Geblättert: „Selbstcoaching in der Wissenschaft“ von Katja Günther

Schreibfeder © Pixabay 2020 Foto: Bru-nO

Selbstcoaching in der Wissenschaft. Wie das Schreiben gelingt

von Katja Günther

 

Über das Buch:

Mit diesem bestärkenden Ratgeber befördert Katja Günther das Gute Leben, Schreiben und Arbeiten im Universitätsalltag. Die Autorin, Schreibcoach für wissenschaftlich Arbeitende und Mitgründerin des Schreibaschram, beleuchtet auf dem Hintergrund ihrer langjährigen Erfahrung wie Lebensqualität und Schreibproduktivität wirklich vereint werden können. Das Buch wendet sich an Promovierende, Postdocs und Professoren, und gibt essentielle Einblicke in das Grundlagen individueller Schreibproduktivität. Katja Günther ermuntert in lockerem Ton dazu, die eigenen Ressourcen zu aktivieren und dabei nichts als gegeben hinzunehmen. Ihr fundierter Hintergrund als systemische Coach und Gestaltherapeutin machen die Kapitel zu Quellen der Inspiration und des Mutmachens bei Schreibschwierigkeiten und für die gelingende Selbstorganisation.

Leseprobe: S. 25-29

 

Wie soll ich mich nur disziplinieren? – Freiheit durch Struktur

Später werde ich Sie noch genauer durch die einzelnen Faktoren gelingender Schreib- und Produktivitätsprozesse führen. Es ist erstaunlich, was sich für neue Schreib- und Arbeitswelten auftun, wenn wir die einzelnen Faktoren besser kennen und dann ein zu uns passendes Rezept entwickeln können. Aber was ist eigentlich Disziplin beim Schreiben (und im Leben) und warum macht uns oftmals schon das Wort schlechte Laune? Leider denken wir bei Disziplin meist zuerst an Autoritäten, die uns sagen, was wir wann wie zu tun haben, wie wir es aus der Schule, dem Elternhaus, von der Arbeit kennen. Wir verbinden das Wort mit von oben gemachten Vorgaben, die über unsere Zeit bestimmen und die uns eine Motivation vorgeben, die eigentlich eine larvierte Fremdmotivation ist. Jemand anders weiß, wie etwas zu funktionieren hat, und wir sollen es ausführen.

Disziplin als etwas Positives, etwas Erstrebenswertes in unserem Leben zu sehen, erscheint dagegen unzeitgemäß. Eine radikale Umdeutung von Disziplin ist jedoch möglich, wenn wir sie auf Selbst-Disziplin erweitern. Nicht Anpassung an soziale Vorgaben, sondern Individualismus und Selbstbestimmung rücken nun in den Fokus. Und welche Fähigkeiten erfordert Selbst-Disziplin? Was ist nötig, um ins Tun, ins Schreiben zu kommen? Was ist nötig, um etwas befriedigendes Ganzes zu schaffen und nicht schnell wieder abzubrechen und sich ablenken zu lassen?

Aus meinen Coachings, den Schreibaschrams und anderen Seminaren, die ich anleite, wird immer deutlicher: Die Hauptzutat für Disziplin ist die Tagesstruktur. Die Frage ist allerdings noch, wer gibt die Struktur vor, wenn es keine äußere Autorität ist? Und erkläre ich mich überhaupt damit einverstanden, eine vorgegebene Struktur anzunehmen und sie dann auch auszufüllen? In einem Klosterleben gibt die klösterliche Tagesstruktur, das Zönobium, den Rahmen für Arbeit, Beten und Ruhen vor. Sie hingegen müssen es in Ihrem welt­lichen Alltag selbst schaffen, sich eine Struktur auszudenken, sich diese selbst aufzuerlegen und dann auch einzuhalten, da Sie ja als an die Universität angebundene Menschen eben keinem Nine-to-five-Rhythmus unterliegen. Die Klostersimulation eines Schreib­aschrams oder ein Schreibseminartag kann das Gefühl erlebbar machen, innerhalb einer Tagesstruktur getragen zu werden. Wenn Ihnen eine klare Struktur vorgegeben wird, der Sie grundsätzlich bereit sind zuzustimmen, können Sie in den Zustand einer Selbst- Verpflichtung eintreten, die Ihnen einen neuen Frei-Raum eröffnet. Hier können Sie beginnen, sich ganz auf Ihre selbstgesetzte Aufgabe zu fokussieren und sich so in tiefere Konzentration bringen. Sie ver­schwenden keine Zeit und Willenskraft dafür, immer neue Entschei­dungen zu treffen, was jetzt „dran sein“ sollte: Vielleicht ja lieber doch die andere Aufgabe zuerst erledigen und danach in die Pause? Oder doch andersherum?

In unseren Schreibworkshops geben wir als Trainerinnen die Tagesstruktur vor und sorgen dafür, dass die Teilnehmenden es gut schaffen können, diese einzuhalten. Sie kennen den Zeitrahmen und haben ihm vorher zugestimmt. Sie müssen sich aber nicht darum kümmern, ihn einzuhalten, denn das machen wir Schreibcoaches für sie. Zu Hause, im Büro oder in der Bibliothek kann das beispiels­weise eine Timer-App auf dem Handy oder besser noch auf dem Laptop für Sie erledigen, die mit einem angenehmen Ton oder Bild das Ende eines Schreibzeitfensters einläutet. So kann man es auch leichter durchstehen, wenn innere Versuchungen aufpoppen. Hun­ger, Durst, auf die Toilette gehen, kurz noch eine SMS versenden, all das kann jetzt erst nach der vereinbarten Schreibzeit stattfinden. Weil Sie sich selbst, und an so einem Schreibtag auch laut anderen gegenüber verpflichtet haben, können Sie es schaffen, Ihre inneren Impulse einfach nur wahrzunehmen. Sie müssen ihnen nicht – wie sonst im Alltag gewohnt – sofort nachgeben. Unlustmomente stei­gen in Ihnen auf wie Seifenblasen, Sie bemerken sie, gehen ihnen aber nicht nach, schreiben und arbeiten einfach weiter. Falls sich ganz dringende Gedanken zeigen, notieren Sie sie auf einem Blatt Papier. Meine Kollegin Ingrid und ich nennen das die „Yes, yes and not now“-Liste. Das heißt übersetzt: „Ja gut, du hast jetzt diese Idee oder diesen Impuls im Kopf, aber denke an dein Schreibvorhaben im Moment und vertage alles, was dir einfällt, auf später. Dazu kannst du es kurz notieren, damit es aus dem Kopf ist und nicht verloren geht. All das, was Du meinst, jetzt unbedingt tun zu wollen, kannst du ja später noch tun.“ Sie werden sich allerdings wundern, wie vie­les nachher an Attraktivität verloren hat. Wie auf einmal das vorher so dringlich erachtete Putzen der Fenster zur mühseligen Pflicht mutiert, die notwendigen Anrufe doch am anderen Tag stattfinden können, die unbedingt notwendigen Yogaübungen sich wie purer Stress anfühlen und auch das leckere neue Kochrezept nun dem schnellen Rührei weicht. Der eigene Geist, der Sie immer wieder forttragen will, wird mit so einem simplen Blatt Papier am Arbeits­platz überlistet und freundlich zum Weitermachen innerhalb der vorgegebenen (Zeit-)Struktur gebracht.

Die Unlustmomente sind wichtige Anzeichen für den eigenen inneren Widerstand und stehen für eine kleine Angst, dem noch unzugänglichen Ungeschriebenen und Ungeformten ins Auge zu se­hen. Es sind möglicherweise auch Anzeichen dafür, etwas noch Un­klares mühselig zu Ende denken zu müssen und diese Anstrengung lieber zu vermeiden. Unser Gehirn gaukelt uns vor, unbedingt erst noch mehr wissen, erst noch dies oder das nachschlagen zu müssen, bevor wir weiterschreiben können. Aber Sie tun es einfach nicht, auf jeden Fall jetzt gerade nicht, denn dafür haben Sie ein anderes Zeit­fenster im Tag vorgesehen. Diese Unlustmomente deuten aber auch auf wichtige innere Prozesse von noch Vorbewusstem, nicht Ausfor­muliertem hin. Sie entspannen sich also in dem von Ihnen gesetzten Zeitrahmen – oder versuchen es zumindest – und machen einfach weiter. Im Text können Sie Auslassungszeichen und Markierungen anbringen, da, wo noch etwas fehlt, wo sich die Wissenslücke zeigt. Und später können Sie nachschlagen, verifizieren, einfügen, korri­gieren. Jetzt wird einfach stoisch weitergeschrieben und wenn es gar nicht vorangehen will, erlauben Sie Ihren Gedanken zu mäan­dern, vielleicht sogar mit einem frei heruntergeschriebenen Dada­text, in dem Sie beklagen, was Sie gerade alles nicht wissen und nicht können und wie blöd Sie alles finden. Eins sollte man aber bitte nicht tun: ganz aufhören. Das kennt man aus dem kreativen Schreiben und es hat sich inzwischen auch für den wissenschaftlichen Schreibprozess als extrem sinnvoll er­wiesen, damit man sich beim Schreiben nicht ständig mit dem An­spruch ausbremst, dass alles auf Anhieb richtig und toll formuliert sein muss. Auf diese Weise entsteht die Textmasse, die Sie dann weiter bearbeiten können. Damit erlauben Sie Vorläufigkeit und Im­perfektion als kreative Methode in Ihrem Leben. Sie laden Ihr noch implizites Wissen ein, ruhig und langsam an der Oberfläche Ihres Bewusstseins aufzutauchen. Es muss noch nichts richtig sein. Nichts perfekt. Sie dürfen um die Ecke denken und assoziieren. Irgend­wann taucht von ganz allein wieder eine Denkspur auf, die Ihnen durchs Dranbleiben zeigen wird: Hier entlang führt der Weg.

Die Fähigkeit, an Ihrem gesetzten Ziel dranbleiben zu können und den dahinter liegenden größeren Wert im Auge zu behalten, nämlich, dass Sie überhaupt erst einmal einen Text produzieren wollen, ermöglichen es Ihnen, Ihre anderen Bedürfnisse für eine ge­wisse Zeit aufzuschieben. Es geht also vor allem darum, die Ausrich­tung auf etwas hin zu behalten und dafür auch Momente der Unlust und des Nichtwissens in Kauf zu nehmen. Denn es ist doch besser, später über mehr Rohtext zu verfügen, als sofort ganz schnell doch noch die Mails beantwortet, ein Brot gegessen und einen Anruf ge­macht zu haben, oder? Genau hier bewirkt eine gute, klare Struktur Wunder. Eine, die Ihnen freundlich gesonnen ist, die Sie nicht als fremd gesetzt erleben, sondern als von Ihnen selbst autorisiert. Es geht dann um das Aufschieben von Bedürfnissen und die Kontrolle über Ihre Impulse. Danach werden Sie sich belohnen und können sich während der Durststrecke und der Zähigkeit der Zeit, während der ganzen unguten Gefühle, des Unwillens und der mühsamen Schreiberei auf später freuen.

Mit jeder am Tag getroffenen Entscheidung nimmt die Willens­kraft ab. Mit jedem Willenskraftakt ermattet der „Willensmuskel“ durch das ständige sich zwischen Alternativen entscheiden und noch dazu Pflichten erfüllen müssen. Am Ende eines Tages ist es oft so mühselig, Entscheidungen zu treffen und sie auch einzuhalten. Dann brechen all die schlechten Gewohnheiten oft durch, weil die Fähigkeit zum Neinsagen einfach erschöpft ist. Versuchen Sie also, bestimmte Entscheidungsprozesse durch eine klare Struktur, die nicht mehr ständig neu ausgehandelt oder verteidigt werden muss, überflüssig zu machen. Das einzige was zählt, ist das Jetzt. Im Mo­ment. Schreiben. Bis der Timer das Ende des selbstgesetzten Zeit­fensters markiert. Schalten Sie währenddessen auf jeden Fall auch äußere Ablenker wie Handys oder vielleicht das Internet aus.

Ich möchte Ihnen vor allem ein bisschen Lust auf Struktur zu machen. So kann mithilfe eines Zeitrahmens aus der alten, etwas muffigen, von außen aufoktroyierten Disziplin die frische, motivie­rende, von innen gespeiste Selbst-Disziplin entstehen. Und die fühlt sich so viel schöner an.

  • Welche Schreib-Zeitfenster möchte ich heute mit mir vereinba­ren?
  • Welche Arbeitshemmnisse müsste ich dazu aus dem Weg räu­men?
  • Was ist ganz konkret dafür zu tun?
  • Wie lange werde ich mein Handy oder das Internet ausschalten?
  • Habe ich Hunger, Durst oder bin müde – und will ich jetzt gerade etwas dagegen tun? Oder kann ich mich noch fürs Aufschieben entscheiden?
  • Möchte ich jedem Impuls folgen? Oder kann ich ihn auf meine „Yes, yes and not now“-Liste schreiben und später überprüfen, wie wichtig er dann noch ist.
  • Für welche inhaltliche Priorität habe ich mich für das nächste Zeitfenster entschieden und was genau kann ich tun, um wirk­lich dabeizubleiben?

 

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Katja Günther: Selbstcoaching in der Wissenschaft. Wie das Schreiben gelingt

 

 

 

© Pixabay 2020 / Foto: Bru-nO