Geblättert: „Schreiben im Architekturstudium“ von Simone Kraft

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Schreiben im Architekturstudium

von Simone Kraft

 

Über das Buch

Architekten müssen nicht schreiben? Doch. Architektur muss kommuniziert werden – über das Wort ebenso wie über Pläne, Modelle und Animationen. Von der Entwurfsarbeit über wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten bis hin zu Öffentlichkeitsarbeit – der Ratgeber sensibilisiert für die Bedeutung von sprachlicher Kommunikation in der Architektur, die im Studium oft vergessen und vor allem nicht kontinuierlich betreut wird. Das Buch schließt diese Lücke und vermittelt mithilfe von Praxisbeispielen und Übungen die Grundlagen des guten Schreibens, die nicht nur für das Studium, sondern auch für das erfolgreiche Wirken im Beruf wichtig sind.

Leseprobe: S. 7-13

 

1 Schreiben im Architekturstudium

1.1 In der Architektur muss man nicht schreiben …

In der Architektur wird gezeichnet, geplant, entworfen – aber ge­schrieben? Architektinnen und Architekten müssen doch nicht schreiben. Dieser Ansicht begegnet man oft in diesem Studienfach. Und in der Tat werden, anders als etwa in den Geisteswissenschaf­ten, keine umfangreichen Hausarbeiten verlangt oder, wie in vielen naturwissenschaftlichen Fächern, Forschungsberichte erstellt. Die Aufgabe von Architekturstudierenden besteht, ähnlich wie in ande­ren kreativen Studiengängen, nicht vorrangig in einer schriftlichen Abgabeleistung. Vielmehr entsteht ein „Produkt“ – ein Entwurf, ein Konzept. Salopp gesagt: Am Ende der Arbeit eines Architekten, ei­ner Architektin steht ein Haus, kein Buch.

Nichtsdestotrotz wird auch in der Architektur kommuniziert: mit Bauherrinnen, auf der Baustelle, mit Kollegen, mit Chefinnen, auch mit Anwohnern, mit Laien und Interessierten, mit Behörden und Ausschüssen, mit den Medien. Das, was im Kopf entstanden ist, muss weitergegeben werden. Dafür stehen viele Hilfsmittel zur Ver­fügung: Ideen können in Form von Modellen, Zeichnungen, Plänen, Renderings mitgeteilt werden – und über Sprache. Dies beginnt im Studium mit Präsentationen und Vorträgen und setzt sich später im Beruf unverändert fort: E-Mails, Anträge, Bauherren-Gespräche, Wettbewerbsbeiträge, Pressemitteilungen, Darstellungen auf der Website, Texte für Verwaltung und Behörden … Die Palette an Berei­chen, in denen sprachlich kommuniziert wird, ist weitaus größer, als es im ersten Augenblick den Anschein hat. Es mag desillusionieren, aber letztendlich sind in der Architektur Tätige auch davon abhän­gig, wie sie Ideen kommunizieren und damit verkaufen können.

Kurz gesagt: Architektinnen und Architekten arbeiten sehr wohl mit Sprache und Text – denn auch die gesprochene Sprache ist ein Text, der vorbereitet wird. Sie neigen allerdings dazu, ihre sprachlichen Möglichkeiten zu vernachlässigen.

 

1.2 Das Potenzial des Schreibens für Architektinnen und Architekten

In meiner Arbeit in einem Ausstellungsraum für Architektur konnte ich immer wieder beobachten, wie sehr Besucherinnen und Besu­cher, ganz gleich, ob sie fachlichen Background besitzen oder nicht, gerade schriftliche Informationen nachfragen. Abbildungen, Illus­trationen, Pläne sprechen eigentlich für sich und werden studiert. Häufig sind es jedoch gerade die sprachlichen Angaben, die einen Rahmen und Verständnishilfen zu den ausgestellten Objekten geben und auf die für grundlegende Informationen zurückgegriffen wird.

Leider haben die bereitgestellten Texte oft Schwächen. Immer wieder begegne ich unstrukturierten Texten, sprachlich holprig for­muliert, in der formalen Darstellung nicht sauber, so dass das Lesen wenig Spaß macht. Allzu oft gehen dadurch auch Ideen verloren und das Potenzial, spannende Inhalte einem breiten Publikum bekannt zu machen, wird verschenkt. Ähnliches lässt sich übrigens auch in Wettbewerbsbeiträgen, Präsentationen oder bei Jurysitzungen be­obachten.

Fragt man bei Architekten und Architektinnen zu diesem The­ma nach und bittet um Einblick in ihre Alltagspraxis, wird deutlich, dass sie sich ihrer sprachlichen Defizite durchaus bewusst sind. Hin und wieder kokettieren sie sogar damit. Im Studium sei das The­ma zu kurz gekommen, heißt es dann. Man habe dazu leider keine Betreuung, keinen Input erhalten. Das sei schade, denn Kommuni­kation spiele – neben allen anderen Handwerkszeugen – eine we­sentliche Rolle im Berufsleben und bedeute letztendlich auch einen professionellen Vorteil: Ein souveräner Umgang mit Sprache, Text und Kommunikation sei, ebenso wie das primäre architekturübliche Handwerkszeug, eine Visitenkarte, die für sorgfältiges und profes­sionelles Arbeiten stehe.

Studierende, Absolventinnen und Absolventen wiederum be­tonen die Überforderung, neben dem Entwerfen im Studium auch noch schriftlich arbeiten zu müssen. Insbesondere durch die Um­stellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse auch in der Architektur hat sich in den vergangenen Jahren einiges im Curriculum verän­dert. Die Anforderungen an Textleistungen sind größer geworden.

So müssen Studierende bei Masterabschlüssen mittlerweile in der Regel auch eine schriftliche Ausarbeitung abgeben, was für Diplom­abschlüsse früher nicht zwangsläufig nötig war. Viele von ihnen füh­len sich mit diesen Anforderungen allein gelassen: Es finde keine Schreibbetreuung statt, es gebe wenig bis gar keine Hilfestellungen und Informationen zur sprachlichen Arbeit. Auch viele Lehrende deuten an, dass in diesem Bereich Nachholbedarf besteht, den sie jedoch nicht leisten können. Schreibberatungen oder -werkstätten, wie sie in anderen Studiengängen mittlerweile immer üblicher wer­den, werden im Fach Architektur bislang zumeist nicht angeboten.1

Mittlerweile setzt an vielen Architekturfakultäten hier ein Um­denken ein. Die Sensibilität für die Bedeutung des Schreibens als ein Handwerkszeug von Architekten und Architektinnen schärft sich allmählich, nicht zuletzt durch die genannte Umstellung auf Ba­chelor- und Masterabschlüsse und den damit verbundenen schrift­lichen Abgabeleistungen.2

 

1.3 Architektinnen und Architekten müssen nicht schreiben – sie können

Die gute Nachricht ist: Schreiben und Texten sind auch im Architek­turbereich nichts, das nicht mit ein wenig Anleitung und Training gut zu meistern wäre. Bei der Arbeit mit Studierenden konnte ich beobachten, dass schon mit wenigen Hilfestellungen deutliche Ver­besserungen beim Verfassen von Projektkonzepten zu beobachten waren – und bei der Schlusspräsentation am Ende des Seminars! Etwas bewusst zu versprachlichen bedeutet, Struktur in die Gedan­ken zu bringen, um sie gut verständlich kommunizieren zu können. Dadurch kann nicht nur ein schriftlicher Text entstehen, sondern auch ein gelungener mündlicher Vortrag. Dies ist ein großer Vorteil des Schreibens in unserem Sinne, der häufig vergessen wird: Wer seine Ideen in einem gut strukturierten Konzept notiert, wird sie auch besser präsentieren – eine grundlegende Schlüsselkompetenz des professionellen Arbeitens in der Architektur.

Hier setzt das vorliegende Buch an. Fassen wir noch einmal die Beobachtungen zusammen, die der Herangehensweise auf den fol­genden Seiten zugrunde liegen:

  1. Architekten und Architektinnen gewinnen durch das Schreiben ein professionelles Handwerkszeug zur Kommunikation ihrer Gedanken.
  2. Architektur muss kommuniziert werden. Das Schreiben ist da­für ein fundamentales Handwerkszeug von mehreren – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
  3. Schreiben in der Architektur bedeutet in unserem Kontext: In­halte in eine sprachliche Struktur bringen, um sie mitzuteilen – in schriftlicher oder mündlicher Form.

Ziel dieses Buches ist, Sie für diese Punkte zu sensibilisieren und Ihnen Methoden an die Hand zu geben, mit denen Sie das „Projekt Schreiben“ in der Architektur meistern und hoffentlich auch die Scheu davor verlieren, mit Texten in Ihrem Fach zu arbeiten. Und wer weiß, vielleicht finden Sie sogar Spaß daran!

Nach einem Blick auf die Theorie – welches Potenzial hat schriftliche Kommunikation in der Architektur und warum ist diese nötig? – folgt im nächsten Kapitel der Schritt zur praktischen An­wendung. Wir beginnen mit den Basics, die jeder Architekt, jede Ar­chitektin beherrschen muss: Das Erstellen eines architektonischen Konzepts und die Beschreibung eines Bauwerks. Wer diese Grund­lagen beherrscht, ist auch gewappnet für umfangreichere Texte wie Hausarbeiten, Bachelor- und Masterarbeiten. Bestimmte Basics ge­hören dazu und diese kann man lernen!

Es geht darum, Ihr Bewusstsein als Architekturstudierende für Sprache, Text und ihre Möglichkeiten zu schärfen. Das gilt im Übri­gen auch für berufstätige Architektinnen und Architekten, denn es finden sich in diesem Buch durchaus auch Tipps, die nicht exklusiv Studierenden nützen. Die Sensibilität für das Sprachliche erschöpft sich nicht mit dem Studium. Teil einer akademischen Ausbildung ist, ungeachtet der fachlichen Spezialisierung, immer auch, die Be­deutung von Kommunikation für die Gesellschaft zu verstehen – der bewusste Umgang mit Sprache und die Entwicklung der Kommu­nikationsfähigkeit gehören dazu. Übrigens wird es in diesem Buch nicht darum gehen, kreativ, also mit literarischem Anspruch zu schreiben.

Danach richten wir den Blick auf das wissenschaftliche Arbei­ten. Wie zitiere ich und warum eigentlich? Was sind Quellen und wo finde ich sie? Zwar ist das Architekturstudium wie andere kreative Studiengänge nicht auf schriftliche Forschungsleistungen ausgerich­tet. Dennoch kann und soll auch in der Architektur wissenschaftlich gearbeitet werden. Die Kenntnis der Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens gehört dazu, wenn man sich in einem akademischen Um­feld bewegt. Das wissenschaftliche Schreiben mit seinen Konventio­nen ist ein Handwerk, das man lernen kann – das gilt auch für den Bereich der Architektur, in dem die Anforderungen weniger einheit­lich formalisiert sind als beispielsweise in der Psychologie oder den Wirtschaftswissenschaften. Sie müssen als Architekturstudierende nicht ständig die Zitierregeln präsent haben – Sie müssen nur wis­sen, dass es sie gibt und wo Sie sie bei Bedarf nachlesen können. Und damit habe ich Ihnen schon eine wichtige Fähigkeit des akade­mischen Arbeitens verraten: Zu wissen, wo Sie welche Information erhalten und nachschlagen können.

„Schreiben im Architekturstudium“ will ein Hilfsmittel sein, das Sie hierbei jederzeit heranziehen können. Das Buch ist so struktu­riert, dass Sie es am Stück lesen können, aber nicht müssen. Suchen Sie sich die Kapitel, die Sie interessieren, lesen Sie quer, schlagen Sie immer mal wieder etwas nach. Dieses Buch deckt eine ziemlich breite Palette an Themen ab, um Ihnen die Basics zu vermitteln. Wenn Sie an einer Stelle intensiver einsteigen möchten, werden Sie in anderen Büchern weiteren Input finden. Einige nenne ich Ihnen am Ende des Buches und möchte Sie ausdrücklich dazu ermutigen hier weiter zu recherchieren.

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1 Generell ist die Vorbereitung auf das Schreiben im Studium in Deutschland nicht allzu gut, etwa im Vergleich zu angelsächsischen Ländern. Eine allge­meine Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten mag noch zum Grund­studium gehören. Darüber hinaus jedoch existiert keine praktische Betreuung, es wird kein Feedback zu sprachlicher Vermittlung gegeben; entsprechende Angebote und Lehrpersonal gibt es nur selten. Das ist sehr bedauerlich, denn wie so oft lernt man nur aus der praktischen Anwen­dung – indem man auch Fehler machen kann, Rückmeldung hierzu erhält und sich dadurch weiterentwickeln kann. Oft wird auch aus Mangel an posi­tiven Erfahrungen mit den Möglichkeiten des bewussten Versprachlichens von Seiten der Lehrenden wenig Wert darauf gelegt. Auch hier setzt lang­sam ein Umdenken ein.

2 Auch begegnen wir dem Fach der Architekturkommunikation, einem relativ jungen Forschungsgebiet, häufiger. Einige wenige Architekturfakultäten wie die des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) haben einen eigenen (hal­ben) Lehrstuhl dafür etabliert. Als Teil der Wissenschaftskommunikation ist sie breiter gelagert als das Thema der schriftlichen Kommunikation im Be­reich der Architektur, mit dem wir uns hier befassen.

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