  11. Förderung positiver persönlicher Wertebezüge, Konsolidierung der existenziellen Dimension
  12. Förderung eines prägnanten Selbst- und Identitätserlebens und positiver selbstreferenzieller Gefühle und Kognitionen, das heißt von „persönlicher Souveränität“
  13. Förderung tragfähiger sozialer Netzwerke
  14. Ermöglichung von Empowerment- und Solidaritätserfahrungen [supportiv, konfrontativ, protektiv].

Bei einigen Heilfaktoren (Nr. 3, 6, 7, 8, 9, 10, 13, 14) werden insbesondere Kompetenzen im sozialen und pädagogischen Bereich benötigt. Die aufgeführten Wirk- und Heilfaktoren zeigen zudem auf, dass klassische psychologischpsychotherapeutische Handlungskonzepte den häufig anzutreffenden, schweren psychosozialen mehrdimensionalen Störungen allein nicht gerecht werden und Interventionen multiperspektivisch, d.h. insbesondere auch auf soziale Faktoren, auszurichten sind.

Für die konzeptionelle Umsetzung dieser Heil- und Wirkfaktoren stellt Petzold zudem Modalitäten vor. Petzold (1993) unterscheidet zwischen folgenden Modalitäten:

  1. Übungszentriert (funktional, zum Beispiel richtige Atmung, Bewegung, Haltung, Regulierung von Spannung und Entspannung, Steigerung der Wahrnehmungsfähigkeit)
  2. Erlebniszentriert/emotionsorientiert (aufdeckend, zum Beispiel Bewusstwerdung, spezifische Körperhaltung als Ausdruck und Folge von Traumata)
  3. Konflikt-/störungsspezifisch (agogisch, zum Beispiel Selbstfindung, -verwirklichung, Arbeit mit kreativen Medien)
  4. Supportiv (stützend, beziehungsweise palliativ)
  5. Netzwerkorientiert
  6. Gegebenenfalls medikamentengestützt.

Mithilfe dieser Modalitäten und den genannten Wegen und Wirkfaktoren lässt sich so ein individueller Beratungsplan erstellen (ausführlicher siehe Beushausen 2020).

Diese Beratungsplanung erfolgt bei jedem Trauma individuell, also beispielsweise bei einem Monotrauma anders als bei einer komplexen Traumafolgestörung. (Typische Auslöser für ein Monotrauma sind beispielsweise: Überfall, Vergewaltigung, Suizidversuche, Einbruch, Probleme bei einer Geburt oder plötzlicher Tod von Angehörigen.)

Oftmals werden solche Monotraumata von den betroffenen Personen ohne fachliche Hilfe bewältigt, während komplex traumatisierte Menschen für die Traumaberatung in der Regel mehr Zeit und fachliche Hilfe benötigen. Diese Personen benötigen zunächst eine gewisse Basisstabilität und die Schaffung einer aktiven Mitarbeit.

Für die Beratungsplanung ist wichtig, dass Berater ein traumaspezifisches Fachwissen besitzen, insbesondere um komplex traumatisierte Menschen angemessen zu unterstützen. Oftmals treten gerade bei diesen Personen zu Beginn der Beratung Ängste und Motivationsprobleme auf, sodass klare und transparente Informationen notwendig sind, um dem Betroffenen einen nachvollziehbaren und partizipativen Beratungsprozess zu ermöglichen. Deshalb werden zu Beginn oftmals kleinere, alltagsnahe Themen bearbeitet, um eine grundlegende Basis zwischen Berater und betroffener Person herzustellen. Sobald eine Basisstabilität vorliegt, können im fortschreitenden Beratungsprozess „schwerwiegendere Themen“ bearbeitet werden. Innerhalb der Traumaberatung ist es zudem hilfreich, vorhandene Netzwerke in den Beratungsprozess zu integrieren, die miteinander mobilisiert, vernetzt und koordiniert werden (vgl. Beckrath-Wilking, Biberacher 2013: 127f.).

Eine wichtige Grundlage, um diese Aufgaben zu erfüllen, ist eine funktionierende, interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedenster Fachpersonen und Institutionen, aber auch mit Selbsthilfegruppen und nicht zuletzt den Angehörigen. Neben einer Psycho- oder Sozialtherapie benötigen die Klienten vielfach ein lebensweltorientiertes Einzelsetting, um dort reflexiv alltagsorientiert Unterstützung zu erhalten. Da die Betroffenen während der Traumatisierung, aber auch häufig in ihrem früheren Leben problematische Beziehungserfahrungen gemacht haben, benötigen die Klienten sogenannte „schützende Inselerfahrungen“ (Gahleitner, Cubasch-König 2017). Zudem sind häufig kreativ- oder bewegungstherapeutische Angebote und umgebende Netzwerke zur Herstellung eines übungs- und erfahrungsorientierten Übergangszeitraums bedeutsam. Auch sollte jeweils überlegt werden, inwieweit auch Paar- bzw. Familiengespräche hilfreich sind und ob beispielsweise Unterstützungsangebote zur Integration in den Arbeitsmarkt notwendig sind.

Auch nach einer ambulanten oder stationären Psychotherapie benötigen diese Personen häufig weiterhin Unterstützung, denn nur durch eine ausreichende Stabilisierung und/oder Bearbeitung des Traumas kann eine Wiederannäherung an die Umwelt stattfinden, um die Verantwortung für das eigene Leben (wieder) zu übernehmen (siehe Gahleitner, Cubasch-König 2017).

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