Geblättert: Leseprobe aus „Geschlechtergerechtigkeit und MINT“

Geschlechtergerechtigkeit und MINT. Irritationen, Ambivalenzen und Widersprüche in Geschlechterdiskursen an Hochschulen

 

herausgegeben von Clarissa Rudolph, Anne Reber und Sophia Dollsack

 

Über das Buch

Entgegen allen Objektivitäts- und Neutralitätsansprüchen bestehen an deutschen Hochschulen Geschlechterungleichheiten fort. Insbesondere im MINT-Bereich sind Frauen* noch immer unterrepräsentiert. Der Sammelband greift Fragen nach den Gründen für die anhaltenden Ungleichheiten sowie Veränderungsmöglichkeiten im Kontext der Diskurse zu Fachkulturen und Intersektionalität auf und diskutiert Strategien für mehr Geschlechtergerechtigkeit an Hochschulen.

Leseprobe aus den Seiten 21 – 26, Beitrag von Clarissa Rudolph

 

 

Gleichstellung revisited – Diskurse der Gleichstellung und Frauenförderung an Hochschulen in Deutschland

 

von Clarissa Rudolph

 

1 Einführung

Nachdem 1990 die Vereinigung der beiden deutschen Staaten – Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik – erfolgte, wurden auch Teile des deutschen Grundgesetzes einer Revision unterzogen. Der Schwerpunkt lag naheliegenderweise auf den Fragen der Vereinigung/des Beitritts; allerdings wurden in diesem Kontext auch wenige weitere Grundgesetzformulierungen diskutiert. Eine davon ist die Ergänzung von Art. 3 Abs. 2 GG zur aktuell geltenden Formulierung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin“. Nachdem um diese Formulierung in den politischen Gremien und in der Öffentlichkeit hart gerungen wurde (vgl. Rudolph 1996), schienen mit ihrer Implementierung die Grundsätze von Frauenförderung und Geschlechtergleichstellung einen politischen und gesellschaftlichen Konsens darzustellen.

30 Jahre später sind Strategien und Politiken für mehr Geschlechtergerechtigkeit immer noch notwendig, weil in vielen gesellschaftlichen Bereichen weiterhin Ungleichheitslagen, Diskriminierungen und ungleiche Teilhabe vorhanden sind, bei gleichzeitig durchaus sichtbaren Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen (vgl. Rudolph 2016; bpb 2020; BMFSFJ 2020). Und es wird immer noch um Gleichstellung und Frauenförderung gerungen, und zwar aus ganz unterschiedlichen Perspektiven: Den einen ging die Idee einer geschlechtsspezifischen Förderung schon immer zu weit, die anderen sahen Frauenförderung eine Zeitlang als notwendig, aber mittlerweile überflüssig an, die dritten hatten schon immer Probleme mit der Förderformulierung, weil damit eine Opfererzählung betrieben würde und schließlich beteiligen sich an der Debatte noch diejenigen, die aus einer Gleichstellungsgeschichte kommen, aber mittlerweile eine Weiterentwicklung dieses Konzepts für notwendig halten. Wo also stehen wir heute, wenn wir über „die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männer“ reden und gleichzeitig feststellen, dass auch zu Beginn der 2020er Jahre Positionen, Ressourcen, Zuschreibungen nach Geschlecht ungleich verteilt sind?[1] Gibt es politische und/oder organisationale Maßnahmen, die diese Ungleichheiten ausgleichen können – und wenn ja, was wäre das Ziel? Und welche Konsequenzen hat es, nicht nur über quantitative, sondern auch über qualitative Ungleichheiten nachzudenken – wie es zwangsläufig geschieht, wenn man sich mit Frauenförderung in MINT-Studiengängen (MINT: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) befasst, weil es auch hier nicht nur um die Anzahl von Professorinnen geht, sondern auch um Lehrinhalte?

All dies sind keine neuen Fragen und gleichwohl ist es auch 2021 (und ff.) relevant, sich damit auseinanderzusetzen und diese im Kontext aktueller gesellschaftlicher Veränderungsprozesse zu diskutieren. Folgerichtig beginnt meine Darstellung mit einem Rückblick, nämlich mit der Einordnung von Gleichstellungsstrategien in den Kontext der Frauen- und Gleichstellungspolitik in Deutschland (Kapitel 2), in dem sowohl die theoretischen Hintergründe von Gleichstellungspolitik als auch die Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen zusammengefasst werden. In Kapitel 3 folgt eine Bestandsaufnahme der Geschlechterverhältnisse in deutschen Hochschulen und abschließend im vierten Kapitel ein Resümee, das aber eigentlich v.a. offene Fragen zum Stand der Frauenförderung und Gleichstellungspolitik in Hochschulen bündelt.

 

2 Frauenförderung und Gleichstellung als Teil der Frauenpolitik in Deutschland

Auch zu Beginn der zweiten deutschen Frauenbewegung Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre waren Fragen der Unterrepräsentanz von Frauen zentral: Während der eine Aktions- und Debattenstrang zunächst v.a. Fragen der Selbstbestimmung und Reproduktion (Abtreibung) in den Mittelpunkt stellte, skandalisierten die Frauen in der Studentenbewegung ihre Marginalisierung als Akteurinnen der Bewegung (vgl. Karl 2011; Lenz 2008). Insgesamt ziehen sich sowohl in der alten als auch in der neuen Frauenbewegung die Themen- und Aktionsfelder Körper und Reproduktion, Arbeit, Bildung, Gewalt und (politische) Teilhabe als Schwerpunkte durch (vgl. Holland-Cunz 2018).

Die Forderung nach der Repräsentation beider Geschlechter und nach der Öffnung aller gesellschaftlichen Bereiche für Frauen und Männer formuliert einen Teilhabeanspruch, der zunächst auf eine quantitative Angleichung der Geschlechterverhältnisse in der Erwerbsarbeit und in der Politik abzielt. Nachdem sich diese Forderung in der politischen Arena der Bundesrepublik Deutschland – insbesondere durch die Aktionen der autonomen Frauenbewegung – etablieren konnte, wurde Frauenförder- und Gleichstellungspolitik in erster Linie Teil institutionalisierten Verwaltungshandelns. Verantwortlich waren dafür die in vielen Institutionen und öffentlichen Verwaltungen geschaffenen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten, deren Aufgabe u.a. die Aufstellung von Frauenförder- und Gleichstellungsplänen ihrer Institution ist (Rudolph/Schirmer 2004). Auch diese Pläne zielen v.a. darauf ab, die bestehende Unterrepräsentanz eines Geschlechts in den verschiedenen Abteilungen und Einrichtungen, aber auch auf den verschiedenen Hierarchieebenen zu vermindern oder zu beseitigen.

 

2.1 Theoretische Grundlagen und politische Differenzen

Die Frage, was eigentlich Gleichberechtigung und Gleichstellung heißt, ist so alt wie die Frauenbewegungen – und die Antwort unterscheidet sich auch je nach historischem, regionalem und kulturellem Kontext sowie nach dem theoretischen Hintergrund. Die folgenden Ausführungen beziehen sich zunächst v.a. auf die Debatten in der Bundesrepublik Deutschland, weisen aber an einzelnen Stellen auch darüber hinaus. Ausgangspunkt des Konzepts und der Umsetzung von Frauenpolitik war zunächst die Feststellung, dass der schon genannte Art. 3 Abs. 2 GG nicht verwirklicht war, Frauen also in vielen gesellschaftlichen Bereichen nicht gleichberechtigt waren. Mit der Kategorie Geschlecht konnten gleichermaßen Analysen der Sozialstruktur im Hinblick auf Ungleichheitslagen und geschlechtliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse durchgeführt, wie auch Erklärungsansätze für diese Ungleichheiten formuliert werden (vgl. Rudolph 2015: 13ff.). Es wurde sichtbar, dass sich die Gesellschaft auf die Unterscheidung zweier Geschlechter gründet, und dass abhängig von der Geschlechtszugehörigkeit gesellschaftliche Tätigkeiten und Tätigkeitsbereiche, soziale Positionierung, Lebenschancen und Selbstbestimmungsmöglichkeiten zugewiesen bzw. vergeben werden. Zudem definiert das System der Zweigeschlechtlichkeit auch die Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit und verknüpft damit unabhängig von den Individuen bestimmte Eigenschaften, Kompetenzen und Körperbilder, die für das jeweilige Geschlecht stehen. Geschlechterungleichheiten haben somit eine individuelle und eine strukturelle Dimension, die in der Geschlechterordnung auf einer symbolischen Ebene zusammengeführt werden. Ausdruck dieser Geschlechterordnung sind ein anhaltender Androzentrismus und Sexismus (Pimminger 2014). Die Kategorie Geschlecht ist nicht unumstritten, weil dadurch eine Betonung der Zweigeschlechtlichkeit und der Geschlechterdifferenzen erfolge und ihr Wirken reproduziert würden (Wetterer 2010). Gleichwohl ist sie notwendig, weil sich damit

„Phänomene von Macht, Herrschaft und Gewalt zwischen Männern und Frauen [analysieren lassen; CR]: Wie kommt es zu der ungleichen Verteilung von materiellen, politischen und symbolisch-kulturellen Ressourcen zwischen den Geschlechtern? Wie sind Strukturen der Geschlechtersegregation zu erklären, warum kommt es zur Abwertung und Deklassierung von Frauen, in welchem Zusammenhang stehen Geschlechtertrennung, hierarchische Verhältnisse zwischen den Genusgruppen und spezifische Vorstellung von Geschlechterdifferenz“ (Knapp 2000: 65f.)?

Aus der Kategorie Geschlecht lassen sich unterschiedliche Ansätze frauenpolitischer Strategien ableiten, um mehr Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen. Unter (institutionalisierter) Frauenpolitik verstehe ich das Zusammenwirken von frauenpolitischen Akteurinnen und Institutionen innerhalb und außerhalb von Verwaltungen und Organisationen, die mit politischen Maßnahmen und Aktionen auf die Folgen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und ungleicher Geschlechterverhältnisse aufmerksam machen wollen und die u.a. mit Gesetzen und Verordnungen Einfluss auf das Geschlechterverhältnis nehmen sowie Frauen fördern bzw. ihre Chancen verbessern wollen.

Die Auseinandersetzungen zu den unterschiedlichen Strategien ist als Gleichheits-Differenz-Debatte in die Literatur eingegangen (vgl. z.B. Niekant 2009; Gerhard 2018: 90ff.) und spielen auch heute noch – trotz aller theoretischen Ausdifferenzierungen – eine sichtbare Rolle bei der Bestimmung von Geschlechtergerechtigkeit. Das Streben nach Gleichheit beinhaltet neben der juristischen Gleichberechtigung alle gesellschaftlichen Sphären, auch die vermeintlich männlichen, für Frauen und Männer gleichermaßen zu öffnen und die rechtliche, wirtschaftliche und politische Gleichstellung zu erreichen. Maßgebliches Integrationsmedium ist dabei die Erwerbsarbeit (vgl. Kurz-Scherf 2004) und infolgedessen zielen viele frauenpolitische Strategien der Gleichstellung v.a. auf die umfassende Teilhabe von Frauen in allen Bereichen und auf allen Ebenen des Erwerbsarbeitsmarktes ab. Quotierungen von Qualifikationsangeboten, Arbeitsplätzen und Führungspositionen sowie die Förderung von Frauen sind probate Mittel gleichstellungsorientierter Frauenpolitik.

Durch eine solche Perspektive, so kritisiert der Differenzansatz, kommt es allerdings zu einer Abwertung von Weiblichkeit, der weiblichen Sphären und weiblicher Tätigkeiten, insbesondere der Fürsorgetätigkeiten (Care). Vielmehr müsse es darum gehen, Mütterlichkeit, Fürsorglichkeit und soziale Werte aufzuwerten und den androzentrischen Strukturen und Normen durch eine Angleichung nicht nachzueifern, sondern diese zu kritisieren. Politische Strategien zielen in diesem Kontext darauf ab, eigene Handlungsräume von und für Frauen zu erschaffen und aufrechtzuerhalten und fürsorgliche Tätigkeiten anzuerkennen, sei es durch entsprechende familienpolitische Maßnahmen oder z.B. durch ‚Lohn für Hausarbeit‘ (vgl. Wolff 2020).

Ute Gerhard und nach ihr noch einige andere (Gerhard et al. 1990) haben sich für eine „Gleichheit ohne Angleichung“ (Gerhard 1990) bzw. für eine Gleichheit in der Differenz ausgesprochen: Die Forderung nach Gleichheit mache sowohl juristisch als auch politisch nur Sinn, wenn Differenz vorhanden sei. Insofern stelle die Forderung nach Gleichheit bzw. Gleichstellung eine Anerkennung der Differenz bzw. der Differenzen dar, die gesellschaftlich und individuell vorhanden sind, die aber nicht zu einer Hierarchisierung und Abwertung entlang der Geschlechterdifferenzen führen dürfe. Vielmehr gehe es, so Gerhard in einem späteren Werk, um die „Verwirklichung des Rechts auf Freiheit und Gleichheit […] und zwar einer Gleichheit, die unter Berücksichtigung sozialer Ungleichheit und Differenzen auf materiale Gerechtigkeit zielt“ (Gerhard 2018: 11). Dass sich Differenzen nicht nur auf Frauen und Männer beziehen, sondern auch unter Frauen bestehen, hat zu unterschiedlichen Überlegungen geführt: So zielen Ansätze der Aufhebung bzw. der De-Konstruktion darauf ab, die vermeintliche Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit grundlegend infrage zu stellen, „weil Geschlechterdifferenz nicht naturgegeben, sondern sozial hergestellt und überformt ist, [damit] entziehen sie der Geschlechterungleichheit die Legitimationsgrundlage“ (Pimminger 2019: 51). Aus dieser Perspektive ist das Reden oder Handeln über Geschlecht als Strukturkategorie kaum mehr möglich und es besteht die Gefahr, dass „die verschiedenen Tiefendimensionen der Differenzen zwischen den Geschlechtern durch die Differenzen unter Frauen ersetzt, ja, gegeneinander ausgespielt werden“ (Gerhard 2018: 58). Auch die Perspektive der Intersektionalität weist auf Ungleichheitslagen zwischen Frauen hin, setzt sie aber in Bezug zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnissen und analysiert die Wechselwirkungen verschiedener Ungleichheits- und Machtstrukturen (vgl. Lutz et al. 2013).

Mit der Zusammenführung geschlechtlicher, ethnischer und sozialer Diskriminierungsverhältnisse und Ungleichheitslagen[2] kann der Blick dafür geschärft werden, in welcher Situation und bei wem sich gesellschaftliche Zuschreibungen und Strukturen der Ungleichheit und Ungerechtigkeit so auswirken, dass gesellschaftliche Teilhabe in einem umfassenden Sinne verhindert oder erschwert wird. Strategisch können dann „in einem intersektionalen Prozess der aktiven Verschränkung unterschiedlicher Potenziale und Konzepte sozial-emanzipatorischen Denkens und Handelns“ (Kurz-Scherf 2020: 105) Bündnisse zwischen verschiedenen Akteur*innen hergestellt und Maßnahmen ergriffen werden, die gleichermaßen die Folgen geschlechtlicher Ungleichheiten in ihren Wechselwirkungen mit weiteren Ungleichheitsstrukturen entgegentreten (vgl. Reber i.d.B.). Individuelle Prozesse der Frauenförderung und Geschlechtergleichstellung nehmen damit die schon in den 1990er Jahren geforderte „Gleichheit in der Differenz“ auf und sind Teil struktureller Veränderungsprozesse[3]

 

[1] Dem grundlegenden Konzept von Geschlechtergleichstellung folgend, verbleibe ich in mei-
ner Argumentation zunächst im Geschlechterdualismus Frau – Mann; wobei das darüber hin-
aus denken dann Teil der Weiterentwicklung dieser Gerechtigkeitsdebatte ist.

[2] Je nach Konzept werden noch andere Merkmale und Ungleichheitslagen von der intersektionalen Perspektive erfasst. Winker/Degele (2009) haben vorgeschlagen, diese in drei Dimensionen einzuordnen, die strukturelle, die Identitäts- und die Repräsentationsebene

[3] Dass das Konzept der Intersektionalität so ne u nicht ist, darauf ha ben schon verschiedenen
Autorinnen hingewiesen (vgl. z.B. Knapp 2008).

 

***

Sie möchten gern weiterlesen?

 

Jetzt versandkostenfrei im Budrich-Shop bestellen