Geblättert: „Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern: Soziale Arbeit“ von Fritz Schütze

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Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern: Soziale Arbeit

von Fritz Schütze

 

Über das Buch

Im Mittelpunkt des dritten Bands dieser Reihe steht die professionelle Arbeitslogik der Sozialen Arbeit, die Autor Fritz Schütze in der Fallanalyse und Fallarbeit verankert sieht. Diese Perspektive wird anhand zahlreicher empirischer Beispiele ausformuliert. Der Band deckt Kernprobleme beruflicher Anforderungen der Sozialen Arbeit und die professionellen Handlungsmittel ihrer Bearbeitung auf. Reflexionsfragen ermöglichen den Leser*innen eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Text.

 

3 Die Professions- und Wissenschaftsarchitektur der Sozialarbeit

Sozialarbeit ist, wie ich schon eingangs angedeutet habe, zunächst einmal eine Profession und keine Wissenschaftsdisziplin an sich und für sich – wie das auch nicht die Medizin ist. Der Sozialen Arbeit als Profession liegt ein komplexer Wissenschaftsaufbau zugrunde, wie das auch – in noch höherem Maße – in der Medizin als Profession der Fall ist. In den beiden Professionen gibt es aber auch professionalistische Wissensbestände, die nicht aus den jeweiligen wissenschaftlichen Fundierungsdisziplinen abgeleitet werden können. Dabei handelt es sich um handlungs- und personenbezogene Erfahrungs- und Reflexionsbestände, die freilich sozialwissenschaftlich vertieft und systematisiert werden können. Das gilt im Übrigen auch für die Medizin. Dort in der Medizin geht es um implizite Wissensbestände wie „volkswissenschaftliche“ Vorstellungen (Herzlich, Flick u. a. 1998) von Gesundheit, Krankheit und Physiognomien von Krankheit, die als „Alltagsmenschen“ auch Ärzte haben, und um die Typisierungen der Ärzte von ihren Patienten und von deren Fähigkeiten, Bereitschaften und Verpflichtungsgefühlen, an den medizinischen Behandlungsregimen mitzuwirken. In beiden Professionen gibt es zudem metaprofessionell-reflexive Einschätzungs-, Klärungs- und Kritikverfahren, die sich mit den Fehlern bei der Arbeit und mit den Paradoxien des professionellen Handelns beschäftigen (in der Medizin z. B. Balintgruppen; in diesem besonderen Klärungsarrangement ist die Bereitschaft, über eigene Fehler zu kommunizieren und zu reflektieren, enorm hoch.) Die Aussage, dass die Soziale Arbeit keine Wissenschaft, sondern „nur“ eine Profession ist, bedeutet entsprechend keineswegs, dass sie nicht im Zuge ihrer Arbeit fortlaufend erkenntnisgenerierend wäre. Durch ihre permanenten Erkundungs-, Analyse- und Reflexionsaktivitäten schafft sie – sobald ihre Aktivitäten nicht ausschließlich automatisiert (in Reaktion auf eindeutige Kategorisierungen von Aktivitätsnotwendigkeiten) ablaufen, was bei guter Sozialer Arbeit nur in wenigen Bereichen von beruflichen Standardverrichtungen der Fall ist – einen virulenten Nachdenk- und Erkenntnisüberschuss. Dieser fortlaufende Erkenntnisdruck animiert die eigenständigen Erkundungsaktivitäten der sozialen Arbeit und die thematisch entsprechenden Forschungsaktivitäten der Sozialwissenschaften, wenn letztere sich denn mit Problemstellungen der Sozialen Arbeit beschäftigen und auf die Stimmen dort – sowohl auf die der Professionellen als auch auf die der Klienten – hören, zu neuartigen Fragestellungen und Forschungsanstrengungen. Im Gegensatz zu vielen anderen Forschungsanstrengungen in den Sozialwissenschaften sind diese Fragestellungen fall-, prozess- und fehleranalytisch; sie sind in den konventionellen Sozialwissenschaften traditionell wegen des seit den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts dominanten statistisch-repräsentativen Generalisierungsinteresses und des (jeweils einzelgesellschafts-bezogenen) Kollektivaussagen- Interesses vernachlässigt worden.

Zudem ist auch noch festzustellen, dass die Fragestellungen der Sozialen Arbeit wegen des Totalisierungscharakters sozialer Probleme einen die wissenschaftlichen Disziplingrenzen überschreitenden Charakter haben. Sozialarbeit bringt wegen der Problemstellungen der Klienten immer wieder neue Hybridgebiete der professionellen Praxis und damit dann auch der kreativen wissenschaftlichen Problem- und Handlungsforschung hervor: z. B. die Erforschung der Problem- und Handlungsfelder der Suchttherapie, der Schulsozialarbeit, der Mediation, der Schuldnerberatung, der Jugendgerichtshilfe (vgl. Kraimer 2013), der Betreuung von besonders stigmatisierten und ausgegrenzten Migrationsgruppen, der psychosoziale Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik, an der auch Sozialarbeiterinnen mitwirken (Ackermann 2005) sowie der psychosoziale Beratung im Bereich der humangenetischen Kinderwunschbehandlung, bei der die psychosoziale bzw. sozialarbeiterische Beratungszuwendung empfindlich fehlt, sobald die Behandlungssituation schwierig wird, weil sich kein Erfolg einstellt (vgl. Hoffmann 2017). Diese neuen grenzüberschreitend-interdisziplinären Forschungsgebiete erzwingen fortlaufend neuen Forschungsbedarf, wie das auch in den Grenzbereichen der Medizin z. B. bei der Behandlung der als psychosomatisch angesehenen oder der vermutlich durch Autoimmunreaktionen hervorgerufenen Krankheiten der Fall ist (vgl. Werwick 2012 sowie Perleberg, Schütze und Heine 2006). Die entsprechenden „forschungsprovozierenden“ Hybridgebiete entstehen und existieren mit besonderer Notwendigkeit gerade auch im Gesamtfeld der Sozialen Arbeit (einschließlich der Sozialpädagogik), weil diese Profession wegen des Totalitätszuschnitts ihrer Fallprobleme das „gesamte Leben“ impliziert und deshalb zur fortlaufenden interdisziplinären Grenzüberschreitungen gezwungen ist. Diese Grenzüberschreitungen überspringen z. T. sogar die fachliche Gesamteingrenzung der Sozialwissenschaften; sie führen teilweise weit in die Fachgebiete der Medizin, der Psychologie, der Rechtswissenschaften und der Wirtschaftswissenschaften hinein.

Man kann also mit gutem Gewissen behaupten, dass die Soziale Arbeit eine intensiv und extensiv erkenntnisgenerierende Profession ist, die viele neue Forschungsfragestellungen und sogar Forschungsfelder anregt, obwohl sie selbst keine Wissenschaft im eigentlichen Sinne ist. Im Folgenden möchte ich kurz den Professionsaufbau der Profession der Sozialen Arbeit, ihre Wissenschaftsfundierung und die generelle Struktur ihrer Arbeitsbögen in drei Aufzählungslisten wichtiger Merkmale schematisieren.

 

3.1 Die Professionsmerkmale der Sozialarbeit

Die Professionsmerkmale der Sozialarbeit sind – grob skizziert – folgende:

a) Die Profession der Sozialarbeit verfügt über eine höhersymbolische Sinnwelt, die akademisch in einem Studium innerhalb einer „Professionsschule“ angeeignet werden muss. Dieses Studium beinhaltet:

− den Zugriff auf Fundierungswissenschaften wie (verstehende) Psychologie bzw. Psychotherapie17, Erziehungswissenschaft, Soziologie und Ethnologie (letzteres in den lateinamerikanischen Ländern),

− die hybridisierende Kombination von Wissenschaftsdisziplinen im professionellen Arbeitsbogen unter der Orientierungsleitung von Praxisfragestellungen,

− die Aneignung von Untersuchungsstrategien der Problembearbeitung sowie

− die Einübung in generelle Interventionsstrategien.

b) Die Profession der Sozialarbeit weist einen intensiven Klientenbezug auf; es geht stets um die Untersuchung und Bearbeitung der historischen Fallsituation des Klienten.

c) Der professionelle Beruf der Sozialarbeit liefert der Sozialarbeiterin biographische Sinnquellen; er wird, wie das schon Everett Hughes (1971, S. 326–359, 364–386) konstatierte, zum integralen Teil ihrer persönlichen Identität.

d) Umgekehrt werden auch die eigenen biographischen Erfahrungen (außerhalb von Sozialarbeitsthematiken im engeren Sinne) zu zentralen Sinnquellen und zur wichtigen Erkenntnisressource im Zuge der professionellen Erkundungs- und Interventionsarbeit, aber auch in der diese fundierenden fallbezogenen qualitativ-rekonstruktiven Forschungsarbeit.

e) Sozialarbeiterinnen zeichnet wie Ärzte eine ambivalente, z. T. auch dezidiert kritische, Haltung gegenüber Organisation als fremdsteuernder Kontrolle und Handlungsplattform der eigenen professionellen Arbeit aus (Strauss et al. 1964/1981, Kap. 15 und 13, aber auch 5 und 12; Elliot Freidson 1975, Kap. 5 und 7).

f) Viele Sozialarbeiterinnen weisen wie auch viele Ärzte eine reflexive Bewusstheit gegenüber der grundlegenden Paradoxalität und dem systematischen Störpotential professioneller Arbeit auf, also insbesondere für die Paradoxien und systematischen Fehler bei der Arbeit. Wenn auch nicht jede Sozialarbeiterin – wie auch nicht jeder Arzt – in jeder Handlungssituation selbstkritisch und fehlersensibel ist, so wird aber doch die reflexive Bewusstheit im Kontext und im Wege von speziellen Metaklärungsverfahren wie Supervision, Balintgruppen, Fallbesprechungen usw. erwartet, eingeübt und zur professionellen Selbstkritiknorm gemacht.

g) Die Profession der Sozialarbeit verfügt wie die Profession der Medizin eindeutig über eine eigene höhersymbolische professionelle Sinn- und Sozialwelt, die Diskursarenen und zentripetale Orientierungsausrichtungen der professionellen Akteure auf diese Diskursarenen aufweist. In den Diskursarenen laufen Debatten über die Authentizität echter und unechter professioneller Arbeit – in der Medizin „Quacksalbereien“ genannt – ab. In den Diskursarenen – oft auch in Verbindung mit dem kleineren sozialen Reflexions- und Diskursrahmen von Einzelsupervisionen und (vornehmlich heterogen zusammengesetzten, d. h. einrichtungsdivergenten und -unabhängigen) Gruppen-Supervisionen, welche die größeren Tagungs- und Publikations-Diskursarenen noch zusätzlich fundieren sowie thematisch und stilistisch speisen – finden auch Debatten über Kriterien der Authentizität und umgekehrt auch über Kriterien der Kritik an der Fehlerhaftigkeit des professionellen Sozialarbeitshandelns statt, wie das z. B. in der Medizin mit Debatten über alternativmedizinische Behandlungsverfahren der Fall ist.

h) Länger als in den übrigen Professionen sind in der Sozialarbeit hybridisierende Vermischungen unterschiedlicher fundierungswissenschaftlicher theoretischer und methodischer Erkenntnisressourcen angegangen und ausprobiert worden, und diese Hybridisierungen sind grundsätzlich erkenntnisproduktiv, solange sie nicht die Identität der Sozialarbeit als Profession zerstören. Dies würde z. B. der Fall sein, wenn Sozialarbeit als Spezialgebiet der Psychotherapie oder ausschließlich als außerschulische Bildungsarbeit angesehen würde. Hybridisierungen sind grundsätzlich kreativ; sie bringen grenzüberschreitende Ideen und Objekte hervor. So führte in Soziologie und Linguistik die sequenzialistische Betrachtungsweise von sprachlichen Interaktionsaktivitäten zur Entdeckung der „turn-taking machinery“, des Systems der Regeln des Sprecherwechsels, das von dort aus seinen Siegeszug durch Linguistik, Ethnolinguistik, Schulpädagogik, Psychotherapie-Forschung usw. antrat (vgl. Sacks, Schegloff und Jefferson 1974; vgl. auch Kallmeyer und Schütze 1976, S. 14f ). In der frühen Sozialarbeit bei Mary Richmond führten hybridisierende Betrachtungen zwischen Sozialarbeit, sozialphänomenologischer Betrachtung und Psychiatrie zur symbolischen und symptomatischen Interpretation von stilistisch auffälligem Alltagsverhalten von Klienten als verdecktem Ausdruck von tieferliegenden Problembefindlichkeiten (s. im vorstehenden Kap. 2 das Beispiel der symbol-interpretativ umsichtigen Sozialarbeit mit Winifred Jones, das sich bereits vor fast einhundert Jahren ereignet hat. – Richmond 1922).

3.2 Die Wissenschaftsfundierung des professionellen Sozialarbeitshandelns

Um die Wissenschaftsfundierung des professionellen Sozialarbeitshandelns zu verstehen, ist es sinnvoll, sich klar zu machen, dass diese – wie im Kontext jeder anderen Profession – im Kern aus den Notwendigkeiten der Problembearbeitung im Zuge des professionellen Unterstützungshandelns mit Klienten, d. h. aus den Erkenntnisaktivitäten in ihren Arbeitsbögen, hervorgeht. Die Erkenntnisaufgaben der Problembearbeitung in den Arbeitsbögen der Sozialen Arbeit sind der Ursprung ihrer spezifischen, über das Alltagsdenken der Laien hinausgehenden Erkenntnisaktivitäten und nicht ein wie auch immer vorgeprägtes, schon zuvor dagewesenes, fertig abrufbares wissenschaftliches Gebilde. Dies im Auge habend, kann man die Wissenschaftsfundierung der Sozialen Arbeit – sehr grob kennzeichnend – folgendermaßen charakterisieren:

  1. Die Profession der Sozialarbeit hat einen integrierten Praxisbezug im Kontext einer umgreifenden klientenbezogenen Beratungskommunikation.
  2. Sie fußt auf sozialwissenschaftlichen Fundierungsdisziplinen18 wie Soziologie, Ethnologie, (verstehende) Psychologie und Psychotherapie, Erziehungswissenschaft.
  3. Die Profession der Sozialarbeit verwendet und entwickelt interdisziplinäre Analysemethoden zur Fallanalyse, die im Kern auf den Grundlagen der qualitativ-rekonstruktiven Sozialforschung (Kraimer 2014; Völter 2012, 2020) oder – als vorwissenschaftliches Äquivalent hierzu – auf der (a) umsichtig die Sichtweisen und Standpunkte aller Problembeteiligten erfassenden und berücksichtigenden, also perspektiventriangulierenden, (b) professionell-erfahrungsgesättigten und erfahrungsreflektierenden sowie (c) sequenzialistischen, d. h. die Problementfaltung nachvollziehenden, Falleinfühlung fußen. Sie verwendet und entwickelt sequenzialistische Analysemethoden, die – zusätzlich oder auch alternativ zu einer expliziten Ausbildung in qualitativ-rekonstruktiver Sozialforschung – auch in einer impliziten Version durch die metareflexiven Klärungsverfahren wie z. B. der Supervision, der Balintgruppen, des Psychodramas oder der Fallbesprechung angeeignet sein können.
  4. Die Profession der Sozialarbeit pflegt generelle Interventionsformen der die problembetroffenen Menschen unterstützenden und fallbearbeitenden Praxis wie Hilfe/Situationsgestaltung, Bildung, soziale Therapie, Entwicklung kollektiver Identitäten wie Gemeinwesenarbeit und Organisationsentwicklung. (Diese Interventionsformen sind meiner Meinung nach praxeologisch19 zunächst in professionseigenen Kunstlehren generalisierbar, dann aber auch – fußend auf der qualitativ-rekonstruktiven sozialwissenschaftlichen Grundlagenforschung – in Zukunft immer systematischer wissenschaftlich überprüfbar, kritisierbar und weiter ausdifferenzierbar.)
  5. In der sozialwissenschaftlichen Forschung pflegt die Profession der Sozialarbeit Morphologiedisziplinen20 wie Jugendhilfe, Gemeinwesenarbeit, Suchttherapie oder soziale Gerontologie, welche durch die je spezifische Kombination der dimensionalen Untersuchung von spezifischen Problementfaltungen, von entsprechenden sozialstrukturellen und sozialkulturellen Klientengruppen bzw. Sozialräumen, von spezifischen Bearbeitungsverrichtungen sowie von entsprechenden sozialen Arrangements samt ihrer institutionell-organisatorischen Stabilisierungseinrichtungen charakterisiert sind.
  6. Die Profession der Sozialarbeit nimmt aktiv teil – gerade auch durch die oben angedeutete wissenschaftliche Durchdringung der sozialarbeitsspezifischen Interventionsformen – an der Ausarbeitung einer sozialwissenschaftlichen Grundlagentheorie, die analytische Kategorien wie die folgenden enthält: Situation und die kommunikativen Verfahren der professionellen Problemberatung, biographische Prozesse und deren Voraussetzungen wie Verletzungsdispositionen, biographische Arbeit und biographische Beratung, die Konstitution des professionellen Gesamtarbeitsbogens generell und der spezifischen Arbeitsbogenformen der oben genannten Interventionsstrategien, Fehler bei der Arbeit und Paradoxien, soziale Welten und deren Diskursarenen, usw.
  7. Die Profession der Sozialarbeit verfügt so flächendeckend, tiefgehend und vieltönig wie keine andere Profession über metareflexive Klärungsverfahren wie (a) Selbsterfahrungs- und Encounterprozeduren, (b) bühnenaufführende Ausdrucks- und Symbolisierungsverfahren wie Psychodrama oder den Spiegelungsmechanismus des Ausdrucks der retrospektiv berichteten Problemerfahrungsebene und der dort eingenommenen Sichtweisen der beteiligten Interaktanten in der „hier und jetzt“ aktuellen kommunikativen Gruppeninteraktion, wie er in heterogen zusammengesetzten Gruppensupervisionen und Balintgruppen oder manchmal auch in Fallbesprechungen mittels interaktiver Perspektivendifferenzierung und Rollenübernahme der Verfahrensgesprächsbeteiligten mehr oder weniger unwillkürlich oder auch gezielt zum Zuge kommt, (c) die grundlegenden Klärungsmechanismen in den verschiedenen Supervisionsformen und Balintgruppen wie das Feststellen von Darstellungslücken und die entsprechenden narrativen Nachfragen sowie (d) die argumentative Auseinandersetzung mit dem Fall und über diesen. Aus all diesen Klärungsverfahren ist eine spezifische Kultur der kollegialen Kritik und Selbstkritik hervorgegangen, die sogar über die Sozialarbeitsprofession hinaus teilweise stilbildend wurde.21

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17 Zur Einschränkung der Zuschreibung des Charakters einer Fundierungsdisziplin (zur partiellen Grundlegung der Profession der Sozialen Arbeit) auf die verschiedenen Varianten der verstehenden Psychologie und Psychotherapie siehe die erste Anmerkung in Unterkapitel 9.5.

18 Ich verwende bewusst nicht den in der akademischen Sozialarbeitslehre an Fachhoch Professionalität und Professionalisierung in der Sozialen Arbeit schulen bzw. Applied Universities üblichen Begriff der „Bezugswissenschaft“. Dieser Begriff impliziert für mich die Konnotation der Ferne und Nichterreichbarkeit der Fundierungsdisziplinen, also einer Sphäre von echter Wissenschaftlichkeit, die für die „normalen“ Sozialarbeitsprofessoren und -dozenten mit Schritten eigener „respektloser“ Forschungsaktivitäten nicht betretbar sei. – Auch ist der Begriff der „Bezugswissenschaft“ in der medizinischen Professionsausbildung nicht üblich.

19 Mit „Praxeologie“ ist hier von mir jede von Praktikern eines professionellen Arbeitsgebietes ins Auge gefasste und zumeist nur bruchstückhaft entfaltete Kunstlehre gemeint, die zwar auf der Grundlage von tagtäglichen Berufspraxis-Erfahrungen gut begründet ist, aber noch keinen systematisch-wissenschaftlichen empirisch-theoretischen Überprüfungsstatus erlangt hat. Sie ist jedoch aus erkenntnisgenerierenden Verfahren der Praxisanalyse und Praxiskritik wie Fallanalyse und Supervision geschöpft, und sie hat deshalb bereits eine prozessanalytisch-sequenzielle Sichtweise entwickelt. (Nicht gemeint sind mit meiner jetzigen Verwendung des Begriffs „Praxeologie“ die – sehr beeindruckenden – Versuche der ethnographic studies of science bzw. des mikroethnographischen Bereichs der Wissenschaftssoziologie und -ethnologie, wissenschaftliche Praktiken – vornehmlich – der Naturwissenschaften auf ihre situativ-lokalen körperlichen und werkzeugmäßigen Verrichtungen hin zu untersuchen. (vgl. etwa Reckwitz 2003; auch Mondada und Schütze 2004) – Diese letztere Art von Praxeologie ist eine genuin wissenschaftliche im Kontrast zur vorwissenschaftlich-professionellen.)

20 Es ist üblich, zwischen wissenschaftlichen Disziplinen einerseits und handlungspraktischen Professionen andererseits zu unterscheiden (Stichweh 1996); bei den morphologiewissenschaftlichen Forschungsanstrengungen im Kontext einer Profession verschwimmt zugegebenermaßen diese Unterscheidung auf den ersten Blick. Aber dennoch geht es auch in den Morphologiedisziplinen der Sozialen Arbeit eindeutig um wissenschaftliche Untersuchungen, deren Fragestellungen allerdings vornehmlich durch professionelle Praxiskontexte angestoßen und deren Untersuchungsbereiche durch letztere konstituiert und informiert werden. – Der Begriff der Morphologiedisziplin, den ich auch schon in früheren Veröffentlichungen verwendet habe (vgl. Schütze 1988), versucht den geographischen Begriff der landschaftlichen Oberflächenmorphologie („Geomorphologie“) für die Untersuchung der Wissenschaftslandschaft der Professionen nutzbar zu machen, indem nämlich durch diese Nomenklatur der deskriptive Ausgangspunkt der „Vermessung“ der „Landschaft“ der professionellen Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit und der Medizin terminologisch unterstrichen wird.

21 Der Psychoanalytiker Michael Balint hatte ja in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in London die später nach ihm als „Balintgruppen“ benannten Fallkonferenzen zunächst gerade mit Sozialarbeitern durchgeführt und dieses soziale Arrangement mit seinem spezifischen erkenntnisgenerierenden Verfahren erst im zweiten Schritt dann auch auf Gespräche mit Hausärzten übertragen. Im Kasseler Supervisionsstudiengang des Fachbereichs Sozialwesen an der Universität- Gesamthochschule Kassel studierten in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht nur in ihrer Berufspraxis bereits erfahrene Sozialarbeiterinnen, sondern auch ebenso erfahrene Pfarrerinnen, Lehrerinnen und sogar Ärztinnen Supervision – und zwar das innerhalb der übergreifenden Professionskultur der Sozialarbeit des Fachbereichs Sozialwesen. – Für die wichtige Rolle der Sozialarbeitsprofession bei der Etablierung der spezifisch professionellen Kultur der kollegialen Kritik und Selbstkritik und der dieser zugrunde liegenden verschiedenen Selbstklärungsverfahren wie der verschiedenen Arten von Supervision und Balintgruppen vgl. Schütze 1984 und 1994. Die Ursache für die Vorreiterrolle der Sozialarbeitsprofession bei der Entwicklung und Kultivierung der professionellen Selbstklärungsverfahren sehe ich darin, dass oftmals gerade die Problemkonstellationen der Klienten der Sozialarbeit verschiedenste Lebensbereiche gleichzeitig erfassen, also ganzheitlich sind und deshalb zunächst multiaspektuell und diffus in Erscheinung treten. Gerade solche multi-aspektuellen und diffusen Problemerscheinungen bei Patienten, die von niedergelassenen Allgemeinärzten oftmals zunächst nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen werden, bewogen Michael Balint, dann zusätzlich zu den Fallkonferenzen für Sozialarbeiterinnen auch Fallkonferenzen für niedergelassene Allgemeinärzte einzuführen. Ein typisches zu analysierendes Problemthema für eine solche ärztliche Balintgruppen-Sitzung ist die Patientin, die von ihrem Hausarzt seit einiger Zeit immer wieder ein Beruhigungsmedikament wegen diffuser Unruhezustände verschrieben bekommt, ohne dass er, der Allgemeinarzt, bisher die Zeit gefunden hat bzw. sich diese genommen hat zu klären, worauf die diffusen Unruhezustände der Patientin denn nun wirklich zurückzuführen seien. Und deshalb hat er dann nach und nach ein – ebenfalls diffuses – schlechtes Gewissen bekommen, das er nun in der Balintgruppe zur Sprache bringen und klären möchte.

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3D Cover SchützeFritz Schütze: Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern: Soziale Arbeit

Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns, Band 3

 

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