Geblättert: „Soziale Arbeit – die Methoden und Konzepte“ von Rita Braches-Chyrek

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Soziale Arbeit – die Methoden und Konzepte

Soziale Arbeit – Grundlagen, Band 2

Rita Braches-Chyrek

Das Grundlagenwerk „Soziale Arbeit – die Methoden und Konzepte“ von Rita Braches-Chyrek führt in die Handlungsmethoden der Sozialen Arbeit/Sozialpädagogik ein und arbeitet vor dem Hintergrund historischer und gesellschaftlicher Entwicklungen zentrale Begriffe und Rahmenbedingungen für sozialpädagogisches Handeln heraus. Die Autorin fasst kompakt Prinzipien, Strukturen und Schwierigkeiten methodischen Denkens, Handelns und konkreter Arbeitsformen in der Sozialen Arbeit/Sozialpädagogik zusammen und diskutiert aktuelle Entwicklungen.

Unsere aktuelle Leseprobe gibt Ihnen einen Einblick in das erste Kapitel des Buchs.

 

1 Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit – Eine Einführung

In der professionellen Sozialen Arbeit hat methodisches Handeln eine lange Tradition. Insbesondere mit der Durchsetzung und Etablierung der Profession und Disziplin Sozialer Arbeit konnte ein rechtliches und institutionalisiertes Handlungssystem sozialer Unterstützung sowie Hilfe geschaffen werden, deren Kern methodisches Wissen ist. Seit den grundlegenden Veröffentlichungen von Walter A. Friedländer und Hans Pfaffenberger (1958), Herbert Lattke (1955), Maja Heiner u. a. (1998), Michael Galuske (2013), Hiltrud v. Spiegel (2011), Dieter Kreft und Wolfgang C. Müller (2017) hat sich sowohl die Theorie- und Professionalitätsdiskussion als auch die Praxis des methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit stetig weiterentwickelt1. Daher wird in dieser Einführung nicht nur der Blick auf die Anfänge der Handlungsmethoden in der Sozialen Arbeit gerichtet, sondern auch theoretische Begründungen angeführt sowie relevante Entwicklungen und Erweiterungen im methodischen Handeln Sozialer Arbeit beschrieben.

Grundlegend für die Konstruktion dieses Lehrbuches ist die Annahme, dass es einen dreigeteilten Diskurs über das methodische Wissen, die zentralen Arbeitshypothesen und Handlungsleitlinien in der Sozialen Arbeit gibt. Diesen Band zeichnet aus, dass die wichtigsten Wissens-, Lehr- und Forschungsfelder methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit nachvollziehbar beschrieben werden, damit diese für Studierende, Forschende, Lehrende und professionell Tätige in Theorie und Praxis leicht zu erschließen sind. Gleichzeitig sollen Möglichkeiten eröffnet werden, sich mit einzelnen Methoden vertraut zu machen, um eine Anwendung und Reflexion in konkreten Handlungssituationen zu initiieren. Zentrales Anliegen dieses Lehrbuches ist es, immer wieder den Blick auf die spezifischen Strukturbedingungen methodischen Denkens und Handelns in der Sozialen Arbeit zu lenken, da eine Klärung der Bedingungen und Kontexte methodischer Interventionen in der sozialpädagogischen Praxis und Forschung nachvollziehbar sein soll. Demzufolge gliedert sich das Lehrbuch in vier Teile:

  • Im ersten Kapitel erfolgt eine grundlegende Begriffsklärung der konzeptionellen und methodischen Überlegungen sozialpädagogischen Handelns. Es wird beschrieben, was unter  methodischem Handeln in der Sozialen Arbeit zu verstehen ist und welche Rahmen- und Strukturbedingungen sozialpädagogisches Handeln beeinflussen.
  • Im zweiten Teil des Lehrbuches werden die zentralen und am häufigsten verwendeten Handlungskonzepte und Methoden in der Sozialen Arbeit vorgestellt. Die kategorische Einteilung der unterschiedlichen Formen methodischen Handelns in Einzelfall-, Gruppen- und Gemeinwesenarbeit macht es möglich ihre jeweils spezifischen Ausdifferenzierungen und Weiterentwicklungen in den Blick zu nehmen.
  • In einem dritten Teil wird Bezug genommen auf professions- und organisationsbezogene Handlungsmethoden wie Evaluation und Supervision und Fragen der Forschung, Fort- und Weiterbildung.
  • Abschließend werden im vierten und letzten Kapitel aktuelle Entwicklungen in der Methodendiskussion der Sozialen Arbeit angeführt und begründet, um diese für die disziplinäre Auseinandersetzung im Studium und der Praxis zu erschließen und Impulse für eine vertiefende Betrachtung zu geben.

Nach jedem Unterkapitel wurden Literaturhinweise eingefügt, die zum Nachschlagen, Weiterdenken und der Reflexion einer praxisbezogenen Auseinandersetzung über methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit anregen sollen.

 

1.1 Zentrale Begriffe, Fragen und Themen der Methodenentwicklung

Methoden in der Sozialen Arbeit thematisieren zum einen die Möglichkeit der „Vermittlung von Bildungsinhalten auf der Mikro-Ebene konkreter Interaktion“ (Galuske 2013, S. 29), gleichzeitig müssen diese aber auch immer im Zusammenhang und in Abhängigkeit von sozialen Konflikt- und Problemlagen, Interventionszielen und gesellschaftlichen – insbesondere gesetzlichen und institutionellen – Rahmungen betrachtet und diskutiert werden (Staub-Bernasconi 2018, S. 195).

Ein wesentlicher Aspekt in der Auseinandersetzung mit Methoden sind daher die Fragen nach dem „Was“, „Wie“, dem „Warum“ von Schwierigkeiten, Konflikten, Problemen und  Herausforderungen, der Entstehung und Verfestigung, nach Möglichkeiten des Verstehens, nach Mitteln und Ressourcen, nach Verfahren, der Vermittlung, der Diagnose, Technik und der Umsetzung, um ein planvolles methodisches Vorgehen und sozialarbeiterische Prävention sowie Intervention beginnen und durchführen zu können. Dabei unterscheidet sich methodisches Handeln sehr deutlich vom intuitiven Handeln, da Ersteres in einen kalkulierbaren Prozess der Hilfe einmündet (Galuske 2013, S. 31). Es kann demzufolge festgehalten werden, dass sich auf der Grundlage des methodischen Dreischritts, der die Anwendung von Methoden, die Vergewisserung bisheriger Handlungsmöglichkeiten und die Entwicklung eines Plans, der ein Handlungsschemata impliziert, fokussiert und anschließend Überprüfungsmöglichkeiten bietet, eine Vielzahl von methodischen Ansätzen entwickelt hat.

Auf analytischer Ebene wird daher unterschieden zwischen Konzept, Methode, Verfahren und Technik. Hierbei bleibt zu bedenken, dass Methoden und ihre Verfahren wie auch Techniken immer eingebettet sind in zeitgeschichtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Unabdingbar ist daher eine permanente Reflexion der Handlungswirklichkeit und gleichzeitig die Rückschau bzw. Überprüfung der bereits gegangenen Wege in der Praxis (Galuske 2013, S. 34).

Mit dem Begriff Konzept wird die Gesamtheit der Planung und Durchführung sowie die Begründung des professionellen Handelns bezeichnet. In einem Konzept werden Ziele, Inhalte, Methoden und Verfahren der Intervention, die immer in einem „sinnhaften“ Zusammenhang stehen sollten, miteinander verbunden.

Methode ist der geplante Weg vom Ausgangs- zum Zielort. Im Mittelpunkt der Analyse stehen der Einzelfall mit seiner jeweils spezifischen Entstehensgeschichte und -situation sowie relevante bestimmende Faktoren, wie bspw. sozioökonomische und kulturelle Rahmenbedingungen. Daraus werden Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Intervention abgeleitet – möglichst im
Kontext des methodischen Dreischrittes:

  • Anwendung von Konzepten, Techniken und Verfahren;
  • Orientierung an bisherigen Möglichkeiten der Intervention;
  • Entwicklung von konkreten auf den Einzelfall zugeschnittenen Handlungskonzepten
    und des planvollen, zielgerichteten Vorgehens sowie
    Überprüfung2.

Dieser Entwurf einer Kernstruktur des methodischen Handelns zeigt, dass es nicht nur darum gehen kann, die Entstehensprozesse von neuem und verändertem Wissen über den jeweiligen Fall zu begleiten, sondern auch tiefergehende Wirkungen zu erzielen, wie bspw. durch alternative Formen der Wissens- und Informationsvermittlung, der Reflexion und Veränderung von personalen und sozialen Ressourcen sowie ethischen Fragen. Demzufolge kann methodisches Handeln wie folgt definiert werden:

Methodisches Handeln ist ein geplantes wissenschaftliches Vorgehen, welches Konflikte und soziale Probleme zwischen Individuen, Gruppen und der Umwelt erkennt und in respektvoller, nachvollziehbarer sowie reflektierender Weise konstruktive und objektive Beziehungen, Interaktionen und Handlungen mit Individuen, Gruppen und der Gesellschaft ermöglicht.

Zu beachten ist, dass die Interessen und Bedürfnisse der Adressat*innen, die institutionellen Bedingungen und Voraussetzungen der Institutionen wie auch der gesellschaftliche Auftrag Sozialer Arbeit immer in den Blick genommen werden.

Methoden in der Sozialen Arbeit sollten geprägt sein von partizipativen und dialogorientierten Handlungsansätzen und Verfahren, die es ermöglichen, in kommunikations- und interaktionsorientierten Settings soziale Probleme und Konflikte lösungsorientiert unter Berücksichtigung gesellschaftlicher wie auch institutioneller Rahmungen zu bearbeiten.

Als Verfahren und Technik werden „Teilaspekte von Methoden“ oder „Einzelelemente“ bezeichnet.

Der Begriff Verfahren bezeichnet planmäßige Vorgehensweisen, also geregelte, nachvollziehbare und wiederholte Abläufe, bspw. in Hilfeplanverfahren.

Techniken werden angewendet, um Detailprobleme der oft sehr komplexen Problem- und Konfliktlagen zu identifizieren, um gemeinsame Wege zur vereinbarten und angestrebten Lösung gehen zu können.

Oftmals wird auch der Begriff Programm oder auch Programmatik verwendet, um planmäßige und stark strukturierte Ziel- und Leitvorstellungen für sozialpädagogisches Handeln zu beschreiben. Für die konkrete Durchführung der sozialpädagogischen Intervention werden mit Hilfe eines Durchführungsplans Programmpunkte festgelegt, die stringent verfolgt werden sollen.

Weiterhin kennzeichnen sieben Orientierungen sozialarbeiterische Interventionen. Durch diese kann ein differenzierter Blick auf die unterschiedlichen Herausforderungen und Dimensionen der Arbeit an einem Fall gefördert werden (Galuske 2013, S. 35).

  • Sachorientierung: Was ist das Problem, an welchem Ort tritt es auf, und welche Methode bietet sich zur Bearbeitung an?
  • Zielorientierung: Was ist das Ziel der Intervention, und welche Methode eignet sich dafür?
  • Personenorientierung: Inwiefern sind die Personen ansprechbar und erreichbar durch die Anwendung von bestimmten Methoden?
  • Arbeitsfeld- und Institutionenorientierung: Welche institutionellen Rahmenbedingungen bestimmen die Anwendung und Sinnhaftigkeit
    der Methode?
  • Situationsorientierung: In welchen Situationen kann die Methode angewendet werden?
  • Planungsorientierung: Inwiefern erlaubt die Methode eine gezielte Planbarkeit von Hilfeprozessen?
  • Überprüfbarkeit: Inwiefern kann die Wirkung der Methode überprüft werden?

Der Einsatz einer bestimmten Methode orientiert sich immer an einem Fall, welcher sowohl eine einzelne Person, eine Gruppe, ein Gemeinwesen bzw. ein Sozialraum oder auch Fallstudien in einer Organisation sein können. Zentral ist, dass vor dem Hintergrund der Analyse des Falls auch die jeweilige Situation und der Ort in den Blick genommen werden. In diesem Zusammenhang werden insbesondere alle möglichen Faktoren der sozialen Problem- bzw. Konfliktlagen beschrieben, erklärt und eingeschätzt, um im Kontext einer gesamten Betrachtung Möglichkeiten und Notwendigkeiten sozialarbeiterischer Interventionen in einem zirkulären Verständigungsprozess zwischen Adressat*innen und Sozialarbeiter*innen entwickeln zu können (Staub-Bernasconi 2018, S. 259).

Es wird davon ausgegangen, dass der Grad, die Einheit und Geschlossenheit der methodischen Fallbearbeitung in der Sozialen Arbeit auch etwas über den Entwicklungsstand der Handlungsmethoden insgesamt aussagen. Das bedeutet, dass alle vorfindbaren, behaupteten und festgestellten Unterschiede zwischen Methoden nach ihrem Umfang, ihrer Angemessenheit und ihrer (vielleicht festgestellten) theoretischen Unvereinbarkeit darauf schließen lassen können, ob Fragen nach dem Allgemeinen und Besonderen der Fallbearbeitung gründlich und intensiv durchgearbeitet und geklärt worden sind. Methodisches Denken setzt sich mit theoretischen wie auch auf die Praxis bezogenen Wissensbeständen auseinander. Dabei erscheint die Wahl der Methode oft selbstverständlich und vorgegeben. Jedoch offenbart sich gerade im Zusammenhang mit einer intensiven methodischen Auseinandersetzung, dass methodisches Denken und ein „zirkulärer, erkenntnis- und demokratisch strukturierter Kommunikations- und Interaktionsprozess“ (Staub-Bernasconi 2018, S. 259) nicht als selbstverständlich angenommen werden können, sondern immer einer Analyse und Reflexion unterworfen werden müssen, und zwar in Bezug auf die Fallangemessenheit sowie mögliche und wahrscheinlich individuelle und gesellschaftliche Wirksamkeiten.

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1 Die anglo-amerikanische Diskussion wird in diesem Lehrbuch nur im Kontext der Entstehungsgeschichte einzelner methodischer Zugänge verhandelt. Vertiefende Auseinandersetzungen zu „Social Work Practice“ werden in den Zeitschriften Social Work, dem Journal of Social Work, The British Journal of Social Work, European Journal of Social Work, International Social Work, Journal of Social Work Practice, Research on Social Work Practice oder auch in der National Association of Social Workers (socialworkers.org) geführt.

2 Vgl. Friedländer/Pfaffenberger 1966, S. 287f., und die Definition von Michael Galuske: „Methoden der Sozialen Arbeit thematisieren jene Aspekte im Rahmen sozialpädagogischer/sozialarbeiterischer Konzepte, die auf eine planvolle, nachvollziehbare und damit kontrollierbare Gestaltung von Hilfeprozessen abzielen und die dahingehend zu reflektieren
und zu überprüfen sind, inwieweit sie dem Gegenstand, den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, den Interventionszielen, den Erfordernissen des Arbeitsfeldes, der Institutionen, der Situation sowie den beteiligten Personen gerecht werden“ (2011, S. 35).

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3D Cover Soziale Arbeit Rita Braches-ChyrekRita Braches-Chyrek: Soziale Arbeit – die Methoden und Konzepte. Soziale Arbeit – Grundlagen, Band 2.

 

 

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