Geblättert: „Die semiglückliche Gesellschaft. Das neue Leben der Deutschen auf dem Weg in die Post-Corona-Zeit“ von Horst Opaschowski

Corona Maske © Pixabay 2020 / Foto: fotoblend

Die semiglückliche Gesellschaft. Das neue Leben der Deutschen auf dem Weg in die Post-Corona-Zeit – Eine repräsentative Studie

von Horst Opaschowski

 

Über das Buch

Wie sehen die Deutschen angesichts der Corona-Pandemie in die Zukunft? Diese erste repräsentative Studie über das neue Leben der Deutschen vor und während der Corona-Krise zeigt: Viele Menschen wurden ärmer, aber nicht unglücklicher. Ihr Wohlstandsdenken veränderte sich, und Gesundheit wurde so wertvoll wie Geld. Die Zuversicht wächst wieder – auch in unsicheren Zeiten.

Die repräsentative Deutschlandstudie umfasst den Zeitraum von der Prä-Corona-Zeit im Januar 2020 über die Corona-Krise im März 2020 bis zu den Corona-Lockerungen ab Juli 2020.

 

„Le bonheur allemand“: Die semiglücklichen Deutschen

„Ich bin semiglücklich, weil ich zurzeit alles habe. Dennoch befürchte ich, dass meine Zukunft gefährdet ist.“ In verschiedenen Schülergesprächen und -befragungen wies die Bildungsforscherin Irina Pilawa, meine Tochter, im Rahmen ihrer Mitarbeit am O.I.Z ein bei Jugendlichen vorherrschendes gespaltenes Lebensgefühl nach. In den persönlichen Äußerungen fiel mehrfach der Begriff „semiglücklich“ mit unterschiedlichen Begründungen: „Ich bin temporär optimistisch!“. „Ich denke, ich werde was. Also bin ich optimistisch.“ „Ich bin semi-glücklich, weil heute Freitag und morgen Wochenende ist.“

Optimismus-Gefühle wirken wie Momentaufnahmen und sind kein Dauerzustand. Sie sind schön, aber gefährdet – wie das Glück im Leben auch. Optimistisch sein heißt, sich momentan glücklich fühlen. Solche schönen Momente möchte man möglichst lange festhalten. Das ist Semiglück – wohlwissend, dass die Tür zum Glück nur ein Spalt breit geöffnet ist und beim Blick nach draußen schon das nächste Stimmungstief wartet. Semiglück heißt auch, nicht immer glücklich sein zu „müssen“.

Dieses Bild vom Semiglück entspricht der Stimmungslage der Deutschen auf dem Weg in die Post-Corona-Zeit. Ziemlich desillusioniert von den grenzen-losen Wohlstandsversprechen zur Zeit der Jahrtausendwende wandeln sich die Wünsche der Bundesbürger zunehmend vom Immer-Mehr zum Immer-Besser. Dabei geht es auch um Leib und Leben und nicht nur um Geld und Güter. Mit der anhaltenden Krise ist der Respekt vor einer Zukunft mit vielen offenen Fragen gewachsen. Ein ambivalentes Lebensgefühl macht sich breit: Sorge über das, was noch an Ungewissem kommt, aber auch Freude über das, was wieder besser wird.

Die Deutschen öffnen und wandeln sich in Krisenzeiten. Sie knüpfen an alte Traditionen an: Das Grußwort „Glückauf“ spielte in dem von Unglücksfällen und Katastrophen be-drohten Berufsstand der Bergleute eine existentielle Rolle. Entspricht nicht das Semi-glück der Deutschen heute dem bergmännischen Lebensgefühl früherer Zeiten? Das Bergmannslied „Glückauf, der Steiger kommt …“ war ein Weckruf, wobei „auf“ die Bedeutung von „aufwärts“ und „empor“ hatte, also die Rückkehr nach oben („zu Tage“). Glück-auf heißt heute: Es ist Licht in Sicht – es geht aufwärts!

„Semiglücklich“ lässt sich auch empirisch belegen: Nach dem Nationalen Wohlstands-Index für Deutschland (NAWI-D), den ich in Zusammenarbeit mit dem Ipsos-Institut seit 2012 vierteljährlich mit jeweils 2.000 Personen ab 14 Jahren in Deutschland durchführe, kann eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung von sich sagen: „Ich bin glücklich“ – auch in Krisenzeiten (Juni 2012: 57% – Juni 2019: 57% – Juni 2020: 60%). Eine stabile, aber gespaltene 60-zu-40-Gesellschaft zeichnet sich in Deutschland ab: Fast zwei Drittel der Deutschen fühlen sich auf der Sonnenseite des Lebens, die übrigen nicht. Es dominiert ein Lebensgefühl, das mehrheitlich von Lebensrisiken und pessimistischen Einstellungen wenig wissen will.

Wir entwickeln uns in Deutschland zu einer semiglücklichen Gesellschaft, die keiner Krisengesellschaft gleicht, sondern in ihrer Lebensqualität eher in der Mitte zwischen der Risikogesellschaft der 80er und der Erlebnisgesellschaft der 90er Jahre liegt. Die meisten Bundesbürger fühlen sich derzeit trotz Krise „semihappy, not full happy“, wie es der amerikanische Countrysänger Jerry Reed aus Nashville/Tennessee schon 1980 in seinem Song „I am semihappy“ musikalisch zum Ausdruck brachte: Ein Leben im „Semihappy Valley“, im Tal der Halb- oder Fast-Glücklichen. So lässt es sich ganz gut leben – auch in Deutschland, im Land der Fast-Glücklichen.

In der semiglücklichen Gesellschaft folgt auf jeden Rückschritt ein Fortschritt. Semiglück ist das Losungswort dafür. Nicht zufällig sprechen die Franzosen schon seit dem 18. und 19. Jahrhundert von einer besonderen Eigenheit der Deutschen: „Le bonheur allemand“ – die Fähigkeit, selbst in schweren Stunden und Zeiten dem Leben irgendwie ein positive Seite abzugewinnen. Für semiglückliche Deutsche ist ein „Armbruch kein Beinbruch“, weil man „Glück im Unglück hat“.

 

Repräsentativstudie: Empirisch, nicht spekulativ

„Die vorliegenden Forschungsergebnisse stellen eine empirische, keine spekulative Bestandsaufnahme dar. Die Gedanken zum Wohlergehen und zur Lebenszufriedenheit der Menschen basieren ausschließlich auf gesicherten Daten aktueller Repräsentativumfragen von 3.000 Personen ab 14 Jahren in Deutschland, die in drei Befragungswellen durchgeführt wurden – VOR der Krise (Januar 2020), IN der Corona-Krise (März 2020) und NACH den ersten Lockerungen (Juli 2020):

  • Die erste Welle begann mit Repräsentativerhebungen vor der Krise. „Wir leben in schwierigen Zeiten: Umwelt-, Wirtschafts- und Gesellschaftskrisen hinterlassen Spuren auf dem Weg in die Zukunft …“ Mit diesen Worten startete ich am 20. Januar 2020 eine erste bundesweite Repräsentativumfrage und stimmte die Bevölkerung auf gesellschaftliche Veränderungen in naher Zukunft ein – BEVOR das Corona-Virus Deutschland erreichte und der erste Corona-Fall in Deutschland am 27. Januar gemeldet wurde.
  • Die zweite Befragungswelle fand zwei Monate später vom 09. bis 19. März mit Beginn der Top-Corona-Zeit statt, als die WHO am 12. März die Verbreitung des Corona-Virus zur Pandemie erklärte, Ausgangsbeschränkungen in Deutschland drohten und politische Gebote und Verbote eskalierten: Veranstaltungen und Versammlungen wurden unter-sagt, Schulen und Kitas, Kinos, Läden und Restaurants geschlossen. Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmte die Bevölkerung am 18. März auf die „größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“ ein und rief zu „Verzicht und Opfern“ auf. In dieser Krisen-stimmung, als das öffentliche Leben in Deutschland stillgelegt wurde, fand die zweite Befragungswelle statt.
  • Die dritte Befragungswelle wurde vom 13. bis 19. Juli 2020 in Deutschland durchgeführt, als es spürbare Lockerungen für die Bevölkerung gab, die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes für die EU-Länder aufgehoben waren und die Deutschen wieder massenhaft ins Ausland reisen konnten. In dieser Aufbruchsstimmung wurde die Bevölkerung erneut nach ihren Lebenseinstellungen und Zukunftsperspektiven repräsentativ gefragt. Kontaktsperren, Versammlungs- und Reiseverbote waren aufgehoben und Gast-stätten, Geschäfte und Einkaufscenter wieder geöffnet.

In allen drei Zeitphasen von Januar bis Juli 2020 herrschte überraschenderweise in der Bevölkerung eine relativ große Gelassenheit.

Ausblick: Corona hat uns und die Gesellschaft verändert. Der schier unvorstellbare Shutdown hat nachhaltige Spuren hinterlassen. Es setzt ein Nachdenken über den „wahren Wohlstand“ ein: Offensiv, positiv und pro-aktiv nehmen die Menschen die Herausforderungen der Zeit an. Hilfsbereitschaft ersetzt Hilflosigkeit. Und Zukunftshoffnungen siegen über Angst und Sorgen. „German Angst“ ist Geschichte, „No future“ auch.

„Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten“. Bertolt Brecht hatte in seinem 1934 geschriebenen Gedicht „An die Nachgeborenen“ das Lebensgefühl der Menschen in Krisenzeiten treffend beschrieben. Zugleich aber ahnte er voraus: Die Menschen werden gestärkt aus der Krise hervorgehen. Die nächste Generation der „Nachgeborenen“ wird eine andere sein: Sie wird mehr für andere da sein und sich gegenseitig mehr helfen: „Wenn es so weit sein wird, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist …“

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Erscheinungstermin: 2. November 2020

 

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